Wirtschaftsstandort | Israel

Hightechstandort im Schatten des Krieges

Israels Hightech-Wirtschaft zählt zur Weltspitze – doch der anhaltende Krieg hat Schwächen offengelegt und die wirtschaftlichen Risiken deutlich erhöht.

Von Wladimir Struminski | Jerusalem

Im August 2024 überschritt Israels Bevölkerung laut offiziellen Angaben zufolge erstmals die 10-Millionen-Marke. Die Weltbank bezifferte das kaufkraftbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner 2024 auf 55.690 US-Dollar (US$). Damit betrug es 91 Prozent des OECD-Durchschnitts.

In der Rangliste der deutschen Exportziele lag Israel 2024 auf Platz 44. Als Investitionsstandort spielt das Land für die deutsche Wirtschaft insgesamt eine untergeordnete Rolle. Wenn investiert wird, dann vor allem im Hightech-Sektor. 

Die seit 2023 andauernden militärischen Konflikte – zunächst mit Gaza, später auch mit dem Libanon und Iran – stellen eine erhebliche Belastung für Israels Wirtschaft dar.

  • Israels Industrie stagniert, doch die Techbranche boomt. Gleichzeitig stellt das starke Bevölkerungswachstum die Wirtschaft vor strukturelle Herausforderungen.

    Israels Wirtschaft ist eng in internationale Lieferketten eingebunden. Der Außenhandel konzentriert sich fast ausschließlich auf Überseemärkte – insbesondere die EU, die USA und China. In der direkten Nachbarschaft bleibt Israel wirtschaftlich weitgehend isoliert. Hoffnungen auf engere Wirtschaftsbeziehungen zu Staaten der Golfregion haben sich nicht erfüllt. Lediglich zu den Vereinigten Arabischen Emiraten bestehen nennenswerte Verbindungen.

    Zwar gehört Israel keinem Wirtschaftsblock an, pflegt aber zahlreiche Freihandelsabkommen, etwa mit der EU, EFTA und den USA. Eine Ausnahme bildet China, wo entsprechende Verhandlungen bislang nicht abgeschlossen wurden. Israels Unternehmen stehen sowohl auf dem Weltmarkt als auch im Inland im Wettbewerb mit globalen Akteuren.

    Die Wirtschaftstätigkeit konzentriert sich auf den Großraum Tel Aviv. Auch die Hafen- und Chemiemetropole Haifa spielt eine bedeutende Rolle. Periphere Regionen, vor allem der bevölkerungsarme Süden des Landes, sind ökonomisch von untergeordneter Bedeutung.

    10,1 Mio.

    Menschen lebten im Juni 2025 in Israel

    Quelle: Zentralamt für Statistik (Central Bureau of Statistics), 2025

    540 Mrd. US-Dollar

    betrug das Bruttoinlandsprodukt 2024 (nominal).

    Quelle: Zentralamt für Statistik (Central Bureau pf Statistics), 2025

    54.189 US-Dollar

    machte das BIP pro Kopf damit 2024 aus.

    Quelle: Zentralamt für Statistik (Central Bureau of Statistics), 2025

    Rang 44

    belegte Israel 2024 unter den deutschen Exportzielen.

    Quelle: Destatis 2025

    Rang 30

    nimmt Israel im Corruption Perceptions Index 2024 ein (unter 180 Ländern).

    Quelle: Transparency International 2025

    2,2 %

    betrug die Analphabetenquote  nach den jüngsten verfügbaren Angaben

    Quelle:  CIA World Factbook Online-Version, aktualisiert am 7.10.2024

     

     

    Ausführliche Informationen zur Wirtschaft finden Sie in den Wirtschaftsdaten kompakt.

    Deutsche Perspektive: Israel als Handels- und Kooperationspartner

    Im Jahr 2024 führte Deutschland nach Angaben des Bundesamtes für Statistik Waren im Wert von 5,3 Milliarden Euro aus. Damit lag Israel auf Rang 44 der deutschen Exportmärkte. Die deutschen Einfuhren aus Israel beliefen sich auf 3 Milliarden Euro. Die wichtigsten deutschen Importprodukte im Handel mit Israel sind Maschinen und Ausrüstungen.

    Israels Wirtschaft verbuchte in den vergangenen Jahren ein solides Wachstum: Von 2013 bis 2022 lag die durchschnittliche jährliche BIP-Zunahme nach Angaben des Internationalen Währungsfonds bei 4 Prozent. Der Gaza-Krieg bremste das reale Wachstum 2023 auf 1,8 und 2024 auf 0,9 Prozent. Für 2025 werden rund 3 bis 3,5 Prozent erwartet. Trotz der Krisen läge das BIP damit rund 20 Prozent über dem Niveau vor Ausbruch der Coronapandemie. Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges sind jedoch spürbar.

    SWOT-Analyse Israel

    S

    Stärken Strengths

    • Starker Hightechsektor
    • Moderne Forschung und Entwicklung
    • Hohe Integration in die Weltwirtschaft
    • Steigender Grad der Energieselbstversorgung
    • Hohe ökonomische Resilienz
    W

    Schwächen Weaknesses

    • Externe Risiken und innenpolitische Polarisierung
    • Fachkräftemangel
    • Schwache gesamtwirtschaftliche Produktivität
    • Geringes Bildungsniveau großer Bevölkerungsgruppen
    • Vernachlässigte Infrastruktur
    O

    Chancen Opportunities

    • Erschließung neuer Hightechbereiche
    • Aussicht auf umfangreiche Erdgasexporte
    • Offenheit für moderne Technik
    • Wachsende Kaufkraft
    • Aussicht auf regionale Integration
    T

    Risiken Threats

    • Langfristige Kriegsschäden
    • Hohe Haushaltsdefizite 
    • Ungenügende langfristige Planung
    • Große Anfälligkeit für den Klimawandel
    • Brain Drain

    Stärken und Schwächen 

    Israels Hauptstärke ist sein Humankapital. Allerdings ist das Bild in diesem Bereich nicht durchgehend positiv. Arbeitskräften auf Weltniveau stehen große Gruppen von Mitarbeitern mit ungenügenden Qualifikationen für die moderne Wirtschaft gegenüber. Zudem ist die Partizipation am Arbeitsmarkt ungenügend. Ein zentrales strukturelles Thema ist dabei die Demografie.

    Besonders arabische Frauen und ultraorthodoxe Männer sind am Arbeitsmarkt unterrepräsentiert: Im Jahr 2022 lag ihre Erwerbsquote bei lediglich 34 beziehungsweise 53 Prozent. Arabische Israelis stellen rund 17 Prozent der Bevölkerung, ultraorthodoxe Juden etwa 12 Prozent. Die Ursachen sind unterschiedlich: Im ultraorthodoxen Judentum gilt religiöses Vollzeitstudium als Lebensideal, während arabische Frauen unter anderem durch Defizite im arabischsprachigen Bildungssystem benachteiligt sind. Insgesamt bleibt ein erheblicher Teil des Arbeitskräftepotenzials ungenutzt – mit spürbaren Folgen für die Wirtschaftsleistung.

    Der Krieg im Nahen Osten hat die ökonomische Verwundbarkeit Israels deutlich gemacht. Ohne internationales Vertrauen – das durch den Konflikt erheblich gelitten hat – kann der Wirtschaftsstandort Israel sein Potenzial nicht voll entfalten.

    Industrie unter Druck – IT auf Wachstumskurs

    Das Wirtschaftswachstum verteilt sich nicht gleichmäßig über alle Sektoren. Während der Anteil der Industrie am BIP von 2014 bis 2024 von 13 auf 11 Prozent sank, legte der Informations- und Kommunikationssektor deutlich zu – von 6,9 auf 10,5 Prozent. Im Jahr 2024 erreichte der Bereich Handel, Kfz-Reparaturen sowie Beherbergung und Verpflegung einen Anteil von 11,3 Prozent. Die Landwirtschaft bleibt mit 1,3 Prozent der kleinste Sektor. 

    Die schwache Konjunktur der Industrie hat strukturelle Ursachen: Technologiearme Branchen tun sich schwer mit Produktivitätssteigerungen, was ihre Wettbewerbsfähigkeit mindert – zumal Israel kein Niedriglohnstandort ist. Hinzu kommt ein chronischer Mangel an Fachkräften.

    Trotz staatlicher Initiativen in der Aus- und Weiterbildung bleibt der Fachkräftemangel in der Industrie bestehen. Vor allem kleinere Unternehmen haben Schwierigkeiten, moderne Technologien in ihre Prozesse zu integrieren. Zwar steigt die Produktivität, doch vor allem in technologiearmen Branchen reicht das Wachstum nicht aus, um dem verarbeitenden Gewerbe neue Dynamik zu verleihen. 

    Der rasche Aufstieg des Informations- und Kommunikationssektors hat zwei zentrale Gründe: Zum einen existiert ein starker Binnenmarkt für IT-Dienstleistungen, da viele israelische Unternehmen digitale Lösungen nutzen. Zum anderen sind israelische Technologien – insbesondere im Bereich Cybersicherheit – international gefragt. Hinzu kommt ein außergewöhnlich hohes Engagement in Forschung und Entwicklung: 2023 lagen die F&E-Ausgaben bei 6,3 Prozent des BIP – mehr als doppelt so viel wie im OECD-Durchschnitt.

