Wirtschaftsausblick | ASEAN

Chinas Erfolg gefährdet das Wachstumsmodell der ASEAN-Region

Die Auswirkungen des Irankriegs trüben 2026 die Konjunktur. Mittelfristig beunruhigt lokale wie deutsche Firmen vor allem das Wettbewerbsverhalten Chinas in der Region.

Alexander Hirschle

Von Alexander Hirschle | Singapur

Top-Thema: Folgen des Irankriegs weniger drastisch als gedacht

Die Auswirkungen des Irankriegs haben die konjunkturelle Dynamik in ASEAN (Association of Southeast Asian Nations) im 1. Halbjahr 2026 gebremst. Viele Firmen – auch deutsche – kämpfen mit höheren Transportkosten. Doch die Auswirkungen scheinen weniger stark zu sein als befürchtet. Internationale Finanzinstitute haben ihre Wachstumsprognosen für 2026 zwar leicht gesenkt. Doch schon im folgenden Jahr erwartet die Weltbank wieder eine Erholung. 

Mehrere Faktoren wirken sich negativ auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der südostasiatischen Ökonomien aus. Das ist zum einen die steigende Inflation, bedingt durch höhere Preise für Nahrungsmittel, Energie, Rohstoffe und Vorprodukte. Zum anderen schwächeln die Arbeitsmärkte und der Tourismus ist vielerorts rückläufig. Das dämpft die Konsumneigung der Bevölkerung. 

Vor allem für Länder, in denen der private Verbrauch einen großen Teil der BIP-Verwendung ausmacht, stellt das ein Problem dar. In ASEAN betrifft das in besonders hohem Maße die Philippinen. Mehrere Regierungen in der Region reagierten mit Subventionsmaßnahmen und Steuererleichterungen, vor allem um den Konsum der ärmeren Bevölkerungsschichten zu stützen. Deutsche Unternehmen beobachten daher, ob geplante öffentliche Projekte aufgrund klammer Staatskassen eingestampft oder verschoben werden. 

Gleichzeitig profitierten einige ASEAN-Mitglieder wie Singapur und Malaysia im 1. Halbjahr vom anhaltenden Boom der künstlichen Intelligenz. Er sorgt für hohe Nachfrage nach Elektronik und Halbleitern

Wirtschaftsentwicklung: Chinesische Konkurrenz bedroht einheimische Industrien

Mittelfristig stehen die Volkswirtschaften in der Region vor weiteren Herausforderungen. Denn 28 Prozent ihrer Importe stammten 2025 aus China. Noch 10 Jahre zuvor betrug der Anteil nur 17 Prozent. Gemessen am Wert stiegen die Einfuhren in diesem Zeitraum um mehr als die Hälfte. In einigen ASEAN-Mitgliedstaaten wie den Philippinen und Vietnam verdreifachten sich die chinesischen Einfuhren sogar. Zusammengenommen ist Chinas Handelsvolumen mit den ASEAN-Staaten seit Jahren größer als mit seinem wichtigsten Handelspartner USA.

US-Handelspolitik verschärft Wettbewerbsdruck in ASEAN

Mit eingespielten Abläufen, Skaleneffekten, hohem Automatisierungsgrad, effizienten Vertriebs- und Logistikstrukturen und damit niedrigen Preisen setzen chinesische Hersteller den Produzenten in Südostasien stark zu. In der Textilbranche beispielsweise können selbst Länder mit relativ niedrigem Lohnniveau kaum noch mithalten. Mehrere Fabriken mit tausenden von Arbeitsplätzen mussten in Indonesien bereits schließen. Ein Textilverband warnt dort vor Massenentlassungen und sozialen Problemen, falls chinesische Waren weiter ungebremst in den Markt strömen.

Der Wettbewerbsdruck durch chinesische Anbieter ist infolge der volatilen US-Zollpolitik größer geworden. Da der US-Markt für chinesische Produkte schwerer zugänglich geworden ist, nehmen die Firmen alternative Absatzmärkte ins Visier. Im Herbst 2025 wurde das Freihandelsabkommen zwischen ASEAN und China, ACFTA (ASEAN-China Free Trade Area), ausgeweitet - unter anderem auf Wachstumsbereiche wie nachhaltige Lösungen ("Green Economy") und Digitalwirtschaft.

Darüber hinaus befindet sich China selbst in einem Dilemma: Überkapazitäten bei gleichzeitig schwacher Nachfrage im Heimatmarkt haben einen großen Angebotsüberhang erzeugt. Die Firmen befinden sich dort in einem harten Preiskampf und bauen den Angebotsdruck über ausländische Märkte ab. Die ASEAN-Region bietet sich dafür aufgrund ihrer geografischen Nähe an.

