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Special | Deutsche Wettbewerbsposition | Elektroindustrie

Deutsche Wettbewerbsposition in der Elektro- und Digitalindustrie

Die Konkurrenz am Elektroweltmarkt ist gewachsen - China hat sich zum Topexporteur aufgeschwungen. Deutschlands Anteil am Weltexport ist seit Jahrzehnten weitgehend stabil. 

Von Eva-Maria Korfanty-Schiller, Christina Otte | Bonn

China ist der unangefochtene Aufsteiger der vergangenen Dekaden am Exportmarkt der Elektroindustrie. Deutschland hat seinen Ausfuhranteil sowohl im Jahr 2000 als auch 2020 konstant zwischen 6 Prozent und 7 Prozent gehalten. In Sparten wie der Elektromedizin haben deutsche Branchenunternehmen sogar leicht Anteile dazugewonnen. 

Die Elektroindustrie ist stark in weltweite Wertschöpfungsketten eingebunden. Außerdem geht die Wettbewerbsposition in der Branche über die reine Exportentwicklung hinaus. Die Analyse ist Bestandteil der Exportanalyse – Deutschland im internationalen Wettbewerb von Germany Trade & Invest. Untersucht wurde die Entwicklung der deutschen Ausfuhren im Zeitraum 2000 bis 2020 anhand von Handelsstatistiken.

  • Deutsche Elektroexporte halten sich gut im Wettbewerb

    Chinas Elektroexporte profitieren davon, dass andere Länder ihre Produktion in die Volksrepublik verlagert haben. Deutschlands Anteil an den Weltexporten blieb weitgehend stabil. 

    Der weltweite Markt für elektrische und digitale Produkte wächst, ebenso die Exporte. Die globalen Ausfuhren der Elektro- und Digitalindustrie haben von 2000 bis 2020 um über 150 Prozent zugelegt auf 3,8 Billionen US-Dollar (US$) - Dienstleistungen nicht eingerechnet. Die deutschen Exporte wuchsen ähnlich stark und lagen 2020 bei über 241 Milliarden US$. Trotz neuer Konkurrenten hat sich Deutschlands Anteil an den Branchenausfuhren 2020 im Vergleich zu 2000 wenig bewegt und bei etwa 6 bis 7 Prozent gehalten.

    Verändert hat sich dagegen das Wettbewerbsumfeld – mit klaren Gewinnern und Verlierern. Chinas Elektroexporte machten mit einem Plus von über 1.400 Prozent zwischen 2000 und 2020 den größten Sprung. Das Land steht auf Platz 1 der weltweiten Exporteure der Branche. Fast 27 Prozent der globalen Lieferungen von Geräten wie Computern, Laptops und anderen Elektrogütern entfallen auf China. Zurückgefallen sind die Vereinigten Staaten und Japan. Gemessen am Marktanteil liegen die USA weit abgeschlagen hinter China auf Platz 2, gefolgt von Deutschland auf Rang 3. 

    Ein geringerer Exportanteil heißt allerdings nicht unbedingt, dass ein Land absolut weniger Güter exportiert hat. Insgesamt hat der Weltexport zugelegt. "Bei dem starken Wachstum Chinas ist es eine logische Folge, dass die Exportanteile anderer Länder zurückgehen", sagt Dr. Andreas Gontermann, Chefvolkswirt des Verbandes der deutschen Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI). 

    Produktionsverlagerungen kommen China zugute

    Unternehmen verlagerten massenhaft ihre Produktion nach China, beispielsweise aus den USA oder Japan. Das stützt den fulminanten Aufstieg des Landes. Aber auch aus dem Raum Südostasien wanderte Produktion nach China ab. US-Halbleiterunternehmen beispielsweise haben in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Teile der Fertigung an sogenannte Foundries in Asien ausgelagert. Kamen 1990 noch etwa 37 Prozent der weltweit produzierten Computerchips aus den USA, ist dieser Anteil 30 Jahre später auf 12 Prozent geschrumpft.

