Wirtschaftsumfeld | Lateinamerika | Spannungsfeld zwischen China und USA
Lateinamerika im Spannungsfeld zwischen den USA und China
Lateinamerika wird zunehmend zum Schauplatz der Rivalität zwischen den USA und China. Für Deutschland und Europa wäre dies der Moment, sich als neutraler Partner anzubieten.
17.08.2026
- US-Interventionen nehmen stark zu
- Wie können sich Deutschland und Europa positionieren?
- Europa braucht Lateinamerika als Zugang zum Pazifik
- Das Zeitfenster ist günstig, aber nicht unendlich
- Chinas Reaktion: defensiver, aber beharrlich
- Neue Seidenstraße und Taiwan-Politik bleiben unangefochtene Konstanten
Seit Beginn der zweiten Amtszeit Donald Trumps haben die USA ihren lange vernachlässigten "südamerikanischen Hinterhof" wieder stärker in den Fokus gerückt. Dabei scheuen sie sich nicht, ihre Interessen durchzusetzen – in Einzelfällen auch unter Missachtung des Völkerrechts wie Anfang 2026 bei der Gefangennahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro. Vor diesem Hintergrund nehmen die Spannungen mit China zu. Dies hat weitreichende Folgen:
- für die Länder der Region, die auf die veränderte geopolitische Lage reagieren müssen
- für Europa, das die Chance hat, sich als neutraler Partner zu positionieren
- für China, das seine Präsenz in Lateinamerika insbesondere seit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) 2001 und dem Start der Neuen-Seidenstraßen-Initiative 2013 kontinuierlich ausgebaut hat. Lange konnte Beijing dabei vergleichsweise ungestört agieren.
US-Interventionen nehmen stark zu
Für die USA geht es längst nicht mehr nur um Handelsfragen. Zwar dürfte es selbst die größte Volkswirtschaft der Welt schmerzen, dass Lateinamerika inzwischen nur noch rund 37 Prozent seines Außenhandels mit ihr abwickelt (2001: 52 Prozent). Zunehmend rücken jedoch auch Fragen der Versorgungssicherheit und geopolitische Interessen in den Vordergrund.
Besonders im Fokus stehen dabei:
- kritische Mineralien wie Kupfer, Lithium und seltene Erden
- Häfen und Logistikinfrastruktur
- digitale Infrastruktur
- Energie und Stromnetze.
Vor diesem Hintergrund kam es in der jüngsten Vergangenheit zu verschiedenen Interventionen, die sich direkt oder indirekt gegen chinesische Aktivitäten richteten.
Beispiele für Einflussnahmen der USA und US-naher Einrichtungen in Lateinamerika:
- Glasfaserkabel Chile-China: Starker Druck in Form von Sanktionen gegen maßgebliche Politiker und deren Familien verhinderte Anfang 2026 die geplante Verlegung eines Glasfaserkabels zwischen Chile und China; das Projekt hätte die Volksrepublik von einer durch US-Firmen kontrollierten Kommunikation unabhängig gemacht. Bisher gibt es kein direktes Unterwasserkabel von Südamerika nach Asien.
- Lithium-Ausschreibungen in Chile: Die US-amerikanische Ford Foundation finanziert eine Studie zu Korruptionsrisiken bei Lithium-Ausschreibungen. Zwar richtet sich die Initiative offiziell nicht gegen einzelne Akteure, sie ist jedoch vor dem Hintergrund des globalen Wettbewerbs um kritische Rohstoffe und der geopolitischen Rivalitäten zu sehen.
- Öffentliche Ausschreibungen in Argentinien: In Wirtschaftskreisen kursiert die Ansicht, dass wichtige Ausschreibungen seit dem Amtsantritt von Präsident Milei vorab mit den außenpolitischen Interessen der USA abgestimmt würden, um chinesische Anbieter auszuschließen. Belege dafür gibt es nicht. Allerdings schloss etwa eine aktuelle Ausschreibung zur Ausbaggerung der Fahrrinne des Río de la Plata Staatsunternehmen von der Teilnahme aus.
- Observatorien in Chile und Argentinien: Zwei von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften geplante Observatorien in Chile (Cerro Ventarrones) und Argentinien (El Leoncito) wurden 2025 gestoppt, nachdem die USA Sicherheitsbedenken geäußert hatten. Washington verwies auf mögliche militärische Nutzungsmöglichkeiten der Anlagen.
- Kolumbiens Beitritt zur Seidenstraßen-Initiative: 2025 drohte die US-Regierung Kolumbien indirekt mit dem Entzug bereits zugesagter Finanzierungen der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB), sollte das Land der chinesischen Seidenstraßen-Initiative beitreten. Die Drohung blieb jedoch wirkungslos: Kolumbien trat der Initiative bei und erhielt weiterhin Finanzmittel für Infrastrukturprojekte wie den U-Bahn-Bau.
Wie können sich Deutschland und Europa positionieren?
