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Die marokkanische Eisenbahn investiert in Hochgeschwindigkeit

Marokko modernisiert und erweitert das Eisenbahnnetz. Deutschen Herstellern von Bahn- und Schienentechnik bietet diese Entwicklung Absatzchancen.

Von Ullrich Umann | Casablanca

Die staatliche Eisenbahngesellschaft ONCF (Office National des Chemins de Fer) setzt bis zum Jahr 2030 ein nationales Investitionsprogramm im Gesamtwert von 96 Milliarden Dirham (circa 10 Milliarden Euro) um. Das Land bereitet seine Infrastruktur damit intensiv auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2030 vor.

Die Lieferchancen deutscher Anbieter liegen vor allem in den technologieintensiven Bereichen, etwa in der Signal- und Sicherungstechnik, Elektrifizierung sowie bei Leit- und Kommunikationssystemen. So benötigt Marokko unter anderem hochwertige Gleisoberbaukomponenten, ebenfalls moderne Messtechnik und digitale Lösungen für den Hochgeschwindigkeitsbahnbetrieb.

Die ONCF fordert im Rahmen der Vergaben von den Generalauftragnehmern explizit einen Technologietransfer und den Aufbau eines lokalen Bahnindustrie-Ökosystems. Dies bedeutet, dass sich deutsche mittelständische Zulieferer, selbst als Subauftragnehmer, langfristig an Marokko binden sollten. Schließlich öffnet das die Türen zu dauerhaften lokalen Lieferketten und Industriepartnerschaften.

Investitionen der Eisenbahngesellschaft ONCF
Zukünftiges BahnprojektGeplante Investition / UmfangGeschäftschancen für deutsche Firmen
Hochgeschwindigkeitsstrecke (LGV) Kénitra–Marrakech5,3 Mrd. Euro für eine 430 km lange neue Hochgeschwindigkeitsstrecke.Systeme für Leit- und Sicherungstechnik, Telekommunikation, Energieversorgung und Weichentechnik.
Beschaffung von modernem Rollmaterial2,9 Mrd. Euro für den Kauf von 168 Zügen im Zeitraum 2027–2030.Digitale Bordservices, Komponenten für Züge sowie prädiktive Instandhaltungssysteme über KI und IoT.
Modernisierung des bestehenden Netzes1,4 Mrd. Euro zur Sicherung der Leistungsfähigkeit des konventionellen Netzes.Signaltechnik, Elektrifizierungslösungen, Bahnstromsysteme und Gleisoberbaukomponenten.
Ausbau des Knotens Großraum CasablancaKapazitätserhöhungen zwischen Mohammedia und Nouaceur sowie der Bau von neun Wartungszentren.Signalisation der neuesten Generation, Diagnosesysteme, Cybersecurity und Werkstattausrüstung.
Neubau und Modernisierung von BahnhöfenErste Umsetzungstranche läuft bereits seit Anfang 2026, alle restlichen Stationen starten bis August 2026.Gebäudeautomation, Energie- und Safety-Systeme, Fahrgastinformationen und Ticketing-Lösungen.
Quelle: GTAI-Recherche

ONCF treibt ihr wichtigstes Schlüsselprojekt, den Bau der 430 Kilometer langen Hochgeschwindigkeitslinie (LGV) Kénitra-Marrakesch, mit Hochdruck voran. Bauarbeiter bewegten auf dieser Strecke bereits 20 Millionen Kubikmeter Erde und erstellen aktuell 15 Viadukte sowie drei gedeckte Einschnitte in den Abschnitten Casablanca-Flughafen, Zenata und Aïn Atiq.

Zudem orderte die ONCF größere Materialmengen für den Oberbau, darunter 2,5 Millionen Tonnen Schotter, Schwellen, über 100.000 Tonnen Schienen und 220 Weichen. Deutsche Unternehmen können sich über verschiedene Kanäle in diese Großprojekte einbringen.

Deutsche Branchenfirmen können Lieferanteile hochfahren

Erstens können sich deutsche Firmen direkt um offene Lose der Infrastrukturvorhaben bewerben. Zweitens bieten sich strategische Partnerschaften mit den etablierten Hauptauftragnehmern an, die im Land eigene Werke aufbauen oder erweitern.

