Branche kompakt | Belgien | Pharmaindustrie, Biotechnologie
Belgiens Pharmaindustrie trotzt leichtem Gegenwind
Der Vorzeigesektor bleibt auch bei schwierigen Rahmenbedingungen als attraktiver Investitionsstandort für die Branche gesetzt.
25.08.2025
Von Michael Sauermost | Bonn
Ausblick der Pharmaindustrie in Belgien
Bewertung:
- Belgiens Pharmasektor wird die gegenwärtigen Störfeuer überstehen und sich weiter als bedeutender Pharmastandort in Europa durchsetzen.
- Der lokale Arzneimittelmarkt ist überschaubar, punktet allerdings mit Qualität und Wachstumspotenzial.
- Trotz der Orientierung großer Pharmariesen in Richtung USA, zeigt sich der belgische Pharma-Hub widerstandsfähig.
Anmerkung: Einschätzung des Autors für die kommenden zwölf Monate auf Grundlage von prognostiziertem Umsatz- und Produktionswachstum, Investitionen, Beschäftigungsstand, Auftragseingängen, Konjunkturindizes etc.; Einschätzungen sind subjektiv und ohne Gewähr; Stand: August 2025
Markttrends
Belgien bleibt einer der globalen Vorreiter in der Pharmaindustrie – mit Wallonien als Logistikzentrum und Flandern als Innovationsmotor: Zum Jahresbeginn 2025 eröffnete das französische Biotechnologieunternehmen Samabriva eine neue, 1.400 Quadratmeter große Bioproduktionsanlage im belgischen Lüttich. Die Anlage verfügt über firmeneigene Bioreaktoren für die industrielle Produktion mit Pflanzenmolekülen. Samabriva startet damit den Übergang von der Forschung und Entwicklung zur industriellen Produktion für den internationalen Markt.
Belgien hat sich im Laufe der Jahre als globaler Hub für Biotechnologie, Pharmazie und klinische Forschung etabliert. Und das soll in Zukunft fortgesetzt werden. Allerdings beschäftigt die US-amerikanische Handelspolitik der Trump-Regierung auch die Gemüter der belgischen Pharmaindustrie. Trotz fortgeschrittener Absprachen bestehen laut pharma.be, dem Verband, der rund 130 innovative biopharmazeutische Unternehmen in Belgien vertritt, noch weitgehend Unsicherheiten.
Während die gesamte Performance des Biopharma-Sektors für Belgien nach wie vor beeindruckend ist (der Sektor macht rund ein Fünftel der gesamten Wertschöpfung der verarbeitenden Industrie des Landes aus), berichtet der Branchenverband von Gegenwind: Zum ersten Mal seit zehn Jahren seien die Exportzahlen für das Jahr 2024 (79,0 Milliarden Euro; -1,4 Prozent) im Vorjahresvergleich rückläufig geblieben.
Impfstoffe mit beachtlichem Ausfuhranteil
Dieser Rückgang war besonders bemerkenswert. Schließlich lagen die Zahlen immer noch um 58,7 Prozent über dem 2019 registrierten Ausfuhrvolumen des Sektors. Bei den Einbußen muss allerdings beachtet werden, dass diese auch maßgeblich auf den Rückgang der Ausfuhren von Coronaimpfstoffen zurückzuführen waren. Letztere beliefen sich 2024 noch auf 7,6 Milliarden Euro – nach 11,6 Milliarden (2023), 33,3 Milliarden (2022) sowie 28,3 Milliarden Euro (2021) zuvor. Exporte von biopharmazeutischen Produkten machen immer noch rund 15,5 Prozent an Belgiens Gesamtausfuhren aus.
Die Beschäftigung (44.738 direkte Stellen; -0,5 Prozent gegenüber 2023, +16,2 Prozent gegenüber 2019) stagnierte in etwa. Auch die Zahl der Patentanmeldungen blieb im Bereich Biopharmazie leicht hinter den Erwartungen zurück. Insgesamt wurden 417 (Vorjahr: 446) Anträge gestellt und 77 (95) Genehmigungen erteilt.
Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in der biopharmazeutischen Industrie beliefen sich auf 6,0 Milliarden Euro – ein Anstieg um 300 Millionen Euro gegenüber dem Jahr 2023. Damit stehe Belgien laut pharma.be bei den Pro-Kopf-Investitionen in Forschung und Entwicklung in Europa an erster Stelle. Bei der Anzahl der klinischen Studien pro Kopf werde der Standort lediglich von Dänemark übertroffen.