    Die landwirtschaftliche Produktion stagniert seit Jahren – mit leichten Schwankungen. Im Jahr 2024 lag das reale BIP des Sektors nur 3,4 Prozent über dem Wert von 2014. Für die Gesamtwirtschaft ist der Effekt gering, doch die Regierung sieht Handlungsbedarf. Angesichts geopolitischer Risiken und potenzieller Lieferkettenstörungen strebt sie einen möglichst hohen Selbstversorgungsgrad bei Nahrungsmitteln an.

    Bedeutung der Wirtschaftszweige in IsraelBeitrag zum BIP in Prozent, Anteil an den Erwerbstätigen in Prozent

    Sektor

    Anteil an der BIP-Entstehung 2024

    Anteil an den Erwerbstätigen 2024

    Finanz- und Versicherungsdienste, Immobiliendienste, freiberufliche, wissenschaftliche, technische und administrative  Dienste

    15,8

    15,5

    Groß- und Einzelhandel, Kfz-Reparaturen, Beherbergung und Verpflegung

    11,3

    13,0

    Industrie und Bergbau

    11,1 

    9,3

    Information und Kommunikation

    10,5

    6,5

    Baugewerbe

    4,5

    5,5

    Transport, Lagerung und Postdienste; Energieversorgung, Wasserversorgung und Abfallwirtschaft; Erziehung, Gesundheitswesen, Sozialarbeit, Kunst, Freizeitgestaltung 

    10,1

    35,4

    Land- und Forstwirtschaft, Fischerei

    1,3

    0,8

    Regierungs- und andere staatliche Dienste, gemeinnützige Einrichtungen

    17,0

    keine Angaben oder Zuordnung nicht möglich

    Sonstige

    18,4

    k.A.

    Quelle: Zentralamt für Statistik (Central Bureau of Statistics) 2025

    Von Wladimir Struminski | Jerusalem

  • Trotz des Krieges bleibt der Umfang ausländischer Investitionen in Israel hoch. Besonders gefragt sind Hightech und vor allem Cybersicherheit.

    Israel gilt als führender Standort für Hochtechnologie und verfügt über ein leistungsstarkes Innovationsökosystem mit globaler Reichweite. Laut Branchenplattform Start-up Nation Central waren im August 2025 rund 7.100 Hightech-Unternehmen aktiv – darunter sowohl etablierte Industriebetriebe als auch junge Start-ups in frühen Entwicklungsphasen.

    Ausländisches Kapital treibt Hightechsektor an

    Mit rund 10 Millionen Einwohnern ist Israel zwar klein, zählt aber international zu den führenden Technologiestandorten. Im Jahr 2023 lagen die Ausgaben für zivile Forschung und Entwicklung bei 6,3 Prozent des BIP – ein globaler Spitzenwert. 

    Der Hightechsektor trägt laut Innovationsbehörde rund 20 Prozent zum BIP bei und generiert etwa die Hälfte der Waren- und Dienstleistungsexporte. Entsprechend hoch ist der Kapitalzufluss: Im Jahr 2024 entfielen 27,8 Prozent der Bruttoanlageinvestitionen auf geistiges Eigentum. Dabei handelt es sich auch um den am schnellsten wachsenden Posten bei den Investitionen. 

    Auch ausländische Investoren fokussieren sich klar auf Hightech. Im Jahr 2023 belief sich der Bestand ausländischer Direktinvestitionen auf 242,3 Milliarden US-Dollar (US$), davon 59,1 Prozent im Technologiesektor. Zwei Drittel dieser FDI flossen in Dienstleistungen, ein Drittel in die Produktion. 

    Im August 2024 betrieben 426 internationale Unternehmen eigene FuE- oder Innovationszentren in Israel. Bereits 2022 stammten 45,4 Prozent der zivilen FuE-Mittel aus dem Ausland.

    Krieg führt Standortrisiken vor Augen 

    Trotz wirtschaftlicher Erfolge bleibt Israels Standortprofil von geopolitischen Spannungen geprägt. Der Gaza-Krieg seit Oktober 2023, Gefechte an der Nordgrenze zu Libanon und Syrien sowie der Krieg mit dem Iran im Juni 2025 verdeutlichen die Risiken. Der Regimewechsel in Syrien Ende 2024 verschärfte die Unsicherheit zusätzlich. Die militärischen Auseinandersetzungen lassen viele Investoren zurückhaltender agieren. Gleichzeitig verzeichneten etablierte israelische Hightechunternehmen hohe Kapitalzuflüsse – vor allem dank der globalen Nachfrage nach Cybersecurity-Lösungen, einem Bereich, in dem Israel führend ist. Kleinere und jüngere Techfirmen hingegen hatten es deutlich schwerer, Investoren zu gewinnen.