    Aus Japan wanderte ebenfalls Produktion ins Ausland. Laut dem japanischen Kabinettsbüro stieg der Auslandsanteil der japanischen Produktion von 1998 bis 2020 um 12 Prozentpunkte. Das betraf vor allem die arbeitsintensive Produktion. Waren zu Beginn Kosten die Hauptgründe dafür, sind es jetzt die fehlenden Arbeitskräfte. Insgesamt fiel der Anteil Japans an der Branchenausfuhr um knapp 8 Prozentpunkte.

    Der deutsche Exportmarktanteil blieb im Gegensatz dazu recht stabil. Der Branchenverband ZVEI sieht dafür unter anderem die hohen Investitionen in Forschung und Entwicklung der deutschen Unternehmen als ausschlaggebend. "Das zahlt ein auf innovative, hochtechnologisierte Produkte, die im Ausland entsprechend nachgefragt werden", so ZVEI-Chefvolkswirt Andreas Gontermann. Zudem bewege sich die Elektroindustrie in Wachstumssegmenten wie vernetzter Produktion oder Energie und Energieeffizienz. 

    Elektromedizin im Export besonders stark

    Sehr wettbewerbsfähig zeigten sich deutsche Branchenunternehmen in der Elektromedizin. Deutschlands Anteil am Weltexport in diesem Bereich stieg 2020 auf knapp 20 Prozent und lag somit um 4 Prozentpunkte höher als im Jahr 2000. Das sei in der Qualität der Produkte begründet, sagt auch ZVEI-Außenhandelsexperte Jürgen Polzin. „Technologisch ist Deutschland da weit vorn“ so Polzin. Zudem spiele in diesem Segment China noch kaum eine Rolle

    Dagegen verlor Deutschland Anteile in den Bereichen Halbleiter oder Elektrohausgeräte. Chinas Export legte dagegen durch die Bank weg in allen Sparten der Elektroindustrie zu, besonders stark bei Elektrohausgeräten und Unterhaltungselektronik. Die Verluste der USA zeigen sich bei Mikrochips deutlich. In dem Maße, wie China bei Halbleitern aufgeholt hat, haben die USA verloren. Die Abnehmerseite spiegelt diese Entwicklung. Während China als Lieferant von Elektroprodukten in wichtigen Abnehmerländern zweistellig dazugewann, verloren die USA auf vielen Märkten Importmarktanteile. 

    Westeuropa für Deutschland wichtigste Abnehmerregion

    Die Region Westeuropa bleibt klar der wichtigste Abnehmer deutscher Exportwaren, aber mit rückläufiger Tendenz. Lieferte Deutschland 2000 noch knapp 60 Prozent seiner Elektroexporte nach Westeuropa, waren es 2020 etwa 40 Prozent. Die Regionen Asien-Pazifik sowie Mittel- und Osteuropa sind dagegen als Absatzmärkte wichtiger geworden.

    Wachstumsaussichten am Weltmarkt

    Insgesamt sollte der Markt für die Elektroindustrie wachsen. Im Jahr 2022 erwartet der ZVEI nach verbandseigener Abgrenzung ein Plus des Weltmarkts von nominal 11 Prozent. Der Verband betrachtet dabei etwa 95 Prozent des globalen Marktes.

    Einflüsse wie Re-Shoring, Lieferkettenprobleme oder politische Strategien werden allerdings die Branche stark betreffen. Viele Länder wollen die Produktion im eigenen Land stärken. Für Schlüsselsektoren wie die Chipindustrie nehmen Regierungen weltweit Milliarden in die Hand.

    Zudem denken Länder über Importbeschränkungen nach. Noch unter US-Präsident Donald Trump führten die USA Schutzzölle für Waschmaschinen und bestimmte Komponenten ein. Kampagnen wie "Make in India" oder "Made in China" zielen häufig darauf ab, auch die Produktion elektrotechnischer und elektronischer Erzeugnisse auszubauen.

