Suche

23.10.2018

Lateinamerika sucht neue Handelspartner

Inhalt

Infrastruktur bleibt größte Herausforderung / Von Jenny Eberhardt

Bonn (GTAI) - Innerhalb Lateinamerikas wird nur wenig miteinander gehandelt. Das soll sich nun ändern. Aber auch über die kontinentalen Grenzen hinaus streckt Lateinamerika die Fühler nach neuen Partnern aus.

Die Botschaft war eindeutig: Für Protektionismus ist hier kein Platz. Da waren sich die vier Staatschefs der Pazifik-Allianz aus Mexiko, Kolumbien, Peru und Chile einig, als sie Ende Juli im mexikanischen Puerto Vallarta zusammenkamen. Die Pazifik-Allianz könne vielmehr als Gegenstück dessen angesehen werden, was sich derzeit in der Welt abspiele, bekräftigte Perus Präsident Martín Vizcarra die gemeinsame Linie und spielte dabei auf die "America First"-Politik von US-Präsident Donald Trump an.

Untermauert wurde das Bekenntnis der Bündnispartner aber vor allem durch die Anwesenheit anderer: Erstmals war auch Lateinamerikas größter Wirtschaftsverbund Mercosur mit Vertretern aus Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay zugegen, darunter Brasiliens Noch-Präsident Michel Temer. Am Ende unterzeichneten die acht Politiker eine gemeinsame Erklärung; sie wollen jetzt mehr kooperieren.

Gemeinsamer Markt von Mercosur und Pazifik-Allianz könnte die Region stärken

Zusammen stehen Mercosur und Pazifik-Allianz für fast 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Lateinamerikas. Mehr als 8 von 10 Lateinamerikanern leben in einem der Mitgliedsländer. Ein offener Binnenmarkt von kontinentalem Ausmaß würde nicht nur den intraregionalen Handel ankurbeln, sondern Lateinamerika auch eine stärkere Verhandlungsposition gegenüber anderen Ländern verleihen. Davon überzeugt ist auch die Interamerikanische Entwicklungsbank IADB, die in ihrer 2018 erschienenen Studie "Connecting the Dots" für ein lateinamerikaweites Freihandelsabkommen plädiert.

Zuletzt waren die meisten Länder der Region vor allem mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Die wirtschaftliche Dynamik der Nullerjahre hat sich nach Ende des Rohstoffbooms 2013 deutlich abgekühlt. Es zeigte sich, dass Strukturreformen und die Diversifizierung der Wirtschaft in vielen Ländern zu lange vernachlässigt wurden. So etwa die längst überfällige - aber bis heute nicht durchgesetzte - Rentenreform in Brasilien, ohne die das Land immer weiter in die Schuldenfalle gerät.

Dazu kamen die Korruptionsskandale. Viele Lateinamerikaner haben mehr und mehr das Vertrauen in ihre Regierungen verloren, was in den letzten drei Jahren vor allem konservativen Kandidaten zum Aufstieg verhalf. Deren marktfreundliche Einstellung könnte dem regionalen Integrationsprozess in Lateinamerika zugutekommen. So wäre eine Annäherung des Mercosur an die Pazifik-Allianz unter Brasiliens Ex-Präsidentin Dilma Rousseff und Argentiniens Christina Kirchner wohl kaum denkbar gewesen.

Die Pazifik-Allianz hat vorgelegt und in den sieben Jahren seit ihrer Gründung 92 Prozent der Zölle untereinander abgeschafft. Trotzdem handeln die Partner kaum miteinander, in den letzten Jahren sogar eher weniger als mehr. Erst 2017 zeichnete sich eine Wende ab. Dennoch bezieht beispielsweise Peru weiterhin mehr Waren aus Brasilien und Ecuador als aus den Partnerländern Kolumbien und Chile, wo es ähnlich aussieht. Die Gründe dafür sind manchmal rein geografischer Natur: Während Peru und Ecuador durch ein gutes Straßennetz miteinander verbunden sind, zieht sich die peruanisch-kolumbianische Grenze mitten durch das Amazonasgebiet. Ein Warentransport über den Landweg ist so quasi unmöglich.

Der Mercosur und die EU: Eine (un)endliche Geschichte?

Von weitgehender Zollfreiheit zwischen den Partnern ist der Mercosur noch weit entfernt, obwohl er 20 Jahre früher als die Pazifik-Allianz gegründet wurde. Zwar ist das Handelsvolumen untereinander 2017 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, es ist aber immer noch um ein Viertel niedriger als 2011. Ebenfalls seit fast 20 Jahren verhandelt der Mercosur über ein Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union (EU). Neuen Auftrieb verliehen den Verhandlungen die protektionistische Handelspolitik der USA sowie - auch hier - der Antritt der konservativen Regierungen in Argentinien und Brasilien 2016.

Fest steht: Die EU ist als Block schon heute der wichtigste Handelspartner des Mercosur. 2017 exportierte sie Waren im Wert von 45 Milliarden Euro in den Mercosur, was knapp einem Viertel ihrer Ausfuhren nach China entsprach. Der Mercosur kauft von den Europäern vor allem Maschinen, Kfz und -Teile sowie Chemikalien. Im Gegenzug versorgen die Südamerikaner die EU mit Agrarerzeugnissen wie Soja, Kaffee und Fleisch. Allerdings beunruhigt die geplante Liberalisierung des Agrarhandels die europäischen Bauernverbände und Verbraucherschützer. Sie befürchten, von billigem Rindfleisch aus Südamerika überschwemmt zu werden. Gleichzeitig kritisiert EU-Agrarkommissar Phil Hogan, der Mercosur zeige sich beim Marktzugang für europäische Autos und Molkereiprodukte sowie bei geografischen Ursprungsbezeichnungen nicht offen genug.

