Special | Lateinamerika | Seidenstraße

Chinas wachsender Wirtschaftsabdruck in Lateinamerika

Durch Handel und Investitionen festigt China seine wirtschaftliche Präsenz in Lateinamerika. Dabei verdrängt es zunehmend etablierte Anbieter, auch deutsche. (Stand: 21.8.2026)

Stefanie Schmitt

Von Stefanie Schmitt | Santiago de Chile

Kaum ein lateinamerikanischer Haushalt kommt heute ohne Produkte aus China aus. Kleidung und Schuhe "Made in China" gehören vielerorts ebenso zum Alltag wie Smartphones von Huawei oder Computer von Lenovo. Über die Straßen rollen immer mehr chinesische Autos, Windturbinen aus der Volksrepublik liefern Strom, und auch in den Fabriken stammen zahlreiche Maschinen und Anlagen aus dem Reich der Mitte. China steht längst nicht mehr nur für billig, sondern hat sich als Anbieter qualitativ akzeptabler Produkte mit einem überzeugenden Preis-Leistungs-Verhältnis etabliert – sowohl bei Konsum- als auch bei Investitionsgütern.

China – für sieben Länder Lateinamerikas wichtigstes Lieferland

Tatsächlich war China 2025

  • für sieben Länder der Region, darunter Brasilien, der wichtigste Warenlieferant,
  • für weitere zwölf Länder der zweitwichtigste Lieferant,
  • für fünf Länder der wichtigste Absatzmarkt,
  • für zwei weitere Länder der zweitwichtigste Exportmarkt,
  • für vier Länder der wichtigste Handelspartner insgesamt: Bolivien, Brasilien, Chile und Peru.

Besonders ausgeprägt ist die Bedeutung Chinas als Absatzmarkt für Chile und Peru. Der Anteil Chinas an den Gesamtexporten lag dort 2025 bei 36,8 beziehungsweise 33,5 Prozent. Zu den wichtigsten Exportgütern zählen Kupfer, Lithium und Agrarerzeugnisse.

Aus chinesischer Sicht bleibt die Bedeutung Lateinamerikas dagegen vergleichsweise begrenzt. Laut UN Comtrade entfielen 2024 (jüngste verfügbare Daten) lediglich 7,5 Prozent der chinesischen Exporte auf den Subkontinent. Der Anteil Lateinamerikas an Chinas Importen lag mit 9,2 Prozent etwas höher. Dabei handelt es sich allerdings teilweise um strategisch wichtige Rohstoffe wie Kupfer und Lithium, deren Vorkommen weltweit begrenzt sind.

Ungleichgewicht im Handel

Kritiker bemängeln die Asymmetrie der Handelsstruktur zwischen China und Lateinamerika. Die Volksrepublik importiert vor allem Rohstoffe und Lebensmittel, während sie ein breites Spektrum industrieller Erzeugnisse exportiert. Dies trägt nur begrenzt zur lokalen Wertschöpfung in den Lieferländern bei.

Beide Punkte stehen im krassen Gegensatz zu Chinas 2025 veröffentlichtem Positionspapier zur Lateinamerikapolitik, das ausgewogenen Handel und eine diversifizierte Handelsstruktur verspricht. Das Dokument ist bereits das dritte seiner Art nach 2008 und 2016 und unterstreicht Chinas langfristigen Anspruch auf eine stärkere Verankerung in der Region.

China verdrängt traditionelle Anbieter – auch die aus Deutschland!

Mit ihrem guten Preis-Leistungs-Verhältnis, ihrer wachsenden Produktpalette, ihrer Präsenz und Schnelligkeit machen chinesische Anbieter sowohl der lokalen Industrie als auch Anbietern oberer Preissegmente aus Industrieländern Konkurrenz. Besonders schmerzhaft war die Entwicklung für die USA. Ihr Anteil an der Gesamteinfuhr in die Region sank zwischen 2002 und 2025 von 46 auf vorläufig 28 Prozent.

Trotzdem sind die USA immer noch die Nummer 1 bei den Importen und Exporten für die Gesamtregion – allerdings nur unter Einschluss Mexikos. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Region nach Brasilien wickelt rund 60 Prozent ihres Handels mit den USA ab. Ohne Mexiko übertrumpfte China die USA  bereits 2018 als wichtigster Kunde der Region und erstmals 2024 als wichtigstes Lieferland. Zugleich versechsfachte China seinen Importanteil von 3,7 auf 22,7 Prozent.

Auch deutsche Unternehmen spüren die chinesische Konkurrenz. Allerdings war deren Importanteil nie besonders hoch.

Doch geht es nicht nur um Importe. Viele deutsche Firmen produzieren seit Jahrzehnten vor Ort. "Das ist ein extremer Wettbewerbskampf", zitierte das Handelsblatt am 22. Juli 2026 Alexander Seitz, CEO des Südamerikageschäfts von Volkswagen. In Brasilien, dem wichtigsten Markt deutscher Autobauer in der Region, stieg der Marktanteil chinesischer Fabrikate laut Seitz innerhalb von nur zwei Jahren von 2 auf 20 Prozent.

Chinas Investitionen schwer quantifizierbar

Nach offiziellen Statistiken sind die USA und Europa noch immer die größten Investoren in Lateinamerika. Allerdings liegt die tatsächliche Bedeutung chinesischer Investitionen deutlich höher als amtlich ausgewiesen. Beispielsweise übersteigt allein die Investition von Tianqi Lithium in den chilenischen Chemiekonzern SQM den von der Zentralbank angegebenen Gesamtbestand von Chinas Investitionen in Chile.

USA und Spanien weiter wichtigste Investoren in Lateinamerika und in der KarbikAnteile am Investitionsbestand in Prozent; Stand: 2023 1)
Herkunftsland

Anteil 2)

USA

21,8

China

1,2

EU; darunter

59,5

  Spanien

14,7

Rest der Welt

17,6

1) Jüngste verfügbare Daten; 2) Abweichung von 100 Prozent durch Rundungsdifferenzen.Quelle: Banco de España auf Basis von UNCTAD- und IWF-Daten

Fakt ist: China ist aus der Investitionslandschaft der Region nicht mehr wegzudenken. Laut  Forschungsnetzwerk Red ALC-China flossen zwischen 2000 und 2024 rund 203 Milliarden US-Dollar (US$) an chinesischen Direktinvestitionen nach Lateinamerika. Doch auch dies sind nur Schätzungen. Ein Großteil der Kapitalflüsse wird über Offshore-Finanzzentren abgewickelt. Laut dem Chinaexperten Enrique Dussel Peters entfielen zwischen 2018 und 2024 knapp 70 Prozent der chinesischen Direktinvestitionen auf die Kaimaninseln, die Britischen Jungferninseln, Hongkong und Luxemburg. Von dort fließen sie entweder als Auslandsinvestition wieder zurück nach China – oder unter statistisch irreführender Herkunftsbezeichnung in Drittländer.

Soviel investieren Unternehmen aus China in Lateinamerika und der KaribikIn Millionen US-Dollar, Anteile in Prozent
Jahr

2019

2020

2021

2022

2023

2024

2025 *)

Investitionssumme

19.231

9.277

12.706

15.476

10.520

9.795

8.659

Anteil an den Direktinvestitionen insgesamt in der Region

12,0

9,9

8,9

7,9

5,6

6,0

4,2

* vorläufig.Quelle: Red ALC-China – Akademisches Netzwerk Lateinamerikas und der Karibik zu China 2026

Zwar sind Chinas Investitionen seit 2019 eher rückläufig, unter anderem wegen der schwächeren Konjunktur im Inland. Gleichzeitig konzentrieren sich chinesische Firmen mehr auf strategisch wichtige Branchen, kritische Rohstoffe und Infrastrukturprojekte. Ziel ist es, langfristig den Zugang zu wichtigen Ressourcen zu sichern und die Kontrolle über weitere Stufen der Wertschöpfungskette auszubauen.

Motor Seidenstraßeninitiative

Ein wichtiger Treiber von Chinas Engagement in Lateinamerika ist die 2013 gestartete neue Seidenstraßeninitiative. Bislang haben 23 Staaten der Region Absichtserklärungen unterzeichnet. Zuletzt trat Kolumbien der Initiative 2025 bei, während Panama im selben Jahr seinen Austritt erklärte. Angesichts der handelspolitischen Spannungen mit den USA könnten sich weitere Länder Lateinamerikas künftig verstärkt China zuwenden.

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