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Vietnams Halbleiterindustrie erhält neue Investitionen

Vietnam profitiert von "China plus One". Neue Investitionen stärken Chipdesign, Packaging und Testing. Deutsche Unternehmen können bei Ausrüstung und Service punkten.

Peter Buerstedde

Von Peter Buerstedde | Hanoi

Eine neue Investitionswelle in Vietnam stärkt neue Projekte im Chipdesign sowie Packaging und Testing. Das sind Teilgebiete der Halbleiterwertschöpfungskette, in denen Vietnam besonders involviert ist. Unternehmen wie NVIDIA, Marvell und Infineon sind im Chipdesign aktiv, im Backend (Assembly, Testing und Packaging; ATP) sind unter anderem Intel und Amkor wichtig.

Schwerpunkte bei ATP und Design

Die Halbleiterbranche wird von ausländischen Unternehmen dominiert. Das US-amerikanische Unternehmen Intel betreibt in Ho-Chi-Minh-Stadt sein weltweit größtes Packaging- und Testwerk. Intel erweitert den Standort derzeit um eine Produktionslinie für Rechenzentrum-Chips, die aus Costa Rica nach Vietnam verlagert wird. Bereits in den letzten Jahren haben internationale Unternehmen wie Amkor (USA), Hana Micron (Südkorea) und Samsung (Südkorea) in diesem Bereich investiert oder neue Projekte angekündigt.

Auch im Chipdesign nimmt die Dynamik zu. Marvell Technology aus den USA eröffnete 2025 drei neue Standorte in Vietnam und machte das Land zu seinem weltweit drittgrößten Entwicklungszentrum für KI-Chips. Nach Branchenangaben sind derzeit mehr als 60 Designunternehmen mit rund 7.000 Ingenieuren vor Ort tätig.

Gleichzeitig entsteht im Land ein Cluster für Halbleiterausrüstung und Präzisionstechnik. Unternehmen wie Coherent (USA) oder VDL (Niederlande) haben ihre Aktivitäten erweitert und beliefern von Vietnam aus globale Branchenführer wie ASML. Zunehmend versuchen auch vietnamesische Unternehmen, in den Sektor vorzudringen. FPT Semiconductor ist bereits im Chipdesign aktiv und will in das Testen von Chips einsteigen. 

Die CT Group baut derzeit die erste vietnamesisch kontrollierte Packaging-Anlage auf, während der Telekommunikations- und Rüstungskonzern Viettel an einer eigenen kleinen Chipfabrik im Technologiepark Hoa Lac bei Hanoi arbeitet. Diese Mini-Fab soll für mehr Autarkie bei einfacheren Chips und der Erstellung von Prototypen im Land sorgen. Fabs für die Waferfertigung sind in Vietnam kaum bis gar nicht vertreten.

Zahlreiche Projekte befinden sich bereits in der UmsetzungWichtige Investitionsprojekte in der Halbleiterindustrie in Vietnam
Vorhaben

Investitionssumme (in Mio. US$)

Status
Advanced Packaging (Amkor), Bac Ninh

1.600

Ausbau in mehreren Phasen seit Ende 2024
Halbleiter-Testfabrik (Samsung), Thai Nguyen

1.500

Angekündigt im Mai 2026
Fabrik für Halbleitersubstrate (LG Innotek), Hai Phong

1.000

Baubeginn geplant im 3. Quartal 2026
Fabrik für Halbleitersubstrate (Meiko Electronics), Phu Tho

500

Baubeginn Juni 2026
Mini-Fab (Viettel), Hoa Lac nahe Hanoi

220

Baubeginn Januar 2026
Ausbau der Produktion von Halbleitermaterialien (Coherent)

83

In Umsetzung
ATP- Werk (FPT Semiconductor), Bac Ninh

30

Im Aufbau
Fabrik für Rechenzentrumschips (Intel), Ho-Chi-Minh-Stadt; Verlagerung einer Produktionslinie aus Costa Rica

k. A.

In Umsetzung seit Mitte 2026
Quelle: GTAI-Recherchen 2026

Der Aufstieg stößt an Grenzen

Die Regierung hat die Halbleiterindustrie zu einem Schlüsselsektor ihrer industriepolitischen Strategie erklärt. Über die üblichen Steuervergünstigungen hinaus sind direkte Zuschüsse für Ausbildung, Landerschließung und Kreditzinsen möglich. Die Maßnahmen sollen helfen, die ehrgeizigen Ziele der nationalen Halbleiterstrategie von 2024 zu erreichen.