Zu diesen Interventionen kommt für die meisten Länder der Region die von Donald Trump verschärfte Zollpolitik hinzu. Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus: Brasiliens Präsident Lula da Silva etwa warb nach der Einführung von Strafzöllen in Höhe von 50 Prozent auf brasilianische Importe in die USA umgehend für eine stärkere wirtschaftliche Öffnung gegenüber anderen Partnern, insbesondere China.
Andere halten sich zurück und versuchen, zwischen China und den USA zu balancieren. China ist für viele Länder der Region einer der wichtigsten Handelspartner und häufig auch ein bedeutender Investor. Die USA wiederum bieten Finanzierungsinstrumente und Zugang zu nordamerikanischen Lieferketten.
Gleichzeitig wächst der Druck zur Diversifizierung. Viele Regierungen suchen nach neuen Partnern, um ihre wirtschaftlichen und geopolitischen Abhängigkeiten zu verringern. Deutschland und Europa könnten sich in diesem Umfeld, ausreichendes Engagement vorausgesetzt, als verlässliche und vergleichsweise neutrale Partner positionieren. Der Streit um den Panamakanal zeigt, welche Chancen sich daraus ergeben können.
Erklärt: Was geschah am Panamakanal?
Die Häfen Balboa und Cristóbal an den Enden des Panamakanals wurden seit den 1990er-Jahren von einer Tochter des Hongkonger Konzerns CK Hutchison betrieben. Im Jahr 2025 wollte das Unternehmen die Terminals im Rahmen eines größeren Hafenverkaufs an ein Konsortium um BlackRock (USA) und MSC/TiL (Schweiz) veräußern. Nach Widerstand aus Peking platzte die Transaktion jedoch. Die chinesische Regierung bestand aufgrund der strategischen Bedeutung der Anlagen auf einer chinesischen Beteiligung.
Anfang 2026 erklärte Panamas Oberstes Gericht die Konzessionen von CK Hutchison für verfassungswidrig und hob sie auf. Zur Begründung verwies das Gericht unter anderem auf unzulässige Privilegien und steuerliche Sonderregelungen in den Verträgen. Beobachter sehen die Entscheidung auch im Zusammenhang mit dem wachsenden Druck der USA, Chinas Einfluss auf die strategisch wichtige Wasserstraße zurückzudrängen.
Gegenwärtig werden die beiden Häfen übergangsweise von europäischen Betreibern geführt: Balboa durch APM Terminals (Maersk, Dänemark) und Cristóbal durch Terminal Investment Limited (MSC/TiL, Schweiz). Damit wählte Panama einen Mittelweg, der weder Washington noch Peking offen bevorzugt. Dessen ungeachtet gibt es immer wieder Berichte, wonach Schiffe unter panamischer Flagge in China ungewöhnlich streng und oft kontrolliert würden.
Europa braucht Lateinamerika als Zugang zum Pazifik
Ein stärkeres Engagement in Lateinamerika liegt auch im Interesse Europas. Dabei geht es nicht nur um den Zugang zu kritischen Rohstoffen. "Wir befinden uns in einer Übergangsphase. Das weltwirtschaftliche Gravitationszentrum verlagert sich vom Atlantikraum mit Europa und den USA in den asiatisch-pazifischen Raum. Europa und speziell Deutschland brauchen den Pazifik, wenn sie nicht außen vor bleiben wollen", sagt Andrés Bórquez, Experte für internationale Beziehungen an der Universidad de Chile.
Gleichzeitig suchen gerade kleinere Länder wie Chile, Peru, Uruguay oder Ecuador gleichwertige Partner außerhalb der beiden großen Machtblöcke. Daraus ergeben sich nach Ansicht von Bórquez gerade jetzt gute Chancen für europäische und deutsche Firmen.
Begünstigt wird dies durch zwei Entwicklungen: Zum einen stehen Chinas Aktivitäten vor Ort zunehmend in der Kritik. Zum anderen haben, abgesehen von der wichtigen Ausnahme Brasiliens, in vielen Ländern der Region rechtsgerichtete Regierungen die Amtsgeschäfte übernommen. Diese suchen tendenziell eine engere Anbindung an die USA und Europa. Argentiniens Präsident Javier Milei etwa machte bei der Modernisierung der Streitkräfte früh deutlich, dass chinesische Rüstungsgüter für ihn nicht infrage kämen.
Das Zeitfenster ist günstig, aber nicht unendlich
Während China in den ersten Jahren seines Engagements in Lateinamerika überwiegend positiv wahrgenommen wurde, ist das Bild inzwischen nicht mehr so eindeutig. Die Volksrepublik galt lange als attraktiver Absatzmarkt, als Lieferant günstiger Konsumgüter, als Kapitalgeber und als willkommene Alternative zu den traditionellen wirtschaftlichen Abhängigkeiten von den USA.
Inzwischen stoßen chinesische Aktivitäten jedoch zunehmend auf Kritik – insbesondere dort, wo sie in direkten Wettbewerb mit lokalen Anbietern treten.
Zwei Beispiele verdeutlichen diesen Stimmungswandel:
- Stahlimporte: China exportierte 2024 rund 110 Millionen Tonnen Stahl und damit fast ein Viertel mehr als im Vorjahr. Die Flut günstiger Importe löste in Lateinamerika eine Welle handelspolitischer Schutzmaßnahmen aus. Mexiko, Brasilien, Chile, Kolumbien und Peru verhängten Zölle oder leiteten Untersuchungen gegen chinesische Produkte ein.
- Arbeits- und Sozialstandards: Chinesische Unternehmen bringen bei Infrastrukturprojekten häufig eigenes Personal mit und arbeiten teilweise zu Bedingungen, die deutlich unter lokalen Standards liegen. Kritiker werfen ihnen vor, dadurch Wettbewerbsvorteile zu erzielen und lokale sowie westliche Anbieter zu verdrängen. Entsprechende Vorwürfe wurden unter anderem in Guyana und Brasilien laut.
Allerdings müssten europäische Unternehmen dafür mehr Interesse an Lateinamerika zeigen. Denn bei aller Sympathie für Europa handhaben die meisten Länder den Umgang mit China sehr pragmatisch.
Chinas Reaktion: defensiver, aber beharrlich
So nutzten Staats- und Privatunternehmen aus China in den vergangenen Jahren den Rückzug westlicher Firmen aus Lateinamerika, um Vermögenswerte zu übernehmen. Künftig dürften Übernahmen von US- und auch kanadischen Firmenbeteiligungen jedoch deutlich schwieriger werden, meint Politikexperte Bórquez.
| Jahr | Land | Übernommene Assets / Einordnung | Verkäufer (Land) | Käufer |
|---|---|---|---|---|
| 2014 | Peru | Las Bambas (Kupfermine); eine der größten Kupferminen in Peru | Glencore, Xstrata (Schweiz) | China Minmetals, Guoxin, CITIC |
| 2018 | Chile | Minderheitsbeteiligung an SQM (Lithiumabbau); hohe strategische Bedeutung | Nutrien (Kanada) | Tianqi Lithium |
| 2019 | Peru | Luz del Sur (Energieversorgung); einer der größten Stromversorger Perus; Teil von Sempras Rückzug aus Südamerika | Sempra Energy (USA) | China Yangtze Power International (Tochter von China Three Gorges) |
| 2020 | Chile | Chilquinta Energía (und Tecnored; Energieversorgung); einer der größten Stromversorger Chiles; Teil von Sempras Rückzug aus Südamerika | Sempra Energy (USA) | State Grid Corp. of China |
| 2020 | Guyana | Aurora Gold Mine (Goldbergbau); einzige große, industrielle Goldmine Guyanas | Guyana Goldfields (Kanada) | Zijin Mining |
| 2022/2023 | Suriname | Rosebel Gold Mine (Goldbergbau); eine der größten Goldminen Südamerikas | IAMGOLD (Kanada) | Zijin Mining |
| 2024 | Peru | Enel Distribución Perú (Energieversorgung); relevanter chinesischer Zukauf | Enel (Italien) | China Southern Power Grid |
Bórquez hat jedoch keinen Zweifel daran, dass China seine Interessen in Lateinamerika weiter wahrnehmen wird, nur deutlich "diskreter". Und wo sich Möglichkeiten eröffnen, speziell in den Bereichen kritische Mineralien, Ernährungssicherheit, Digitalisierung, Rechenzentren oder auch beim Thema Telekommunikationskabel – sei es Richtung Asien oder in die Antarktis – werde China diese gezielt nutzen.
Neue Seidenstraße und Taiwan-Politik bleiben unangefochtene Konstanten
Auch im veränderten geopolitischen Umfeld dürfte China an zwei außenpolitischen Leitlinien festhalten: der Neuen-Seidenstraßen-Initiative und der Ein-China-Politik.
Seit Beginn der Initiative 2013 haben 23 Staaten Lateinamerikas und der Karibik eine Absichtserklärung zur Teilnahme an der Neuen-Seidenstraßen-Initiative unterschrieben, zuletzt Kolumbien 2025 (wobei Panama 2025 wieder austrat). Darüber hinaus unterhält China unter anderem mit Chile, Peru und Ecuador Freihandelsabkommen. Es ist davon auszugehen, dass Peking weiteren Abkommen offen gegenübersteht, insbesondere mit Ländern, die von der erratischen Zollpolitik der USA betroffen sind.
Eine weitere Konstante bleibt die Taiwan-Frage. Seit der Aufnahme der Volksrepublik China in die Vereinten Nationen im Jahr 1971 verfolgt Peking das Ziel, Taiwan diplomatisch zu isolieren und die eigene Ein-China-Politik durchzusetzen. Der Erfolg dieser Strategie ist deutlich sichtbar. Aktuell erkennen Taiwan nur noch sieben Staaten der Region offiziell an, darunter überwiegend kleine Inselstaaten in der Karibik.