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Vietnams Stahlindustrie setzt auf Spezialstahl und Klimaschutz

Neue Klimaregeln, Milliardeninvestitionen und Importdruck verändern Vietnams Stahlindustrie. Gefragt sind moderne Anlagen und Effizienztechnik.

Von Peter Buerstedde | Hanoi

Vietnam gehört zu den größten Stahlproduzenten weltweit und exportiert jährlich Millionen Tonnen Stahl. Die Regierung hat der Branche mit der nationalen Entwicklungsstrategie für den Stahlsektor vom Februar 2026 zwei Ziele gesetzt: Sie soll mehr Wertschöpfung im Inland schaffen und grüner werden.

Spezialstahl kommt aus dem Ausland

Die Vietnam Steel Association (VSA) schätzt, dass die Branche derzeit lediglich 60 bis 65 Prozent des Inlandsbedarfs deckt. Einfacher Baustahl (Langstahl) und verzinkte Bleche bilden traditionell das Kerngeschäft der vietnamesischen Stahlindustrie, daher gilt Vietnam bei einfachem Baustahl weitgehend als autark. Bei technologisch anspruchsvolleren Produkten besteht jedoch weiterhin eine große Lücke. Rund 40 Prozent des Bedarfs an Warmband (Hot-Rolled Coil; HRC) werden imporiert. Spezial- und Schienenstahl werden vollständig importiert.

Die heimischen Hersteller stehen insbesondere durch günstige Einfuhren aus China unter Druck. Chinesische Anbieter drängen nicht nur in Nischen wie Spezialstahl und hochwertige Flachprodukte, sondern verstärkt auch in einfachere Marktsegmente wie Warmbreitband und Baustahl. Die vietnamesische Regierung reagierte daher im Jahr 2025 mit Antidumpingmaßnahmen.

Gemäß der nationalen Entwicklungsstrategie soll die inländische Stahlindustrie bis 2030 bereits 80 bis 85 Prozent und bis 2035 bis zu 90 Prozent des Inlandsbedarfs abdecken. Die Strategie nennt ausdrücklich Produktgruppen, deren lokale Herstellung ausgebaut werden soll: Darunter Schienenstahl für Hochgeschwindigkeitsbahnen, Legierungs- und Werkzeugstähle für die Industrie, hochfeste Stahlbleche, korrosionsbeständige Edelstähle, Stahl für den Schiffbau, Windkrafttürme sowie nahtlose Rohre für Energieprojekte. Konkrete Förderinstrumente nennt die Strategie kaum. 

Europäische Technik bleibt bei anspruchsvollen Aufgaben gefragt

20 Milliarden US$

geplante Investitionen im Stahlsektor.

Die Industrie hat allerdings schon 2025 Investitionsvorhaben im Umfang von rund 20 Milliarden US-Dollar (US$) angekündigt. Neben dem Ausbau der HRC-Produktion investieren Unternehmen in Schienenstahl, Spezialstähle für Schiffbau und Windenergie sowie neue, "grüne Stahl"-Projekte. Im Mittelpunkt stehen Vorhaben des Marktführers Hoa Phat und des Neueinsteigers VinMetal, einer Tochter des größten vietnamesischen Privatkonglomerats Vingroup. 

Beide Unternehmen gelten als "nationale Champions", denen die Regierung eine Schlüsselrolle bei der industriellen Modernisierung des Landes zuschreibt. Die anspruchsvollen Großprojekte der Unternehmen setzen unter anderem auf europäische Spitzentechnologie von SMS Group aus Nordrhein-Westfalen und Primetals (entstand aus Zusammenschluss von Siemens VAI mit dem japanischen Maschinenbauer Mitsubishi-Hitachi Metals Machinery; gehört heute zur Mitsubishi Heavy Industries Group).

Großprojekte sollen Importlücken schließenGeplante Investitionsvorhaben im Stahlsektor; Investitionen in Milliarden US$
Projekt

Investitionssumme

Status
Hoa Phat Hoa Tam/Bai Goc-Komplex (Dak Lak)

4,8

In Planung; bis 2030 neuer integrierter Stahlkomplex, Industriepark und Tiefseehafen 
Xuan Thien Green Steel (Ninh Binh)

3,9

Baustart 2025; erste Produktion für 2028 vorgesehen; Spezialstähle für Schiffbau, Windkraft, Fahrzeugbau
Hoa Phat Dung Quat Phase 2 (Quang Ngai)

3,3

Inbetriebnahme läuft, vollständiger Betrieb 2026 geplant; Ausbau der HRC-Produktion
VinMetal Stahlkomplex (Ha Tinh)

3,2

Beschleunigte Umsetzung; Phase 1 mit 6 Mio. Tonnen/Jahr, erste Produktion Anfang 2027 geplant; Technologie von Primetals
Green Steel and Bioenergy Complex (Tay Ninh)

