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Europas Chemieindustrie sucht Auswege aus der Krise
Während Europas Chemieindustrie Anlagen stilllegt, reagiert die EU-Kommission mit einer aktiveren Industriepolitik. Geschäftschancen entstehen vor allem für nachhaltige Produkte.
09.04.2026
Von Christopher Fuß, Michael Sauermost | Bonn, Warschau
Die europäische Chemieindustrie steckt in einer tiefen Krise. Das belegt eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger. Demnach haben Chemieunternehmen in Europa zwischen 2022 und 2025 rund 37 Millionen Tonnen ihrer Produktionskapazitäten stillgelegt. Das entsprach etwa 9 Prozent der gesamten Chemiekapazitäten in Europa.
Der Produktionsrückgang betrifft nahezu alle großen Chemieregionen, darunter Deutschland, die Niederlande, das Vereinigte Königreich und Frankreich. Auch Standorte in Ostmitteleuropa verlieren an Bedeutung. Besonders stark betroffen sind die Petrochemie, anorganische Basischemie und Polymere.
Einzig Belgien ist es gelungen, parallel mehr Chemiekapazitäten aufzubauen, als zu verlieren. Damit bleibt das Land einer der stabilsten Standorte Europas. Das liegt an den starken industriellen Clustern, einer hohen Innovationskraft sowie einer aktiven Rolle in der Dekarbonisierung. Auch Spaniens Chemieindustrie steht robust da, vor allem dank der Spezialchemie.
Für den Großteil Europas bleiben die Aussichten allerdings düster. Die Strategieberatung Oliver Wyman hatte für 2026 ursprünglich ein Produktionswachstum von 3 Prozent prognostiziert. Doch der Krieg im Nahen Osten und die Turbulenzen auf den Öl- und Gasmärkten haben diese Hoffnungen vorerst zerschlagen. Vorhersagen für das Gesamtjahr 2026 fallen daher schwer. Fest steht: Je länger die kriegsbedingten Schwankungen am Energiemarkt andauern, desto gravierender werden die Folgen für die energieintensive Chemieindustrie in Deutschland und Europa sein.
Lange Liste an Herausforderungen
Hohe Kosten für Strom und Gas sind allerdings kein neues Problem, sondern belasten die Chemiebranche seit Jahren. Der europäische Chemieverband Cefic bezeichnet sie als einen der zentralen Wettbewerbsnachteile gegenüber anderen Weltregionen.
Zum Kostenunterschied tragen laut Branchenvertretern regulatorische Vorgaben bei, darunter der Europäische Emissionshandel (ETS). Chemiefirmen müssen für den Ausstoß von Treibhausgasen teure Zertifikate kaufen. Internationale Wettbewerber verfügen in der Regel über weniger umfassende Systeme und produzieren günstiger.
Als Konsequenz verliert Europa Marktanteile: Seit 2004 hat sich laut Cefic der europäische Anteil an den weltweiten Chemieumsätzen auf 13 Prozent halbiert. China repräsentiert heute fast die Hälfte aller globalen Chemieumsätze.
"Europa hat Emissionen nicht gesenkt, sondern exportiert", kommentierte der Vorstandsvorsitzende des britischen Chemiekonzerns Ineos, Jim Ratcliffe diese Entwicklung auf einer Industriekonferenz. "Produktion wurde in die USA und nach China verlagert, wo die Kohlenstoffintensität viel höher ist", so Ratcliffe.
Zusätzliche Belastungen entstehen durch neue US-Zölle. Die USA sind der wichtigste Exportmarkt für die europäische Chemieindustrie. Ausfuhrrückgänge melden unter anderem der Branchenverband Federchimica in Italien und die Chemical Industry Alliance im Vereinigten Königreich. Frankreich verzeichnet Einbußen bei Körperpflegeprodukten.
Europäische Kommission präsentiert Reformvorschläge
Um die Industrie wieder wettbewerbsfähig zu machen, braucht es laut Industrievertretern neue gesetzliche Rahmenbedingungen. Als Reaktion hat die EU-Kommission im März 2026 den Industrial Accelerator Act (IAA) vorgestellt.
Der Entwurf führt sogenannte Leitmärkte ein. Öffentliche Aufträge und Förderprogramme wären künftig nur für Produkte aus der EU und ausgewählten Partnerstaaten möglich, die gleichzeitig strenge Emissionsgrenzen einhalten. Wie diese Leitmärkte für die Chemieindustrie genau aussehen sollen, legt die Kommission später fest. Laut IAA sollen vor allem Produkte aus nachhaltigen Kohlenstoffquellen gefördert werden, darunter Biomasse, Recycling sowie Kohlenstoffdioxid-Abscheidung (CCU).
