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Krieg am Golf gibt dem Mittleren Korridor einen weiteren Schub

Transporte über Land zwischen Europa und Asien schränkt der Krieg am Golf weiter ein. Der Weg über das Kaspische Meer und Kasachstan bietet sich einmal mehr als Alternative an.

Von Viktor Ebel | Almaty

Den Bestrebungen Irans, den südlichen Transportkorridor zwischen Europa und Asien auszubauen, dürfte der Krieg seit Ende Februar 2026 im Nahen Osten vorerst ein Ende gesetzt haben. Bereits seit 2022 können Logistiker zudem den über das sanktionierte Russland führenden nördlichen Korridor nicht uneingeschränkt befahren. Als Alternative bleibt die multimodale und im regionalen Vergleich politisch stabile Verbindung über das Kaspische Meer und Zentralasien. Das Frachtaufkommen auf diesem mittleren der drei Korridore stieg laut Angaben des kasachischen Verkehrsministeriums zwischen 2021 und 2025 um mehr als das Siebenfache auf fast 4,5 Millionen Tonnen.

10 Mio. t

Fracht jährlich prognostiziert die kasachische Regierung ab 2030 entlang des Mittleren Korridors.

Die Entwicklung ist auch Ergebnis umfangreicher Infrastrukturinvestitionen der Anrainerstaaten seit Beginn des Ukrainekriegs. Dabei ist die Strecke alles andere als naheliegend: Sie gilt als teuer, aufwendig und nicht durchgehend schiffbar. Dass die Länder mit ihrer Investitionsentscheidung zugunsten diversifizierter Lieferwege dennoch richtig lagen, zeigt der Kriegsausbruch in Nahost. Der Mittlere Korridor bietet sich als Alternative an und dürfte aufgrund der angespannten geopolitischen Lage sowie anhaltender Investitionen in Häfen, Terminals, Schienen und Straßen künftig noch stärker gefragt sein.

Transportgewerbe boomt in Kasachstan

Kasachstans Transportsektor wächst das dritte Jahr in Folge überdurchschnittlich stark. Im Jahr 2025 betrug das reale Wachstum mit 20,4 Prozent mehr als in jeder anderen Branche. Der Anteil des Wirtschaftszweigs am Bruttoinlandsprodukt beträgt 6 Prozent. Viel größer ist hingegen der Anteil an den Bruttoanlageinvestitionen. Auf Transport und Lagerei entfielen 2025 mit etwa 7,6 Milliarden US-Dollar (US$) 17,8 Prozent der realisierten Investitionen. Damit liegt die Branche mittlerweile vor dem Bergbau (14,1 Prozent) und dem verarbeitenden Gewerbe (12,3 Prozent).

Unternehmerreise nach Kasachstan und Aserbaidschan vom 29. Juni bis 3. Juli 2026

NRW.Global Business führt eine Unternehmerreise zum Thema Smarte Logistik und Infrastruktur durch, die unter anderem am kasachischen Hafen Aktau Halt macht.

Anbieter von Lager- und Umschlagtechnik, Straßen- und Schienenbauausrüstung sowie Hafen- und Terminalequipment können Kontakte knüpfen und den Markt sondieren.

Einer der Investoren ist das deutsche Unternehmen Rhenus Logistics, welches bereits in ein neues Containerdepot nahe Almaty investiert hat. Germany Trade & Invest konnte das Terminal Anfang 2026 nach der Eröffnung besuchen. Der Fokus liegt auf Containerdepot-Services und der Abwicklung von Ganzzügen. Darüber hinaus ist die Anlage für das Umladen von Schüttgut aus Eisenbahnwaggons in Container ausgestattet und ermöglicht damit multimodale Transporte innerhalb der Region und entlang des Mittleren Korridors.

