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Hoher Kostendruck belastet tschechische Chemiebetriebe
Die hohen Energiepreise machen Tschechiens Chemiebetriebe zu schaffen. Sie müssen in mehr Energieeffizienz investieren und Spezialchemikalien mit höheren Margen entwickeln.
26.03.2026
Von Gerit Schulze | Prag
Ausblick der chemischen Industrie in Tschechien
Bewertung:
- Hohe Energiepreise gefährden die Profitabilität.
- Verstärkter Fokus auf Spezialchemikalien.
- Investitionen in Energieeffizienz und Automatisierung.
- Munitionshersteller sorgen für zusätzlichen Bedarf.
- Deutschland ist mit Abstand wichtigster Lieferant.
Anmerkung: Einschätzung des Autors für die kommenden zwölf Monate auf Grundlage von prognostiziertem Umsatz- und Produktionswachstum, Investitionen, Beschäftigungsstand, Auftragseingängen, Konjunkturindizes etc.; Einschätzungen sind subjektiv und ohne Gewähr; Stand: März 2026
Markttrends
Für die chemische Industrie in Tschechien bleiben die Aussichten düster. Die Umsätze bei Herstellern von Chemikalien schrumpften 2025 nominal um über 4 Prozent. Das Produktionsvolumen stieg nur um 1 Prozent.
Hohe Energiepreise beeinträchtigen weiter die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Anbietern aus Übersee. Das gilt vor allem für Produzenten von Grundchemikalien, Düngemitteln oder Kunststoffen in Primärformen. Hersteller dieser Grundstoffe bilden das umsatzstärkste Segment der tschechischen Chemieindustrie. Viele Betriebe stellen diese Geschäftssparten ein und schwenken um auf margenträchtige Spezialchemikalien.
Nach Berechnungen des Industrieministeriums betrugen die Verkaufserlöse der tschechischen Chemieindustrie (NACE-Kategorie 20) im Jahr 2024 umgerechnet 13,4 Milliarden Euro. Vom Rekordjahr 2022 (16,7 Milliarden Euro) sind sie damit weit entfernt.
Kosmetika und Bauchemie stärker gefragt
Zuwächse verzeichnet Tschechiens chemische Industrie in den Segmenten, die von den steigenden Haushaltseinkommen profitieren. Die Konjunktur des Landes entwickelt sich gut, Löhne und Gehälter legen stark zu. Für 2025 ermittelte das Statistikamt ein reales Lohnplus von über 5 Prozent. Der wachsende Privatkonsum befeuert den Absatz von Farben, Dichtstoffen und Bindemitteln für die Bauwirtschaft sowie von Haushaltskosmetika und Reinigungsmitteln.
Die Umsätze der Pharmaindustrie sind 2025 nominal um 2 Prozent gestiegen und damit lediglich in Höhe der Inflationsrate. Das Produktionsvolumen stagnierte nach Angaben des tschechischen Statistikamtes.
Einer der größten Kunden von Chemieprodukten ist die Automobilindustrie. Die einheimische Pkw-Produktion lag 2025 mit 1,45 Millionen Fahrzeugen auf dem rekordhohen Wert des Vorjahres. Auch in den ersten beiden Monaten 2026 stieg der Ausstoß, sodass der Bedarf an Gummi, Kunststoffen und Lacken hoch bleibt.
Chancen bei Rüstung und Stromspeichern
Ein immer wichtigerer Abnehmer für Chemieprodukte ist die Rüstungsindustrie. Tschechien gehört zu den führenden Herstellerländern von Munition, für die diverse Chemikalien wie Nitrozellulose oder Produkte auf Stickstoffbasis benötigt werden.
Ein weiteres Wachstumssegment könnten Energiespeicher werden, bei denen Chemikalien zum Einsatz kommen. Das Unternehmen Draslovka will am Stammwerk Kolín eine Produktion von Kathodenmaterial für Natriumbatterien ausbauen. Gute Geschäfte macht die mittelböhmische Chemiefirma weiterhin mit der Herstellung von Natriumcyanid. Der chemische Stoff kommt bei der Goldgewinnung zum Einsatz.
