Kaufkraft und Konsum | Indien

Die indische Konsumgesellschaft wandelt sich

Der Konsum ist eine wichtige Konjunkturstütze. Die Inder wollen immer mehr hochwertige Sachen kaufen und sie kaufen immer häufiger online. Wichtigstes Kaufkriterium ist der Preis.

Florian Wenke

Von Florian Wenke | Mumbai

Gemäß Weltbank gehört Indien zu den Ländern mit "niedrigem mittleren Einkommen". Die Prognose lautet, dass Indien bis 2047 den Status eines Landes mit "oberem mittleren Einkommen" erreichen wird. Die indische Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, das Land bis zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeit von Großbritannien zu einer entwickelten Volkswirtschaft zu machen. Ökonomen zufolge wäre dafür ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf von 15.000 bis 18.000 US-Dollar (US$) notwendig. Im Finanzjahr 2024/2025 (1. April bis 31. März) liegt das BIP pro Kopf erst bei 2.698 US$, schätzt der Internationale Währungsfonds.

Kaufkraft: Nur ein geringer Anteil an Personen ist wirklich zahlungskräftig

Die Kaufkraft ist in Indien heterogen verteilt. Tendenziell verfügen Stadtbewohner über einen größeren finanziellen Spielraum als Menschen auf dem Land. Zudem sind Regionen im Westen und Süden des Landes traditionell wohlhabender als im Norden und Osten. 

Indikatoren zur Kaufkraft in Indien

Indikator

Wert

BIP pro Kopf (in US$; für 2024/2025) 

2.698*

Sparquote (%; gespartes Einkommen der Haushalte als Anteil vom verfügbaren Bruttonationaleinkommen; 2022/2023)

18,4*

Verbraucherpreise (Veränderung zum Vorjahr in %; Durchschnitt für Januar bis einschließlich Oktober 2024)

4,9*

Devisenkurs (1 US$ = ... indische Rupien (iR.); Durchschnitt für Januar bis einschließlich Oktober 2024)

83,51

Einwohner (in Mio.; für Juli 2024)

1.451*

Finanzjahre jeweils vom 1. April bis 31. März ; * Schätzung.Quelle: Internationaler Währungsfonds 2024; National Statistical Office; Ministry of Statistics and Programme Implementation 2024; Bundesbank 2024; Vereinte Nationen 2024

Mit über 1,4 Milliarden Einwohnern ist Indien das weltweit bevölkerungsreichste Land. Die Investmentbank Goldman Sachs geht jedoch davon aus, dass 2023 nur 60 Millionen Menschen in Indien ein Einkommen von mehr als 10.000 US$ im Jahr hatten. Bis 2027 soll der Wert auf 100 Millionen steigen. 

Die Banker von Morgan Stanley prognostizieren, dass bis 2030 rund 168 Millionen Haushalte über ein Jahreseinkommen zwischen 8.000 und 40.000 US$ verfügen werden. Die Haushaltsgröße liegt in Indien zwischen vier bis fünf Personen. Weitere 132 Millionen Haushalte sollen zu dem Zeitpunkt im Einkommensbereich von 4.000 bis 8.000 US$ liegen. Im Jahr 2018 umfassten die beiden Gruppen erst 61 Millionen beziehungsweise 97 Millionen Haushalte.

Konsumausgaben: Wichtig für das Wirtschaftswachstum

Indiens robustes Wirtschaftswachstum ist zu einem hohen Grad konsumgetrieben. Der Privatverbrauch trägt zwischen 55 und 60 Prozent zum BIP bei. Angaben des Datenportals Statista zufolge wird der Wert des privaten Konsums 2024 rund 2,6 Billionen US$ betragen und bis 2027 auf 3,3 Billionen US$ klettern. Zudem ermöglichen steigende Gehälter mehr Konsum. 

Die Ausgaben für Grundbedürfnisse, insbesondere für Nahrungsmittel, spielen in Indien eine herausragende Rolle. Hier ist in den vergangenen Jahren jedoch eine Veränderung zu beobachten: Immer mehr Haushalte geben weniger Geld für Grundnahrungsmittel wie Linsen aus und verwenden stattdessen mehr für höherwertige Nahrungsmittel wie frisches Obst.