2,0

Absichtserklärung im Juni 2026 unterzeichnet; Nachhaltige Stahlproduktion mit Biomasse; Joint Venture von VFT Bio Fuels (Deutschland) und IMG Phuoc Dong
Hoa Phat Schienenstahlwerk (Dung Quat)

0,5

Im Bau; 700.000 Tonnen/Jahr Schienen- und Spezialstahl, Technologie von SMS Group und Primetals
Quelle: Recherchen von Germany Trade and Invest 2026

Hoa Phat war 2020 mit dem Stahlkomplex Dung Quat als erster vietnamesischer Akteur in die Produktion von Warmbreitband eingestiegen. Momentan erfolgt der Zubau einer Flachstahlfabrik (Dung Quat Phase 2). Sie soll die Automobilindustrie, den Schiffbau und Haushaltsgerätehersteller in Vietnam mit hochwertigem Warmbreitbandstahl beliefern. Am gleichen Standort baut Hoa Phat zudem eine Fabrik für Schienenstahl. Sie ist auf 700.000 Tonnen pro Jahr ausgelegt. Die Fabrik soll in den kommenden Jahren den Stahl für den Ausbau der Hochgeschwindigkeitsbahnnetze in Vietnam liefern. Parallel plant Hoa Phat einen weiteren integrierten Stahlkomplex am Tiefseehafen Bai Goc. 

VinMetal verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Das Unternehmen entwickelt in Ha Tinh gemeinsam mit Primetals einen integrierten Stahlkomplex für Industriestähle und will damit ebenfalls Importlücken bei höherwertigen Produkten schließen.

Investitionen sind kein Selbstläufer

Für deutsche Anbieter bestehen Chancen bei Walz- und Prozesstechnik, Automatisierung, Energieeffizienz, Qualitätskontrolle sowie der Erfassung von Emissionsdaten. Allerdings gelten die Geschäftsbedingungen als schwierig. Inflation und Konkurrenzdruck schmälern die Finanzkraft vieler Unternehmen. Auch die Nachfrage nach neuen Spezialstählen ist nicht gesichert.

Importierte Maschinen müssen umweltfreundlich sein

In der vietnamesischen Stahlindustrie herrscht eine tiefgreifende technologische und strukturelle Kluft. Moderne Produzenten wie Hoa Phat, Formosa Ha Tinh Steel und Joint Ventures wie Posco Yamato und Vina Kyoei stehen einem großen Bestand älterer Werke gegenüber. Branchenkenner stufen rund 70 Prozent der landesweiten Kapazitäten als veraltet bis technologisch mittelmäßig ein. Vor allem bei VNSteel und Tisco basieren die Walzstraßen noch auf Technik der 1980er- und 1990er-Jahre. Diese Anlagen verbrauchen mehr Energie und verursachen höhere Materialverluste als moderne Fabriken.

Der Sektor steht unter wachsendem Modernisierungszwang. In Vietnam werden Stahlverarbeitungsmaschinen ausschließlich importiert und es gibt nur wenige Anbieter. Die vietnamesische Regierung hat bereits 2019 die Einfuhr von gebrauchten Industrieanlagen, die älter als zehn Jahre sind, verboten. Die nationale Entwicklungsstrategie verlangt für neue Projekte moderne, energieeffiziente und umweltfreundliche Technologien. Die Vorgaben bleiben jedoch vage.

Druck zur Dekarbonisierung wächst

Die EU verlangt im Rahmen des CO2-Grenzausgleichsmechanismus Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) seit Oktober 2023 Emissionsdaten für Stahlimporte. Seit 2026 hat der CO2-Ausstoß zudem direkte finanzielle Folgen. Importeure müssen je nach Emissionsniveau für die eingeführten Mengen CBAM-Zertifikate erwerben. 

Parallel dazu hat Vietnam 2025 mit dem Pilotbetrieb eines nationalen Emissionshandelssystems begonnen, das neben Kraft- und Zementwerken auch Stahlproduzenten umfasst. Die Zertifikate werden zunächst weitgehend kostenlos zugeteilt. Unternehmer sehen die Erfassung und Verringerung von Emissionen dennoch zunehmend als Wettbewerbsfaktor. Sie befürchten auch, dass weitere Länder ähnliche Vorgaben machen könnten wie die EU.

Kontakte

Bezeichnung

Anmerkungen

AHK Vietnam

Anlaufstelle für deutsche Unternehmen

Vietnam Steel Association (VSA)

Verband der Stahlindustrie

International Steel and Metal Engineering Exhibition (ISME Vietnam)Fachmesse für Anlagenbau im Stahlsektor, 25. bis 27.11.2026; Ho-Chi-Minh-Stadt
METAL & WELD VietnamFachmesse für Weiterverarbeitung zusammen mit ISME; 25. bis 27.11.2026; Ho-Chi-Minh-Stadt