Wirtschaftsausblick | Ägypten

Irankrieg erhöht die Unsicherheit

Der nahe Krieg bringt für Ägypten erhebliche Risiken. Gleichzeitig eröffnet er neue Perspektiven, etwa für lokale Industrien oder bei der Entwicklung alternativer Transportrouten.

Von Marcus Knupp | Berlin

Top-Thema: Ganz nah am Krieg 

Angriffe der USA und Israels auf Iran sowie Raketen und Drohnen Irans auf die arabischen Golfstaaten und Israel betreffen Ägypten unmittelbar. Direkt erreicht der Krieg Ägypten zwar nicht. Es handelt sich aber um Nachbarländer, Handelspartner und Staaten mit besonderen Beziehungen zu Kairo, die in den Krieg ziehen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen waren jedoch sofort spürbar. 

Ägypten ist von Lieferausfällen betroffen, etwa bei Erdgas, das rund 80 Prozent der Energie für die Stromerzeugung stellt. Da die eigene Förderung nicht mehr ausreicht, importiert Ägypten Gas über eine Pipeline aus Israel. Nach Beginn des Krieges ruhte die Förderung im Nachbarland allerdings für einige Wochen.

Benzinpreise und Fahrpreise im Nahverkehr stiegen. Um Stromausfälle zu verhindern, reduzierte die Regierung kurzfristig die Geschäftszeiten. Auf Großbaustellen standen zeitweise Bagger und Kräne still. 

Die Petrochemie- und Chemieindustrie am Nil ist auf Zulieferungen von Erdölvorprodukten wie Ammoniak angewiesen. Sie ist damit wie andere Länder von der Blockade der Straße von Hormus betroffen.

Teil der Lösung für die Logistik

Durch die geografische Nähe kann Ägypten aber gleichzeitig zur Linderung des Problems beitragen. Leicht zu transportierende Produkte, Frischwaren und wertvolle Güter erreichen die Golfstaaten über die ägyptischen Mittelmeerhäfen, Lkw-Transfer zum Roten Meer und Fähren nach Saudi-Arabien. Umgekehrt nutzt Saudi-Arabien die Ost-West-Pipeline, um Erdöl über seinen Rotmeerhafen Yanbu zu verschiffen. Ägypten bringt auf dieser Route seine Sumed-Pipeline von Ain Sokhna am Roten Meer nach Sidi Kerir am Mittelmeer ins Spiel.

Der Krieg und die Blockade von Meerengen unterstreichen aktuell die Bedeutung von alternativen Handelsrouten. Ägypten ist in dieser Hinsicht durch seine Position als Scharnier zwischen Asien, Afrika und Europa ein strategischer Akteur. Vorhaben wie die geplante Eisenbahnverbindung von Saudi-Arabien über die Sinai-Halbinsel an die ägyptische Mittelmeerküste gewinnen plötzlich an Relevanz. 

Ägypten setzt traditionell darauf, wirtschaftliche Risiken zu streuen. Die wichtigsten Handelspartner verteilen sich auf unterschiedliche Weltregionen. Finanzielle Unterstützung und Investitionen kommen aus Europa, Amerika, aus den Golfstaaten, aus Asien wie aus Russland. Seit Beginn des Kriegs hat Kairo sowohl mit Libyen als auch mit Algerien über Erdöllieferungen gesprochen. Der Ausbau erneuerbarer Energien im Land selbst könnte sich beschleunigen. Die Düngemittelfabrik Abu Qir in Alexandria nutzt unterdessen aus Klärschlamm gewonnenes Ammoniak für die Produktion.

Wirtschaftsentwicklung: Unter Druck, aber stabil

Wirtschaftliche Indikatoren zeigen sich leicht unter Stress, halten sich aber noch im Trend. So hat das ägyptische Pfund gegenüber dem US-Dollar nach Kriegsbeginn bis zu 12 Prozent an Wert verloren, sich aber seit Anfang Mai 2026 wieder leicht erholt. Die Inflation wird 2026 nach Einschätzung der Ägyptischen Zentralbank 16 bis 17 Prozent erreichen, deutlich mehr als die zum Jahresbeginn erwarteten 11 Prozent, aber weniger als 2024 und 2025. 

Abstriche beim prognostizierten Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) bleiben ebenfalls überschaubar. Die reale Zunahme wird in den nächsten Jahren nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) von April 2026 bei knapp 5 Prozent liegen. Für 2026 hat der Fonds seine Prognose von 4,5 auf 4,2 Prozent gesenkt. Die Economist Intelligence Unit (EIU) hat den Ausblick für 2026 von 5,3 auf 4,5 Prozent zurückgenommen, bleibt aber bei Werten von 5,3 bis 5,6 Prozent in den folgenden Jahren.

Direkte Auswirkungen könnte die aktuelle Krise auf einige der zentralen externen Devisenbringer Ägyptens haben. Im Kalenderjahr 2025 trugen die Überweisungen von Auslandsägyptern nach Daten der Ägyptischen Zentralbank 10,2 Prozent zum BIP bei. Geringere wirtschaftliche Dynamik in den Golfstaaten infolge des Krieges dürfte sich deutlich bremsend auswirken.

Die Zahl der ausländischen Besucher erreichte 2025 einen neuen Spitzenwert von 19,1 Millionen. Die Einnahmen aus dem Tourismus stiegen auf 16,3 Milliarden US-Dollar (US$). Auch hier wird 2026 voraussichtlich der Effekt von unterbrochenen Flugverbindungen und Umbuchungen wegen des wahrgenommenen Kriegsrisikos zu spüren sein.

Positive Signale gab es 2025 außerdem bei den Einnahmen aus dem Suezkanal. Hier zeigte sich im Jahresverlauf eine langsame Zunahme auf insgesamt 3,9 Milliarden US$. Mit der potenziellen Einschränkung des Verkehrs durch das Rote Meer infolge erneuter Angriffe von den Houthi im Jemen sind auch hier Ausfälle zu erwarten, könnten aber durch zusätzlichen Verkehr von Saudi-Arabien aus kompensiert werden.

Ein- und Ausfuhren steigen

Die Einfuhren Ägyptens erhöhten sich 2025 gegenüber dem Vorjahr um 6,7 Prozent. Die Exporte legten sogar um 14,6 Prozent zu. Wichtigste Zielländer waren 2025 die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Italien, die Türkei, Saudi-Arabien und die USA. Wichtigste Lieferländer waren China mit einem Anteil von 18,6 Prozent, die USA (12,6 Prozent), Saudi-Arabien (9,4 Prozent), Russland (5,1 Prozent) und Deutschland (4,3 Prozent). 

Deutsche Perspektive: Strukturwandel begleiten

Mit der führenden Position von Siemens beim Bau der Hochgeschwindigkeitseisenbahn in Ägypten ist Deutschland bereits stark involviert in den Aufbau neuer wirtschaftlicher Strukturen im Land. Der Blick auf die erweiterte Funktion Ägyptens als regionale Logistikdrehscheibe, für die neben dem Suezkanal verstärkt auch das Bahnnetz eine Rolle spielt, könnte zu weiteren Aufträgen führen. Diese Perspektive ergibt sich auch aus der potenziell beschleunigten energetischen Umsteuerung zu mehr Erneuerbaren und dem von der Regierung forcierten Ausbau von lokalen Industrien. So bestätigte der Automobilzulieferer Leoni im Mai 2026 gegenüber der Presse, seine Kapazitäten zur Herstellung von Kabelbäumen in Ägypten bis 2028 zu verdoppeln.