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Marokko baut Ladeinfrastruktur aus: Chancen für deutsche Technik

Marokko baut seine Ladeinfrastruktur aus. Deutsche Anbieter haben Chancen bei Netztechnik sowie Lade- und Abrechnungssystemen. Offene Regulierungsfragen erschweren den Markteintritt.

Ullrich Umann

Von Ullrich Umann | Casablanca

Mit dem Ausbau der Ladeinfrastruktur können Lieferchancen bei Nieder- und Mittelspannungskomponenten, Transformatoren, Ladesteuerungen und Technik für die Netzintegration entstehen. Hinzu kommen Abrechnungs- und Lastmanagementsysteme, die sich über offene Schnittstellen mit lokalen Plattformen verbinden lassen. 

Einen möglichen lokalen Anknüpfungspunkt bietet Watt.ma, ein von WATTSC SARL entwickeltes Ladepunktmanagementsystem auf Basis des offenen Kommunikationsprotokolls OCPP 1.6J. Die Plattform unterstützt nach Unternehmensangaben die Überwachung, Tarifierung und Abrechnung von Ladevorgängen sowie die Einbindung von Ladegeräten verschiedener OCPP-kompatibler Hersteller.

Der technische und regulatorische Rahmen entwickelt sich weiter. Offene Punkte bestehen unter anderem bei der Anwendung einheitlicher technischer Standards, der Abrechnung öffentlich zugänglicher Ladevorgänge und der Behandlung von Niederspannungsanlagen. Bei Netzanschluss und Eigenproduktion sind dagegen bereits allgemeine Verfahren und Zuständigkeiten geregelt.

Deutsche Fahrzeugmarken sind über Importeure und Händler in Marokko vertreten. Öffentlich angekündigte Investitionen deutscher Fahrzeughersteller in ein eigenes landesweites Ladenetz waren zum Redaktionsschluss jedoch nicht festzustellen. Einzelne Ladeangebote von Händlern oder Markenpartnern sind damit nicht ausgeschlossen.

Chinesische Hersteller profitieren von hohen Stückzahlen und einem großen Heimatmarkt. Ende Dezember 2025 waren in China nach Angaben der nationalen Überwachungsplattform für Ladeinfrastruktur knapp 20,1 Millionen öffentliche und private Ladepunkte in Betrieb. Ob daraus ein maßgeblicher Einfluss auf die künftig in Marokko verwendeten Normen und Schnittstellen entsteht, ist bislang offen.

Marokko treibt sein Ladenetz voran

Eine amtliche und regelmäßig aktualisierte Bestandsstatistik zur Ladeinfrastruktur liegt nicht vor. Private Anbieter veröffentlichen stark voneinander abweichende Angaben. Watt.ma spricht ohne nähere Erläuterung der Erhebungsmethode von rund 1.600 Stationen. Andere Kartenportale und Verzeichnisse weisen deutlich niedrigere Bestände aus. Die Angaben sind nicht unmittelbar vergleichbar, weil sie unterschiedlich zwischen Standorten, Stationen, Ladesäulen, Ladepunkten und Anschlüssen unterscheiden und teilweise auf Betreiber- oder Nutzermeldungen beruhen. Die in privaten Verzeichnissen erfassten Angebote konzentrieren sich vor allem auf Casablanca, Rabat, Tanger und Marrakesch sowie auf den Fernstraßenkorridor zwischen Tanger und Agadir.

Der Staat zieht regulatorische Leitplanken

ONEE, die zuständigen regionalen beziehungsweise lokalen Verteilnetzbetreiber und die Regulierungsbehörde ANRE prägen den Strommarkt. ANRE reguliert den Netzzugang und setzt unter anderem die Nutzungsentgelte für das Übertragungsnetz und die Mittelspannungsverteilnetze fest. Nach Maßgabe der Gesetze 40-19 und 82-21 reguliert sie außerdem die Vergütung für bestimmte Stromüberschüsse aus Erzeugungs- und Eigenproduktionsanlagen. Der Elektrizitätsmarkt ist damit nicht vollständig liberalisiert, lässt sich aber auch nicht als einheitliches gesetzliches Verkaufsmonopol beschreiben.

Die Autobahnbehörde Autoroutes du Maroc (ADM) ist ein zentraler Ansprechpartner für Ladeprojekte an Autobahnraststätten. Die Umsetzung erfolgt gemeinsam mit den jeweiligen Raststätten-, Tankstellen- und Infrastrukturbetreibern. Die genaue Rollenverteilung hängt vom jeweiligen Standort- und Konzessionsmodell ab. Das Green-Miles-Projekt bestätigt die zentrale Rolle von ADM, belegt aber keine alleinige Entscheidungsbefugnis über sämtliche Ladeprojekte entlang der Autobahnen.

Zu den Betreibern gehört unter anderem FastVolt, eine von Afrimobility aufgebaute Marke mit schnellen und halbschnellen Ladepunkten an Tankstellen und weiteren Standorten. Daneben bietet unter anderem auch TotalEnergies Lademöglichkeiten an einzelnen Tankstellen an. Ein belastbarer Marktanteilsvergleich der Betreiber liegt nicht vor.

Schneider Electric baute gemeinsam mit der Technologieagentur IRESEN und ADM ein Pilotnetz entlang des Autobahnkorridors Tanger–Agadir auf. Nach Angaben von IRESEN wurden 37 Ladesäulen über eine Strecke von rund 800 Kilometern errichtet. Die Säulen verfügen über intelligente Zähler und Kommunikationsmodule zur zentralen Erfassung und Steuerung der Ladevorgänge.

Bei der Stromabrechnung bleiben Fragen offen

Für private Ladepunktbetreiber bleiben Rechts- und Verfahrensfragen offen. Dazu zählen die Einordnung des Ladens als Stromlieferung oder kombinierte Dienstleistung, zulässige Abrechnungsmodelle, Netzanschlussbedingungen sowie Mess-, Preis- und Transparenzanforderungen. In der Praxis bestehen zudem unterschiedliche Betreiber-, Zahlungs- und Tarifsysteme nebeneinander - Marktbeobachter dokumentieren sowohl Abrechnungen nach Kilowattstunden als auch zeitabhängige Tarife.

Die ANRE veröffentlichte am 19. Februar 2026 die Entscheidung Nr. 04/26 zur Vergütung von Stromüberschüssen im Rahmen der Gesetze 40-19 und 82-21. Gemeinsam mit dem im März 2026 veröffentlichten Durchführungsdekret zur Eigenproduktion konkretisiert sie den Rechtsrahmen. Die Vergütung gilt jedoch nicht undifferenziert für jede private Solaranlage, sondern hängt unter anderem von der Rechtsgrundlage, der Anlagenleistung und der Netzebene ab.

Da die Vergütung für eingespeiste Überschüsse deutlich unter üblichen Strombezugskosten liegen kann, bleibt der direkte Eigenverbrauch wirtschaftlich attraktiv. Das begünstigt Geschäftsmodelle, die Photovoltaik, Batteriespeicher, Ladeinfrastruktur und intelligentes Lastmanagement miteinander verbinden.

Für deutsche Anbieter bestehen damit Chancen, ihre Abrechnungs-, Lade- und Energiemanagementsysteme an die marokkanischen Netzanschluss-, Mess- und Abrechnungsregeln anzupassen. Entscheidend sind offene Schnittstellen, lokale Servicepartner und die Kompatibilität mit den vor Ort verwendeten Betreiber- und Zahlungssystemen.