Neue Bahnstrecke verkürzt Transportzeiten

Laufende und geplante Ausbauprojekte deuten darauf hin, dass die Investitionsdynamik auch mittelfristig nicht abflachen wird. Im Jahr 2025 wurde der zweigleisige Ausbau der Bahnstrecke zwischen Dostyk und Moyinty (836 Kilometer) abgeschlossen. Das wichtigste Schienenprojekt für 2026 ist die Trasse Moyinty-Kyzyljar (322 Kilometer). Sie gilt als ein Schlüsselabschnitt, der die Wegstrecke zwischen Kasachstans Kaspiküste und der chinesischen Grenze um fast 150 Kilometer beziehungsweise einen Tag verkürzen soll.

Die Weltbank und die Asiatische Infrastrukturinvestmentbank unterstützen das staatliche Bahnunternehmen Kazakhstan Temir Zholy (KTZ) mit Kreditgarantien zur Mobilisierung von 1,4 Milliarden US-Dollar (US$) an privater Finanzierung. Diese sind an den Einsatz moderner Signal- und Kommunikationstechnik, hoher Sozial- und Umweltstandards sowie Reformen innerhalb von KTZ geknüpft. Neben dem wachsenden logistischen Potenzial ist auch der Ausbau der Infrastruktur ein Anknüpfungspunkt für deutsche Unternehmen.

EU unterstützt beim Ausbau des Mittleren Korridors

Auch die EU unterstützt Zentralasien über ihr Infrastrukturprogramm Global Gateway bei vielen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Schwerpunkte der Zusammenarbeit sind die Sicherung des Zugriffs auf kritische Rohstoffe, der Ausbau alternativer Transportwege und Maßnahmen gegen den Klimawandel.

Von dem 12 Milliarden Euro schweren Investitionspaket, welches die EU-Kommission 2025 angekündigt hatte, sind 3 Milliarden Euro für den Mittleren Korridor vorgesehen. Neben Straßen und Häfen fließen die Gelder unter anderem auch in Machbarkeitsstudien und Maßnahmen zur Harmonisierung von Transportvorschriften in den Ländern entlang der Route.

Fernstraßen verbessern ebenfalls Ost-West-Anbindung

Im März 2026 stellte das Verkehrsministerium Pläne für den weiteren Ausbau des Fernstraßennetzes bis 2028 vor. Die Neu- und Ausbauprojekte zielen darauf ab, die Transportzeiten auf der Ost-West-Achse zu verkürzen. Auf internationalen Strecken mit hohem Verkehrsaufkommen, wozu auch die Abschnitte entlang des Mittleren Korridors gehören, wird besonders widerstandsfähiges Zementbetonpflaster verwendet. Durch neue öffentlich-private Partnerschaften soll zudem das Investitionspotenzial weiter gestärkt werden.

Ausgewählte Straßen- und Schienenbauprojekte in KasachstanInvestititionssumme in Millionen US-Dollar
Projekt

Investitionen

ProjektstandAnmerkungen
Straßenabschnitte

 

 verantwortlich: jeweils KazAvtoZhol
Neubau Astana-Irgiz (Gebiet Aktobe)

2.110

Umsetzung; Fertigstellung Ende 2028Länge: 896 km
Modernisierung Kyzylorda-Aktobe

1.690

UmsetzungLänge: 460 km
Modernisierung Karaganda-Zhezkazgan

1.529

Beginn geplant 2. Quartal 2026Länge: 572 km
Schienentrassen

 

 verantwortliche: jeweils KTZ
Neubau Moiynty-Kyzylzhar

1.350

UmsetzungLänge: 322 km
Zweigleisiger Ausbau Schetygen-Altynkol

207

UmsetzungLänge: 32 km
Modernisierung Beineu-Mangistau

k.A.