Wert der Neuaufträge sinkt
Für die kommenden Monate erwartet die Branche keinen Aufschwung. Der Wert der Neuaufträge ging bei Herstellern von Grundchemikalien 2025 nominal um fast 4 Prozent zurück. In der Pharmaindustrie stieg der Auftragseingang nur um 0,6 Prozent. Derzeit gibt es kaum Grund für Kapazitätserweiterungen.
Zum negativen Bild trägt bei, dass traditionelle Abnehmerländer wie Deutschland ebenfalls nur schwach wachsen. Tschechiens Chemieverband SCHP ČR (Svaz chemického průmyslu České republiky) verweist zudem auf die starke Importkonkurrenz aus Asien und den USA, während Europa zu wenig vor Billigimporten geschützt werde. Die hohe Regulierungsdichte in der EU erzeuge zusätzliche Kosten, kritisiert der Verband in seinem Jahresbericht.
Mehr Recycling und Nutzung erneuerbarer Energien
Größere Neuinvestitionen stehen in Tschechiens Chemiebranche nicht an. Die Unternehmen konzentrieren sich darauf, energieintensive Prozesse zu modernisieren und mehr eigene Energie aus erneuerbaren Quellen zu produzieren. Dazu gehören die Nutzung von Abwärme und Prozesse der Kreislaufwirtschaft. Hier liegt ein Fokus nach Angaben des Verbands SCHP ČR auf chemischem und mechanischem Recycling, auf Wasserschutz sowie auf weniger flüchtigen organischen Verbindungen (VOC). Für die Investitionen in Energieeffizienz und Kreislaufwirtschaft stehen Fördermittel aus verschiedenen EU-Fonds bereit.
| Akteur / Projekt | Investitionssumme *) | Projektstand | Anmerkungen |
|---|---|---|---|
| Draslovka / neue Linie zur Produktion des Blaupigments Preußischblau in Kolín | 60,0 | Investitionsentscheidung laut Geschäftsführung bis Ende 2026 | Brownfieldprojekt in einer bestehenden Fabrikhalle im Stammwerk. |
| SUAS reTire / Linie zur Wiederverwertung alter Gummireifen in Vřesová bei Sokolov | 48,0 | Baubeginn 2026 und Betrieb ab 2027 geplant; durch Pyrolyse entstehen Chemieprodukte zur weiteren industriellen Nutzung | Gemeinsames Projekt der SUAS Gruppe und der deutschen Pyrum Innovations; Investitionsanreize für Chemieindustrie erhalten |
| Sev.en Inntech / Bau eines Forschungs- und Bildungszentrums, Produktion von grünem Wasserstoff in Horní Jiřetín | 26,4 | Projektstart 2024; Betrieb 2028 geplant; EU-Förderung; für die H2-Produktion Umweltverträglichkeitsprüfung beantragt; Projekt abhängig von öffentlicher Förderung | Teil der Umgestaltung der Braunkohletagebaue ČSA und Centrum |
| Draslovka und schwedisches Start-up Altris / Produktion von Natrium-Ionen-Kathodenmaterial (CAM) in Kolín | 19,3 | Umbau der Produktionslinie begonnen; Fertigstellung für Ende 2026 geplant | Strategische Partnerschaft mit dem schwedischen Partner; Investitionsanreize für Chemieindustrie erhalten |
| Thermoflex Europe / externes Lager und Erweiterung der Produktion von Kunststoffteilen für die Kfz- und Elektroindustrie in Chomutov | 5,1 | Externes Lager in 2025 übernommen | Produkte aus thermoplastischen Elastomeren; Investitionsanreize für Chemieindustrie erhalten |
| MedicProgress / Erweiterung der Produktion von Kosmetik, Forschungszentrum und automatisiertes Lager in Olomouc | k.A. | Investitionssumme für das Lager: 12,3 Mio. Euro; Bau begonnen; Fertigstellung und Betrieb ab 2030 | Gehört zur Czech-Gen Gruppe |
Branchenstruktur und Rahmenbedingungen
Nach Angaben des Ministeriums für Industrie und Handel waren 2024 in Tschechiens Chemieindustrie (NACE 20) 1.810 Unternehmen aktiv. Hinzu kamen 87 Pharmahersteller. Auf chemische Grundstoffe, Kunststoffe in Primärformen und Düngemittel entfallen rund 85 Prozent aller Umsätze der Chemieindustrie.