Der südkoreanische Hersteller Hyundai Rotem plant beispielsweise eine Produktionsstätte in der Kommune Sidi Ali Labrahla in der Provinz Rhamna. Solche Fabrikprojekte erzeugen in Marokko eine hohe Nachfrage nach hochentwickelter Fertigungs-, Prüf- und Schweißtechnik, die in das Portfolio deutscher Maschinenbauer passt.

Für einen dauerhaften Erfolg im Bahnmarkt sollten deutsche Unternehmen verschiedene Schritte einleiten. Zunächst gilt es, strategische Allianzen vor Ort zu schmieden, da nur lokale Partnerschaften die strengen Anforderungen an die Lokalisierung erfüllen.

Zudem sollten bestehende Kooperations- und Finanzierungslinien wie die Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn oder der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) aktiv als Türöffner genutzt werden. So haben die Deutsche Bahn und ONCF im Mai 2023 eine Partnerschaftsvereinbarung unterzeichnet, wonach deutsche Bahnexperten beraterisch in Marokko tätig sind. 

Weiterhin hat ONCF bei der KfW ein 202-Millionen-Euro-Darlehen im Rahmen des Projekts „Service Intra-métropolitain Rapproché“ (SIR) aufgenommen. Dabei geht es um den Ausbau des Regionalzug- und S-Bahn-Netzes in der Metropolregion Casablanca. 

Deutsche Firmen sollten in ihren Angeboten ihre Technologieführerschaft und die Nachhaltigkeit ihrer Systeme betonen, insbesondere im Hinblick auf digitale Lösungen. Mit einem Verweis, dass die ESG-Standards (Environment, Social, Governance) eingehalten werden, erhält das Angebot eine weitere Aufwertung. Außerdem sollten deutsche Firmen die Ausschreibungsportale kontinuierlich überwachen, da ONCF fortlaufend neue Lose für Bahnhofstechnik und Gebäudeautomation vergibt. 

Hilfestellungen kann bei der Angebotserarbeitung die Deutsche Industrie- und Handelskammer in Casablanca (AHK Marokko) leisten.

Wettbewerbsumfeld und Konkurrenz sind nicht einfach

Deutsche Bahn- und Schienentechnikhersteller sind in Marokko einem intensiven Wettbewerb ausgesetzt. Dies gilt insbesondere gegenüber etablierten französischen Akteuren wie Alstom, die weitreichende strategische Partnerschaften unterhalten und ihren marokkanischen Standort in Fès kontinuierlich zu einem weltweiten Lieferzentrum ausbauen. Alstom arbeitet mit zahlreichen lokalen Zulieferern zusammen und fertigt Komponenten wie Verkabelungen und Fahrpulte vor Ort.

Zunehmend treten auch asiatische Unternehmen wie der bereits erwähnte südkoreanische Hersteller Hyundai Rotem als Konkurrenten auf, die durch den Aufbau lokaler Fertigungskapazitäten punkten. In diesem Umfeld hängt der Markterfolg für deutsche Firmen maßgeblich von der Fähigkeit ab, ihre anerkannte technologische Expertise mit klarem lokalem Mehrwert zu verknüpfen. Dies erfordert eine verstärkte Bereitschaft zum Technologietransfer und das Eingehen verbindlicher industrieller Kooperationen vor Ort, um gegenüber der internationalen Konkurrenz dauerhaft bestehen zu können.

Neben diesen Akteuren gewinnen chinesische Branchenunternehmen im Wettbewerb an Bedeutung, zumal sie erfolgreich Aufträge im marokkanischen Markt akquirieren konnten. Für deutsche Firmen bietet sich hierbei noch ungenutztes Potenzial: Eine Kooperation mit chinesischen Firmen in Marokko ist nicht nur möglich, sondern kann in komplexen Großprojekten strategisch sinnvoll sein.

Während deutsche Anbieter ihre Stärken in der hochwertigen Technik, Digitalisierung und Sicherheitssystemen einbringen, können chinesische Partner ihre Kapazitäten in der massiven Infrastrukturumsetzung und ihre Skalierungsvorteile beisteuern. Solche Synergien könnten die Lieferchancen deutscher Subauftragnehmer bei großen Ausschreibungen deutlich erhöhen.