Viele der Ziele werden wahrscheinlich erreicht werden. Vor allem der geplante Sprung auf 50.000 Halbleiteringenieure bis 2030 gilt aber als große Herausforderung, auch wenn an den Spitzenuniversitäten landesweit kurzfristig Halbleiterprogramme eingeführt wurden. Zudem fehlen vielfach die Zulieferindustrien für Materialien, Chemikalien, Anlagen und Forschung, die für ein umfassendes Halbleiterökosystem erforderlich sind. Auch eine verlässliche Stromversorgung bleibt ein kritischer Faktor, wenngleich die vietnamesische Regierung zuletzt den rechtlichen Rahmen für einen massiven Ausbau der Netze und Kapazitäten gesetzt hat.

Zu den Infrastrukturdefiziten kommen immense finanzielle und regulatorische Hürden für kommerzielle Fabs hinzu. Während sich die staatliche Mini-Fab bereits im Bau befindet, verschlingt der Bau großer, moderner Fabs zweistellige Milliardenbeträge. Außerdem begrenzen westliche Dual-Use-Exportkontrollen den Zugang zu kritischen Maschinen.  

Zudem steht Vietnam im direkten Wettbewerb mit anderen Halbleiterstandorten in der Association of Southeast Asian Nations (ASEAN)-Region, die ebenfalls aggressive Förderpolitiken verfolgen.

Chancen für deutsche Unternehmen, trotz kleinem Markt

Für deutsche Unternehmen ergeben sich Chancen in mehreren Bereichen. Kurzfristig profitieren vor allem Anbieter von Ausrüstung, Infrastruktur und Ingenieursdienstleistungen vom Ausbau der Halbleiterindustrie. Mit dem Ausbau der Packaging-Kapazitäten vor Ort wächst auch die Nachfrage nach Dienstleistungen deutscher Anbieter von Maschinen und Ausrüstungen. Dadurch gewinnen Service-Niederlassungen an Bedeutung, weil das punktuelle Einfliegen von Ingenieuren für die Maschinenwartung auf Dauer keine wirtschaftliche Lösung darstellt.

Noch ist der vietnamesische Markt überschaubar. Mit der wachsenden Zahl von Designzentren sowie Packaging- und Testwerken steigt jedoch der Bedarf an lokalen Service- und Supportkapazitäten. 

Gleichzeitig eröffnet der Aufbau von 50.000 Ingenieuren bis 2030 neue Kooperationsmöglichkeiten für deutsche Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Beispielsweise arbeitet Infineon bereits mit der Hanoi University of Science and Technology zusammen. Zudem spenden westliche Unternehmen wie Siemens, Synopsys und Cadence oft Lizenzen für ihre Electronic Design Automation-Software. So werden die zukünftigen Fachkräfte direkt in dieser Software ausgebildet. 

Ausbildungs- und Forschungszentren können nicht nur Ingenieure qualifizieren. Sie könnten Unternehmen auch die Möglichkeit bieten, künftige Fachkräfte frühzeitig mit deutschen Technologien und Ausrüstungslösungen vertraut zu machen. 

Diversifizierung treibt Investitionen an

Vietnam profitiert von der Suche der Branchenunternehmen nach Alternativen zu China. Gleichzeitig stoßen etablierte ATP-Standorte wie Malaysia, Taiwan und Südkorea zunehmend an Kapazitäts- und Kostengrenzen. Unternehmer berichten, dass der Umbau der Lieferketten immer stärker der Devise "In China für China, für den Rest der Welt ohne China" folgt. Dies begünstigt den Aufbau neuer Kapazitäten in Vietnam, etwa bei Halbleitersubstraten. 

Zudem gilt Vietnam als Partnerland im Rahmen des US-amerikanischen "Chips and Science Act" als vertrauenswürdiger Investitionsstandort für westliche Technologiekonzerne. 

Exportkontrollen beschränken lediglich den Zugang zum modernsten Herstellungsverfahren von Halbleiterchips, der Extreme Ultraviolet (EUV)-Lithographie. Ältere Systeme wie Deep Ultraviolet (DUV)-Lithographie können unter strengen Compliance-Auflagen geliefert werden.

Kontakte

Bezeichnung

Anmerkungen

AHK Vietnam

Anlaufstelle für deutsche Unternehmen

National Innovation Center

Zentrale staatliche Einrichtung für Innovations- und Halbleiterförderung

SEMI Southeast AsiaInternationale Branchenorganisation für die Halbleiterindustrie in Südostasien
SEMIExpo Viet NamFachmesse und Konferenz für die vietnamesische Halbleiterindustrie; Plattform für Investoren, Ausrüster und Technologieanbieter; 3. bis 4.12.2026 in Ho-Chi-Minh-Stadt
SEMICON Southeast AsiaWichtigste Halbleitermesse Südostasiens; jährliche Veranstaltung mit Fokus auf Ausrüstung, Materialien und Fertigung; 25. bis 27.5.2027 (Kuala Lumpur; Malaysia)