    Dazu kommt, dass die USA und China voneinander unabhängiger werden wollen und sich entkoppeln. Künftig könnten daher Unternehmen noch stärker vor Ort für den Bedarf produzieren. Der Chiphersteller Intel beispielsweise plant mehrere Werke in Deutschland und baut so die Halbleiterfertigung in Europa aus. Für Deutschlands Rolle am Weltmarkt ist Andreas Gontermann vom ZVEI aber zuversichtlich. Er erwartet, dass es auch künftig möglich sein sollte, über Innovationen neue Absatzmärkte zu erschließen, soweit die Märkte offen bleiben.

    Methodische Hinweise
    • Die vorliegende Wettbewerbsanalyse bezieht sich auf die Entwicklung der Handelsverschiebungen im Zeitraum 2000 und 2020 auf Basis des Internationalen Warenverzeichnisses für den Außenhandel.
    • Die Elektroindustrie ist in dieser Publikation abgegrenzt als SITC 75 (ohne 751) + 76 + 77 + 87, 716, 737.3, 741.3 sowie 813. Die Elektromedizin ist hier abgegrenzt als SITC 774. Halbleiter sind abgegrenzt als SITC 776.3 und SITC 776.4.
    • Das Internationale Warenverzeichnis für den Außenhandel oder SITC (Standard International Trade Classification) ist ein Warenverzeichnis der Vereinten Nationen für die Außenhandelsstatistik (Wert und Volumen der Warenausfuhren und -einfuhren), das Vergleiche hinsichtlich Rohstoffen und bearbeiteten Waren weltweit ermöglicht. Dienstleistungshandel ist nicht inbegriffen.
    • Quelle für den Datenabruf ist die Datenbank UN Comtrade. Die Zahlen können von denen nationaler Quellen oder anderer internationaler Quellen abweichen.
    • Sämtliche Veränderungsraten wurden auf US-Dollar-Basis berechnet. Wechselkursentwicklungen können eine erhebliche Rolle im Warenexport spielen und dazu führen, dass Warenexporte entweder begünstigt und benachteiligt werden, relativ gesehen zu anderen Exportnationen.

    Von Eva-Maria Korfanty-Schiller, Christina Otte | Bonn

  • "Wir sind auf Wachstumsmärkten unterwegs"

    Die Digitalisierung sorgt für Nachfrage nach Elektrogütern weltweit. Deutsche Unternehmen profitieren davon - und setzen im Wettbewerb mit China auf bekannte Stärken. 

    Dr. Andreas Gontermann ist als Chefvolkswirt beim Verband der deutschen Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI e.V.) für die Themen Märkte und Konjunktur zuständig. Im Gespräch analysiert der Experte die Exportentwicklung der Branche. 

    Herr Gontermann, Deutschland hat seinen Exportanteil in der Elektroindustrie 20 Jahre lang stabil gehalten. Andere Länder haben Anteile verloren. Warum konnten sich die deutschen Unternehmen behaupten? 

    Die einfachste Begründung ist doch, dass Ausländer unsere Produkte nachfragen und kaufen. Wir sind eine stark international ausgerichtete und forschungsintensive Branche. Wir geben viel mehr für Forschung und Entwicklung aus als für harte Ausrüstungsinvestitionen. Das zahlt ein auf innovative, hoch technologisierte Produkte, die im Ausland entsprechend nachgefragt werden. Dazu sind wir unter anderem in den Leitmärkten Industrie 4.0, Energie und Energieeffizienz, Gebäude, Gesundheit oder Mobilität unterwegs. Dabei ziehen sich die Digitalisierung und Elektrifizierung querschnittsartig durch alle Themen. Wir sind mit unseren Technologien also auf Wachstumsmärkten unterwegs. 

    Wie sieht es mit anderen Problemen aus, ausgelöst durch die Wirtschaftssituation?

    Wir haben denselben konjunkturellen Gegenwind wie andere Branchen auch, etwa die Folgen von Pandemie und Ukrainekrieg zu bewältigen. Strukturell haben wir aber Rückenwind, da unsere Absatzmärkte ein hohes Wachstumspotenzial bieten.

