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Marokko muss seine Stromnetze zügig ausbauen
Nach dem raschen Aufbau von Kapazitäten zur Erzeugung von grünem Strom muss in Marokko der Netzausbau nachziehen. Übertragungstechnik und Beratungsleistung sind stark gefragt.
23.12.2025
Von Ullrich Umann | Casablanca
Marokkos Energieinfrastruktur sieht sich angesichts des raschen Ausbaus bei Erzeugungskapazitäten zunehmend mit Engpässen bei der Stromübertragung konfrontiert. Der staatliche Energie- und Wasserversorger Office National de l’Electricité et de l’Eau Potable (ONEE) legt daher aktuell einen Schwerpunkt darauf, die geografischen Ungleichgewichte zwischen den Erzeugungszentren im Süden und den weit entfernten Großverbrauchern im Zentrum und Norden des Landes zu beseitigen.
Zu den dringenden Vorhaben zählt der Bau einer 1.000 Kilometer langen Ultra-Hochspannungsleitung (UHV) für eine Leistung von 2.000 Megawatt von Boujdour nach Tensift. Sie soll im Dezember 2028 in Betrieb gehen. Ein Generalunternehmer (Engineering, Procurement and Construction, EPC) für das Projekt soll 2026 per Ausschreibung gefunden werden. Die Präqualifikations-Phase dafür läuft bis zum 15. Januar 2026.
Parallel dazu forciert eine öffentlich-private Partnerschaft den Bau einer "Stromautobahn". An dem Projekt sind die ONEE und ein Konsortium aus Marokko und den Vereinigten Arabischen Emiraten. In dem Konsortium haben sich der staatliche Investitionsfonds Mohammad VI sowie Taqa Morocco und Nareva zusammengeschlossen. Der Bau umfasst eine 1.400 Kilometer lange 3.000-Megawatt-Hochspannungsleitung von Laayoune nach Casablanca, aber auch Meerwasserentsalzungsanlagen und Kapazitäten zur Erzeugung von grünem Strom. Eine erste Umweltverträglichkeitsstudie für die Stromtrasse erstellt das marokkanische Ingenieurbüro Novec.
Lücken auch bei der Digitalisierung der Stromnetze
Nicht nur beim Bau von Stromtrassen, sondern auch beim Ausbau von Smart Grids gibt es Handlungsbedarf. Während Großverbraucher im Hoch- und Mittelspannungsbereich seit 2021 mit intelligenten Zählern ausgestattet werden, fehlt eine flächendeckende Infrastruktur für private Haushalte. Auf lokaler Ebene ist die notwendige dreifache Steuerung von Produktion, Nachfrage und Speicherung technisch und infrastrukturell nicht gegeben. Experten fordern daher eine gesetzliche Installationspflicht für intelligente Zähler.
ONEE hat eine erste Smart-Grid-Plattform in Betrieb genommen, finanziert durch die Afrikanische Entwicklungsbank (AfDB) mit 373.000 Euro. Der Stromversorger betreibt zudem mit dem Green & Smart Building Park in Benguerir eine auf intelligente Netze spezialisierte Forschungseinrichtung.
Europa unterstützt bei der Finanzierung
Achillesferse ist die finanzielle Situation von ONEE. Nach mehr als zweijährigen Verhandlungen hat die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung 2025 ein Darlehen in Höhe von 300 Millionen Euro bewilligt. Die Mittel dienen der Liquiditätssicherung und der Restrukturierung der Bilanz der ONEE. Bei dem Kredit handelt sich um ein Sustainability Linked Loan, das heißt: Ziele zur Dekarbonisierung sind Teil der Vergabekonditionen.
Außerdem haben die Europäische Investitionsbank und die deutsche Förderbank Kreditanstalt für Wiederaufbau ein weiteres Finanzierungspaket von 300 Millionen Euro geschnürt. Der deutsche Finanzierungsanteil beläuft sich auf 130 Millionen Euro. Die Mittel sollen zur Modernisierung und Erweiterung des Übertragungsnetzes genutzt werden, wie beide Banken mitteilten.
Gute Geschäftschancen für deutsche Ausrüster und Dienstleister
Für deutsche Hersteller und Dienstleister ergeben sich aus den Netzausbauplänen der ONEE gleich mehrere Geschäftsmöglichkeiten. So ist der Bedarf an technischer Ausrüstung für die UHV-Trasse von Boujdour nach Tensift äußerst groß, wobei es hohe Anforderungen an Extrembedingungen wie Sandstürme und Hitze in den Wüstenregionen gibt.
Deutsche Firmen können sich nicht nur als Technologielieferanten einbringen, sondern auch in der Projektberatung und -ausführung aktiv werden. So erfordert die Komplexität der Projekte spezialisierte Beratungsleistungen. Doch ist die Konkurrenz groß. Marokkanische Ingenieurbüros haben sich als äußerst leistungsfähig erwiesen und verfügen häufig über gute Verbindungen zu den Projektträgern.
ONEE will erneuerbare Energien weiter stärken
ONEE hat einen Investitionsplan für den Zeitraum 2025 bis 2030 verabschiedet, der ein Finanzierungsvolumen von umgerechnet 22 Milliarden Euro aufweist. Davon entfallen knapp 18 Milliarden Euro auf den Stromsektor, der Rest fließt in Wasserprojekte. Zur Stabilisierung des Systems bei schwankender Wind‑ und Solarerzeugung plant ONEE die Installation von Batteriespeichersystemen sowie gasbasierter Erzeugungskapazitäten.
| Energieträger/Indikator | Installierte Leistung | Zielsetzungen |
|---|---|---|
| Kraftwerkskapazität, insgesamt | 12,0 | |
| Erneuerbare Energien, davon: | 5,3 | Im Zeitraum 2025 bis 2030: Ausbau um 12,5 GW |
| Wind | 2,1 | |
| Wasser | 1,8 | |
| Solar | 1,4 | |
| Anteil der Erneuerbaren Energien am Strommix | 44,2% | Bis 2027: 56% der installierten Leistung |
| Energiespeicherung | im Aufbau | Bis 2026: 1.600 MWh Batteriespeichersysteme |