Interview | Finnland | Kreislaufwirtschaft
"Finnlands Kreislaufwirtschaft bietet viele Anknüpfungspunkte"
Abfälle minimieren, Produkte wiederverwenden, Ressourcen im Umlauf halten - Lösungen für die Kreislaufwirtschaft finden in Finnland Anklang. Ein Marktkenner ordnet die Chancen ein.
24.04.2026
Von Fabian Möpert | Berlin
Motiva fördert als Beratungsdienstleister in öffentlicher Trägerschaft Finnlands nachhaltige Entwicklung und agiert mit seiner Expertise als Mediator zwischen Behörden, Unternehmen, Industrie und Verbrauchern. Fachwissen, Netzwerke und Informationsportale sollen auch in Sachen Kreislaufwirtschaft dabei helfen, Strategien in konkrete Ergebnisse zu übersetzen.
Martin Brandt ist Business Development Manager der unternehmensorientierten Beratungstochter Motiva Services Oy und kennt den finnischen Markt für Recyclinglösungen. Im Interview mit Germany Trade & Invest ordnet er ihn ein.
Herr Brandt, was zeichnet Finnlands Markt für Abfall- und Kreislauflösungen aus?
Die enge Zusammenarbeit zwischen Industrie und Behörden trägt wesentlich dazu bei, dass die Kreislaufwirtschaft floriert und Geschäftschancen entstehen. Finnland hat früh eine nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie aufgestellt und treibt dieses Konzept systematisch voran. Bis 2035 will das Land klimaneutral sein und sieht in der Kreislaufwirtschaft dafür einen wesentlichen Schlüssel. Wille und Rahmenbedingungen sind da - nun kommt es darauf an, die Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung zu schließen.
Wo liegen die Herausforderungen?
Charakteristisch für den Status quo ist leider ein hoher Materialverlust. Noch werden viele rezyklierbare Materialien der thermischen Verwertung zugeführt, also verbrannt. Dem liegt auch ein Zielkonflikt zugrunde: Wird mehr recycelt, wirkt sich das auf die Auslastung der Müllverbrennungsanlagen aus. Zudem ist Verbrennen oft die günstigere Art der Entsorgung. Recyclinglösungen sind - zumindest im Anfangsstadium - oft kostenintensiver. Langfristig zahlen sie sich aber aus. Dieser Zielkonflikt ist ein zentrales Geschäfts- und Strategieproblem auch innerhalb vieler Firmen.
Ein Erfolgsfaktor ist also die wirtschaftliche Absicherung von Recyklat-Märkten?
Ja. Die örtlich anfallenden Stoffströme sind eben häufig eher klein. Das erschwert dezentrale wirtschaftliche Lösungen. Umso gefragter sind deshalb kosteneffiziente Verfahren zum Sortieren und Aufbereiten, die auch für geringe Materialmengen tragfähig sind. Für bestimmte Nebenströme gibt es bislang wenige, eher zentrale Großanlagen.
Wobei können sich deutsche Lösungsanbieter einbringen?
Die finnische Kreislaufwirtschaft bietet viele Anknüpfungspunkte für deutsche Firmen. Es gilt, Lücken beim Erreichen der EU-Recyclingziele zu schließen. Erhebliche Nachfrage besteht zum Beispiel bei kombinierten Sortiersystemen, die helfen, Stoffströme möglichst sortenrein zu halten. Anklang finden zudem datengestützte Lösungen rund um Themen wie Produktidentifikation, Nachverfolgung und Materialerkennung. Prozessinnovationen eröffnen dem Anlagenbau Chancen. Einzahlen können auch alle Arten von Lösungen, die beim Verbraucher ansetzen und das getrennte Sammeln erleichtern. Das geht dann hinein bis in Bereiche wie Inneneinrichtungen, Architektur und bauliche Elemente.
Gibt es weitere Synergiepotenziale?
Auch als Skalierungs- und Industrialisierungspartner für finnische Innovatoren können ausländische Unternehmen Win-Win-Situationen erzeugen. Deutsche Firmen profitieren vom finnischen Know-how in der Kreislaufwirtschaft und Finnland umgekehrt von deutscher Industrietradition und Umwelttechnologie, die im Land hoch angesehen sind. Interessant ist auch die Kooperation für Drittmärkte. Der finnische Markt kann – trotz seiner kleinen Größe – als gemeinsames Testlabor und Sprungbrett für globale Kreislaufwirtschaftslösungen dienen.