Suche

08.02.2019

Richtungswechsel in Kolumbiens Handelspolitik

Neuer Präsident will Land nicht weiter öffnen / Von Edwin Schuh

Bogotá (GTAI) - Kolumbiens Präsidenten Duque führt die Strategie der Vorgängerregierung zur Marktöffnung nicht weiter. Bürokratie und nichttarifäre Handelshemmnisse bereiten Schwierigkeiten beim Import.

Kolumbien hat während der Präsidentschaft von Juan Manuel Santos (August 2010 bis August 2018) mit zahlreichen Nationen Handelsabkommen abgeschlossen und sich dadurch zu einem relativ offenen Markt entwickelt. Am bedeutendsten sind die Abkommen mit den USA und der Europäischen Union (EU) sowie im Zuge der Pazifikallianz mit Mexiko, Chile und Peru. Nach Angaben der Weltbank ist der von Kolumbien auf alle importierten Güter erhobene Zollsatz zwischen 2010 und 2017 im Durchschnitt von 9 Prozent auf 4,4 Prozent gesunken.

Regierung will keine neuen Handelsabkommen

Unter dem seit August 2018 amtierenden Präsidenten Iván Duque geht der Trend wieder zu mehr Protektionismus. So äußerte Duque im Januar 2019 gegenüber der Wirtschaftszeitung Portafolio, dass "in den letzten fünf Monaten 20 Prozent der herrschenden Antidumping-Maßnahmen Kolumbiens eingeführt wurden, alle im Rahmen dessen, was die Welthandelsorganisation WTO zulässt". Die offizielle Handelspolitik der Regierung lautet, keine neuen Handelsabkommen abzuschließen, dafür jedoch bestehende Abkommen - aus kolumbianischer Sicht - besser auszunutzen.

Konsequenterweise blieb Kolumbien der letzten Runde der Pazifikallianz im September 2018 fern. Dort wurde über den Beitritt Australiens, Neuseelands und Singapurs in die Allianz verhandelt. Vor allem der kolumbianische Viehzüchterverband Fedegán (Federación Colombiana de Ganaderos) befürchtet, dass die kolumbianische Viehwirtschaft gegenüber den Milch- und Rindfleischimporten aus Neuseeland und Australien nicht wettbewerbsfähig ist. Handelsminister José Manuel Restrepo erklärte gegenüber Portafolio, dass "jegliche Annäherung an Länder wie Australien oder Neuseeland mit größter Vorsicht" geschehen müsse.

Freihandelsabkommen Kolumbiens

Partner Unterzeichnung Inkrafttreten
Pazifikallianz (Mexiko, Chile, Peru) 10.02.14 01.05.16
Costa Rica 22.05.13 01.08.16
Korea (Rep.) 21.02.13 15.07.16
Europäische Union (EU) 26.06.12 01.08.13 (vorläufige Anwendung)
Europäische Freihandelsassoziation (EFTA) 25.11.08 01. 07.11
Kanada 21.11.08 15.08.11
USA 22.11.06 15.05.12
Mexiko 13.06.94 01.01.95
Nördliches Dreieck (El Salvador, Guatemala, Honduras) 09.08.07 2009 und 2010
Chile 27.11.06 08.05.09
Panama 30.09.13 Nicht in Kraft
Israel 20.09.13 Nicht in Kraft

Quelle: Organisation Amerikanischer Staaten (OAS)

Eine angedachte Kooperation zwischen den Ländern der Pazifikallianz und dem Mercosur (Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay) wird unter der aktuellen kolumbianischen Regierung daher eher nicht vorangebracht werden. Auch ein Beitritt Kolumbiens zur Transpazifischen Partnerschaft CPTPP, welcher erst im Juni 2018 unter Ex-Präsidenten Santos offiziell beantragt wurde, ist nun unwahrscheinlich.

Kolumbiens Stahlindustrie wird mit Zöllen geschützt

Einer Studie der Amerikanisch-Kolumbianischen Handelskammer (AmCham) zufolge kann Kolumbien von einem Handelskrieg zwischen den USA und China profitieren. Demzufolge könnte Kolumbien verstärkt Rindfleisch und andere Agrarprodukte an China liefern und umgekehrt die Verkäufe von Baumaterialien und Textilien an die USA erhöhen.

Auf der anderen Seite beklagt sich Kolumbien über zunehmende Importe von Eisen und Stahl aus China, Türkei, der Ukraine und Russland, die ihre wegfallenden Verkäufe an die USA ausgleichen müssen. Chinesischen Stahl der Zolltarifpositionen 7216.10, 7216.21 und 7228.70 belegte Kolumbien bereits im August 2018 mit Antidumpingzöllen. Im Januar 2019 kündigte das Handelsministerium weitere Antidumping-Maßnahmen auf Rundstahl an, um die heimische Industrie um die Unternehmen Paz del Río, Gerdau Diaco, Sidenal, Sidoc und Ternium zu schützen.

