Am 17. Oktober 2026 wurde nach intensiven Debatten die lang erwartete Megareform Chiles im Amtsblatt veröffentlicht. Neben der schrittweisen Senkung der Körperschaftsteuer ändert die Reform die Regeln für die Besteuerung von Dividenden, führt neue Steuervergünstigungen ein und ermöglicht die befristete Bereinigung steuerlicher Altlasten. Für deutsche Unternehmen mit Geschäftstätigkeiten in Chile ist der Zeitplan besonders wichtig: Zahlreiche Bestimmungen treten bereits am 1. November 2026 in Kraft.
Was sind die wichtigsten steuerlichen Änderungen?
Die von Präsident José Antonio Kast verkündete Reform (Gesetz Nr. 21.850/2026, Ley para la Reconstrucción Nacional y el Desarrollo Económico y Social) zählt zu den umfassendsten Wirtschaftsreformen Chiles der vergangenen Jahre. Sie verbindet Maßnahmen zur Finanzierung des Wiederaufbaus von durch Waldbrände betroffenen Regionen mit Anreizen für Investitionen und Wirtschaftswachstum.
Im Steuerrecht stehen vier Änderungen im Mittelpunkt:
- Senkung der Körperschaftsteuer: Der Steuersatz auf Unternehmensgewinne sinkt bis 2029 schrittweise von 27 auf 23 Prozent.
- Neue Regeln für Dividenden: Die Pflicht zur teilweisen Rückerstattung von Steuergutschriften bei der Besteuerung von Anteilseignern wird schrittweise abgeschafft.
- Steuerliche Anreize: Neue Vergünstigungen für den Export digitaler Dienstleistungen und bestimmte Aufwendungen für Beschäftigte sowie Steuerbefreiungen für Kapitalgewinne.
- Befristete Sonderregelungen: Erleichterungen bei der Nachdeklaration von Auslandsvermögen, der Besteuerung angesammelter Gewinne und der Begleichung von Steuerschulden sowie Anreize für den Immobiliensektor.
Wie wird die Körperschaftsteuer gesenkt?
Die Reform senkt den Steuersatz des Impuesto de Primera Categoría (IDPC), der wichtigsten chilenischen Steuer auf Unternehmensgewinne. Für Unternehmen im allgemeinen Besteuerungssystem beträgt der Steuersatz derzeit 27 Prozent. Er wird nach folgendem Zeitplan schrittweise gesenkt:
Die niedrigeren Steuersätze werden auch bei der Berechnung der monatlichen Steuervorauszahlungen berücksichtigt. Dadurch kann sich die Liquidität der Unternehmen verbessern.
Für kleine und mittlere Unternehmen gelten teilweise besondere Besteuerungssysteme (Pro Pyme). Deren Steuersätze werden durch die Neuregelung nicht automatisch ersetzt.
Was ändert sich bei der Besteuerung von Dividenden?
Die Reform ändert auch die Besteuerung von Gewinnausschüttungen an Anteilseigner, einschließlich solcher im Ausland. Im chilenischen Steuersystem kann die vom Unternehmen gezahlte Körperschaftsteuer auf die Steuer angerechnet werden, die der Anteilseigner auf erhaltene Dividenden schuldet. Bisher mussten bei bestimmten Ausschüttungen 35 Prozent dieser Steuergutschrift zurückerstattet werden. Dies erhöhte die tatsächliche Steuerbelastung.
Das neue Gesetz schafft diese Rückerstattungspflicht ab 2027 grundsätzlich ab. Für bereits entstandene und während der Übergangszeit entstehende Steuergutschriften gelten jedoch folgende Regeln:
Für deutsche Unternehmen mit chilenischen Tochtergesellschaften könnte die Änderung die Steuerbelastung bei Dividendenzahlungen an die Muttergesellschaft verringern. Die tatsächlichen Auswirkungen hängen jedoch davon ab, wann die Steuergutschriften entstanden sind, welche Übergangsregeln gelten und wie die ausländischen Anteilseigner steuerlich behandelt werden.
Welche neuen Steuervergünstigungen gibt es?
Die Reform schafft einen besonders interessanten Anreiz für Unternehmen, die Technologie-, Ingenieur-, Beratungs- und andere wissensbasierte Dienstleistungen ins Ausland exportieren.
Unternehmen, die digitale Dienstleistungen für Kunden im Ausland erbringen, können künftig eine Steuergutschrift in Höhe von 15 Prozent bestimmter Personalkosten auf ihre Körperschaftsteuer anrechnen lassen. Der Satz erhöht sich auf 20 Prozent, wenn die Beschäftigten überwiegend in Betriebsstätten außerhalb der Metropolregion Santiago oder in bestimmten ländlichen Gebieten tätig sind.
Voraussetzung ist unter anderem, dass die Dienstleistungen von der chilenischen Zollbehörde als Export anerkannt werden. Die Steuergutschrift ist auf 75 monatliche Steuereinheiten (Unidad Tributaria Mensual - UTM) je Beschäftigten und Jahr begrenzt. Einzelheiten müssen noch durch ergänzende Vorschriften geregelt werden. Die Regelung könnte insbesondere deutschen Tochtergesellschaften zugutekommen, die Chile als regionalen Standort für die Erbringung internationaler Dienstleistungen nutzen.
Darüber hinaus führt die Reform eine Steuergutschrift für Unternehmen ein, die die Behandlung schwerer Erkrankungen ihrer Beschäftigten oder anspruchsberechtigter Familienangehöriger finanzieren. Dafür gelten besondere Voraussetzungen und Höchstbeträge.
Eine weitere Änderung betrifft Investoren am Kapitalmarkt. Ab 2027 gelten bestimmte Gewinne aus der Veräußerung von Wertpapieren, die bislang einer Steuer von 10 Prozent unterlagen, nicht mehr als steuerpflichtige Einkünfte. Die Steuerbefreiung gilt ausschließlich für Geschäfte, die die Voraussetzungen des Artikels 107 des chilenischen Einkommensteuergesetzes erfüllen.
Welche befristeten Sonderregelungen sind wichtig?
Die Reform führt mehrere zeitlich begrenzte Möglichkeiten zur Bereinigung steuerlicher Altlasten ein. In Chile ansässige Steuerpflichtige können bestimmte bislang nicht ordnungsgemäß versteuerte Vermögenswerte und Einkünfte im Ausland nachträglich deklarieren. Dafür gilt ein einmaliger Steuersatz von 10 Prozent. Er sinkt auf 7 Prozent, wenn bestimmte Voraussetzungen für die Überführung und langfristige Anlage der Mittel in Chile erfüllt werden.
Unternehmen mit bestimmten angesammelten Gewinnen können außerdem eine einmalige Besteuerung mit 10 Prozent wählen. Diese ersetzt die Steuern, die normalerweise bei der Ausschüttung dieser Gewinne anfallen würden. Die Regelung setzt entsprechende steuerliche Gewinnkonten voraus. Die damit verbundenen Steuergutschriften dürfen nicht genutzt werden. Darüber hinaus erleichtert das Gesetz bestimmten Steuerpflichtigen die Begleichung bestehender Steuerschulden durch den teilweisen Erlass von Zinsen und Geldbußen. Im Immobiliensektor wird die erstmalige Veräußerung bestimmter neuer Wohnimmobilien vorübergehend von der Mehrwertsteuer befreit, sofern die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind.
Vor der Nutzung dieser Sonderregelungen sollten deutsche Unternehmen prüfen, ob die Voraussetzungen erfüllt sind, welche Folgen sich für bestehende Steuergutschriften ergeben und welche Antragsfristen einzuhalten sind.
Zum Thema:
Die Megareform wurde im Rahmen der Strategie Chiles zur Marktdiversifizierung verabschiedet – ein Thema, das im GTAI-Webinar Diversifizierung: Lateinamerika - Der Fall China behandelt wurde. Die Aufzeichnung des Webinars steht hier zur Verfügung:
In Zeiten des Umbruchs in den Lieferketten: Was müssen deutsche Unternehmen über Lateinamerika und sein Verhältnis zu China wissen?
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Von Dr. Julio Pereira
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