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Kolumbiens Gasmangel steigert Technologiebedarf
Kolumbien will mehrere Milliarden US-Dollar in neue Erdgasterminals und Pipelines investieren. Ein Branchenexperte verrät, wie deutsche Firmen davon profitieren können.
29.07.2026
Kolumbien droht eine Energiekrise. Die Erdgasreserven des Landes sind seit 2018 um mehr als die Hälfte geschrumpft. Zugleich werden immer weniger neue Lagerstätten erschlossen und die Fördermengen gehen zurück. Die Investitionen in die Exploration befinden sich auf dem niedrigsten Niveau seit vier Jahren.
Die Folgen könnten schon bald spürbar werden. Weil Kolumbiens Stromversorgung stark von Wasserkraft abhängt, ist Erdgas vor allem während El-Niño-bedingter Dürreperioden unverzichtbar. Für Ende 2026 und Anfang 2027 rechnen Experten mit einem besonders ausgeprägten El Niño in Kolumbien. Sinkendes Angebot und steigender Bedarf verschärfen den Druck auf den Energiesektor. Verschiedene Fachgremien warnen deshalb vor Stromausfällen und einer möglichen Rationierung von Energie.
Import von Flüssiggas soll Abhilfe schaffen
Um dies zu vermeiden, setzt Kolumbien auf den Bau neuer Terminals zum Import von Flüssigerdgas (LNG). Neben dem Ausbau der bestehenden LNG-Anlage in Cartagena sollen in den kommenden Jahren mindestens sieben weitere Terminals gebaut oder in Betrieb genommen werden. Das Investitionsvolumen beläuft sich auf mehr als 700 Millionen US-Dollar (US$).
Für deutsche Unternehmen ergeben sich dabei Lieferchancen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Gefragt sind unter anderem anlegesteglose Umschlagsysteme für den LNG-Transfer, Regasifizierungstechnik sowie Pumpen und Kompressoren. Mehrere Projektentwickler verzichten zudem auf den Anschluss ihrer Terminals an Pipelines. Stattdessen setzen sie auf den Transport von Erdgas in ISO-Tankcontainern, da für Pipelines aufwendige Umweltgenehmigungen erforderlich sind.
Pipelines müssen dringend ausgebaut werden
Auch beim Gastransport besteht erheblicher Investitionsbedarf. Nach Einschätzung des Branchenverbands Asoenergía sind viele Pipelines nicht auf die zusätzlichen Gasmengen aus den geplanten LNG-Importterminals ausgelegt. BNamericas zählt derzeit 17 Pipelineprojekte mit einem Investitionsvolumen von knapp 3 Milliarden US$. Allein TGI, Kolumbiens größter Gasnetzbetreiber, plant acht Vorhaben im Umfang von rund 500 Millionen US$. Neben neuen Leitungen stehen die Umrüstung von Ölpipelines für den Gastransport sowie die Ertüchtigung bestehender Pipelines für einen bidirektionalen Gasfluss im Fokus.
Wie können deutsche Unternehmen punkten?
Laut Alexander Molina, Geschäftsleiter für das Segment Öl und Gas bei WIKA in Kolumbien, ist für deutsche Technologieanbieter die Aufnahme in die Lieferantenliste großer Betreiber wie Ecopetrol oder Vanti eine zentrale Voraussetzung für den Markteintritt. "Das ist 70 Prozent der Arbeit", sagt Molina. Dabei zählen internationale Zertifizierungen, Referenzprojekte, technische Nachweise und die Homologation der Produkte. "Das ist besonders wichtig, da im Sektor amerikanische Normen dominieren."
Ein anderer Wettbewerbsfaktor ist das Wartungsangebot. Die Wartung erfolge in Kolumbien meist reaktiv statt präventiv, sagt Molina. "Deswegen erwarten Kunden kurzfristige Ersatzlieferungen, lange Lieferzeiten aus Europa sind ein Wettbewerbsnachteil." Lokale technische Betreuung ist daher umso wichtiger.
| Unternehmen | Segment in Kolumbien | Aktivität in Kolumbien |
|---|---|---|
| Bosch | Gasheizgeräte, industrielle Kessel, Prozesswärme mit Erdgas/GLP | Bosch ist im kolumbianischen Gassektor im Bereich gasbetriebene Wärmetechnik für Wohngebäude aktiv. |
| Innomotics | Motoren, Großantriebe, Retrofit, Elektrifizierung für Öl und Gas | Innomotics liefert Antriebstechnik für Öl- und Gasprozesse, darunter Motoren, Umrichter, elektrische Antriebssysteme sowie Lösungen für Pumpen, Lüfter und Kompressoren. Hinzu kommen Serviceleistungen zur Steigerung von Anlagenverfügbarkeit und Energieeffizienz. |
| Krohne | Durchflussmessung, Prozessinstrumentierung, Custody Transfer, LNG, Erdgas, Öl & Gas | Krohne bietet Mess- und Prozesslösungen für Gas-, LNG- und Custody-Transfer-Metering-Systeme an. |
| KSB | Pumpen, Ventile, Systeme und Service für Industrie, Energie, Petrochemie sowie Öl und Gas | KSB bietet Pumpen- und Armaturenlösungen für die Öl- und Gasindustrie in den Bereichen Upstream, Midstream und Downstream sowie für die Erdgasverarbeitung. Darüber hinaus ist das Unternehmen in der Petrochemie und im Energieanlagenbau tätig. |
| SICK | Sensorik, Prozessautomation, Gasdurchflussmessung, Erdgas-Metering | SICK ist seit 2016 in Kolumbien vertreten und bietet Automatisierungs- und Sensoriklösungen sowie technische Beratung an. Zum Portfolio gehören unter anderem Systeme für Gasdurchflussmessung, Gasanalyse und Prozessautomation. |
| Siemens | Automatisierung, Elektrifizierung, Digitalisierung für Industrie, Öl und Gas | Siemens stellt für die Öl- und Gasindustrie Lösungen zur Digitalisierung, Automatisierung und Elektrifizierung zur Verfügung. |
| Siemens Energy | Gas-to-Power, Öl und Gas, Turbinen, Kompressoren, Energieinfrastruktur | Siemens Energy bietet Lösungen für die Öl- und Gasindustrie an; das Portfolio umfasst Gasturbinen für die Stromerzeugung in Gasverarbeitungsanlagen und Raffinerien, mechanische Antriebe für Pipeline-, Förder-, LNG- und Kompressionsanwendungen, Kompressoren sowie Lösungen für Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung. |
| TÜV Rheinland | Inspektion und Zertifizierung | TÜV Rheinland bietet in Kolumbien Inspektions- und Zertifizierungsdienstleistungen für Erdgasinstallationen im privaten und gewerblichen Bereich an |
| WIKA | Druck-, Temperatur-, Füllstands- und Durchflussmesstechnik; LNG, CNG, LPG; Gasversorgungssysteme | WIKA bietet Messtechnik für Anwendungen in den Bereichen LNG, CNG, LPG, Gasversorgung und Gasregelung an. |
Molina zufolge spielen Digitalisierung und IIoT-Technologie (Industrial Internet of Things) eine immer größere Rolle, darunter drahtlose Sensorik, Cloud-Anbindungen, Fernüberwachung und intelligente Datenauswertung. "Druckmessgeräte, die heute noch manuell abgelesen werden, übertragen künftig ihre Daten per Funk." Gleichzeitig gewinnt Nachhaltigkeit an Bedeutung.
Das Staatsunternehmen Ecopetrol etwa verfolgt ein Programm zur Verringerung von Methanemissionen durch Messkampagnen, Fernerkundung und Leckage-Reduzierung. Bis 2030 möchte der Konzern seine Methanemissionen um 55 Prozent verringern. "Effiziente Mess- und Regeltechnik kann dabei zum Beispiel 15 Prozent Brennstoffverbrauch bei Kesselanlagen einsparen", sagt Molina.
Neue Regierung möchte Gassektor reaktivieren
Nach langen Jahren der Autarkie ist die Abhängigkeit Kolumbiens von Gasimporten zuletzt rasant gestiegen. Lag der Importanteil zwischen 2015 und 2023 im Durchschnitt nur bei 3 Prozent, überschritt er Anfang 2026 bereits die Marke von 23 Prozent, zeigt eine Analyse des Kreditinstituts Corficolombiana. Die Bank Bancolombia erwartet, dass bis 2029 mehr als die Hälfte des Gasbedarfs durch Importe gedeckt werden muss.
Doch dies könnte sich ändern. Die Wahl von Präsident Abelardo de la Espriella sorgt in der Gasbranche für Aufbruchsstimmung. Der designierte Staatschef hat die Wiederherstellung der Energieautarkie zu einer Priorität erklärt und befürwortet die Vergabe neuer Förderlizenzen. Auch Pilotprojekte für Fracking könnten nun vorangetrieben werden. Laut dem Branchenverband ACP könnten nicht-konventionelle Lagerstätten die derzeitigen Gasreserven des Landes verdreifachen.
Zugleich plant die Regierung, Genehmigungs- und Regulierungsverfahren zu vereinfachen, um mehr private und ausländische Investitionen anzuziehen. Allerdings belasten Finanzierungsengpässe und eine hohe Verschuldung weiterhin den Sektor. Zusätzliche Mittel könnten von Kolumbiens Entwicklungsbank FDN kommen, die eine stärkere Finanzierung privater Gasvorhaben angekündigt hat.
Offshore-Gas soll künftige Versorgung sichern
Noch größer ist das Potenzial der Offshore-Gasförderung in der Karibik. Nach Einschätzung von Branchenexperten übersteigen die möglichen Ressourcen die derzeit erschlossenen Reserven um ein Vielfaches. Die Entwicklung dieser Vorkommen kommt jedoch nur langsam voran, da langwierige Sozial- und Umweltgenehmigungen zahlreiche Projekte verzögern.
Besonders große Bedeutung kommt dem Offshore-Projekt Sirius zu. Nach seiner Inbetriebnahme könnte das Gasfeld mehr als die Hälfte der heutigen kolumbianischen Gasproduktion liefern. Allerdings wird die Förderung frühestens 2030 beginnen. Mittelfristig dürften die geplanten Offshore-Projekte dennoch die Nachfrage nach Bohrtechnik, Unterseeinfrastruktur und weiteren Ausrüstungen für die Offshore-Förderung erhöhen.