Verschrottungsprogramm für Lkw als Handelsbarriere

Christoph Saurenbach, Handelsbeauftragter der EU in Kolumbien, kann keinen klaren Trend bei nichttarifären Handelshemmnissen ausmachen. "Während einige Barrieren wegfallen, kommen neue hinzu", sagt der Deutsche. Schon seit längerer Zeit beschäftigt die EU das Programm zur Verschrottung von Lkw ("programa de chatarrización de camiones"). Demzufolge muss in Kolumbien vor dem Kauf eines neuen Lkw zuerst ein alter Lkw (Alter mindestens 20 Jahre und Bruttogewicht (Peso Bruto Vehicular) mindestens 10,5 Tonnen) verschrottet werden.

Das Programm, welches eigentlich zur Verjüngung der Fahrzeugflotte verhelfen sollte, erreichte genau das Gegenteil und so werden schon seit einigen Jahren kaum noch neue Lkw verkauft. Firmen wie Daimler mit seiner Lkw-Marke Freightliner leiden darunter und bezeichnen das Programm als Handelsbarriere. Am 30. Juni 2019 soll das Abwrackprogramm auf Drängen von EU und USA endgültig eingestellt werden.

Bürokratie erschwert Import von Lebensmitteln

Problematisch sieht die EU-Vertretung in Bogotá das hohe Maß an Bürokratie ("red tape"), welches beim Import von Lebensmitteln anfällt. Diese unterliegen strengen phytosanitären Vorschriften. Insbesondere alkoholische Getränke sind davon stark betroffen. Jedoch gelten die Hindernisse für Importe aus allen Ländern gleich.

Mit Antidumpingzöllen von 3,21, 3,64, 8,01 und 44,52 Prozent auf tiefgefrorene Pommes Frites aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden, die Kolumbien seit November 2018 erhebt, ist die EU-Vertretung ebenfalls nicht einverstanden.

Zölle für Einfuhren aus Deutschland sinken jährlich

Laut Henrik ter Huerne, Geschäftsführer des deutschen Speditionsdienstleisters Schryver in Kolumbien, gehen die Zölle für Einfuhren aus Deutschland dank des EU-Kolumbien Handelsabkommens Jahr für Jahr zurück oder fallen komplett weg. "Das Problem in Kolumbien sind jedoch nicht die Zölle, sondern die enorme Bürokratie beim Import", so der Manager.

Für zahlreiche Güter werden Einfuhrlizenzen benötigt, etwa von der Umweltbehörde ANLA (Autoridad Nacional de Licencias Ambientales) oder der Aufsichtsbehörde für Lebensmittel und Medikamente Invima (Instituto Nacional de Vigilancia de Medicamentos y Alimentos). Solche Lizenzen seien nicht immer leicht zu bekommen, zudem hänge es teilweise von der Willkür des zuständigen Zollbeamten ab, was im konkreten Fall verlangt werde, so ter Huerne. Vor allem in kleineren Grenzorten und dem Pazifikhafen Buenaventura sei dies ein Problem, während die Zöllner am Hafen in Cartagena professionell seien.

"Unter dem ehemaligen Präsidenten Santos sind die Einfuhrverfahren nicht leichter geworden", stellt der deutsche Geschäftsführer fest. Der neue Präsident Duque versprach zwar einen Abbau der Bürokratie beim Import zahlreicher Produkte. Bislang hat sich jedoch wenig geändert. Dennoch besteht bei den Importeuren Hoffnung, dass mittelfristig der Bürokratieaufwand geringer wird.

Kolumbien diversifiziert Lieferungen an die EU

Die wichtigsten Handelspartner Kolumbiens sind die USA (Anteil am gesamten Handelsvolumen zwischen Januar und November 2018: 25,4 Prozent), China (15,6 Prozent) und die EU (13,3 Prozent). Durch das EU-Kolumbien Handelsabkommen haben sich die Ausfuhren Kolumbiens diversifiziert. So ist der Anteil mineralischer Rohstoffe (vor allem Erdöl und Kohle) an den Exporten an die EU zwischen 2013 und 2017 von 73 Prozent auf 46 Prozent gesunken. Hingegen haben Agrarprodukte wie Kaffee, Avocado, Palmöl, Kakao und exotische Früchte ihren Anteil ausgebaut.

Wichtigste Handelspartner Kolumbiens (Januar bis November 2018; in Mio. US$)
Land Handelsvolumen Importe Exporte
USA 21.674 11.873 9.801
China 13.366 9.731 3.635
Mexiko 5.170 3.667 1.503
Brasilien 4.054 2.585 1.469
Panama 2.892 48 2.844
Ecuador 2.444 751 1.693
Deutschland 2.393 1.975 418
Spanien 1.996 909 1.087
Türkei 1.816 297 1.519
Peru 1.775 690 1.085
Insgesamt (weltweit) 85.488 47.048 38.440

Quelle: Statistikamt DANE

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Kolumbien finden Sie unter http://www.gtai.de/kolumbien

Dieser Artikel ist relevant für:

Kolumbien Zolltarif, -wert, -verfahren, Warenursprung, allgemein, Geschäftspraxis allgemein, Außenhandel / Struktur, allgemein, Einfuhrverbote, -beschränkungen, NTHs, allgemein, Handels-, Zollabkommen, WTO

Funktionen

Jutta Kusche Jutta Kusche | © GTAI

Kontakt

Jutta Kusche

‎+49 228 24 993 419

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche