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Pharmadeal mit den USA gibt neue Impulse

Ein neues Abkommen mit den USA gewährt britischen Pharmaexporteuren Zollfreiheit – knüpft dies aber an steigende staatliche Arzneimittelausgaben in Großbritannien.

Von Marc Lehnfeld | London

Ausblick der Pharmaindustrie im Vereinigten Königreich

Bewertung:

  • Großer europäischer Pharmamarkt mit attraktivem Marktwachstum.
  • Knappe Budgets im öffentlichen Gesundheitswesen und hohe Marktmacht des National Health Service schmälern Margenpotenzial.
  • Neuer UK-US-Pharmadeal verbessert Rahmenbedingungen, muss sich aber erst beweisen, um tatsächlich Investitionsbremse zu lockern.

Anmerkung: Einschätzung des Autors für die kommenden zwölf Monate auf Grundlage von prognostiziertem Umsatz- und Produktionswachstum, Investitionen, Beschäftigungsstand, Auftragseingängen, Konjunkturindizes etc.; Einschätzungen sind subjektiv und ohne Gewähr; Stand: April 2026

Markttrends

Mit einem Umsatz von etwa 33 Milliarden Euro zählte das Vereinigte Königreich im Jahr 2025 zu den größten Pharmamärkten Europas. Hinzu kommt ein solides Marktwachstum von durchschnittlich 4,7 Prozent pro Jahr auf Pfundbasis bis 2030, wie Analysten von BMI, einer Fitch Solutions-Tochtergruppe, prognostizieren. Zu den wichtigsten Markttreibern zählen die alternde Bevölkerung, die angespannte Versorgungssicherheit bei Medikamenten sowie zuletzt ein neues Abkommen der britischen Regierung mit den USA, das die Arzneimittelpreise im Land erhöht. Die Insel ist der sechstgrößte Importmarkt für Arzneimittel in Europa sowie der neuntgrößte weltweit. Deutschland ist das wichtigste Lieferland für Pharmazeutika in das Vereinigte Königreich.

Der britische Pharmamarkt wächst bis 2030 jahresdurchschnittlich um 4,7 ProzentVerkäufe/Prognosen für Arzneimittel nach Segment im Vereinigten Königreich in Milliarden Euro
Segment

2024 1)3)

2025 1)4)

2026 2)5)

2027 2)5)

Pharmamarkt gesamt

32,4

33,3

34,0

35,7

Verschreibungspflichtig, davon:

22,1

22,7

23,1

24,2

    Patent

15,5

15,9

16,2

17,0

    Generika

6,6

6,8

6,9

7,3

OTC (Over the Counter)

10,2

10,6

10,9

11,5

1 Schätzung; 2 Prognose; 3 durchschnittlicher Jahreswechselkurs der Europäischen Zentralbank 2024: 1 Euro = 0,84662 Pfund-Sterling (£); 4 2025: 1 Euro = 0,85679 (£); 5 2026/2027: 1 Euro = 0,86545 (£).Quelle: BMI 2026; Berechnungen von Germany Trade & Invest 2026

Für deutsche Pharmahersteller ist das Königreich ein wichtiger Absatzmarkt. Seit Jahrzehnten zählt Großbritannien zu ihren zehn wichtigsten Exportdestinationen. Sechs Jahre nach dem Brexit sind die Markteintrittshürden jedoch gestiegen und der britische Anteil an den deutschen Pharmaexporten ist leicht gesunken. 

Pharmadeal mit den USA erhöht Medikamentenpreise im Königreich

Ende 2025 schloss das Vereinigte Königreich mit den USA ein wegweisendes Arzneimittelabkommen, das am 2. April 2026 konkretisiert wurde. Die USA gewähren Zollfreiheit für importierte britische Pharmaprodukte und verpflichten sich für mindestens drei Jahre keine weiteren Zusatzzölle einzuführen. Im Gegenzug verpflichtet sich Großbritannien, die Arzneimittelausgaben des staatlichen Gesundheitsdienstes NHS deutlich zu erhöhen. Die US‑Administration begründete den Deal damit, dass staatlich regulierte, vergleichsweise niedrige Arzneimittelpreise im Vereinigten Königreich und anderen Industrieländern dazu führten, dass US‑Patienten deutlich höhere Preise zahlen und damit Innovation im Ausland mitfinanzieren.

Bis 2035 soll sich der Anteil der Medikamentenausgaben am Bruttoinlandsprodukt schrittweise von derzeit 0,3 Prozent auf 0,35 Prozent bis 2028 und schließlich auf 0,6 Prozent erhöhen. Damit würde sich der Anteil langfristig verdoppeln. Hierfür wird das Preiserstattungssystem reformiert. Grundlage dafür ist das Voluntary Scheme for Branded Medicines Pricing, Access and Growth (VPAG) - ein freiwilliges Preis- und Ausgabensteuerungssystem für patentgeschützte, markengebundene Arzneimittel im Vereinigten Königreich. Dieses wurde 2024 zwischen dem britischen Gesundheitsministerium und der Association of the British Pharmaceutical Industry (ABPI) geschlossen und gilt vorerst bis Ende 2028.

