Die chemische Industrie ist einer der größten Wirtschaftszweige Spaniens. Trotz Schwierigkeiten in der Basischemie soll der Branchenumsatz im Jahr 2026 weiter steigen.
Der nationale Branchenverband Feique (Federación Empresarial de la Industría Química Española) traut dem spanischen Chemiesektor im Jahr 2026 ein Produktionswachstum von 2 Prozent und eine Umsatzsteigerung von 3 Prozent zu. Getragen wird es vor allem vom Export, dessen Wert um weitere 8 Prozent zulegen soll. Bereits 2025 hatten die spanischen Chemieunternehmen (inklusive Pharma) eine um 14,5 Prozent höhere Ausfuhr als im Vorjahr erzielt. Gleichzeitig profitiert die chemische Industrie von der weiterhin guten Lage der spanischen Gesamtwirtschaft. Im Jahr 2026 wird die Wirtschaftsleistung voraussichtlich um etwa 2,5 Prozent wachsen, deutlich mehr als im EU-Durchschnitt.
Basischemie noch lange nicht über den Berg
Nicht zu vernachlässigen sind jedoch die Herausforderungen in der Basischemie. Wie in anderen europäischen Ländern auch, leidet das Segment an hohen Energiekosten und einem zunehmenden Wettbewerb aus Fernost. Feique zufolge liegen die Stromkosten immer noch 40 Prozent über dem Niveau von 2019, Gas sei doppelt so teuer und CO2-Emissionszertifikate kosteten dreimal so viel. Zuletzt hat der belgische Konzern Solvay angekündigt, die Kapazität seines Sodaasche-Werks in der nordspanischen Region Kantabrien aus Kostengründen um 30 Prozent verringern zu müssen.
Dennoch sieht die Lage weniger düster aus, als in anderen europäischen Ländern: Im Zeitraum 2020 bis 2025 verzeichnete die spanische Basischemie zwar einen kumulierten Produktionsrückgang um 8,9 Prozent. In Frankreich war es jedoch ein Minus 19,9 Prozent und in Deutschland ein Minus von 20,4 Prozent. Feique setzt darauf, dass die angekündigten Maßnahmen des spanischen Gesetzgebers im Laufe des Jahres 2026 greifen, um Strom- und CO2-Zertifikatskosten zu reduzieren.
Gemischte Signale aus den Abnehmerbranchen
Für viele Zweige der spanischen Wirtschaft sind chemische Erzeugnisse unverzichtbar. Feique schätzt, dass für 96 Prozent der Fertigung im Land Produkte aus der Chemiebranche erforderlich sind. Spanien verfügt beispielsweise über einen großen Komplex aus Landwirtschaft und Nahrungsmittelherstellung. Die Baubranche fasste nach der Coronapandemie wieder Tritt und baute ihre Aktivitäten deutlich aus. Fast alle Branchen der spanischen Wirtschaft profitieren aktuell von einer gestiegenen Binnennachfrage durch die deutliche Zunahme der Bevölkerung. Laut nationalem Statistikamt INE lebten zu Beginn des Jahres 2026 insgesamt 49,6 Millionen Menschen im Land. Das waren 2,1 Millionen mehr als vor vier Jahren.
88,4
Milliarden Euro
betrug der Absatzwert chemischer Produkte 2024 in Spanien.
Eine wichtige Abnehmerbranche für spanische Chemieunternehmen stellt der Kfz-Sektor dar, insbesondere bei Farben und Lacken. Spanien ist nach Deutschland der zweitwichtigste Produktionsstandort für Fahrzeuge in Europa. Die Impulse aus diesem Sektor haben jedoch in den Jahren 2024 und 2025 nachgelassen, weil insgesamt weniger Fahrzeuge in Spanien produziert wurden. Für das laufende Jahr sind die Aussichten aber besser geworden. Im Januar 2026 liefen wieder 2,6 Prozent mehr Autos von den Bändern als im Januar 2025.
Chemiebranche ist Exporteur Nummer eins in Spanien
Die spanische Chemiebranche ist international sehr stark vernetzt. Knapp 70 Prozent der Verkäufe entfielen 2025 auf das Ausland. Dieser Anteil ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Zudem haben spanische Exporteure ihre Absatzmärkte weiter diversifiziert, um den seit Jahresbeginn 2025 bestehenden Zollspannungen entgegenzuwirken. Mit Ausfuhren von 73,2 Milliarden Euro (inklusive Medikamenten) lagen spanische Chemieunternehmen auf Platz 1 der wichtigsten Exportsektoren der spanischen Industrie - knapp vor der Automobilbranche.
