Interview | Tschechische Republik | Strukturwandel
"Deutsche Firmen schätzen unsere Industrietradition"
Mährisch-Schlesien war lange das industrielle Herz Tschechiens. Kohle und Stahl dominierten die Region. Im Interview geht es um die Zukunftsbranchen und das deutsche Engagement.
25.03.2026
Von Gerit Schulze | Prag
Als zentrale Entwicklungs- und Investitionsagentur unterstützt MSID (Moravskoslezské investice a development) die Transformation im traditionell industriell geprägten Mährisch-Schlesien. Die Organisation wirbt neue Investitionen an und hilft Unternehmen und Gemeinden, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Im Gespräch mit Germany Trade & Invest spricht der Vorstandsvorsitzende Václav Palička über die wirtschaftliche Entwicklung der Region, Investitionstrends und das Engagement deutscher Firmen.
Herr Palička, welche Prioritäten verfolgt die Region Mährisch-Schlesien für die wirtschaftlichen Entwicklung?
Mährisch-Schlesien bemüht sich langfristig darum, eine starke industrielle Basis zu erhalten und gleichzeitig zu einer Wirtschaft mit höherer Wertschöpfung überzugehen. Dies umfasst die Modernisierung der traditionellen Industrie – mehr Automatisierung, fortschrittliche Produktion, Digitalisierung und Industrie 4.0. Gleichzeitig ist eine breitere Diversifizierung der Wirtschaft das Ziel. Dazu gehören IT, Shared Services, Medizintechnik, Energie sowie Forschung und Entwicklung.
Aufgabe der MSID ist es, diese strategischen Prioritäten umzusetzen. Wir konzentrieren uns auf die Gewinnung neuer Investoren, die Vernetzung von Unternehmen mit dem akademischen Sektor und unterstützen Entwicklungsprojekte. Wir beteiligen uns aktiv an der Revitalisierung von Brownfields und deren Erschließung für moderne Industrie-, Büro- oder Wohnprojekte.
Ein wichtiger Bereich ist auch die Talentförderung und Umschulung von Arbeitskräften. Dafür wurde die Beschäftigungsagentur MS PAKT gegründet, die auf die veränderte Bedürfnisse des Arbeitsmarktes reagiert.
Welche Branchen sind aus Ihrer Sicht derzeit für neue Investoren am attraktivsten?
Aus Sicht unserer Agentur bleibt die Automobilindustrie ein bedeutender Sektor – insbesondere mit Fokus auf moderne Fertigung und Innovationen. Die Region verfügt über eine starke Zulieferbasis und qualifizierte technische Arbeitskräfte.
Sehr dynamisch entwickeln sich IT-Dienstleistungen, digitale Lösungen und Shared Services. Die Region bietet hochwertige Büroflächen, verfügbare Talente und Kosteneffizienz.
Eine bedeutende Rolle spielt auch der Energiesektor, besonders im Kontext der Dekarbonisierung und der laufenden Transformation. Perspektivisch interessant sind zudem Medizintechnik, Biomedizin und Nanotechnologien, bei denen eine enge Zusammenarbeit mit Universitäten und Forschungszentren entscheidend ist.
Ein Wettbewerbsvorteil der Region sind Hochleistungsrechner und künstliche Intelligenz. Dabei spielt das nationale Supercomputing-Zentrum IT4Innovations der Technischen Universität Ostrava (VŠB-TUO) eine Schlüsselrolle.
Wie bewerten Sie die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte in der Region?
Mährisch-Schlesien hat im Vergleich zu den meisten anderen Regionen Tschechiens eine höhere Verfügbarkeit von Arbeitskräften. Die Arbeitslosenquote lag im Januar 2026 bei 6,9 Prozent, was den zweithöchsten Wert des Landes darstellte. In einigen Kreisen wie Karviná und Bruntál ist die Quote noch höher. Insgesamt gibt es hier etwa 55.000 Arbeitssuchende.
Wir haben traditionell eine starke Basis technisch ausgebildeter Fachkräfte. Gleichzeitig gibt es - wie in anderen Transformationsregionen - ein gewisses Missverhältnis zwischen der Struktur des Arbeitskräfteangebots und den Bedürfnissen der Unternehmen. Hier helfen Umschulungs- und Qualifizierungsprogramme.
Eine wichtige Rolle spielt die Zusammenarbeit mit Universitäten und der beruflichen Ausbildung. Die Technische Universität Ostrava mit rund 14.000 Studierenden, sieben Fakultäten und mehreren Forschungszentren stellt eine zentrale Quelle für Talente und Innovationen dar.
Beobachten Sie ein wachsendes Interesse ausländischer - insbesondere deutscher - Unternehmen?
Unsere Agentur verzeichnet ein stabiles Interesse ausländischer Investoren, darunter auch vieler deutscher Firmen. Diese interessieren sich besonders für technologische Produktion, den Automobilsektor, Energie und Shared Services.
Das Unternehmen Rodenstock hat beispielsweise in Ostrava ein Shared-Service-Zentrum eröffnet. Ein weiteres Zentrum von DHL hat in diesem Jahr sein Aufgabenspektrum erweitert. BMW realisiert Projekte in den Bereichen Logistik, Testing und Mobilität. Vitesco Technologies, inzwischen Teil der Schaeffler-Gruppe, baut seine Aktivitäten in der Region aus - von der Produktion über Forschung und Entwicklung bis hin zu neuen Investitionen.
Deutsche Firmen schätzen vor allem die technisch qualifizierten Arbeitskräfte, die industrielle Tradition der Region und deren logistische Erreichbarkeit sowohl nach Deutschland als auch nach Polen. Der Trend bewegt sich zunehmend weg von reiner Produktion hin zu technologisch und entwicklungstechnisch anspruchsvolleren Tätigkeiten.
Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Herausforderungen für die weitere Modernisierung der Region?
Zu den zentralen Herausforderungen zählen die Dauer der Bau- und Genehmigungsprozesse, ein Thema von nationaler Bedeutung. Wichtig sind außerdem die Transformation des Arbeitsmarktes und eine schnellere Umschulung der Arbeitskräfte.
Die Region kämpft zudem weiterhin mit einem überholten Image des traditionellen Schwerindustriezentrums - obwohl die Realität längst anders aussieht und technologischer ist. Komplexe Herausforderungen bringt außerdem die Energietransformation mit sich, sie bietet aber gleichzeitig auch bedeutende Entwicklungschancen.
Aus Sicht der Investoren hat die Region zahlreiche starke Argumente: verfügbare Industrieflächen, hochwertige Infrastruktur, ausreichende Energiekapazitäten, eine strategische Lage mit Anbindung an Autobahnen, Schienennetz und internationalen Flughafen sowie die Dienstleistungen spezialisierter Regionalagenturen - einschließlich unserer.
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