Branchenstruktur und Rahmenbedingungen

Die Maßnahmen des UK-US-Abkommens beleben nicht nur den britischen Pharmamarkt, sondern haben auch das Potenzial, zuvor eingefrorene Investitionspläne der Pharmakonzerne im Königreich wieder zu aktivieren. Große Pharmaunternehmen im Land loben die im UK-US-Abkommen vereinbarten höheren Preisschwellen und zeigen sich optimistischer gegenüber möglichen Investitionen. 

UK-US-Deal sorgt für Tauwetter bei eingefrorenen Investitionsplänen

Die Neuregelung gibt den auf Eis gelegten Plänen für Produktionsanlagen und Forschungszentren neuen Schwung. AstraZeneca kündigte Ende April 2026 an, seine rund 345 Millionen Euro teure Erweiterung des Forschungszentrums in Cambridge wieder aufzunehmen. Zu beobachten bleibt nun, ob vergleichbare Projekte von Merck MSD und Eli Lilly ebenfalls nachfolgen.

 

Ausgewählte Investitionsprojekte der pharmazeutischen Industrie im Vereinigten Königreich Investitionssumme in Millionen Euro
Akteur/ProjektInvestitionssumme ProjektstandAnmerkungen
BioNTech1.145im Mai 2025 angekündigtDas Unternehmen plant in den nächsten zehn Jahren den Ausbau ihrer Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten für innovative Arzneimittel im Vereinigten Königreich. Die britische Regierung bezuschusst rund 148 Millionen Euro über den gleichen Zeitraum 
Fujifilm Biotechnologies458Produktionsstart: Mitte 2026Produktionserweiterung am Standort in Teesside. Die Einrichtung umfasst Einweg-Bioreaktoren mit 2.000 und 5.000 Litern Fassungsvermögen und einer Gesamtkapazität von bis zu 19.000 Liter für die Antikörperproduktion
Accord Healthcare57in PlanungDer Generikahersteller plant eine neue Produktionsstätte für Medikamente für die Behandlung von Krebs und Autoimmunerkrankungen in Newcastle upon Tyne
Lonza27in der UmsetzungNeuer Standort für die Produktion von Biologika in der Nähe von Reading. Die Umwicklung des Projekts und Umzug vom bisherigen Standort in Slough soll sich über mehrere Jahre erstrecken. Das Vorhaben wird von der britischen Regierung bezuschusst.
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026

David Ricks, CEO des Eli Lilly-Konzerns, erklärte: „Diese Vereinbarung zwischen Großbritannien und den USA im Bereich Arzneimittel ist ein ermutigender Schritt. Die positive Entwicklung im Vereinigten Königreich verdient unsere Aufmerksamkeit, und Lilly wird seine Investitionspläne dort überdenken, sobald sich das Umfeld verbessert.“ Noch im Herbst 2025 bezeichnete er laut Informationsportal Fierce Pharma das Königreich als „schlechtestes Land in Europa“ in Bezug auf Medikamentenpreise und als „kein attraktives Umfeld für Investitionen“. 

Pharma mit zweithöchsten F&E-Ausgaben

Mit den Zentralen der globalen Pharmakonzerne GSK und AstraZeneca sowie exzellenten Forschungsclustern von Weltrang in Cambridge und Liverpool gehört die Insel zu den bedeutenden Pharmastandorten. Der Sektor zählt zugleich zu den hochtechnologischen Schlüsselsektoren des Landes. Das Office for Life Sciences schätzt nach den aktuellsten Angaben von Oktober 2025 für das Geschäftsjahr 2023/2024 den Life-Science-Sektor, einschließlich der im Land vergleichsweise kleinen Medizintechnikbranche, auf rund 7.320 Unternehmen mit 359.600 Beschäftigten und einem Branchenumsatz von umgerechnet etwa 169 Milliarden Euro.

Der Pharmasektor gehört zu den innovativsten Sektoren des Landes. Nur Softwareunternehmen gaben im Vereinigten Königreich im Jahr 2024 mit 11,8 Milliarden Euro mehr für Forschung und Entwicklung (F&E) aus als Arzneimittelhersteller mit einem Budget von 10,7 Milliarden Euro. Der Anteil der Pharmaindustrie an den F&E-Ausgaben der Wirtschaft beträgt 16,8 Prozent.

Die britische Regierung unterstützt die Branchenentwicklung mit einem im Sommer 2025 vorgestellten Life Sciences Sector Plan. Ziel sind schnellere klinische Studien, eine bessere Nutzung von NHSDaten sowie zusätzliche industrielle Investitionen bis 2030. Zentrale Maßnahmen umfassen bis zu 690 Millionen Euro für einen nationalen HealthDataService, bis zu 600 Millionen Euro zur Förderung der LifeSciencesProduktion sowie das Ziel, klinische Studien in unter 150 Tagen aufzusetzen. Der Branchenverband ABPI bewertet den Plan als wichtigen Baustein für die weitere Entwicklung der Industrie.