Deutschland ist sowohl als Lieferland als auch als Absatzmarkt nicht wegzudenken. Im Bereich chemischer Produkte (ohne Medikamente) war Deutschland 2025 mit einem Wert von 4,8 Milliarden Euro nach Frankreich das zweitwichtigste Lieferland. Bei den Absatzmärkten aus spanischer Sicht befand sich Deutschland auf dem fünften Rang hinter Frankreich, den Niederlanden, Italien und Portugal. Kunden in Deutschland kauften chemische Erzeugnisse aus Spanien im Wert von rund 2,9 Milliarden Euro.
Durch die sehr starke Verflechtung mit anderen großen europäischen Chemiemärkten ist auch die dortige Konjunkturentwicklung sehr wichtig für den Chemiesektor in Spanien. Somit spielt neben der inländischen Wirtschaft auch die Lage wesentlicher Abnehmerzweige in Belgien, Frankreich, Deutschland und Italien eine zentrale Rolle.
Forschung, Entwicklung und Investitionen legen zu
Forschung und Entwicklung genießen in der spanischen Chemiebranche eine hohe Priorität. Sichtbar wird das in Forschungsausgaben von rund 2 Milliarden Euro im Jahr 2024. Die Chemieunternehmen mobilisieren nach Angaben von Feique mehr Geld für Innovationen als jeder andere Wirtschaftszweig des Landes. Als zentrale Forschungsfelder gelten eine nachhaltigere Produktion, die Senkung von Emissionen und die Wiederverwertung von Rohstoffen.
Die Chemieindustrie in Spanien zählt auch zu den Branchen, die Jahr für Jahr erhebliche Investitionen umsetzen. Seit 2015 wurde jedes Jahr mehr Geld mobilisiert als im Vorjahr. Feique zufolge lagen die Investitionen 2023 bei knapp 4,1 Milliarden Euro. Das entsprach einer Zunahme um 10,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig gibt es Verzögerungen bei angekündigten Großprojekten. Wie in anderen Ländern auch, zeichnet sich bei der Produktion von grünem Wasserstoff ab, dass geplante Vorhaben kleiner werden oder finale Investitionsentscheidungen später fallen als gedacht.
Ausgewählte Investitionsprojekte der chemischen Industrie in SpanienInvestitionssummen in Millionen Euro| Akteur/ Projekt (Region) | Investitionssumme | Projektstand | Anmerkungen |
|---|
| Moeve/ Produktion grünen Wasserstoffs in Huelva und Cádiz (Andalusien) | 4.000 | Im Bau (Huelva); Fertigstellung Phase 1 geplant: 2026; in Planung (Cádiz) | Teil des größeren Vorhabens "Valle Hidrógeno Andaluz"; Phase 1 des Projekts in Huelva: 400 MW Elektrolyseleistung; stufenweiser Ausbau bis 2028; Teil der europäischen Förderinitiative IPCEI; Projekt in Cádiz: Anlage für grünes Ammoniak |
| Ignis/ Produktion grünen Ammoniaks in Castellón (Valencia) | 1.400 | In Planung (Umweltverträglichkeitsprüfung beantragt); Genehmigung für 2026 erwartet; Fertigstellung geplant: 2031 | Produktion von 800.000 Tonnen grünen Ammoniaks pro Jahr; Anwendungsgebiete: primär für Schiffskraftstoff, soll auch für die Düngemittelindustrie exportiert werden |
| Moeve, Bio-Oils/ Produktion von Biokraftstoffen in Huelva (Andalusien) | 1.200 | Im Bau; Fertigstellung geplant: Ende 2026 | Jährliche Produktion von bis zu 500.000 Tonnen nachhaltigen Flugkraftstoffs (SAF), erneuerbaren Diesels (HVO 100) und Biogas |
| Repsol/ Produktion grünen Wasserstoffs in Muskiz (Baskenland) | 292 | In Planung (im Januar 2026 angekündigt); Fertigstellung geplant: 2029 | 100 MW Elektrolyseleistung; Teil der europäischen Förderinitiative IPCEI |
| Kemira/ Produktion von Aktivkohle in Tarragona (Andalusien) | 20 | In Planung (im Februar 2026 angekündigt); Fertigstellung 2029 geplant | Aktivkohle für den Wassersektor; Ausbau eines bestehenden Standorts |
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Von Friedrich Henle
|
Madrid