Gleichzeig sinkt der Anteil der Nahrungsmitteleinkäufe an den Gesamtausgaben seit einigen Jahren. Stattdessen geben Inderinnen und Inder mehr Geld für andere Bereiche aus, etwa Einrichtungsgegenstände oder ihre Gesundheitsversorgung. Zudem beobachten Experten eine Formalisierung des Konsums: Lange Zeit war der Einkauf von Lebensmitteln nur im Tante-Emma-Laden um die Ecke (Kirana-Shops) möglich, weil es keine andere Infrastruktur für den Lebensmitteleinkauf gab. Mittlerweile existieren auch Supermärkte und immer mehr Personen kaufen dort ein. Gleiches gilt auch für andere Konsumgüter, wie beispielsweise Elektronikwaren.

Indische Konsumenten geben am meisten Geld für Nahrung ausStruktur der Konsumausgaben 2022/2023; in US-Dollar; Anteil in Prozent
 

Jährliche Ausgaben pro Kopf

Anteil

Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke

417,1

29

Transport

244,7

17

Wohnraum, Energie und Wasser

184,8

13

Kleidung und Schuhe

76,0

5

Medizinische Versorgung

72,1

5

Bildung

63,7

5

Möbel, Haushaltsgeräte

43,5

3

Telekommunikation

35,7

3

Alkoholische Getränke, Tabak und sonstige Rauschmittel

28,7

2

Gastronomie, Hotels

27,7

2

Kultur, Freizeit

12,2

1

Sonstige Konsumausgaben

208,9

15

Gesamt

1.415,1

100

Finanzjahr vom 1. April bis 31. März; basierend auf dem durchschnittlichen Wechselkurs laut Bundesbank für August 2024: 1 US$ = 83,9 iR.Quelle: National Statistical Office 2024; eigene Berechnungen 2024

Konsumverhalten: Meistens entscheidet der Preis

Die Diversität auf dem Subkontinent erschwert es, einen "typischen" indischen Verbraucher zu beschreiben. Der Konsum ist entsprechend der jeweiligen sozioökonomischen Lebensumstände individuell. Die rasant wachsenden Konsummöglichkeiten seit Anfang der 1990er Jahre haben das Kaufverhalten geprägt. Am ehesten beschreiben die Worte "aufstrebend" und "ambitioniert" das Konsumverhalten. Die junge Bevölkerung Indiens das Medianalter liegt bei 28,4 Jahren prägt mit ihrem Geschmack und ihren Gewohnheiten große Teile des Kaufverhaltens.

Im internationalen Vergleich gelten Inder als preisbewusst. Bei großen und kleinen Anschaffungen ist es üblich, dass über Rabatte verhandelt wird, selbst wenn diese im Vergleich zum Kaufpreis klein ausfallen. Der Preis ist meist das entscheidende Kaufkriterium. Es ist schwierig, dem Konsumenten gegenüber Preisunterschiede zu rechtfertigen, die durch höhere Qualität oder besseren beziehungsweise umfassenderen Service entstehen. Entscheidungen über größere private Anschaffungen wie beispielsweise einen Pkw werden oft nicht alleine getroffen, sondern nach Diskussionen im Familienkreis. Intensive Produktvergleiche sind üblich und die Mehrzahl der Kunden wünscht sich eine ausführliche Beratung vor der Kaufentscheidung.

Großes Wachstumspotenzial bei Onlinehandel

In absoluten Zahlen verfügt Indien über eine riesige digitale Population. Laut der Plattform DataReportal gab es 2024 rund 752 Millionen Internetnutzer im Land. Dennoch sind das gerade einmal etwas mehr als 50 Prozent der Bevölkerung. Doch die Zahl der Nutzer steigt rasant, was insbesondere dem Onlinehandel zugutekommt. Laut einer Studie des Beratungsunternehmens Bain & Company wird die Zahl der indischen Onlinekäufer von 250 Millionen im Jahr 2023 auf 425 Millionen im Jahr 2027 steigen.

Die regierungsnahe India Brand Equity Foundation geht davon aus, dass der Onlinehandel 2024 ein Volumen von 123 Milliarden US$ erreichen wird. Bis 2030 sieht die Prognose einen Anstieg auf 300 Milliarden US$ voraus. Zwischen 2024 und 2028 soll sich der Anteil des Onlinehandels am Einzelhandel von 8 Prozent auf 14 Prozent nahezu verdoppeln. Unternehmen sollten sich darauf einstellen und ihre digitalen Vertriebskanäle stärken.