Bei Leitmarktregelungen für die Chemieindustrie muss die Kommission Stellungnahmen der Critical Chemicals Alliance (CCA) einholen. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von Industrievertretern. Der CCA wirkt allerdings nur beratend mit.
Neue Regeln würden auch für Investoren aus einem Drittstaat gelten, der über 40 Prozent der weltweiten Kapazitäten in einem wichtigen Technologiefeld kontrolliert. Chemienahe Sektoren, wie etwa die Batterieproduktion, fallen unter dieses Kriterium. Sollte die Investition über 100 Millionen Euro wert sein, müsste ein ausländisches Unternehmen in bestimmten Fällen ein Joint Venture mit einem EU-Partner eingehen.
Bislang ist der IAA nur ein Entwurf. Bevor die Verordnung in Kraft treten kann, verhandeln das Europäische Parlament und der Rat der EU den finalen Inhalt.
Die Reaktionen fallen gemischt aus. Laut Cefic hat die Verordnung das Potenzial, "Widerstandsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit in Europa zu stärken".
Kritik kommt vom deutschen Chemieverband VCI. Die Industrievertretung bemängelt neue Hürden für Investoren. "In Zukunftstechnologien ist Europa auf Kapital und Know-how aus Drittstaaten angewiesen", schreibt der Verband.
Jahr der Entscheidungen
Einen Schritt weiter ist die Kommission bei den Strompreisen. Seit Juni 2025 existiert das europäische Förderinstrument CISAF. Mitgliedstaaten können den Kilowattstundenpreis für energieintensive Nutzer bezuschussen, wenn die Firmen in umweltfreundliche Technologien investieren. Länder wie Deutschland und Polen treiben auf dieser Grundlage einen Industriestrompreis voran, der auch der Chemieindustrie helfen könnte.
Das ETS-System steht vor Reformen. Die Europäische Kommission will bis zum Sommer 2026 ein Paket mit Anpassungen vorlegen. Chemieunternehmen hoffen darauf, weiterhin einen Teil der Zertifikate kostenlos zu erhalten. Eigentlich sollen diese Gratiszuteilungen nach dem Start des Emissionszolls CBAM schrittweise auslaufen.
Mit CBAM müssen Importeure von Chemikalien aus Ländern ohne vergleichbaren Emissionshandel eine Gebühr entrichten. Damit sollen Preisunterschiede zwischen in Europa produzierten Chemikalien und emissionsintensiven Importen ausgeglichen werden. Weil das CBAM-System in der Branche jedoch als bürokratisch und lückenhaft gilt, fordern viele Chemieunternehmen in Europa, die kostenlosen ETS-Zertifikate vorerst beizubehalten.
Marktsegmente im Aufwind
Immerhin: Trotz der globalen Risiken sehen einige Industrievertreter auch heute noch Chancen. Federchimica in Italien geht davon aus, dass die Modeindustrie und die Möbelindustrie mehr chemische Güter nachfragen könnten. Neue Geschäftschancen sieht der Verband bei umweltfreundlichen Gerb- und Farbstoffen, Lacken, Klärchemikalien und Fasern.
In Großbritannien und Polen wiederum investiert die Petrochemie in nachhaltige Flugkraftstoffe SAF. In Spanien arbeiten Firmen wie Repsol und Moeve an ähnlichen Produkten. Darüber hinaus entwickeln sich Spanien und Italien zu europäischen Zentren für emissionsfreien Wasserstoff.
Frankreich sieht Chancen bei den Themen Recycling und bei seltenen Erden. So eröffnete zum Beispiel das Unternehmen Solvay eine Produktionslinie für Gemische aus seltenen Erden in La Rochelle.
Belgien setzt auf neue Chancen durch die chemienahe Batterieproduktion. Der Standort konzentriert sich auf Kathodenmaterialien, Elektrolyte und Spezialchemikalien. Auch Tschechiens Chemieindustrie will ein wichtiger Zulieferer für Natriumbatterien werden und baut entsprechende Produktionsstätten auf. Außerdem verfolgt das Land die steigenden Verteidigungsausgaben in Europa sehr genau. Tschechien ist einer der führenden Hersteller von Nitrozellulose, einem entscheidenden chemischen Bestandteil von Artilleriemunition.