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Bahntechnik im Erzgebirge: Internationale Verbindung
Ein Cluster in Sachsen erprobt Lösungen im Schienenverkehr und entwickelt sich zum grenzüberschreitenden Kompetenznetzwerk. Im Blick steht dabei auch eines der wichtigsten Bahninfrastrukturprojekte Mitteleuropas. Davon profitiert die ganze Region.
01.06.2026
Von Fabian Möpert | Berlin
Im sächsischen Annaberg-Buchholz, unweit der Grenze zu Tschechien, entwickeln und erproben Ingenieurteams, mittelständische Ausrüster der Bahnbranche und Bahninfrastrukturbetreiber gemeinsam die Eisenbahntechnik von morgen und übermorgen. Der Smart Rail Connectivity Campus (SRCC) ist ein einzigartiger Forschungs- und Innovationscampus für intelligent-vernetzten Eisenbahnverkehr: von digitaler Zugleittechnik über vollautomatisierte Zugsteuerung auf Distanz per 5G-Mobilfunk bis hin zu innovativen Fahrzeugkonzepten. Im Netzwerk des SRCC engagieren sich bereits mehr als 160 Firmen und Institutionen aus dem In- und Ausland. Darunter sind große international agierende Konzerne wie Siemens Mobility, Vodafone oder Frauscher Sensortechnik, aber auch viele innovative Mittelständler.
Durch ein EU-gefördertes Internationalisierungsprojekt mit dem Namen "RailInnoHUB Sachsen-Tschechien" will sich der Campus nun zu einem grenzüberschreitenden Innovationscluster weiterentwickeln. "Kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) beiderseits der deutsch-tschechischen Grenze sollen gemeinsam mit Eisenbahnunternehmen marktfähige Bahntechnikinnovationen entwickeln und zusammen mit Infrastrukturbetreibern testen", erklärt Projektberater Ulrich Bobe. "Wir organisieren Workshops und Konferenzen und bahnen Pilotprojekte an, um Branchen- und Marktkenntnisse zu vermitteln."
"Wir machen den Mittelstand fit für den Sprung über die Grenze"
Dr. Rudolf Heidu ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dr.-Ing. Ulrich Bobe Projektberater am Smart Rail Connectivity Campus (SRCC) im sächsischen Annaberg-Buchholz. Sie sind Teil des Internationalisierungsprojekts "RailInnoHUB Sachsen-Tschechien".
Herr Bobe, Herr Heidu, Sie wollen mit dem SRCC die Zusammenarbeit mit Tschechien ausbauen. Wie?
Bobe: Zu unserem Netzwerk zählen schon jetzt mehr als 160 Partner aus Industrie, Wissenschaft und öffentlichen Stellen im In- und Ausland. Mit dem EU-geförderten Interreg-Vernetzungsprojekt "RailInnoHUB Sachsen-Tschechien" wollen wir neue Partner im Nachbarland Tschechien einbinden. Dadurch werden wir zu einem transnationalen Cluster. Die Mitglieder können gemeinsam marktfähige Bahntechnikinnovationen entwickeln und zusammen mit Infrastrukturbetreibern testen. Wir organisieren Workshops und Konferenzen und bahnen Pilotprojekte an, um Branchen- und Marktkenntnisse zu vermitteln. Das soll die Eintrittsbarrieren für KMU in den Bahntechniksektor senken.
Wo sehen Sie bislang für Mittelständler Hürden beim Markteintritt?
Heidu: Tschechiens Markt für Bahninfrastruktur ist speziell für KMU nicht einfach zu erschließen. Im tschechischen Markt dominieren einzelne Anbieter mit einer teils monopolähnlichen Stellung, das Preisniveau für gewisse Ausrüstungen liegt etwa 20 bis 30 Prozent über dem deutschen oder österreichischen Niveau. Zudem gibt es künstlich geschaffene technische Barrieren, die so nicht sein müssten. Das betrifft zum Beispiel die Ausgestaltung der Zugbeeinflussungs- und Zugleitsysteme. Hier wollen wir ansetzen, und hoffen, Marktbarrieren durch mehr Kooperation mittelfristig ein Stück weit aufzubrechen. Der tschechische Markt bietet langfristig großes Potenzial – und das wollen wir transparenter und zugänglicher machen.
