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Ägypten baut Schienenverkehr aus
Hochgeschwindigkeitszüge, neue U-Bahnlinien, mehr Frachtverkehr auf der Schiene – Ägypten investiert in sein Eisenbahn- und Nahverkehrsnetz.
26.03.2026
Von Marcus Knupp | Kairo
Im November 2025 war es soweit: Ein Regionalzug vom Siemens-Typ Desiro nahm die Testfahrt auf dem ersten fertiggestellten Teilstück der Hochgeschwindigkeitsstrecke westlich von Kairo auf. Gleichzeitig präsentierte Siemens den für Wüstenregionen angepassten Schnellzug Velaro auf der Messe TransMEA in der ägyptischen Hauptstadt. Damit nimmt das größte Bahnprojekt Ägyptens konkrete Formen an: ein Hochgeschwindigkeitsnetz mit insgesamt rund 2.000 Kilometern, verteilt auf drei Linien. Die erste Verbindung von Mersa Matruh am Mittelmeer nach Ain Sukhna am Golf von Suez soll 2027 in Betrieb gehen. Für zwei weitere Strecken gibt es bisher keinen verbindlichen Fertigstellungstermin.
Mit dem Express durch die Wüste
Das Gesamtvolumen der Investitionen einschließlich begleitender Bauten wie Bahnhöfen und Stromversorgung wird auf 23 Milliarden Euro geschätzt. Der Auftrag an das Konsortium aus Siemens, Arab Contractors und Orascom Construction zum Bau der Strecken, Depots und Werkstätten sowie für die Signaltechnik und die Bereitstellung der Fahrzeuge umfasst 8,1 Milliarden Euro, davon 2,7 Milliarden Euro für die erste Linie. Deren Bau ist weit fortgeschritten. Mit dem Probebetrieb soll noch 2026 begonnen werden. Als Betreiber für die ersten 15 Jahre bestätigte die ägyptische Regierung 2025 die Deutsche Bahn zusammen mit dem einheimischen Unternehmen Elsewedy Electric.
Die beiden künftigen Hochgeschwindigkeitslinien sind eine zum Nil parallel verlaufende Strecke bis nach Abu Simbel im Süden und eine weitere von Safaga am Roten Meer nach Luxor. Auf dem neuen Hochgeschwindigkeitsnetz werden verschiedene Zugtypen verkehren. Siemens liefert insgesamt 41 Velaro-Triebzüge, der mit dem in Deutschland eingesetzten ICE vergleichbar ist. Für regionale Verbindungen gehören zu dem Paket auch 94 Einheiten des Regionalzuges Desiro. Geplant ist zudem, insbesondere die Strecke vom Roten Meer zum Mittelmeer auch für den Frachtverkehr zu nutzen. Hierzu liefert Siemens 41 Vectron-Lokomotiven.
Das Hochgeschwindigkeitsnetz ist aber nur ein Teil der Strategie zur Modernisierung und Erweiterung des Schienenverkehrs in Ägypten. Insgesamt will die ägyptische Eisenbahngesellschaft 210 neue Lokomotiven beschaffen und 220 modernisieren lassen. Das US-Unternehmen Progress Rail, eine Tochter des Caterpillar-Konzerns, überarbeitet 100 ursprünglich von Henschel gelieferte Diesellokomotiven. Ein weiterer Auftrag ging Anfang 2026 an Advanced Power Dynamics aus Kanada. Das italienische Unternehmen Salcef hat 2025 einen Vertrag über 25 Jahre zur Modernisierung von 100 Kilometer Eisenbahnstrecken und 70 Weichen pro Jahr geschlossen.
Industriezonen erhalten Schienenanschluss
Neben dem Passagierverkehr wird auch die Güterbeförderung auf der Schiene massiv ausgebaut. Bis 2030 will die ägyptische Regierung den Frachtverkehr per Bahn von 6 Millionen auf 13 Millionen Tonnen im Jahr steigern. Mit Blick auf die Verbindung zwischen Ain Sukhna und dem Mittelmeer kam der Begriff "Suezkanal auf Schienen" auf. Der Gedanke dahinter ist, große Containerschiffe aus Asien am Roten Meer zu entladen, die Container per Bahn zu kleineren Häfen am Mittelmeer und von dort auf Zubringerlinien zu ihren Zielhäfen zu bringen.
Wesentlicher Teil der Stärkung des Frachtverkehrs ist der Bau und die Modernisierung leistungsfähiger Güterzugstrecken. Der Neubau der Route von Kairo nach Alexandria wurde 2025 an ein französisch-ägyptisches Konsortium um Alstom vergeben. Sie ist wie die Verbindung Ain Sukhna-Alexandria Teil eines geplanten Netzes von sieben multimodalen Logistikkorridoren. Bis 2030 könnte auch die Umsetzung der Achse von Tanta über Al Mansoura nach Damietta im Nildelta erfolgen. Hier müsste eine bestehende Strecke modernisiert werden.