Mexiko schaut sich um

Schneller einigte sich die EU mit Mexiko. Im April 2018 vereinbarten die beiden Parteien Eckpunkte, um das bisherige Handelsabkommen zu modernisieren. Der endgültige Abschluss wird bis Ende 2018 erwartet.

Viele Länder Lateinamerikas haben bilaterale Handelsabkommen mit der EU, aber für Mexiko ist es besonders bedeutend: Das Land hat zwar schon heute die meisten Freihandelsabkommen weltweit und exportierte 2017 fast doppelt so viel wie Brasilien. Allerdings gingen 80 Prozent der Exporte in die USA. Aber wie die Debatte um den nordamerikanischen Freihandelspakt NAFTA auch weiter verlaufen mag: Dass Mexiko seine Handelspartner diversifizieren muss, um unabhängiger von den USA zu werden, scheint klar.

Dass es auch ohne die USA geht, zeigt das Anfang 2018 unterzeichnete Abkommen der Pazifik-Anrainer CPTPP. Das Vorgängerabkommen TPP war bereits von allen zwölf Mitgliedsstaaten unterzeichnet, als US-Präsident Donald Trump nur drei Tage nach seinem Amtsantritt im Januar 2017 den Ausstieg der USA anordnete. Doch die verbleibenden elf Länder verhandelten kurzerhand einige Punkte des Abkommens neu und verabschiedeten es anschließend. Mittlerweile erwägt Trump einen erneuten Beitritt - allerdings nur zu besseren Konditionen für die USA.

Handel mit China ist wichtiger als jedes regionale Bündnis

Immer öfter richtet Lateinamerika seinen Blick nach Westen. Ab 2019 verhandelt die Pazifik-Allianz über die Aufnahme einiger CPTPP-Mitglieder. Auch Südkorea will beitreten. China ist nicht dabei, muss sich aber wenig um seine starke Stellung in Lateinamerika sorgen. Vor Jahren schon löste das Reich der Mitte in vielen lateinamerikanischen Ländern die USA als wichtigsten Handelspartner ab, darunter in Brasilien und Chile. Das ist kein Wunder, denn China - wie auch die USA - beliefert Lateinamerika mit Produkten, die die Länder selbst kaum herstellen. Fast die Hälfte aller chinesischen Exporte in die Region ist Elektronik. Lateinamerika hingegen ist, mit Ausnahme von Mexiko, in erster Linie Rohstofflieferant. Dafür braucht es Abnehmer und ist gleichzeitig auf die Belieferung von Investitions- und auch Konsumgütern von außen angewiesen. Selbst bei hundertprozentiger Zollfreiheit und dem Abbau nicht-tarifärer Handelshemmnisse dürfte der intraregionale Handel in Lateinamerika daher wert- und mengenmäßig auf einem überschaubaren Niveau bleiben.

China ist für Lateinamerika nicht nur Handelspartner, sondern auch Großinvestor. Vor allem bei Bauprojekten. Die dortigen Regierungen stehen dem insgesamt unkritisch gegenüber. Das dürfte auch daran liegen, dass chinesische Kredite für Großprojekte an weniger Auflagen gekoppelt sind als solche des Internationalen Währungsfonds (IWF) oder der Weltbank. Seit 2005 haben chinesische Banken Lateinamerika Kredite von mehr als 150 Milliarden US$ gewährt. Und Lateinamerika braucht das Geld. Die mangelhafte Transportinfrastruktur mindert die Wettbewerbsfähigkeit. Das gilt sowohl für den internationalen Handel als auch für den regionalen und den Binnenhandel. Oft ist der Transport im eigenen Land teurer als der Versand nach Übersee. So kostet in Kolumbien der Transport eines Containers von der Hauptstadt Bogotá an den Hafen Cartagena doppelt so viel wie die Verschiffung von Cartagena nach Shanghai.

Logistik bleibt das große Thema

Dass der Handel miteinander schon auf kleinem Raum schwierig ist, zeigt sich in Zentralamerika. Der Markt mit seinen sieben Ländern bleibt zerklüftet, trotz Integrationsvereinbarungen à la SICA und politischen Willensbekundungen. Dazu muss man nur die großen Logistiker in Panama fragen, wie sie Ware über Land nach Guatemala verschicken. "An jedem Zoll ist im Prinzip ein Tag einzuplanen", heißt es bei DHL. Macht fünf Tage für eine Strecke, die Google Maps mit knapp 1.900 Kilometern ausweist, das ist Flensburg bis Rom. Immerhin wird es besser, findet man bei DB Schenker, "vor zehn Jahren waren es noch zwölf Tage."

Teuer sind die Sicherheitsmaßnahmen. Überfälle auf Lkws sind in ein Zentralamerika ein großes Thema. Seit Frühjahr 2018 erschwert sich der Transport zusätzlich durch die Krise in Nicaragua, das durch seine Lage in der Mitte Zentralamerikas nicht umgangen werden kann. Immer mehr Firmen ziehen deshalb den teureren und länger dauernden Seeweg vor.

Weitere Informationen zu Lateinamerika finden Sie unter http://www.gtai.de.

Dieser Artikel ist relevant für:

Lateinamerika Außenwirtschaft, allgemein, Transport und Verkehr, allgemein, Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Infrastruktur, Handels-, Zollabkommen, WTO

Funktionen

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche