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ASEAN-Staaten modernisieren ihre Logistikinfrastruktur
Der Markt für Transport und Logistik in Südostasien boomt. Singapur bleibt wichtigster Umschlagplatz in der Region, Vietnam und Malaysia holen auf.
14.01.2026
Von Alexander Hirschle | Singapur
Wer mit viel Gepäck am Flughafen Changi in Singapur landet, kommt im Regelfall sehr schnell mit "made in Germany" in Berührung: Die Gepäckwägen, auf denen Reisende ihre Koffer durch die Terminals schieben, sind ein Produkt der Firma Expresso aus Kassel. Nicht nur in Singapur gibt es Absatzchancen, sondern in der gesamten Region ASEAN (Association of Southeast Asian Nations) bietet der Logistiksektor für Unternehmen aus Deutschland umfangreiche Geschäftsmöglichkeiten.
Hohes Wachstum erwartet
ASEAN ist eine der wachstumsstärksten Regionen der Welt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) soll in den kommenden Jahren stärker zulegen als das chinesische. Dementsprechend nimmt der Bedarf für Logistikleistungen zu. Nach Schätzungen des Analyseinstituts Mordor wird der Fracht- und Logistikmarkt in ASEAN bis 2030 um mehr als 35 Prozent zulegen, ausgehend von einem Volumen von 288 Milliarden US-Dollar (US$) im Jahr 2025. Die stärksten Zuwächse erwarten Branchenkenner in Indonesien, Vietnam und Malaysia. Im Ranking vielversprechender Handelshubs der nächsten Generation von Allianz Research belegt Vietnam den 2. Rang knapp vor Malaysia und liegt damit nur hinter den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Verschiedene Faktoren treiben das Wachstum auf dem Markt für Logistik an: zum einen die Bestrebungen aus Politik und Wirtschaft höherwertige Produktionen in ASEAN zu etablieren und den regionalen Handel zu intensivieren, zum anderen die zunehmende Digitalisierung der Branche. Hinzu kommt die wachsende Bedeutung des Onlinehandels und damit auch von Kurier-, Express- und Paketdiensten. Der Ausbau der Infrastruktur in der Region wird ebenfalls neue Impulse für den Sektor liefern.
Logistikunternehmen in Singapur erhöhen Kapazitäten
Für die meisten internationalen Unternehmen ist Singapur aktuell das logistische Eintrittstor nach Südostasien oder sogar ganz Asien. Der Stadtstaat verfügt durch seine strategisch günstige Lage und die sehr effiziente Infrastruktur über eine gute Anbindung. Die hohe Nachfrage hat allerdings dazu geführt, dass die Kosten steigen und die Kapazitäten ausgeschöpft sind: "Die Lager hier platzen aus allen Nähten", so Marco Reichel, Managing Director der Firma Empire Bison Singapore. Viele Logistikfirmen investieren in die Ausweitung ihrer Hallen und Flächen.
Singapurische Logistikfirmen sind aber auch in der Region aktiv und planen dort umfangreiche Investitionen. Der Transportdienstleister YCH Group hat angekündigt in den nächsten fünf Jahren mindestens vier multimodale Logistikzentren für jeweils rund 300 Millionen US$ in verschiedenen ASEAN-Staaten zu bauen, unter anderem in Vietnam und Kambodscha.
Transportinfrastruktur in ASEAN wird modernisiert
Digitalisierung in der Logistik spielt in Südostasien eine immer größere Rolle. Wegbereiter ist im Regelfall Singapur. So entwickelt die Behörde MPA (Maritime and Port Authority of Singapore) Systeme zur Optimierung von Hafen- und Seeverkehrsdiensten. Dazu gehört ein System auf Basis künstlicher Intelligenz (KI) zur Vereinfachung der Hafenfreigabe, das unter anderem die Bearbeitungszeit von bis zu drei Tagen auf wenige Minuten verkürzen soll.
Der Xinhua-Baltic International Shipping Centre Development Index (ISCDI) kürte Singapur 2025 zum 12. Mal hintereinander zum besten maritimen Logistikzentrum der Welt. Sein Hafen Tuas ist der zweitgrößte nach Shanghai. Bis 2040 wird das Frachtvolumen nochmal um über 50 Prozent erhöht. Die Betreiber rüsten Tuas zu einem vollständig automatisierten und nachhaltigen Hafen um. Zentral ist der Einsatz digitaler Zwillinge, sodass mit Hilfe von KI die Schiffsbewegungen optimiert werden können.
Vergrößerung des Flughafens Changi als Chance für deutsche Produkte
Zudem will Singapur seinen Status als Luftverkehrszentrum erhalten. Angesichts steigender Luftfrachtmengen und Passagierzahlen kommt der Vorzeigeflughafen Changi langsam an seine Grenzen. Bis Mitte des kommenden Jahrzehnts ist eine umfassende und mehrere Milliarden US$ schwere Erweiterung geplant. Neben dem Ausbau der Cargokapazitäten soll ein fünftes Terminal (T5) den möglichen Passagierumschlag von derzeit rund 70 Millionen Menschen pro Jahr nochmal um 50 Prozent erhöhen. Das sind gute Nachrichten für Lieferanten aus Deutschland, denn Flughafenserviceprovider wie Dnata nutzen in Changi zahlreiche deutsche Ausrüstungen, unter anderem für den Bereich Lagerlogistik.
Zahlreiche Infrastrukturprojekte in Planung
Die anderen Länder der Region wollen aufholen und versuchen ihre Transportinfrastruktur zu verbessern. Fast alle Mitgliedstaaten der ASEAN haben gigantische Infrastrukturprogramme und -projekte in den Bereichen Straßen- und Tunnelbau sowie Schienenverkehr auf den Weg gebracht. Häfen und Flughäfen sollen modernisiert werden oder neu entstehen. In den Philippinen sind bis 2028 knapp 200 Projekte im Rahmen des Programms "Build, Better, More" geplant mit geschätzten Gesamtinvestitionen von rund 150 Milliarden US$.
In Vietnam wird der Bau des geplanten "North-South High-Speed Railway" auf den 1.600 Kilometern zwischen Hanoi und Ho Chi Minh-Stadt die Logistiklandschaft Vietnams und der ganzen Region verändern. Das Investitionsvolumen dafür beträgt knapp 60 Milliarden US$. Die Umsetzung birgt gute Geschäftschancen für deutsche Anbieter von Baumaschinen, -ausrüstungen und -dienstleistungen. Ende 2025 wurde außerdem bekannt, dass Siemens Mobility in Kooperation mit dem vietnamesischen Unternehmen Vinspeed am Aufbau des Hochgeschwindigkeitsbahnnetzes des Landes mitwirken und unter anderem Züge sowie Leit- und Sicherungstechnik liefern wird.
Logistik in ASEAN auf unterschiedlichen Niveaus
Mängel in der Logistikinfrastruktur gelten in vielen ASEAN-Volkswirtschaften als Nadelöhr für das Wirtschaftswachstum. Allerdings unterscheidet sich die Qualität des Transportwesens innerhalb der Region stark: Zwischen Singapur auf Platz 1 des Logistics Performance Index (LPI) der Weltbank und Laos und Kambodscha auf dem gemeinsamen Rang 115 liegen Welten.
In Singapur sorgen unter anderem der Hightechhafen Tuas oder der hochmoderne Flughafen Changi, der regelmäßig zu den drei besten Flughäfen der Welt gewählt wird, für eine reibungslose Warenabfertigung. Im benachbarten Indonesien kommt es dagegen zwischen den Hafen- und Industriegebieten Jakartas häufig zu Verzögerungen. Gründe sind die zähen Prozesse im Hafen selbst, aber auch die suboptimalen Anbindungen.
Besser ist die logistische Situation in Malaysia, vor allem rund um das wirtschaftliche Zentrum Klang Valley. Der wichtigste Export- und Importhafen des Landes Port Klang ist gut per Straße und Schiene angebunden. Mit dem südlichen Hafen Tanjung Pelapas gewinnt Malaysia als Logistikstandort weiter an Bedeutung. Die Anfang 2025 eröffnete Sonderwirtschaftszone in Johor an der Grenze zu Singapur wird diese Entwicklung weiter verfestigen.
Hoffnung auf den Abbau nicht tarifärer Handelshemmnisse
Der Handel innerhalb der ASEAN-Region wird durch unterschiedliche Regularien und Standards in den Ländern behindert. Zudem erschweren langwierige Zollprozeduren den Warenfluss. Doch die Mitgliedstaaten haben sich 2025 beim ASEAN-Gipfel in Kuala Lumpur darauf geeinigt, die Handelsbedingungen durch ein Upgrade des bestehenden Abkommens ATIGA (ASEAN Trade in Goods Agreement) zu verbessern. Davon könnten auch ausländische Unternehmen profitieren, die in Südostasien aktiv sind.