Staatlich geprägter Energiemarkt mit Milliardenprogrammen: Hohe Importanteile bei Schlüsseltechnik treffen auf wachsende Lokalisierung und starken Wettbewerb.
Der Energiesektor Saudi-Arabiens unterscheidet sich grundlegend von liberalisierten Strommärkten. Investitionen, Ausbaupfade und Beschaffungsentscheidungen werden überwiegend politisch und programmatisch gesteuert. Öffentliche und staatsnahe Akteure der Stromwirtschaft definieren den Bedarf, bündeln Nachfrage in Großprojekten und sichern die Stromabnahme über langfristige Verträge. Für Unternehmen entsteht Marktzugang daher fast ausschließlich über Ausschreibungen und projektbezogene Vorhaben, nicht über laufende Endkundennachfrage.
Auf der Verbrauchsseite dominiert der Wohnsektor, der fast die Hälfte des Strombedarfs auf sich vereint. Industrie und Gewerbe folgen mit deutlichem Abstand, gewinnen jedoch an Bedeutung, da neue Industriecluster, Sonderwirtschaftszonen und großskalige Entwicklungsprojekte zusätzlichen Strombedarf erzeugen. Daraus ergeben sich Absatzmöglichkeiten sowohl in klassischen Programmen der Stromerzeugung, der Netzinfrastruktur und der Effizienzsteigerung als auch in industrienahen Projekten mit hohen Anforderungen an Verfügbarkeit, Betriebssicherheit und Service.
Projekte bestimmen Marktzugang und Zeithorizonte
Der Marktzugang im saudischen Energiesektor konkretisiert sich nahezu vollständig über Projekte. Neben dem Ausbau erneuerbarer Energien prägen insbesondere Netzinfrastruktur, konventionelle Erzeugung, Wasserstoffvorhaben und langfristig auch Nuklearprogramme die Projektlandschaft. Der Projektbestand umfasst ein sehr hohes Investitionsvolumen und erstreckt sich über mehrere Jahre.
Ein erheblicher Teil der Vorhaben befindet sich in frühen Phasen wie Präqualifikation, Ausschreibung oder technischer Vorplanung. Dies unterstreicht die anhaltend hohe Programmdynamik, bedeutet für Anbieter jedoch auch längere Vorlaufzeiten bis zur Umsetzung. Kurzfristig konzentriert sich die Pipeline bei erneuerbaren Energien vor allem auf Solar- und Windkraft, während andere Technologien schrittweise folgen. Für Unternehmen ist daher eine frühzeitige Positionierung entscheidend, um in späteren Projektphasen berücksichtigt zu werden.
Klare Arbeitsteilung prägt Wertschöpfung und Wettbewerb
Der Energiemarkt ist stark staatlich organisiert. Saudi-arabische Akteure übernehmen vor allem strategische und steuernde Funktionen. Sie legen Programme auf, strukturieren Projekte, vergeben Aufträge, sichern die Stromabnahme und betreiben Netze sowie Erzeugungsanlagen. Dazu zählen staatliche Versorger, zentrale Beschaffungsstellen, Projektentwickler und staatlich geprägte Investoren.
Die technische Umsetzung großer Energieprojekte erfolgt dagegen überwiegend durch ausländische Unternehmen. Planung, Beschaffung und Bau liegen häufig bei internationalen Engineering-, Procurement- and Construction-Unternehmen, kurz EPC-Unternehmen, die Projekte schlüsselfertig realisieren. In der aktuellen Projektpipeline dominieren Anbieter aus Asien, insbesondere aus China und Indien, vor allem bei großvolumigen und preisgetriebenen Vorhaben. Europäische Unternehmen sind seltener als Generalunternehmer vertreten, spielen jedoch eine wichtige Rolle als Technologiezulieferer, Engineering-Partner sowie im Betrieb und in der Wartung komplexer Anlagen.
Wichtige Branchenunternehmen im Energiesektor Saudi-Arabiens Top 10 nach Projektvolumen| Saudi Electricity Company | Saudi-Arabien | 262,8 | 1.268 | Staatlicher Versorger, Netzbetreiber, Großabnehmer |
| Saudi Power Procurement Company | Saudi-Arabien | 189,0 | 65 | Zentrale Beschaffungsstelle, Stromabnahme |
| Fichtner Consulting Engineers | Deutschland | 167,8 | 68 | Planung, Owner’s Engineer, Projektsteuerung |
| Worley | Australien | 94,2 | 14 | Engineering, Projektmanagement |
| Ernst & Young | Vereinigtes Königreich | 92,0 | 7 | Finanzberatung, Transaktionsbegleitung |
| ENOWA | Saudi-Arabien | 91,1 | 18 | Energie- und Wasserversorgung (NEOM) |
| King Abdullah City for Atomic and Renewable Energy | Saudi-Arabien | 86,1 | 3 | Programmsteuerung Erneuerbare und Kernenergie |
| ACWA Power | Saudi-Arabien | 74,4 | 66 | Projektentwicklung, Investor, Betreiber |
| Doosan Enerbility | Südkorea | 71,2 | 32 | EPC, Kraftwerks- und Energietechnik |
| Alfanar Projects | Saudi-Arabien | 69,3 | 393 | EPC, Projektentwicklung, lokale Wertschöpfung |
Das Projektvolumen umfasst laufende und geplante Vorhaben; Vertragsvolumina liegen häufig darunter, da Projekte teils noch nicht vergeben sind.Quelle: MEED Projects, Recherche GTAI; Januar 2026
Hoher Importanteil und internationale Wettbewerbslogik
Vor diesem Hintergrund erklärt sich, dass der projektbasierte Charakter des Marktes trotz wachsender lokaler Fertigung weiterhin mit einem hohen Importanteil einhergeht. Die Importstruktur spiegelt weniger eine breit entwickelte industrielle Basis wider als vielmehr die internationale Wettbewerbslogik großskaliger Energieprojekte. Zentrale Komponenten, Systeme und Ausrüstungen werden insbesondere in technisch anspruchsvollen Segmenten weiterhin importiert.
Im internationalen Vergleich hat sich die Lieferländerstruktur in den vergangenen Jahren deutlich zugunsten asiatischer Anbieter verschoben. Unternehmen aus China und Indien konnten ihre Marktanteile vor allem in standardisierten, volumenstarken und stark preisgetriebenen Segmenten ausbauen. Anbieter aus den USA behaupten ihre Position vor allem in technologieintensiven Teilbereichen, verlieren jedoch in der Breite an Bedeutung. Deutsche Unternehmen konnten ihre frühere Marktbreite nicht vollständig halten, bestätigen jedoch weiterhin ihre Rolle als Technologie- und Qualitätsanbieter in technisch anspruchsvollen Segmenten, etwa bei Systemintegration, Normkonformität, Zuverlässigkeit und Lebenszykluskosten.
Ausländisches Kapital spielt bei der Umsetzung von Energieprojekten eine zentrale Rolle. Investitionen erfolgen überwiegend projektbezogen, etwa im Rahmen von Stromerzeugungs- und Netzinfrastrukturvorhaben oder langfristigen Betreiber- und Wartungsmodellen. Der Markteintritt erfolgt meist über Konsortien und Partnerschaften, weniger über eine breite industrielle Präsenz vor Ort.
Für deutsche Unternehmen bleibt der saudische Energiesektor damit ein anspruchsvoller, aber attraktiver Projektmarkt. Direkte Rollen als Generalunternehmer sind selten. Chancen eröffnen sich vor allem in technologie- und qualitätsintensiven Bereichen wie Netz- und Umspannwerkstechnik, Schutz- und Leittechnik, Automatisierung, digitaler Betriebsführung, Energieeffizienz sowie Betrieb und Wartung komplexer Anlagen. Erfolgreiche Marktstrategien setzen auf Spezialisierung, frühzeitige Einbindung in Projektstrukturen und partnerschaftliche Zusammenarbeit mit lokalen und internationalen Akteuren.
Von Heena Nazir
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Dubai, Riad