ASEAN-Länder wehren sich gegen chinesische Billigimporte

Die Schwellenländer in ASEAN fürchten, sich nicht zu Hocheinkommensländern entwickeln zu können, sondern in der sogenannten "Middle-Income-Trap" gefangen zu bleiben. Denn ihre Produktivität und Innovationskraft steigen nicht im selben Maße wie das (moderate) Lohnniveau, was sie international weniger wettbewerbsfähig macht. Vor diesem Hintergrund versuchen sie, Importe aus China einzudämmen. 

Indonesien beschränkte 2025 Onlinezahlungen über die chinesische Plattform TikTok. Zudem sind Pressemeldungen zufolge Investitionen von mehreren Milliarden US-Dollar (US$) geplant, um ein staatliches Textilunternehmen aufzubauen. Thailand hat eine Mehrwertsteuer von 7 Prozent auf niedrigpreisige Importgüter erhoben. Andere Regierungen erwägen Anti-Dumping-Zölle oder lassen Steuererleichterungen für importierte Elektrofahrzeuge auslaufen. Die Wirkung solcher Maßnahmen ist aufgrund der asymmetrischen Marktmacht und der geringen Abstimmung innerhalb des Staatenbundes allerdings begrenzt.

Chinesische Firmen sind die zweitgrößte ausländische Investorengruppe in ASEAN. Ihre Engagements haben jedoch geringe Sickereffekte für die lokalen Volkswirtschaften, da sie überwiegend Technologie, Komponenten und sogar Arbeitskräfte aus China einsetzen.

Im Jahr 2024 flossen chinesischen Angaben nach Investitionen in Höhe von 34 Milliarden US$. Das waren 37 Prozent mehr als im Vorjahr. Rund 9.000 chinesische Firmen sind in der Region niedergelassen.

Deutsche Perspektive: Hoffnung auf Infrastrukturausbau statt Maschinen

Die Umsätze lokaler Unternehmen leiden unter dem starken Vordringen chinesischer Waren. Das wirkt sich negativ auf die Nachfrage nach Maschinen, Komponenten und Vorprodukten aus Deutschland aus, da die Firmen weniger in Kapazitätserweiterungen investieren. 

Dagegen verdreifachten sich die Maschinenexporte Chinas nach ASEAN seit 2016 laut dem VDMA (Verband deutscher Maschinen- und Anlagenbau). In der ehemaligen deutschen Domäne erzielten sie allein 2025 ein Plus von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr und lagen damit bei rund 58 Milliarden US$.

Das deutsche Handelsbilanzdefizit gegenüber den ASEAN-Staaten vergrößert sich. Die gesamten Einfuhren aus der Region legten 2025 um fast 14 Prozent zu, während die Ausfuhren relativ stabil bleiben.

ASEAN sucht verlässliche Handelspartner

Die ASEAN-Länder streben infolge der US-Handelspolitik eine stärkere Diversifizierung ihrer Handelspartner an, um Abhängigkeiten von den USA und China zu verringern. In zahlreichen Gesprächen mit lokalen Partnern, Regierungsvertretern und Firmen kommt Interesse an Kooperationen, Geschäftsbeziehungen und Handel mit verlässlichen Partnern wie Deutschland und anderen europäischen Ländern zum Ausdruck. Auch in die Verhandlungen über weitere Freihandelsabkommen zwischen der EU und ASEAN-Mitgliedstaaten ist Bewegung gekommen. Ein Beispiel ist die Einigung mit Indonesien im Herbst 2025.

Zahlreiche Infrastrukturprojekte in Planung

Die südostasiatischen Staaten treiben außerdem den Ausbau der Infrastruktur in Südostasien voran. Ein Beispiel ist das gemeinsame Stromnetz ASEAN Power Grid (APG). Dessen Ausbau bietet auch für deutsche Firmen Beteiligungsmöglichkeiten. Vietnam möchte außerdem die Logistikinfrastruktur im Land verbessern. Die Regierung kündigte 2025 ein umfangreiches Infrastrukturprogramm im Wert von rund 50Milliarden US$ mit 250 Einzelprojekten an. Siemens Mobility erhielt den Zuschlag für den Bau einer Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen der Hauptstadt Hanoi und Ha Long. Beobachter erhoffen sich davon eine Signalwirkung für die Intensivierung der deutsch-vietnamesischen Wirtschaftsbeziehungen.

Weitere Informationen zur Region erhalten Sie auf unserer Regionalseite ASEAN.