Es gibt außerdem Pläne, Anfang des nächsten Jahrzehnts unsere Teststrecke von Annaberg ausgehend auf dem Streckenzweig zur Grenzstation Bärenstein/Vejprty weiterzuführen und langfristig bis ins tschechische Chomutov zu verlängern. Ein Memorandum of Understanding mit der tschechischen Seite liegt vor. Das wäre europaweit einzigartig. Wir könnten dann in unserer Testumgebung zusätzlich den Wechsel zwischen den Bahnsystemen zweier Länder direkt abbilden. Kleinere Zulieferer könnten so ihre Innovationen unter beiden Regelsystemen erproben, Zulassungen beschleunigen und Referenzen für internationale Großprojekte sammeln
Welche Großprojekte haben Sie denn im mitteleuropäischen Bahnsektor im Blick?
Heidu: Etwa den beabsichtigten Hochgeschwindigkeitsausbau des Korridors Berlin-Prag-Wien, oft „Via Vindobona“ genannt, inklusive des geplanten Erzgebirgsbasistunnels als Teil der Neubaustrecke Dresden-Prag. Dieser 32 Kilometer lange Tunnel zwischen dem sächsischen Heidenau und dem tschechischen Chabařovice wird von seiner Bedeutung her so etwas wie ein mitteleuropäischer „Suez-Kanal“.
Das kann ein riesiger Türöffner werden für deutsche wie auch für tschechische KMU. Der Effekt könnte ähnlich sein, wie im Fall von Škoda Auto: Wer als Zulieferer einmal den Fuß in der Tür des Volkswagen-Konzerns hatte, dem standen bei VW europaweit Türen offen. Und ich glaube, die Neubaustrecke Dresden-Prag kann für Lieferanten der Bahninfrastruktur ähnliche Wirkungen entfalten.
Mit RailInnoHUB SN-CZ knüpfen wir jetzt grenzübergreifend Kontakte, schließen Wissenslücken und führen in vielen binationalen Veranstaltungen potenzielle Partner zusammen. Wir machen den Mittelstand fit für den Sprung über die Grenze.
Deutsch-tschechisches Großprojekt im Blick
Die Organisatoren wollen Mittelständlern dabei auch helfen, von einem der größten Infrastrukturprojekte zwischen Deutschland und Tschechien zu profitieren: die geplante Neubaustrecke zwischen Dresden und Prag, inklusive zweier Tunnel durch das Erzgebirge und das Böhmische Mittelgebirge. Das Vorhaben gehört zu den wichtigsten Bahnprojekten Mitteleuropas und könnte den internationalen Eisenbahnverkehr auf der wichtigen Achse Berlin-Prag-Wien (oft 'Via Vindobona' genannt) in der Zukunft erheblich beschleunigen. "Der SRCC und sein Netzwerk können den Unternehmen als Sprungbrett dienen für die Teilnahme an ebensolchen ehrgeizigen Infrastrukturprojekten wie dem Erzgebirgstunnel", sagt Rudolf Heidu, wissenschaftlicher Mitarbeiter am SRCC. "Mit RailInnoHUB knüpfen wir jetzt grenzübergreifend Kontakte, schließen Wissenslücken und führen potenzielle Partner zusammen."
Auch bei neuen Lokomotiven und Waggons für den mitteleuropäischen Personenfernverkehrs soll RailInnoHUB noch mehr Kooperation anstoßen: "Wir brauchen den deutschen ICE in Prag", sagt Heidu zugespitzt. "Und der ICE von Berlin nach Wien über Prag muss auf einer einheitlichen technischen Plattform laufen können." Vorbildcharakter habe die Kombination aus Vectron-Lokomotiven von Siemens Mobility, die mit tschechischen ComfortJet-Zuggarnituren fahren, gebaut vom Konsortium Siemens Mobility und Škoda Transportation. Seit 2025 ersetzen sie ältere Wagen im Fuhrpark der tschechischen Staatsbahn České dráhy auf Verbindungen ins Ausland. "Ein vorbildliches Beispiel deutsch-tschechischer Zusammenarbeit", findet Heidu.
Europas Bahnbranche investiert wie nie
Europas Eisenbahnbranche befindet sich mitten in einer Modernisierungswelle, die so umfangreich ist wie seit Jahrzehnten nicht. Bahnbetreiber bauen Schnellzugstrecken um oder aus, rüsten sie mit elektronischen Zugkontrollsystemen nach einheitlichen europäischen Standards (ETCS) aus, machen die Betriebsabläufe effizienter und versuchen, die Kapazitäten auf hochfrequentierten Abschnitten zu steigern. Sie investieren in vorausschauende Instandhaltung und kaufen neue Lokomotiven und Waggons. In vielen EU-Ländern werden Infrastrukturbetreiber, Beförderer und staatliche Bahnverwaltungen in den kommenden Jahren Milliarden investieren.
