Kanadas Chemieindustrie treibt die Dekarbonisierung voran: Netto‑Null‑Projekte, Wasserstoff und mehr Recycling. Für deutsche Firmen entstehen Chancen in Modernisierung und Technik.
Kanadas chemische Industrie richtet sich konsequent auf die Dekarbonisierung aus. Getrieben von politischen Signalen und Standortvorteilen treiben Unternehmen Transformationsprojekte voran – wenngleich mit vorsichtigeren Zeitplänen als noch vor einem Jahr.
Dow setzt Branchenmaßstäbe in Alberta
Das sichtbarste Beispiel dafür ist Dows Vorhaben in Fort Saskatchewan (Alberta): Der Konzern baut dort für 6,5 Millarden US-Dollar (US$) – einschließlich Förderungen sogar rund 7,5 Milliarden US$ – einen der weltweit ersten großskaligen klimaneutralen Chemiekomplexe aus. Nach einer Investitionspause 2025 wurde der Zeitplan angepasst: Die erste Phase soll nun Ende 2029, die zweite 2030 ans Netz gehen. Die Anlage kombiniert die bestehende Ethylen‑ und Polyethylenproduktion mit CO₂‑Abscheidung und ‑Speicherung (CCUS) und einer effizienteren Eigenenergieversorgung.
7,5 Milliarden
US$
investiert Dow in den klimaneutralen Chemiekomplex in Alberta.
Die Verschiebung zeigt zweierlei: Dow hält trotz zyklischer Schwäche am Standort fest, weil Alberta mit niedrigen Gaspreisen, verfügbarer CCUS‑Infrastruktur und guter Logistik überzeugt. Gleichzeitig schafft der neue Zeitplan Spielraum für Anpassungen im Detailengineering.
Auch außerhalb von Alberta gewinnt der Umbau der Grundstoffchemie an Dynamik. Rund um den Shell‑Standort Scotford bei Edmonton prüfen Shell und Mitsubishi im Rahmen eines gemeinsamen Vorhabens die Produktion von CO₂‑armem Wasserstoff, der auf Basis von Erdgas mit CCUS erzeugt und zu Ammoniak weiterverarbeitet werden soll. Ein Großteil wäre für den Export nach Japan vorgesehen. Die Projektstruktur umfasst mehrere Prozessschritte – von der Reformierung über CCUS bis hin zur Ammoniaksynthese und Verladung.
Kreislaufchemie gewinnt an Bedeutung
Ein drittes Transformationsfeld bildet die zirkuläre Chemie. Kanadas Regierung hat Anfang 2026 die rechtliche Grundlage zur Einstufung von Kunststoffartikeln als toxische Stoffgruppe bestätigt und damit die bereits geltenden Verbote bestimmter Einwegplastikprodukte abgesichert. Für den Markt bedeutet das mehr Planungssicherheit: Investitionen in Sortier‑, Wasch‑ und Recyclingkapazitäten werden forciert, weil Kunststoffhersteller und große Abnehmer verbindliche Rezyklatquoten erfüllen müssen.
Die hohen Anforderungen an Materialqualität eröffnen deutschen Maschinenbauern, Anlagenlieferanten und Additivherstellern spürbare Chancen – weniger im Sinne einzelner Großprojekte, sondern als kontinuierliche Nachfrage nach hochwertiger Verfahrenstechnik.
Gleichzeitig zeigt der Rückzug von NOVA Chemicals aus einem geplanten chemischen Recyclingprojekt im Cluster Sarnia (Ontario), wie herausfordernd großtechnische Pyrolysevorhaben in Nordamerika derzeit sind. Die 2024 abgeschlossene Machbarkeitsstudie ergab, dass weder die Versorgung mit geeigneten Kunststoffabfällen noch langfristige Abnahmeverträge gesichert sind und die regulatorische Lage uneinheitlich bleibt. In Kombination mit hohen Investitionskosten bewertet NOVA mechanisches Recycling aktuell als deutlich planbarer und wirtschaftlich belastbarer – und verlagert seinen Schwerpunkt vorerst dorthin.
