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"Die Bahnbranche verlangt Geduld und Qualitätsbewusstsein"
Vom Erzgebirge in Europas Züge: Björn Rülke erklärt im Interview, wie seine Holztechnikfirma vom Boom der Bahn profitiert und warum Zuginterieurs aus Holz europaweit gefragt sind.
01.06.2026
Von Fabian Möpert | Berlin
Die wachsende Nachfrage nach neuen Zügen auf Europas Eisenbahnmärkten füllt die Auftragsbücher nicht nur bei Erstausrüstern und Systemlieferanten, sondern auch bei Zulieferbetrieben in spezifischen Marktnischen. Das spürt man auch bei der Rülke GmbH im sächsischen Eppendorf. Das Familienunternehmen ist Spezialist für Holzbearbeitung und war ursprünglich auf Spielwaren spezialisiert. Inzwischen liefert Rülke Massivholzteile für Sitzsysteme und andere Innenausstattung von Personenzügen an Kunden in ganz Europa – Marktanteil nach eigenen Angaben: 70 bis 75 Prozent. Wie die Firma zum Bahnzulieferer wurde, und was die Branche besonders macht, berichtet Inhaber Björn Rülke im Interview mit Germany Trade & Invest.
Herr Rülke, einst Holzeisenbahnen für Kinderzimmer, heute Komponenten für echte Züge – wie kam es dazu?
Tatsächlich war unsere Firma ursprünglich ein Holzspielwarenhersteller, gegründet im späten 19. Jahrhundert. In den 1990er-Jahren ist ein Großteil der Spielzeugproduktion kostengetrieben nach Asien abgewandert – das hat uns gezwungen, neue Geschäftsfelder zu finden. Für uns als Holzbearbeiter war dann zunächst die Möbelbranche naheliegend. In die Bahntechnik hat uns schließlich ein günstiger Zufall gebracht: Der Einkäufer eines Möbelunternehmens, das wir beliefert hatten, wechselte zu einem Hersteller von Sitzsystemen für Bahnen. Er hat dann bei uns angefragt, ob wir Armlehnen für Zugsitze auch aus Holz anfertigen könnten. Diese Chance haben wir ergriffen. Wir haben schnell das Marktpotenzial erkannt, weil es auch nicht viele Wettbewerber gibt.
Mit welchen Spezifika der Bahnbranche mussten Sie sich auseinandersetzen?
Die Anforderungen im Bahnbereich sind hoch, etwa was Sicherheitsaspekte, Materialqualität und Zertifizierungen betrifft. Da steckt viel Prüfaufwand dahinter: von DIN-Normen über Brandschutz-Zertifikate bis hin zu Materialtests für Vibrationen und Dauerbelastungen. Dem haben wir uns gestellt und arbeiten heute nach internationalen Produktstandards. Die Bahnbranche verlangt Geduld und ein ausgeprägtes Qualitätsbewusstsein – genau das entspricht unserer Firmenphilosophie.
Wer sind Ihre Kunden?
Unsere Produkte wie Armlehnen, Klapptische und Verkleidungsteile aus Holz werden inzwischen in Zügen und Straßenbahnen, aber auch Reisebussen und sogar Kreuzfahrtschiffen in ganz Europa verbaut. Wir beliefern namhafte Hersteller von Zügen beziehungsweise Sitzsystemen in Deutschland, Polen, Tschechien, Spanien, Portugal und vielen weiteren Ländern – bis hin in die Türkei. Nicht selten handelt es sich bei den Abnehmern auch um deutsche Konzerntöchter im Ausland. Die Bahn- und Mobility-Sparte macht heute rund 30 bis 40 Prozent unseres Umsatzes aus, Tendenz steigend.
Wie erleben Sie die aktuelle Marktsituation im Bahnsegment?
Die Nachfrage aus der Bahnindustrie kommt in Wellen. Sie hängt stark davon ab, welche Großprojekte und Flottenbeschaffungen gerade laufen. Momentan spüren wir Rückenwind: Viele Bahnbetreiber investieren in moderne Fern- und Regionalzüge, und das merkt man in unseren Auftragsbüchern. Ein Trend, der uns von Beginn an in die Karten spielt, ist Nachhaltigkeit. Holz ist ein umweltfreundlicher, nachwachsender Werkstoff, und immer stärker gefragt. In der Bahn, wo Innenausstattungen jahrzehntelang halten müssen, passen langlebige Holzprodukte sehr gut zum Thema Kreislaufwirtschaft. Unsere Holzteile bieten eine hochwertige Optik und lassen sich bei Bedarf aufarbeiten oder wiederverwenden.
Was spricht noch für den Einsatz von Holzteilen?
Während sich im Automotive-Bereich aufgrund großer Volumina hohe Anfangsinvestitionen Spritzgussteile aus Kunststoff schnell amortisieren, lohnt sich das im Projektgeschäft der Bahn oft nicht – selbst bei einigen tausend Einheiten. Entsprechend bietet es sich an, auf alternative Materialien wie Holz zurückzugreifen.
Das bedeutet für uns umgekehrt aber auch, dass wir bei der Automatisierung an Grenzen stoßen. Deswegen ist bei uns der Anteil an manueller Arbeit hoch, und der Anteil der Lohnkosten an den gesamten Produktionskosten dementsprechend. Unter Kostenaspekten betrachtet ließe sich in China oder Vietnam sicher zu einem Viertel bis einem Drittel des Preises herstellen. Zum einen sind für dortige Hersteller die typischerweise eingekauften Mengen aber zu gering. Und zum anderen sind lange Transportwege mit größeren Risiken verbunden.
Was ist Ihr Vorteil gegenüber Wettbewerbern?
Hauptsächlich die Nähe. Wir können zügig und zuverlässig liefern. Wegen der globalen politischen Verwerfungen streben viele Unternehmen gerade nach mehr Resilienz, setzen auf lokale Beschaffungsquellen, und nehmen dafür bislang auch höhere Kosten in Kauf. Das alles spielt uns in die Hände.
Was sind aus Ihrer Sicht Erfolgsfaktoren, um in anspruchsvollen Nischenmärkten Fuß zu fassen?
Mut und Spezialisierung sind zentral. Man muss bereit sein, Neuland zu betreten. Dabei ist es entscheidend, die eigenen Stärken zu kennen und konsequent auf Qualität zu setzen. So schafft man sich Alleinstellungsmerkmale auch gegenüber Mitbewerbern.