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Marokko kurbelt Schiffbau an

Marokko hebt den Schiffbau in den Rang eines strategischen Wirtschaftszweigs. Deutschen Werften und dem Maschinen- und Anlagenbau erwachsen daraus Geschäftschancen. 

Ullrich Umann

Von Ullrich Umann | Casablanca

Im Schiffbau folgt Marokko einem Entwicklungsmodell, das in der Automobil- sowie in der Luft- und Raumfahrtindustrie bereits erfolgreich war: In beiden Branchen wurden ausländische Hersteller nach Marokko gelockt. Das will die marokkanische Regierung im Schiffbau nun wiederholen und wirbt bei ausländischen Investoren mit günstigen Lohn- und Energiekosten sowie dem Bedarf an neuen Schiffen. Bis 2040 sollen zum Beispiel 100 Handelsschiffe aus eigener Produktion zu Wasser gelassen werden.

Größte Werft des Kontinents soll in Casablanca entstehen

In Casablanca wird den Regierungsplänen nach die größte Werft auf dem afrikanischen Kontinent entstehen. Auf einer Fläche von 210.000 Quadratmetern sollen ein Trockendock von 240 mal 40 Metern, ein Synchrolift mit 5.000 Tonnen Kapazität sowie 820 Meter Ausrüstungskais entstehen. Laut federführender Nationaler Hafenagentur (ANP) sollen sowohl Handels- und Fischereischiffe als auch militärische Wasserfahrzeuge gebaut und gewartet werden.

In diesem Rahmen hat die Regierung im April 2025 eine 30-jährige Konzession für die Modernisierung und den Ausbau der in die Jahre gekommenen bisherigen Reparaturwerft Casablanca ausgeschrieben. Die festgelegte Bewerbungsfrist vom Mai 2025 hatte man verstreichen lassen, ohne ein Ergebnis zu verkünden. Inzwischen wird mit einer Zuschlagserteilung für Ende August 2026 gerechnet. Im Rennen sind drei Konsortien.

Mitgeboten hatte die südkoreanische HD Hyundai Heavy Industries im Verbund mit der marokkanischen Somagec und der türkischen Kuzey Star Shipyard. Dieses Konsortium setzt bewusst auf den zivilen und militärischen Schiffbau. HD gehört weltweit zu den größten Herstellern von Containerschiffen, LNG-Tankern und Öltankern. Im militärischen Bereich liefern die Koreaner Aegis-Zerstörer aus, Fregatten, Korvetten und U-Boote. 

Ergebnis der Ausschreibung noch offen

Beim zweiten Bewerber handelt es sich um den italienischen Werftbetreiber Porto San Giorgio. Das 1928 in Genua gegründete und seit 2008 zu Genova Industrie Navali gehörende Unternehmen hat sich einen Namen bei Reparatur, Wartung und Umbau von Schiffen aller Art gemacht, einschließlich Militärschiffen. 

Dritter Bieter ist ein Konsortium unter Führung der marokkanischen Radi Holding. Sie hat sich mit der spanischen Marina Meridional und der chinesischen Ningbo Xinle Shipbuilding Group beworben. Dieses Konsortium bietet den Bau von Küstenfischereischiffen, Erzfrachtern und LNG-Tankschiffen an, die in Marokko dringend gebraucht werden. 

Maritime Technik mit Geschäftschancen

Neben dem kommerziellen Schiffbau forciert Marokko die militärische Komponente. Beschafft werden zwei Diesel-Elektrik-U-Boote für die Königliche Marokkanische Marine. Das ist zwar nicht Bestandteil der Werftausschreibung Casablanca, sondern eine gesonderte militärische Beschaffung. Dennoch kann das Ergebnis der militärischen Beschaffung von U-Booten Auswirkungen auf das Ausschreibungsergebnis im Fall der Werft Casablanca haben. 

Geboten haben die ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) aus Deutschland mit U-Booten der 212/214-Klasse sowie die Naval Group aus Frankreich mit der Scorpène-Klasse. Beide Angebote unterscheiden sich Pressemeldungen zufolge deutlich: So sicherte TKMS einen Technologietransfer zu, wogegen sich die Naval Group in dieser Hinsicht bedeckt hält. Aber auch die koreanische HD hat zu erkennen gegeben, im Fall einer Zuschlagserteilung in Casablanca U-Boote anbieten zu können. Den Bau von Hochseepatrouillenbooten in der neuen Werft hatte HD sogar schon explizit zugesagt.

Neue Veranstaltungen unterstreichen Marokkos maritime Ambitionen

2026 fanden zwei Veranstaltungen mit Bezug zur Maritimen Wirtschaft erstmals in Marokko statt. Anfang April 2026 fand in der 100 Kilometer südlich von Casablanca gelegenen Hafenstadt El Jadida der Salon International des Ports (SIPORTS) statt. Laut Angaben des Veranstalters trafen etwa 6.000 Fachleute aus den Bereichen Schifffahrt, Hafenwirtschaft und Logistik auf 300 Aussteller. Die SIPORTS 2027 soll vom 31. März bis 2. April stattfinden.

Am 21. und 22. Mai 2026 fand die erste Nationale Seefahrtskonferenz (Assises Maritimes Nationales) in Tanger unter dem Motto "Le Maroc, Nation Maritime Émergente" statt. Zu den zentralen Zielen zählten der Aufbau einer starken Handelsmarine, die Stärkung der marokkanischen Logistik-Souveränität und die Eröffnung neuer atlantischer Handelswege. Teilgenommen haben hochranginge Vertreter aus Regierung, Forschung, Militär und Wirtschaft des Königreichs. Ein Folgetermin steht noch nicht fest.

Für deutsche Zulieferer hängt nun vieles davon ab, ob TKMS den Zuschlag erhält. Unabhängig davon besteht aber Bedarf an deutschen Komponenten für Antriebstechnik, Waffenleitsystemen und Rumpfbauteilen, da auch Anbieter wie Naval oder die niederländische Damen Shipcyars deutsche Komponenten einsetzen. Bei der Werft-Infrastruktur sind wiederum deutsche Ingenieurbüros, Krantechnikfirmen und Hebetechnologie-Anbieter gefragt. 

Die Digitalisierung des Schiffbaus eröffnet auch für Technologiekonzerne oder Softwareanbieter, unter anderem für Enterprise-Resource-Planning (ERP), Supply-Chain- und Automatisierungslösungen. Unternehmen wie Siemens oder SAP sind längst vor Ort, um ihre Lösungen in der sich weiter diversifizierenden Industrie des Königreichs anzubieten. Werften wie die Meyer Werft und Lürssen (jetzt NVL) könnten sich stärker im marokkanischen Spezial- und Marineschiffbau, einschließlich des Baus von Yachten und Forschungsschiffen, engagieren. 

Zwei Tiefseehäfen im Bau

Geschäftschancen für deutsche Hafenausrüster bestehen, da Marokko derzeit zwei Tiefwasserhäfen, Nador West Med und Dakhla Atlantique, baut. Der Hafen Nador Med soll 2026/27 in Betrieb gehen. Der Hafen Dakhla Atlantique wird 2028/2029 eröffnet, wobei Dakhla mit 23 Metern dem Vernehmen nach über das tiefste Hafenbecken Marokkos verfügt.