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Ägypten entdeckt Abfall als Ressource
Ägypten forciert das Recycling: Neben der stofflichen Wiederverwertung erhält die Energiegewinnung aus Abfällen und Entsorgungseinrichtungen erhöhte Aufmerksamkeit.
13.05.2026
Von Marcus Knupp | Berlin
Ägypten hat sich das Ziel gesetzt, bis 2027 einen Anteil von 60 Prozent der kommunalen Abfälle von schätzungsweise jährlich rund 30 Millionen Tonnen der Wiederverwertung zuzuführen. In den Fokus rückte daneben besonders die Gewinnung von Energie aus Abfällen, Deponiegasen oder Klärschlamm; dies angesichts der Beeinträchtigung der Energiemärkte infolge des Irankrieges.
Waste-to-Energy-Anlagen angekündigt
Für die energetische Nutzung von Abfällen und Reststoffen gibt es einige Bedingungen. Deponiegase etwa können nur dann genutzt werden, wenn die Abfälle auf einer entsprechend geregelten Deponie liegen. Bisher landet in Ägypten noch ein erheblicher Anteil des Mülls in der Umwelt oder in offenen Deponien. Müllverbrennungsanlagen müssen verlässlich mit ausreichend Abfall versorgt werden. Die mit Blick auf höhere Recyclingquoten durchaus hilfreiche Aktivität informeller Müllsammler und -sortierer wirkt dem unter Umständen entgegen. Die Herstellung von synthetischen Kraftstoffen auf Basis von gebrauchtem Pflanzenöl bedingt ebenfalls eine zuverlässige Sammlung, um eine stabile Versorgung mit den notwendigen Rohmaterialien zu erreichen.
Die Großkläranlage Gabal El Asfar in Kairo gewinnt Biogas aus organischen Rückständen aus dem Abwasser. An Kairos großer Mülldeponie May 15 Landfill Site errichten das emiratische Unternehmen Zero Carbon Ventures und der ägyptische Entsorger Green Planet bis 2027 in einem Joint-Venture eine Anlage zur Verarbeitung organischer Abfälle zu Graphen, Wasserstoff oder Dünger. Pro Tag sollen 400 Tonnen verarbeitet werden können. In Assiut entsteht eine Anlage, die pro Stunde 60 Tonnen Abfall aufbereiten kann. Industrielle Akteure werden zum Teil selbst aktiv. So hat Titan Cement im März 2026 angekündigt, in der Provinz Sharqia drei Anlagen zur Energiegewinnung aus Abfällen für seine Fertigung zu errichten.
Potenzial in der Landwirtschaft
In Ägyptens Landwirtschaft fallen jährlich schätzungsweise 40 bis 50 Millionen Tonnen Abfälle an. Im Juli 2025 kündigte das Umweltministerium an, diese verstärkt als Tierfutter, Basis für Materialien wie MDF-Faserplatten sowie zur Energiegewinnung nutzen zu wollen. Ein wichtiger Schritt ist dabei der Aufbau einer Infrastruktur zur Sammlung der Abfälle.
Mehrere Unternehmen untersuchen die Möglichkeit, nicht an das Stromnetz angeschlossene Gemeinden über Biogasanalagen mit Energie zu versorgen. Derzeit gibt es in Ägypten circa 2.000 kleinere Biogasanlagen. Das Umweltministerium erwägt rund 500 Schlachthöfe daraufhin zu überprüfen, ob eine Kombi-Ausstattung mit Biogasanlagen in Frage kommt. Ein Hindernis für ein größeres Engagement des Privatsektors sind allerdings die niedrigen Strom-Abnahmepreise.
Recyclingstrukturen wachsen
Mehrere Faktoren machen Ägypten für den Aufbau einer Recyclingindustrie interessant. Die rund 120 Millionen Einwohner erzeugen viel Abfall, der als Wertstoff zur Verfügung steht. Über formelle wie vor allem informelle Strukturen besteht eine Tradition der Sammlung, Sortierung und Wiedernutzung von Abfällen. Auf der Abnehmerseite sorgt die Industrialisierungsstrategie der ägyptischen Regierung potenziell für eine steigende Zahl von Nutzern recycelter Materialien. Zudem führen global angespannte Lieferketten zur Suche nach Alternativen in der Versorgung mit Grundstoffen.