Auch bei der Organisation des Frachtverkehrs gibt es Bewegung. Die 2023 gegründete Firma G3A hat damit begonnen, Güterzüge nach Fahrplan verkehren zu lassen. Das gibt Kunden nicht nur eine bessere Planbarkeit, es ermöglicht zudem, die Beförderung auch kleinerer Gütermengen bis hin zum einzelnen Container anstelle ganzer Züge zu buchen.
Wachsen MENA-Bahnnetze zusammen?
Auch die Golfstaaten bauen ihre Eisenbahnnetze aus. Im Gespräch ist eine Verbindung von Saudi-Arabien nach Ägypten von Ras Hamid zum gegenüberliegenden Sharm El-Sheikh auf dem Sinai. Im Nordwesten denkt Ägypten an eine Verlängerung der Bahn nach Libyen und damit potenziell zu den Netzen in Tunesien, Algerien und Marokko.
Moderner Nahverkehr für Kairo und Alexandria entsteht
Verbesserungen gibt es auch im öffentlichen Schienennahverkehr. In Kairo wird das bislang aus drei Linien bestehende U-Bahn-Netz erweitert. Die Südspange Linie 4 ist im Bau. Sie wird nach ihrer Fertigstellung Kairos Satellitenstädte 6th of October City im Westen mit New Cairo im Osten verbinden. An dem von Japan finanzierten Projekt beteiligen sich Thales Ground Transportation, das seit 2024 zu Hitachi Rail gehört, die ägyptische Baufirma Orascom Construction und Colas Rail.
Alstom unterschrieb 2022 eine Vereinbarung zum Bau der 34 Kilometer langen Nord-Süd-Verbindung der Linie 6 mit 26 Stationen, die mit vollautomatischen Zügen betrieben werden soll. Eine Machbarkeitsstudie für die Verlängerung der Linie 1 im Norden Kairos wurde 2025 mit Spanien vereinbart.
Alstom liefert 55 neue Züge für die Metrolinie 1. In Zusammenarbeit mit Hyundai Rotem baut die National Egyptian Railways Industries Company (NERIC) 40 neue Züge für die Metrolinien 2 und 3. Mit der Modernisierung von 39 Zügen der Linie 2 wurde das spanische Unternehmen CAF beauftragt.
Neue Verbindungen in die Entlastungsstädte um Kairo schaffen auch zwei Strecken, die als Einschienenbahn (Monorail) verwirklicht werden. Beteiligt sind hier ebenfalls Alstom und Orascom Construction. Nach Verzögerungen durch die Coronapandemie und Ägyptens Devisenkrise steht die 54 Kilometer lange Strecke zwischen dem Kairoer Stadtteil Nasr City und New Cairo (westlich der Neuen Hauptstadt gelegen) vor dem Betriebsbeginn. Auf der westlichen Strecke von Kairo nach 6th of October City (43 Kilometer) schreiten die Bauarbeiten voran.
Auch Alexandria erhält eine U-Bahn. Dafür wird die bestehende Abo Qir-Eisenbahn auf 21,7 Kilometern ausgebaut. Die ersten 21 neuen Züge liefert NERIC. Südkoreas Hyundai Rotem baut neue Fahrzeuge für die Straßenbahn der Raml-Linie, die zudem neue Gleise und Infrastruktur erhält.
Mehr Bahntechnik-Fertigung in Ägypten geplant
Die Modernisierung und Wartung des bestehenden Fuhrparks ist ein erster Schritt zur Lokalisierung weiterer Teile der Bahnindustrie. Bereits heute fertigt das Unternehmen SEMAF Eisenbahnwaggons in Ägypten. Neu angesiedelt hat sich 2025 das spanische Unternehmen Colway, das Innenausstattungen für Bahnen und Busse herstellt.
Alstom plant den Bau von zwei Werken nahe Alexandria: das erste für elektrische Komponenten, das zweite soll Fahrzeuge für U-Bahnen, Monorail und Eisenbahnen produzieren. Die ägyptische Regierung versucht, weitere Akteure wie den italienischen Hersteller von Zugsicherungssystemen Mermec zu einer Ansiedlung zu bewegen. Ziel ist der Aufbau einer eigenen Bahnindustrie.
Projekte werden staatlich koordiniert
Die Aufsicht über Projekte im Bereich Transport und Logistik in Ägypten hat das Transportministerium (Ministry of Transport, MoT). Verantwortlich für den Schienensektor ist die National Authority for Tunnels (NAT), die auch entsprechende Ausschreibungen veröffentlicht. Einen Überblick über Vorhaben im gesamten Transport- und Logistiksektor bietet die Investitionsförderagentur General Authority for Investment and Free Zones (GAFI).