UmsetzungLänge: 404 km
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026

Modernisierung der Häfen schreitet fort

Die Häfen am Kaspischen Meer gelten als Nadelöhre entlang des Mittleren Korridors. Ihre Infrastruktur wird laufend erweitert. Im Hafen Aktau soll 2026 die Vertiefung der Fahrrinne abgeschlossen werden, damit Frachtschiffe voll beladen werden können. Der ausgebaggerte Sand wird aufgeschüttet, um Platz für neue Terminals zu schaffen, so der Vorstandsvorsitzende des Hafens Aktau gegenüber dem Online-Portal Kaspijskiy Vestnik. Die zweite Bauphase eines vom chinesischen Hafenbetreiber Lianyungang Port finanzierten Containerhubs im Hafen Aktau soll Ende 2026 abgeschlossen werden.

Auch in den Ausbau von Kuryk, des zweiten kasachischen Hafens am Kaspischen Meer, will ein chinesisches Unternehmen einsteigen. Die kasachische Investitionsagentur Kazakh Invest verhandelt eigenen Angaben zufolge für den Hafen Kuryk über ein Projekt im Umfang von über 1 Milliarde US$. Es schließt den Bau von sieben Liegeplätzen, Lager- und Logistikinfrastruktur, Eisenbahnlinien und Straßenzufahrten sowie den Einsatz digitaler Systeme für das Frachtmanagement ein. Die Bauarbeiten sollen laut Kazakh Invest noch 2026 beginnen und 2028 abgeschlossen werden.

Ausgewählte Projekte zum Ausbau der maritimen Infrastruktur KasachstansInvestitionssumme in Millionen US-Dollar
ProjektInvestitionenProjektstandAnmerkungen
Hafen Aktau   
Containerhub im Hafen Aktau91Phase 2: 2026Lianyungang Port, China Communications Construction Company (beide China), KTZ Express
Projekt zur Vertiefung in Aktau41Phase 2: 2026Semurg Invest, KTZ
Hafen Kuryk   
Ausbau

Insgesamt: 1.100 (Phase 1: 300)

Vorbereitung; Inbetriebnahme: 2028Unternehmen aus China
Multifunktionales Terminal Sarzha

200

UmsetzungAD Ports Group (Vereinigte Arabische Emirate), Semurg Invest
Getreideterminal

50

Phase 1: 2. Halbjahr 2026AD Ports Group, Semurg Invest
Vertiefung des Zufahrtskanals im Industriehafen ERSAI (nahe Kuryk)

k.A.

1.Halbjahr 2026ERSAI
Sonstiges   
Beschaffung von zwei Containerschiffen

k.A.

Auftrag im September 2025 vergeben an Baku Shipyard (Aserbaidschan)Kazmortransflot
Beschaffung von sechs Frachtschiffen

k.A.

Auftrag an chinesische Werft vergeben; Auslieferung 2028KTZ Express Shipping
Verstärkung der Fährverbindung zwischen Kuryk und Alat (Aserbaidschan)

k.A.

Inbetriebnahme von zwei Fähren: 1. Halbjahr 2026; Erweiterung der Flotte auf sechs Fähren: 2027Georgian Industrial Group (Georgien)
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026

Mehrere Frachtschiffe in Auftrag gegeben

Um die zunehmenden Warenströme über das Kaspische Meer zu transportieren, bedarf es auch zusätzlicher Schiffe. Derzeit umfasst die kasachische Handelsflotte Medienberichten zufolge 18 Schiffe verschiedener Kategorien. Ab Sommer 2026 sollen vier weitere Autofähren von Kuryk aus Aserbaidschan ansteuern. Zudem wurden zwei Container- sowie sechs Trockenfrachtschiffe in Auftrag gegeben. Mit einem maximalen Tiefgang von 4,5 Metern werden sie bereits an den sinkenden Wasserspiegel des Kaspischen Meeres angepasst sein.

Die staatliche Reederei Kazmortransflot hat gegenüber deutschen Stellen in Kasachstan Interesse bekundet, für ihre Schiffe maritime Ausrüstung aus Deutschland einkaufen zu wollen.