    Investitionsförderung durch Steuervorteile und Zuschüsse

    Außerhalb des Hightechsektors spielt Israel als Investitionsstandort eine untergeordnete Rolle – insbesondere in der industriellen Produktion. Im Jahr 2023 entfielen nur 7,4 Prozent des FDI-Bestands auf Industriezweige außerhalb des Hightechsektors. Gründe sind unter anderem hohe Lohnkosten und Israels begrenzte Rolle als regionale Logistikdrehscheibe. 

    Zur Förderung von Investitionen setzt die Regierung auf das Gesetz zur Förderung von Kapitalinvestitionen. Es bietet steuerliche Vorteile und – in peripheren Regionen – auch Zuschüsse für "bevorzugte" Unternehmen. Dazu zählen in- und ausländische Firmen, die Produktionskapazitäten ausbauen, Exporte steigern oder Arbeitsplätze schaffen.

    In anerkannten Landesteilen ("Regionen nationaler Priorität") beträgt die Körperschaftssteuer für solche Unternehmen 7,5 Prozent (regulär: 23 Prozent), ergänzt durch Investitionszuschüsse. Außerhalb dieser Zonen gilt ein reduzierter Steuersatz von 16 Prozent, jedoch ohne Zuschüsse.

    FDI in Israel: USA führend, Deutschland zurückhaltend

    Zwischen 2018 und 2022 bewegten sich die ausländischen Direktinvestitionen (FDI; Nettozuflüsse) in Israel ohne klaren Trend zwischen 19 und 23 Milliarden US$. In den Kriegsjahren 2023 und 2024 gingen sie spürbar zurück. Im Jahr 2024 lagen sie bei 16,4 Milliarden US$ und entsprachen damit 3 Prozent des BIP. 

    Die Herkunft der Investitionen bleibt teilweise unklar: Im Jahr 2023 wurden 47,1 Prozent der FDI-Bestände statistisch nicht nach Ländern aufgeschlüsselt. Unter den vom Israelischen Statistikamt CBS erfassten Herkunftsländern führten die USA mit einem Bestand von 52 Milliarden US$, gefolgt von den Caymaninseln mit 23,1 Milliarden US$. Mit deutlichem Abstand folgten die Niederlande (14,2 Mrd. US$), Kanada (5,1 Mrd. US$) und Deutschland (4,3 Mrd. US$). Die Deutsche Bundesbank bezifferte den Bestand deutscher Direktinvestitionen in Israel für 2023 mit rund 2,3 Milliarden Euro.

    Im Jahr 2023, so das Zentralamt für Statistik, gab es bei den deutschen Direktinvestitionen in Israel einen Nettokapitalabfluss von 289 Millionen US$. Im Vorjahr hatte das Land einen Nettozufluss von 3,3 Milliarden US$ verbucht. 

    Viele deutsche Unternehmen bevorzugen den Erwerb israelischer Technologien gegenüber direkten Investitionen vor Ort. Software und FuE-Ergebnisse zählen zu den wichtigsten Dienstleistungsexporten Israels nach Deutschland. Technologische Lösungen sind auch über die Technologietransfergesellschaften israelischer Hochschulen erhältlich. Informationen zur bilateralen Zusammenarbeit in Forschung und Innovation stellt der DLR Projektträger bereit.

     

    Größte deutsche Investoren in IsraelStand: November 2024

    Unternehmen

    Branche

    SAPSoftware
    MerckGesundheitswesen, Biowissenschaften, Elektronik
    SiemensIndustrietechnologie
    Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2024, Start-up Nation Central 2024

    Von Wladimir Struminski | Jerusalem

  •  

    BezeichnungAnmerkung
    Germany Trade & InvestAußenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft
    AHK IsraelAnlaufstelle für deutsche Unternehmen
    Ministry of Economy and IndustryWirtschaftsministerium, unter anderem für Wirtschaftsförderung, das Normenwesen, und internationale Handelsabkommen zuständig
    Ministry of FinanceFinanzministerium, unter anderem für Zollpoilitik und  federführend für große Infrastrukturinvestitionen zuständig
    Investment and Development Authority for Industry and EconomyInvestitionsbehörde, wickelt Fördermaßnahmen für ausländische ab und berät potenzielle Investoren
    Manufacturers Association of IsraelIndustriellenvereinigung , vertritt die Belange der Industrie und fördert auch deren internationale Kontakte