Um sich beispielsweise eine zusätzliche Quelle für Ammoniak zu erschließen, hat der Düngemittelhersteller Abu Qir Fertilizer in Alexandria eine Kläranlage gebaut, die die Stickstoffverbindung aus dem Abwasser gewinnt. Damit kann das Unternehmen im Jahr 5.000 Tonnen Ammoniumsulfat-Dünger herstellen. Finanziert wurde das Vorhaben mit Hilfe der EU im Rahmen des Egyptian Pollution Abatement Project III (2015-2024). Einen ähnlichen Ansatz plant das britische Unternehmen Polar Hydro in Giza. Für 2,4 Milliarden US-Dollar (US$) soll westlich von Kairo in der Giza Free Zone eine Recyclinganlage entstehen, die Haushaltsabfälle in alternative Kraftstoffe und organischen Dünger umwandelt.
Im Textilbereich gibt es vor allem zwei Felder, auf denen Recycling zum Tragen kommen kann. Gebrauchte Baumwollstoffe können zur Gewinnung von Kurzfasern recycelt werden. Während Ägypten aus eigenem Anbau über hochwertige langfaserige Baumwolle verfügt, werden kurzfaserige Varianten bisher importiert. Eine andere Gelegenheit, Importabhängigkeiten abzubauen, ist die Herstellung von Kunstfasern aus Plastikabfällen.
Kunststoffrecycling ist zentrale Aufgabe
Um Kunststoffabfälle zu reduzieren, verfolgt die ägyptische Regierung zwei wesentliche Strategien: Plastikflaschen zu recyceln und weniger Einwegkunststoffe zu nutzen. Die Umsetzung kommt schrittweise in Gang, etwa mit der PET-Flaschen-Fabrik der Nile Recycling Company in Ain Sokhna mit einer Kapazität von 22.000 Tonnen im Jahr. Im Herbst 2025 kündigte das türkische Unternehmen Hiper Plastic an, 40 Millionen US$ in eine Kunststoffrecyclinganlage im Gewerbegebiet Qantara West zu investieren. Kunststoffe sollen in Zukunft gekennzeichnet werden, wie das ägyptische Umweltministerium im April 2026 mitteilte: bezüglich ihrer Recyclingfähigkeit oder ob sie biologisch abbaubar sind.
Ägyptens petrochemische Industrie kann pro Jahr rund 2 Millionen Tonnen Basiskunststoffe herstellen. Das ist etwa ein Viertel des Bedarfs, der Rest muss importiert werden. Recycling ist dadurch wichtig für die Versorgung der lokalen Kunststoffindustrie. Die Gesamtmenge an Plastikabfällen lässt sich nur schätzen. Anhand der in einer Studie von Chemonics und UNIDO angesetzten ungefähren Anteile an der Gesamtmüllmenge kann man aktuell von circa 6,2 Millionen Tonnen im Jahr ausgehen. Ein für den Informationsdienst der Regierung angefertigter Bericht setzt für 2023 etwa 1,5 Millionen Tonnen recyceltes Plastik an.
Integration des informellen Sektors
Ein großer Teil der Akteure in der Abfallentsorgung und -verwertung Ägyptens ist dem informellen Sektor zuzurechnen. Das gilt nicht nur für Abfallsammler, sondern auch für die nachfolgenden Arbeitsschritte Sortieren, Aufbereiten und Wiederverwenden, etwa in der Kunststoffherstellung. Ähnlich sieht es bei der Entsorgung von Elektroschrott aus. Auch hier existieren formelle und informelle Unternehmen nebeneinander, von der Sammlung bis zum Recycling. Zwischenhändler stehen zwischen Kleinstsammlern und Verwertern. Der Austausch zwischen informellen und formellen Betrieben ist jedoch schwierig mit Blick auf Genehmigungen, Nachweise und steuerlichen Fragen.
Sustainable Recycling Industries (SRI) schlägt die Schaffung zwischengeschalteter Institutionen vor, etwa als Verband formaler Recyclingunternehmen. Die von der schweizerischen Entwicklungsagentur SECO finanzierte Initiative tut dies in einer Studie am Beispiel des e-Waste-Bereichs. Dies würde die Effizienzvorteile informeller Sammler mit der technischen Expertise professioneller Recycler verbinden und soziale Lasten einer kompletten Umstellung auf formale Entsorgungssysteme mindern.
Mittlerweile haben auch ägyptische Start-ups die Branche entdeckt. So hat das Portal Big Scappers, 2012 zur Sammlung von Aluminiumabfällen im B2B-Bereich gegründet, seine Dienste stark ausgeweitet. Unternehmen und Privathaushalte können über eine App sortierte Wertstoffe ab 2 Kilogramm anbieten. Vernetzte Sammler holen die Materialien ab und führen sie dem Recycling zu.