Wirtschaftsausblick | Nigeria
Nigerias Wirtschaft auf Stabilisierungskurs
Strukturreformen, steigende Investitionen und sinkende Inflation stärken das Wachstum und verbessern das wirtschaftliche Umfeld. Die Wahlen 2027 werfen ihre Schatten voraus.
11.02.2026
Von Corinna Päffgen | Accra
Top-Thema: Wahlen entscheiden über nachhaltigen Wachstumskurs
Nach zweieinhalb Jahren schwieriger Reformanpassungen, geprägt durch Rekordinflation und starker Abwertung der lokalen Währung Naira, steuert Nigerias Wirtschaft langsam in ruhigere Fahrwasser.
Eine dank restriktiver Geldpolitik deutlich gesunkene Inflationsrate von 31,4 Prozent (Jahresdurchschnitt 2024) auf 23 Prozent (Jahresdurchschnitt 2025) trägt maßgeblich zur Stabilisierung bei. Gleichzeitig sorgen fallende Treibstoffpreise (Benzin, Diesel und LPG-Gas), ausgelöst durch höhere Produktion und stärkeren Wettbewerb, für Entlastung von Haushalten und Unternehmen.
Reformen im Finanz- und Steuerwesen führen seit dem Jahr 2024 zu einer deutlichen Steigerung der Staatseinnahmen, was die finanzielle Stabilität des Landes verbessert. Allerdings bleiben die Aufwendungen für den Schuldendienst weiterhin hoch: Fast 50 Prozent (rund 10,7 Milliarden US-Dollar; US$) der Staatseinnahmen werden im laufenden Haushalt 2026 für den Schuldendienst aufgewendet (2024: 65 Prozent). Sie bewegen sich damit auf dem Niveau der vorgesehenen Staatsausgaben in Verteidigung (3,8 Milliarden US$), Infrastruktur (2,5 Milliarden US$), Bildung (2,4 Milliarden US$) und Gesundheit (1,7 Milliarden US$).
Ob der Reformkurs beibehalten und Nigeria auf einen nachhaltigen Wachstumspfad geführt wird, hängt auch vom Ausgang der Wahlen im Jahr 2027 ab. Der Vorwahlkampf ist bereits im vollem Gange. Die regierende Partei APC (All Progressives Congress) wird den amtierenden Präsidenten Bolo Ahmed Tinubu wieder ins Rennen schicken, der auf die Fortführung des Reformkurs und weitere Liberalisierungen setzt. Gleichzeitig erstarkt mit dem African Democratic Congress (ADC) ein neuer Oppositionsblock. Prominenter Überläufer ist unter anderen Peter Obi, der bei den letzten Präsidentschaftswahlen für die Labour Party angetreten war und sich Ende 2025 der ADC anschloss. Peter Obi hat jüngst verkündet, als Präsidentschaftskandidat für die ADC anzutreten. Seine Wirtschaftsagenda sieht ebenfalls Strukturreformen vor, rückt aber auch die Bekämpfung der prekären Sicherheitslage in den Vordergrund.
Beobachter erwarten einen intensiven und kontroversen Wahlkampf. Sie sehen in den Wahlen einen Legitimitätstest bezüglich Menschenrechte, Sicherheitslage und institutioneller Stärke mit richtungsweisender Bedeutung für das Land.
Wirtschaftsentwicklung: Robustes Wachstum 2026 erwartet
Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet für das Jahr 2026 ein Wirtschaftswachstum von 4,4 Prozent. Damit hat der IWF seine Prognose von vormals 4,2 Prozent nach oben korrigiert.
Bereits im vergangenen Jahr 2025 verzeichnete Nigeria mit einem Wachstum von 3,9 Prozent eine spürbare wirtschaftliche Belebung, die sich besonders in einigen Schlüsselbranchen widerspiegelte.
Zu den dynamischsten Sektoren gehört der Öl- und Gassektor, der nach einer längeren Schwächephase mit einem Plus von 5,9 Prozent aufgrund höherer Fördermengen und verbesserter operativer Bedingungen im Nil-Delta deutlich erholen konnte. Infrastrukturprojekte, staatliche Investitionen und private Bautätigkeit sorgen zudem für viel Dynamik im Bausektors, der mit einem Wachstum von 5,6 Prozent ein zentraler Motor der wirtschaftlichen Entwicklung ist.
Der Dienstleistungssektor bleibt mit einem Wachstum von 4,2 Prozent der größte und strukturell wichtigste Bereich der nigerianischen Wirtschaft. Er trägt über die Hälfte zur gesamten Wirtschaftsleistung bei und profitiert vor allem von dynamischen Teilsektoren wie Telekommunikation, Handel, Finanzdienstleistungen und Immobilien. Der Industriesektor zeigt mit 3,8 Prozent eine solide Entwicklung, getragen von Fortschritten in der Produktion, Bauwirtschaft und Energieversorgung. Der Fertigungssektor als Untersektor wächst moderat mit 1,3 Prozent.
Aktienmarkt und Währungsreserven entwickeln sich positiv
Der nigerianische Aktienmarkt gehört zu den großen Gewinnern der jüngsten Reformphase. Der Hauptaktienindex NGX All-Share Index konnte im Jahr 2025 um 51,2 Prozent zulegen. Damit stieg die Marktkapitalisierung des Aktienmarktes auf rund 70 Milliarden US$ (rund 100 Billionen Naira). An der Nigerian Stock Exchange sind 148 Unternehmen gelistet.
Parallel zur Entwicklung der Börse haben sich die Devisenreserven erheblich verbessert und konnten auf rund 47 Milliarden US$ aufgestockt werden, den höchsten Stand seit etwa acht Jahren. Damit weist Nigeria eine solide Importdeckung von zehn Monaten auf.
Investoren kehren mit Großprojekten zurück
Die Regierung scheint mit ihrem Reformkurs das Vertrauen von Investoren zurückzugewinnen. So hat Shell kürzlich eine 2 Milliarden US$ Investition in die Entwicklung des HI-Gasfeldes (OML 144 Block) vor der Küste Nigerias angekündigt. Darüber hinaus stellt das Unternehmen für 2027 eine Investitionsentscheidung über 20 Milliarden US$ zur Forcierung des Bonga-Südwest-Projekts in Aussicht.
Die Dangote-Gruppe, Betreiber der größten Raffinerie Nigerias, wird die Kapazität im Jahr 2026 auf 650.000 Barrel pro Tag erhöhen. Zudem ist bis 2028 die Erweiterung der Anlage auf 1,4 Millionen Barrel pro Tag geplant. Für den Ausbau hat das Unternehmen eine Investition in Höhe von 360 Millionen US$ angekündigt.
Deutsche Perspektive: Zweitwichtigster Absatzmarkt in Subsahara-Afrika
Nigeria gehört allein aufgrund seiner Größe zu den interessantesten Märkte in Afrika. Für deutsche Produkte ist Nigeria nach Südafrika der wichtigste Absatzmarkt in Subsahara-Afrika. Im Jahr 2025 dürfte das deutsche Exportgeschäft deutlich anziehen. Im 1. Halbjahr 2025 sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes die Exporte um 30,5 Prozent auf 492,9 Millionen Euro im Vergleich zum 1. Halbjahr 2024 gestiegen.
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