Europas Alternative zu den USA
Mit einem Marktvolumen von etwa 10,2 Milliarden Euro im Jahr 2024 machen die belgischen Pharmaumsätze laut Fitch Solutions einen Anteil von rund 1,6 Prozent am belgischen BIP aus. Der Markt wird vom Verkauf hochwertiger patentierter verschreibungspflichtiger Medikamente dominiert. Diese machen etwa 90 Prozent des Umsatzes aus.
Während größere Produzenten wie Novartis, Eli Lilly und Johnson & Johnson Milliardensummen in die pharmazeutische Produktion in den USA investieren, orientieren sich amerikanische Unternehmen auch weiterhin in Richtung Belgien, um den europäischen Markt für Arzneimittel für neuartige Therapien (ATMPs) zu beliefern.
Auch Japans Pharmariese Takeda, der seine Präsenz gezielt in den USA und Asien ausgebaut hat, investierte in den letzten Jahren rund 300 Millionen Euro in den Ausbau seines Produktionsstandorts im belgischen Lessines. Mit der Erweiterung wurde die Herstellung von aus Plasma gewonnenen Therapien gesteigert.
Akteur/Projekt | Investitionssumme | Projektstand | Anmerkungen |
---|---|---|---|
Pfizer/Erweiterung Impfstoffproduktion | 500 | Laufend seit 2023 | Standort Puurs |
Johnson & Johnson / Car-T-Zelltherapie | 138 | 2025 | Ausbau Produktionsanlagen Beerse und Gent |
UCB / Biotech Campus | 100 | 2025 (Teil einer größeren Gesaminvestition) | Braine-l'Alleud-Forschungszentrum, neurologische und neurodegenerative Erkrankungen |
Mithra & BCI Pharma F&E-Kooperation | k.A. | laufend | Gynäkologische Onkologie, Lüttich |
Branchenstruktur und Rahmenbedingungen
Der belgische Pharmamarkt besteht überwiegend aus patentierten Arzneimitteln. Generika machen bislang erst einen moderaten Umsatzanteil aus. Der zunehmend kostenbewusste Staat ist der Hauptabnehmer, während der Privatsektor überschaubar ist.
Insgesamt operieren laut belgischem Statistikamt Statbel mehr als 200 Unternehmen in Belgiens Pharmasektor, die in der Forschung, Entwicklung, Produktion und dem Verkauf von Medikamenten tätig sind. Ein großer Teil der klinischen Studien in Belgien dient der Erforschung von Medikamenten zur Krebsbekämpfung. Auf die Onkologie entfielen rund 44 Prozent der im Jahr 2023 begonnenen klinischen Studien. Belgien spielt außerdem eine wichtige Rolle in der Forschung und Anwendung von Zelltherapien.
Zu den führenden lokalen Unternehmen gemessen an der Marktkapitalisierung zählen UCB und Omega Pharma. Zahlreiche ausländische Pharmaunternehmen sind auf dem belgischen Markt vertreten - darunter Pfizer, Novartis, Sanofi, Merck, Johnson & Johnson, Astra Zeneca, Takeda und GlaxoSmithKline.
Erstattungsmechanismen für Arzneimittel
Das System der Arzneimittelerstattung wird vom Committee for Reimbursement of Medicines (CTG) gesteuert, das dem Nationalen Institut für Kranken- und Invalidenversicherung untersteht. Die Erstattungsliste, die rund 3.000 Produkte umfasst, wird vom Sozialministerium erstellt.
Das belgische Gesundheitssystem erstattet Patienten einen Prozentsatz des Preises der meisten verschreibungspflichtigen Medikamente. Für die Aufnahme eines neuen Medikaments in die Liste ist ein Antrag bei der CTG einzureichen. Dieser Antrag erfolgt in der Regel gleichzeitig mit einem Preisantrag bei der Preisabteilung des Wirtschaftsministeriums. Arzneimittel sind in drei Hauptkategorien unterteilt. Unter die Kategorie A fallen lebensrettende Arzneimittel wie Krebsmedikamente und Insulin. Diese machen einen Anteil von rund 15 Prozent an den öffentlichen Arzneimittelausgaben aus.
Produktbegleitende Informationen wie Gebrauchsanweisungen, Etikettierungen und Verpackungen sind – sofern sie sich an PatientInnen richten – grundsätzlich in allen drei Amtssprachen Belgiens, Niederländisch, Französisch und Deutsch, bereitzustellen.