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Entsalzung und Wiederverwendung prägen Israels Wasserwirtschaft

Israel verfügt über eine leistungsfähige Wasserversorgung. Die Regierung plant hohe Investitionen für einen kontinuierlichen Ausbau.

Von Wladimir Struminski | Jerusalem

Nach Angaben der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen für Europa (UNECE) sind 100 Prozent der Bevölkerung Israels an eine sichere Trinkwasserversorgung angeschlossen. Der Trinkwasserbedarf im Land steigt jedoch weiter. Als Haupttreiber gelten Bevölkerungswachstum und wirtschaftliche Entwicklung.

Sinkende Wasserressourcen, steigender Bedarf

Die jährlich erneuerbaren Wasserressourcen nehmen ab. Als Hauptursache nennt die Israel Water Authority den Klimawandel. Für das laufende Jahrzehnt rechnet sie mit durchschnittlich 1.200 Millionen Kubikmetern pro Jahr. Bis 2050 soll dieses Volumen um rund ein Viertel sinken.

Im Jahr 2024 nutzte Israel 1.475 Millionen Kubikmeter Trinkwasser. Weitere 215 Millionen Kubikmeter gingen an die Palästinensische Autonomiebehörde und das Königreich Jordanien. Davon stammten 65 Prozent aus natürlichen Quellen, 35 Prozent aus Meerwasserentsalzung. Bis 2035 soll der Bedarf auf 1,9 Milliarden Kubikmeter steigen. Einschließlich der Exporte erwartet die Wasserbehörde 2,2 Milliarden Kubikmeter jährlich.

Entsalzung als tragende Säule der Trinkwasserversorgung

Zur Sicherung der Versorgung setzt Israel zunehmend auf Meerwasserentsalzung. Ende 2024 lag die jährliche Entsalzungskapazität bei rund 600 Millionen Kubikmetern. Nach der Inbetriebnahme von Soreq 2 stieg sie Ende 2025 auf 800 Millionen Kubikmeter. Bis Mitte der 2030er Jahre gelten 1,3 Milliarden Kubikmeter als Zielwert.

Errichtung und Betrieb der Anlagen erfolgen nach dem BOT‑Modell (Build‑Operate‑Transfer). Ausländische Unternehmen können sich uneingeschränkt an Ausschreibungen beteiligen. Der Investitionsbedarf umfasst auch den Ausbau des Wassertransportnetzes mit Pump‑, Speicher‑ und Regelkapazitäten.

2022 beschloss die Regierung, die Entsalzungskapazitäten deutlich zu erhöhen. In der Folge wurden drei Einzelprojekte initiiert oder umgesetzt. Für 2026/2027 ist die Inbetriebnahme der Anlage Westgaliläa vorgesehen. Zudem beschloss die Regierung eine Kapazitätserweiterung der Entsalzungsanlage Ashkelon um 100 Millionen Kubikmeter pro Jahr. Das Projekt ist noch nicht ausgeschrieben. Die gesamte Entsalzungskapazität würde damit auf 1 Milliarde Kubikmeter steigen.

Für das nächste Jahrzehnt plant Israel den Bau der Großanlage Emek Hefer. Vorgesehen sind zwei Bauphasen mit jeweils 200 Millionen Kubikmetern.

Geschäftschancen für KMU in Israels Wasserwirtschaft

Für deutsche klein- und mittelständische Unternehmen (KMU) ist Israel kein klassischer Volumenmarkt, sondern ein Markt für spezialisierte Lösungen, Kooperationen und langfristige Strategien mit hoher technologischer Sichtbarkeit.

  • Zulieferung für Entsalzungs- und Transportprojekte: Gute Chancen bei Komponenten, Systemtechnik, Mess‑, Regel‑ und Pumpentechnik sowie bei Betrieb und Instandhaltung im Rahmen von BOT‑Projekten.
  • Abwasseraufbereitung und Wiederverwendung: Hoher Investitionsbedarf bei tertiärer Behandlung, Filtration, Desinfektion, Speicher‑ und Transportlösungen – insbesondere als Teilprojekte oder Zulieferleistung.
  • Ingenieur‑ und Beratungsleistungen: Machbarkeitsstudien, Planung, Bauüberwachung und Optimierung bestehender Anlagen sind gefragt, häufig in Kooperation mit lokalen Partnern.
  • Wassertechnik für Industrie und Kommunen: Chancen bei Vor‑ und Nachbehandlung, Prozesswasseraufbereitung, Umwelttechnik und Messtechnik zur Einhaltung strenger Auflagen.
  • Technologie‑ und Nischenmarkt: Israel eignet sich für KMU als anspruchsvoller Referenzmarkt weniger für schnellen Umsatz, stärker für langfristige Positionierung und Internationalisierung.

