Wirtschaftsausblick | Georgien
Konjunktur in Georgien zeigt sich stabil
Georgiens Wirtschaft wächst solide, im Jahr 2026 voraussichtlich um 6 Prozent und 2027 um 5 Prozent. Treiber sind Konsum und Investitionen. Deutsche Produkte bleiben gefragt.
31.05.2024
Von Uwe Strohbach | Tiflis
Top-Thema: Georgien etabliert sich als Logistikhub zwischen Europa und China
Alternative Routen zwischen China, Zentralasien und Europa unter Umgehung Russlands stärken den sogenannten Mittleren Korridor über Georgien. Das Land positioniert sich als zentraler Transporthub und treibt mehrere Infrastrukturprojekte voran:
- Tiefseehafen Anaklia – Phase 1 von 2025 bis 2029: 600 Millionen US-Dollar (US$), Umschlagkapazität: 600.000 Standardcontainer (20 Fuß; TEU) pro Jahr
- Ausbau des Hafens Poti sowie Bau eines neuen Tiefseeterminals durch APM Terminals Poti (Dänemark)
- Erweiterung des Containerterminals im Hafen Poti durch PTC Holding und Bau eines neuen Terminals in Anaklia durch KTZ (beide Kasachstan)
- Verdreifachung der Umschlagkapazität des 2025 eröffneten Tbilisi Dry Port auf 286.000 TEU durch TDP/Abu Dhabi Ports (Georgien, Vereinigte Arabische Emirate)
Der Beitrag des Transport- und Logistiksektors zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) könnte sich in den kommenden Jahren auf über 4 Milliarden US$ verdoppeln.
Wirtschaftsentwicklung: Dienstleistungen bestimmen die Dynamik
Für 2026 erwarten georgische Ökonomen sowie internationale Geberbanken ein reales Wachstum des BIP von rund 6 Prozent. In den Folgejahren dürfte es bei mindestens 5 Prozent liegen. Laut Internationalem Währungsfonds wird das BIP pro Kopf von 2024 bis 2031 um etwa 61 Prozent steigen. Bereits zwischen 2022 und 2025 wuchs die Wirtschaft durchschnittlich um rund 9 Prozent.
Der Aufschwung ist breit getragen. Vor allem Dienstleistungen – darunter Handel, Bildung, Informations- und Kommunikationstechnologien sowie Transport und Lagerei – treiben die Dynamik. Ergänzend wirken Bauwirtschaft und Investitionen. Auch der Tourismus gewinnt weiter an Bedeutung: 2026 könnten die Einnahmen auf rund 5 Milliarden US$ steigen.
Gleichzeitig bestehen Risiken. Innenpolitische Spannungen, Reformrückschritte und die Annäherung an Russland haben dazu geführt, dass die EU Georgiens Beitrittsprozess ausgesetzt hat. Ein Kurswechsel ist derzeit nicht absehbar. Dies könnte die Attraktivität des Landes für westliche Investoren und Kreditgeber mindern.
Die Regierung verfolgt eine Doppelstrategie. Sie pflegt sowohl zur EU als auch zu Russland partnerschaftliche Beziehungen. Das Reformprogramm für 2025 bis 2027 orientiert sich an EU-Vorgaben für mögliche Verhandlungen nach 2028. Rund 80 Prozent der Gesetzgebung entsprechen bereits EU-Normen.
Staat und Unternehmen weiten ihre Investitionen aus
Private Investitionen konzentrieren sich auf Städtebau, Tourismus- und Freizeitprojekte, Wasserkraft sowie Logistik. Hinzu kommt das verarbeitende Gewerbe, insbesondere die Branchen Baustoffe und Nahrungsmittel.
Öffentliche Mittel fließen vor allem in den Straßenbau, den Wassersektor sowie in soziale Infrastruktur, insbesondere Schulen. Zudem fördert der Staat den Agrarsektor und das private Unternehmertum.
Die ausländischen Direktinvestitionen dürften 2026 und 2027 mindestens das hohe Niveau von 1,7 Milliarden US$ im Jahr 2025 erreichen. Der Großteil entfällt auf Reinvestitionen. Sie lagen 2025 bei 1,4 Milliarden US$.
Privatverbrauch wächst – bleibt jedoch schwach
Der private Konsum entwickelt sich positiv. Treiber sind deutliche Reallohnzuwächse, eine lebhafte Kreditvergabe an Haushalte sowie der Incoming-Tourismus. Hinzu kommen die weiterhin hohen Rücküberweisungen aus dem Ausland, die 2026 auf 3,8 Milliarden US$ taxiert werden.
Vor allem in der Hauptstadt Tiflis investieren private Akteure in den Aus- und Neubau von Handelseinrichtungen. Auch der Online-Handel wächst dynamisch: Das Marktvolumen dürfte 2027 rund 2 Milliarden US$ erreichen.
Gleichwohl bleibt der Verbrauchermarkt angespannt. Armut und Arbeitslosigkeit lagen 2025 mit offiziellen Quoten von 17,3 und 13,9 Prozent auf hohem Niveau. Trotz steigender Reallöhne verfügen viele Haushalte nur über begrenzte Einkommen. Der durchschnittliche Nettolohn lag 2025 bei knapp 590 US$ pro Monat.
Außenhandel expandiert weiter
Für 2026 und 2027 erwartet das georgische Finanzministerium ein anhaltendes Wachstum im Warenhandel. Die Importe dürften 2026 nominal um etwa 14 Prozent und 2027 um 11 Prozent steigen. Für die Exporte werden Zuwächse von 13 und 10 Prozent prognostiziert.
Die Einfuhren übersteigen die Ausfuhren traditionell deutlich. Deviseneinnahmen aus dem Incoming-Tourismus und Rücküberweisungen aus dem Ausland (2025: 8,3 Milliarden US$) gleichen das Handelsdefizit jedoch zu einem großen Teil aus. Bei strategischen Gütern wie Energieträgern, Lebensmitteln und Technologien ist Georgien stark importabhängig. Wichtige Lieferländer sind die Türkei, die USA, China, Russland und Deutschland.
Mehr als die Hälfte der Exporte entfällt auf Reexporte, insbesondere die Wiederausfuhr importierter Pkw aus überwiegend US-Produktion. Hauptabnehmer sind Kirgisistan, Kasachstan (bei beiden Ländern teils zur Weiterleitung nach Russland) und Aserbaidschan. Zu den wichtigsten heimischen Exportgütern zählen Gold, Wein und Spirituosen, Ferrolegierungen, Mineralwasser, Nüsse sowie Erfrischungsgetränke. Hauptabnehmer sind Russland und China.
Deutsche Perspektive: Kleiner, liberaler Markt mit attraktiven Chancen
Georgien gilt im Rahmen der Östlichen Partnerschaft als Vorreiter bei der Liberalisierung des Handels mit der EU und der Übernahme des EU‑Rechts in nationales Recht. Gute Absatz- und Kooperationschancen bieten insbesondere Infrastrukturprojekte in der Wasser- und Abwasserwirtschaft, der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien sowie im Transport- und Logistiksektor. Weitere Potenziale bestehen beim Ausbau touristischer Einrichtungen, in der Ernährungswirtschaft sowie beim Business Process Outsourcing nach Georgien.
Deutschland ist innerhalb der EU der wichtigste Beschaffungsmarkt Georgiens. Deutsche Unternehmen liefern vor allem Kfz und -teile, chemische Erzeugnisse, Maschinen sowie Nahrungsmittel.
Weitere Informationen finden Sie auf unserer Länderseite Georgien.