Laut Eurostat hatten 2024 nur 121 tschechische Chemiebetriebe 50 und mehr Beschäftigte. Das Rückgrat der Branche bilden kleine und mittelständische Betriebe.
Die schwierigen Rahmenbedingungen führen zu Entlassungswellen und Werkschließungen. DEZA aus Valašské Meziříčí trennte sich 2025 von über 100 Beschäftigten, um die Verarbeitung von Teer und Rohbenzol profitabler zu machen. Spolana stellte die Herstellung von PVC und Caprolactam am Standort Neratovice ein.
Zugleich wird weiter investiert, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Laut Wirtschaftsministerium gaben die Unternehmen der Branche 2024 den Rekordwert von 840 Millionen Euro für langfristige immaterielle und materielle Vermögen aus, darunter Software, Maschinen, Anlagen und Gebäude.
Der größte Agrarchemiekonzern Agrofert investiert zunehmend im Ausland. Ihm gehören unter anderem die SKW Stickstoffwerke Piesteritz. Dort kündigte Agrofert im März 2026 weitere 120 Millionen Euro Investitionen an. Außerdem erwägt der Konzern wegen der hohen Energiepreise und niedriger Emissionskosten ein Ammoniakwerk in den USA oder im Nahen Osten. Perspektivisch planen die Tschechen, Ammoniak als Treibstoff für Hochseeschiffe zu verkaufen.
Der Rüstungskonzern Colt CZ übernahm Ende 2025 den Hersteller Synthesia Nitrocellulose aus Pardubice. Der bisherige Eigentümer Kaprain wird dafür Minderheitsaktionär bei Colt. Mit ihren Beteiligungen an Synthesia und Spolchemie (Harze und Beschichtungen) ist die Kaprain-Gruppe ein wichtiger Player in der Branche.
| Sparte | 2024 | Veränderung 2024/2023 |
|---|---|---|
| Stickstoff (Mio. Kubikmeter) | 880 | -3,1 |
| Sauerstoff (Mio. Kubikmeter) | 736 | -7,3 |
| Seifenprodukte (1.000 Tonnen) | 26 | 12,1 |
| Kunststoffe (1.000 Tonnen) | 1.168 | 0,8 |
| Chemiefasern (1.000 Tonnen) | 80 | -4,0 |
| Türen, Filme, Folien aus Kunststoff (1.000 Tonnen) | 279 | 1,3 |
| Röhren, Schlauche aus Kunststoff (1.000 Tonnen) | 42 | -19,6 |
| Säcke aus Polyethylen (1.000 Tonnen) | 64 | 22,1 |
Für die Registrierung neuer chemischer Substanzen ist das Institut für Gesundheitsinformationen ÚZIS zuständig, bei Medikamenten das Staatliche Amt für Arzneimittelkontrolle SÚKL. Pestizide und Düngemittel sind beim Kontrollinstitut für die Landwirtschaft ÚKZÚZ anzumelden.
China holt immer schneller auf
Tschechien importierte 2025 Chemieerzeugnisse für 21,8 Milliarden Euro (Warenkategorie SITC 5). Das war ein Plus von 3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Über ein Viertel der Lieferungen entfiel auf Deutschland. Dahinter folgten Polen, Italien und Frankreich. China liegt bislang erst auf Platz 9, verzeichnet aber überdurchschnittliche Zuwachsraten (2025: +9 Prozent).
Wichtigstes Importprodukt waren 2025 Arzneimittel mit einem Wertvolumen von 5,7 Milliarden Euro. Kunststoffe in Primärformen importierte Tschechien für 3,6 Milliarden Euro.