Ausgewählte Investitionsprojekte der chemischen Industrie in Kanada Investitionssumme in Milliarden US-Dollar| Akteur/Projekt | Investitionssumme*) | Projektstand | Anmerkungen |
|---|
| Dow Chemicals / neue Produktionsstätte (Fort Saskatchewan, Alberta) | 7,5 | Verzögert / Fertigstellung 2030 | Integrierter Standort für Ethylen-Cracker und -Derivate mit Netto-Null-Kohlenstoffemissionen |
| Air Products / Anlage zur Wasserstoffproduktion und -verflüssigung (Edmonton, Alberta) | 2,4 | In Bau / Fertigstellung 2027 | Produziert täglich 1.500 Tonnen Wasserstoff, mit CO2-Abscheidung; zudem wird die Anlage Wasserstoff über eine Pipeline an eine Raffinerie liefern |
| Vianode / neue Produktionsstätte (St. Thomas, Ontario) | 2,3 | Planungsphase / Produktionsbeginn 2028 | Großanlage für synthetischen Anodengraphit (Batterien, E-Mobile, Energie, Verteidigung) |
| Green Impact Partners / Future Energy Park (Calgary, Alberta) | 1,4 | Planungs-, Vorbereitungsphase | Innovative Anlage für Biokraftstoffe und Erdgas |
* Umrechnung nach durchschnittlichem Wechselkurs von 2025: 1 US$ = 1,398 kan$.Quelle: Bank of Canada, CBC News, Alberta Government, Ontario Government 2025
Abkühlung bei Investitionen, stabile Perspektiven für spezialisierte Zulieferer
In der nordamerikanischen Batterie- und Materialchemie ist die anfängliche Dynamik deutlich abgeflaut. Mehrere Investitionsvorhaben wurden 2024/25 überprüft oder verschoben: General Motors und POSCO haben die zweite Ausbauphase ihres Kathodenmaterialwerks in Bécancour (Québec) pausiert, und Umicore hat den Bau einer geplanten Fabrik für Kathodenmaterialien im südontarischen Loyalist auf unbestimmte Zeit gestoppt. Hintergrund sind die abgeschwächte Nachfrage nach Elektrofahrzeugen und die Neubewertung großer Investitionspakete entlang der Lieferkette.
Gleichzeitig entstehen weiterhin tragende Elemente einer künftigen Wertschöpfung: Volkswagen treibt mit seiner Tochter PowerCo den Bau der Batteriefabrik in St. Thomas (Ontario) voran, mit Produktionsstart für 2027. Auch Umicore hält an seinen langfristigen Lieferverträgen für den nordamerikanischen Markt fest – bedient diese aber vorerst aus bestehenden Werken, insbesondere aus Cheonan (Südkorea), und nicht aus Kanada.
Für deutsche Unternehmen bedeutet das: Weniger kurzfristige Großinvestitionen, aber verlässliche Nachfrage nach spezialisierter Technik für Anlagenperipherie, Trocknung, Filtration, Medienversorgung, Betriebsleittechnik und Automatisierung.
Ostkanada positioniert sich als Exportregion für Wasserstoff
Ein wichtiger Pfeiler der bilateralen Energiebeziehungen bleibt die deutsch‑kanadische Wasserstoffpartnerschaft. Die in Deutschland stark verankerten Abnehmer E.ON und Uniper haben Memoranden zum Bezug von grünem Ammoniak aus Nova Scotia abgeschlossen. Der Projektentwickler EverWind plant, in Point Tupper ab 2025/26 erste Produktionsmengen bereitzustellen.
Zwar hängen Exportstart und Skalierung weiterhin von Genehmigungen, der Finanzierung und dem Ausbau der Erneuerbaren ab. Dennoch zeigen die Projekte deutlich: Ostkanada positioniert sich als langfristiger Energieexporteur – mit Chancen für Anbieter von Elektrolyse‑Peripherie, ammoniaktechnischen Komponenten, Sicherheitssystemen und Hafeninfrastruktur.
Große Struktur, wachsende Nischen
Die Chemieindustrie zählt zu den vier größten Branchen des Landes. Im Jahr 2024 erzielte sie rund 88 Milliarden US$ an Exporten. Für deutsche Unternehmen ist der Markt attraktiv, weil sich Investitionen zunehmend auf technologisches Risikomanagement, Energie‑ und CO₂‑Effizienz sowie praxiserprobte Lösungen konzentrieren – Bereiche, in denen deutsche Mittelständler traditionell gut aufgestellt sind.
Kanadas politische Leitlinien, der Ausbau regionaler CCUS‑Infrastruktur und strengere Nachhaltigkeitsvorgaben führen dazu, dass viele Betreiber ihre Anlagen in Etappen modernisieren. Dadurch entstehen weniger Großprojekte, dafür aber eine Vielzahl technischer Ertüchtigungen über mehrere Jahre – ein Umfeld, in dem deutsche Anbieter mit hochspezialisierter Technik und verlässlichen Engineering‑Lösungen gute Marktchancen haben.
Von Heiko Steinacher
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Toronto