Wasser‑ und Abwasserinfrastruktur im Fokus

Ein weiteres zentrales Investitionsfeld ist das Wasser‑ und Abwassertransportnetz. Wichtige Akteure sind die Israel Water Authority und der staatliche Versorger Mekorot. Das vom Prime Minister’s Office zum Jahreswechsel 2025/26 vorgelegte Verzeichnis national bedeutsamer Infrastrukturprojekte enthält mehrere Abwasservorhaben. Das größte ist der Ausbau des Klärsystems Shafdan südlich von Tel Aviv mit einem Investitionsvolumen von 1,2 Milliarden US-Dollar (US$).

Weitere Projekte betreffen Abwassertransportsysteme in der Negev‑Wüste, Abwasserreservoirs sowie Netze zur Wiederverwendung gereinigten Abwassers im Süden und Norden. Ihr Gesamtwert beträgt 270 Millionen US$. Mekorot plant zudem neue Leitungen und Pumpstationen. Der Wassertransport ist stark zentralisiert. Mekorot betreibt ein landesweites Netz von rund 13.000 Kilometern.

Beschaffung in der israelischen Wasserwirtschaft

  • Beschaffung überwiegend über öffentliche Ausschreibungen
  • Staatliche Auftraggeber unterliegen dem Mandatory Tender Law
  • Zugang für ausländische Unternehmen begrenzt
  • Ausschreibungen meist nur auf Hebräisch, keine zentrale Plattform
  • Lokale Partner oft notwendig
  • BOT‑Projekte von der Ausschreibungspflicht ausgenommen, insbesondere bei Entsalzungsanlagen

Ausbau der Abwasserentsorgung

Mit dem steigenden Trinkwasserverbrauch wächst auch das Abwasseraufkommen. Israel strebt eine höhere Reinigungsqualität an. 2025 erhielten nach Angaben der Wasserbehörde 50 Prozent des gereinigten Abwassers eine tertiäre Behandlung. Dieser Anteil soll bis 2030 deutlich steigen.

Nahezu das gesamte Abwasser wird bereits gereinigt. Ein Großteil dient als Sekundärquelle in der Landwirtschaft. Im Jahr 2024 nutzte sie 677 Millionen Kubikmeter gereinigtes Abwasser, rund 75 Prozent des Gesamtaufkommens. Die Regierung beschloss 2025 den schrittweisen Aufbau eines landesweiten Leitungsnetzes für aufbereitetes Abwasser.

Effizienzsteigerungen in Landwirtschaft und Industrie

Die Landwirtschaft ist der größte Wasserverbraucher. Im Jahr 2024 entfielen 1,3 Milliarden Kubikmeter auf diesen Sektor, entsprechend 52,1 Prozent des landesweiten Verbrauchs. Der Anteil gereinigten Abwassers lag bei 51,5 Prozent, nach 41,8 Prozent zehn Jahre zuvor. Rund 75 Prozent der bewässerten Flächen nutzen Tropfbewässerung. Der Fokus verlagert sich zunehmend auf Präzisionslandwirtschaft. Das Volcani Institute entwickelt dafür daten‑ und sensorgestützte Systeme.

Vergleichsweise gering ist der industrielle Wasserverbrauch. Die jüngste Angabe aus 2014 weist einen Anteil von 6 Prozent aus. Seitdem wird der industrielle Wasserverbrauch dem Posten "Haushalte" zugeschlagen, der den gesamten nicht agrarischen Verbrauch erfasst. Gesetzliche Vorgaben verpflichten Unternehmen zur Wasserreinhaltung. Investitionen betreffen vor allem Vor‑ und Nachbehandlung, Prozesse und Messtechnik.

Zuständigkeiten im israelischen Wassersektor

Ministry of Energy and Infrastructure: Ministerielle Zuständigkeit für die Wasserpolitik

Ministry of Agriculture and Food Security: Legt Bewässerungsstrategien in der Landwirtschaft fest, wirkt an der Zuteilung landwirtschaftlicher Wasserquoten und Festlegung von Agrarwassertarifen mit

Israel Water Authority: zentrale Wasserbehörde

Mekorot: staatliches Wasertransport- und Wasserversorgungsunternehmen 

Shafdan: größte israelische Kläranlage, Großraum Tel Aviv

56 kommunale Wasser- und Abwasserwerke: Wasserverteilung an Endnutzer; Sammlung und Weitertransport von Abwasser