    Japan ist ein Beispiel für ein Land, in dem die Elektroindustrie heute weniger Anteile am Weltexport hält – was lief dort anders?

    Eine Begründung dafür könnte sein, dass Japan heimische Produktion ins Ausland, insbesondere nach China verlagert hat und die Märkte nun stärker von dort aus bedient. 

    "Exportstark sind wir im Grunde in allen Segmenten."

    Sehen Sie Segmente der Elektroindustrie, in denen Deutschland besondere Stärken hat?

    Exportstark sind wir im Grunde in allen Segmenten. Das liegt nicht zuletzt an unserer intensiven Einbindung in internationale Wertschöpfungsnetzwerke. So reist ein Halbleiter heute ein paar Mal um die Welt, bis er seine Endanwendung findet. Die deutsche Automation trägt mit ihren Ausfuhren zur Fabrikausrüstung der ganzen Welt bei.

    Ragen noch andere Sparten heraus?

    In der Elektromedizin ist Deutschland je nach Statistik an erster oder zweiter Stelle im internationalen Vergleich. Das ist technologisch und in der Qualität der Produkte begründet. China spielt hier noch kaum eine Rolle.

    Als Abnehmerregionen sind Mittel- und Osteuropa und Asien für Deutschland wichtiger geworden. Was sind die Auslöser?

    Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Asien. Die volkswirtschaftlichen Wachstumsraten dort sind hoch. Allein China hat in den letzten 20 Jahren ein Viertel zum globalen Wirtschaftswachstum beigesteuert. Viele asiatische Länder wachsen im Windschatten Chinas mit.

    Gilt dieser Aufholeffekt auch für Mittel- und Osteuropa?

    Mittel- und Osteuropa haben seit den 1990er-Jahren stark aufgeholt. Hier hat sich die Wirtschaftsleistung dynamischer entwickelt als im Westen und die Länder haben sich zunehmend in die globalen Wertschöpfungsnetzwerke eingebunden. Mit dem Ukrainekrieg wurde das etwa für jedermann sichtbar, als plötzlich Kabelbäume aus der Ukraine fehlten, die für die Automobilindustrie wichtig sind.  

    Erwarten Sie Änderungen bei den Absatzregionen der Zukunft?

    Wir beobachten bereits ein stärkeres Streben nach mehr Diversifikation unserer Ausfuhren. Damit würden wir unabhängiger von einzelnen Märkten. Schon in der Vergangenheit war es oft so: Wenn es zum Beispiel mal in den USA schwächer lief, haben wir mehr nach China exportiert, und umgekehrt. Der Trend zu mehr Diversifizierung dürfte sich angesichts der globalen Krisen noch weiter verstärken, auch innerhalb von Regionen.

    China und die USA entkoppeln sich voneinander, das Decoupling – welche Auswirkungen erwarten Sie auf den Welthandel Ihrer Branche?

    China ist unser größter Exportmarkt, die USA der zweitgrößte. Internationaler Handel bringt grundsätzlich enorme Wohlstandgewinne für alle. Statt auf ein Decoupling setzen wir auf Freihandel und offene Märkte. Zu starke Abhängigkeiten gilt es vor allem durch mehr Diversifizierung zu verringern.

    Was ist Ihr Ausblick für die deutsche Wettbewerbsposition in den kommenden Jahren?

    Wir sind zuversichtlich. Soweit die Märkte offen bleiben, sollte es auch künftig möglich sein, über Innovationen neue Absatzmärkte zu erschließen. 

    Verband der Elektro- und Digitalindustrie (ZVEI) 

    Der ZVEI vertritt laut eigenen Angaben die gemeinsamen Interessen der Elektro- und Digitalindustrie und der zugehörigen Dienstleistungsunternehmen in Deutschland und auf internationaler Ebene.

    Von Christina Otte, Eva-Maria Korfanty-Schiller | Bonn

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