Es ist nicht zuletzt die Europäische Union, die das Thema treibt. Sie will den Marktanteil des Schienengüterverkehrs bis 2030 um 50 Prozent steigern und bis 2050 verdoppeln. Gleichzeitig haben noch nie so viele Menschen in der EU so weite Strecken mit der Bahn zurückgelegt wie heute. Die europäische Statistikbehörde Eurostat meldet für 2024 ein Rekordergebnis von 444,5 Milliarden Personenkilometern. EU-Förderinstrumente wie die Connecting Europe Facility (CEF) oder Mittel aus der EU-Kohäsionspolitik unterstützen deshalb die Finanzierung von Infrastrukturvorhaben. Es entstehen neue Transversalen wie beispielsweise der Semmeringbasistunnel in Österreich oder der Brennerbasistunnel zwischen Österreich und Italien. Und eben auch die Neubaustrecke Dresden-Prag samt Erzgebirgstunnel.
SRCC soll auch die Grenzregion beflügeln
Der Bahntechniksektor bietet also großes Potenzial, birgt aber auch so manche Hürde. Gerade in Sachen Infrastruktur steckt der Teufel häufig im Detail. Aufwendige Zulassungsverfahren, inkompatible Systeme oder komplexe nationale Vergabeprozesse machen den Zugang zu Auslandsmärkten schwierig, besonders für KMU, und auch in Tschechien. Genau dort setzt das SRCC-Netzwerk mit seinem Internationalisierungsprojekt an. "Wir hoffen, Marktbarrieren durch mehr Kooperation mittelfristig ein Stück weit aufzubrechen", sagt RailInnoHUB-Koordinator Heidu.
Der Innovationscampus selbst, entstanden auf einem wiederbelebten Bahngelände, schafft derweil einen wichtigen Wachstumspol für die Strukturentwicklung in der ländlich geprägten Region. Die TU Chemnitz hat im ehemaligen Stationsgebäude des 'Unteren Bahnhofes' eine Außenstelle eröffnet. Ihr folgt bald noch eine neue Forschungshalle, wo Schienenfahrzeuge vor Ort mit Testequipment ausgerüstet werden können. Das bundeseigene Unternehmen DB InfraGO wird auf dem Areal ab Sommer 2026 ein Schulungszentrum betreiben. Im Campusumfeld haben sich zudem Technikanbieter angesiedelt, so etwa die Deutschland-Niederlassung der österreichischen Firma Frauscher Sensortechnik.
Herzstück des SRCC ist die rund 25 Kilometer lange Teststrecke zwischen Annaberg-Buchholz und Schwarzenberg, komplett mit Tunneln, Brücken, Steigungen und wechselnden Witterungsverhältnissen. Erprobt wird hier insbesondere das ferngesteuerte Fahren von Zügen. Dafür ist das Testfeld mit modernster 5G-Mobilfunktechnik ausgerüstet. Auf die stützt sich der neue Bahnfunkstandard FRMCS. Hohe Datenübertragungsraten und niedrige Latenzzeiten schaffen die Voraussetzung für autonomen Fahrbetrieb. Auch hybride Antriebstechnologien lassen sich hier testen: dank einer Ladestation für Akkuzüge.
Deutsches Zentrum für Mobilität (DZM): Vier Projektstandorte unter einem Dach
Der Smart Rail Connectivity Campus Annaberg-Buchholz ist einer von vier Projektstandorten des Deutschen Zentrums Mobilität der Zukunft (DZM). Sie bearbeiten komplementäre Forschungsfelder und stehen im engen Austausch.
DZM-Standort Annaberg: fokussiert die interdisziplinäre Untersuchung und prototypische Umsetzung von Mensch-Technik-Interaktion (Teleoperation) im Bahnbetrieb sowie einen Ansatz zur Digitalisierung der Leit- und Sicherungstechnik.
DZM-Standort Minden: legt den Schwerpunkt auf neue Zugkonzepte für Nebenstrecken (automatisierte Kleinzüge). Die Forschungsinfrastruktur ist an den RailCampus OWL (Ostwestfalen-Lippe) angegliedert.
DZM-Standort Karlsruhe: untersucht nutzerzentrierte Mobilitätslösungen für autonomen ÖPNV zum Pendeln zwischen Stadt und Land, darunter automatisierte Shuttles. Die Federführung der Forschungsprojekte obliegt dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT).
DZM-Standort Hamburg: entwickelt intelligente Sensortechnologien in Kombination mit künstlicher Intelligenz, die dem Infrastrukturmonitoring dienen, darunter Bahnbrücken. Die Projekte werden koordiniert durch das Hanseatic Wireless Innovation Competence Center (HAWICC).