Special | Vietnam | Wasser - Die knappe Ressource
Klimaresilienz und Abwasser: Vietnams Wassersektor im Umbruch
Mit Milliardeninvestitionen will Vietnam die Abwasseraufbereitung ausweiten und Städte vor Hochwasser schützen. Die ehrgeizigen Vorhaben bieten Chancen für deutsche Technologie.
23.03.2026
Von Peter Buerstedde | Hanoi
Landesweit haben in Vietnams Städten bereits zwischen 92 bis 95 Prozent der Haushalte Zugang zu Leitungswasser – in Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt sind es nahezu 100 Prozent. Im Gegensatz dazu werden landesweit nur zwischen 13 bis 15 Prozent des kommunalen Abwassers in Kläranlagen behandelt. Der Rest wird weiterhin ungeklärt in Kanäle und Flüsse geleitet. Eine Ausnahme bilden Industrieparks, in denen vor allem ausländische Firmen angesiedelt sind. Hier verfügen 94 Prozent über zentrale Abwasserbehandlungsanlagen. Sogenannte Industriecluster, in denen vor allem lokale Unternehmen angesiedelt sind, haben hingegen nur zu 30 Prozent Wasseraufbereitungsanlagen.
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Richtungswechsel in Abwasseraufbereitung
Die vietnamesische Regierung will die Aufbereitungsquote für kommunale Abwässer in Städten mit mehr als 200.000 Einwohnern bis 2030 auf mindestens 50 Prozent steigern. Für kleinere urbane Zentren gilt ein Zielwert von 20 Prozent. Ab 2045 sollen dann 100 Prozent aller städtischen Abwässer gereinigt werden. Im industriellen Sektor ist die Vorgabe strikter: Hier sollen 2030 bereits 100 Prozent aller Industrieparks und -cluster über zentrale Kläranlagen verfügen.
Ein Problem sind die bisher geringen und oft pauschalen Abwassergebühren, im Gegensatz zu den deutlich höheren und verbrauchsabhängigen Abgaben für Leitungswasser. Höhere Abgaben für Abwasser könnten Dynamik in den Sektor bringen. Laut Branchenexperten arbeitet die Regierung ein entsprechendes Gesetz aus und könnte es noch 2026 verabschieden.
Mehr Planungssicherheit verspricht die Verwaltungsreform von 2025. Sie hat durch die Zusammenlegung des Ministeriums für Landwirtschaft und des Ministeriums für Umwelt zum neuen Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt langjährige Kompetenzkonflikte aufgelöst und Genehmigungsprozesse für Großprojekte zentralisiert.
Metropolen geben den Takt vor
Besonders die Metropolen forcieren den Ausbau: Ho-Chi-Minh-Stadt plant, seine Abwasserklärquote von derzeit 13 Prozent noch im Jahr 2026 auf über 70 Prozent zu heben. Herzstück dieser Ausbaupläne ist die durch die Weltbank finanzierte Anlage Nhieu Loc-Thi Nghe mit einer Kapazität von 480.000 Kubikmetern pro Tag. Sie soll Mitte 2026 in Betrieb gehen. Auch die Anlage Tham Luong Ben Cat in Ho-Chi-Minh-Stadt mit einer Kapazität von 131.000 Kubikmetern täglich steht vor dem Start.
Hanoi strebt ebenfalls eine Quote von 70 Prozent an, allerdings erst bis 2030. Das zentrale Projekt Yen Xa mit einer Kapazität von 270.000 Kubikmeter pro Tag ist baulich fertiggestellt. Die Inbetriebnahme hängt an dem komplexen, über 50 Kilometer langen Kanalvortrieb unter der Altstadt, bei dem unter anderem Bohrtechnik von Herrenknecht zum Einsatz kommt.
Weitere Großvorhaben werden aktuell in Thuan An, Vinh und Vinh Long realisiert, während für Bac Ninh und Hai Duong neue Anlagen in Planung sind.
Klimakatastrophen sind Weckruf
Im Hochwasserschutz drängt die Zeit: Nach einem verheerenden Jahr 2025 mit zwölf Tropenstürmen sind die wirtschaftlichen Schäden massiv: Die Regierung beziffert diese auf rund 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Als Reaktion auf die Rekordfluten verkündete sie Ende 2025 einen nationalen Plan, um schwere Überschwemmungen in allen Städten des Landes bis 2035 unter Kontrolle zu bringen. Die Strategie setzt auf eine massive Modernisierung der städtischen Entwässerung und die verpflichtende Integration digitaler Frühwarnsysteme.
Der Fokus verschiebt sich dabei schrittweise von der reinen Abwehr hin zu einer klimaresilienten Anpassung. Ein zentrales "klassisches" Vorhaben ist das Gezeitensperrwerk-System in Ho-Chi-Minh-Stadt, dessen Bau sich zwar massiv verzögert hat, aber 2026 endlich abgeschlossen werden soll. Sechs Sperrtore und kilometerlange Deiche sollen die Metropole vor Sturmfluten schützen, während Pumpstationen das Abfließen von Starkregen sichern. Ho-Chi-Minh-Stadt ist besonders bedroht, weil die Stadt aufgrund massiver Grundwasserentnahme und des enormen Gewichts der Bebauung jährlich um bis zu zwei bis fünf Zentimeter absinkt. Mit steigendem Meeresspiegel führt das dazu, dass ohne Gegenmaßnahmen bis 2050 weite Teile der Millionenmetropole permanent unter dem Meeresspiegel liegen könnten.
Städte wie Vinh oder Can Tho erproben moderne Schwammstadt-Konzepte: Künstliche Rückhaltebecken und Versickerungsflächen sollen die Kanalisation bei Taifunen entlasten. An Küstenabschnitten ergänzen naturbasierte Lösungen wie Mangroven-Aufforstungen hinter Wellenbrechern den technischen Schutz gegen Erosion. Trotz dieser Ansätze beobachten deutsche Unternehmer vor Ort, dass sich Schwammstadt-Modelle in Vietnam nur zögerlich etablieren; die Präferenz liegt weiterhin bei massiven, konventionellen Infrastrukturlösungen.
Vietnam geht gegen Versalzung vor
Zur Prävention der Versalzung im Mekong-Delta dient das Großprojekt Cai Lon – Cai Be. Es reguliert durch gewaltige Schleusen an den Flussmündungen den Salzgehalt für über 380.000 Hektar Agrarfläche. Phase 2 ist derzeit in Vorbereitung. Sie ergänzt das System um weitere Sperrwerke und Kanäle.
In Can Tho werden Kläranlagen in Tide-Sperrwerke integriert, um die Abwasserreinigung im Mekong-Delta klimafest zu machen. Das Green City-Projekt (unter anderem in Ha Giang) setzt auf dezentrale, naturnahe Module für bergiges Terrain. Zudem gewinnen Schlamm-zu-Energie-Konzepte an Bedeutung.
Chancen bei anspruchsvollen Vorhaben
Sowohl moderne als auch konventionelle Ansätze im Wassersektor bieten Geschäftschancen für deutsche Firmen, da lokale technische Kapazitäten oft an ihre Grenzen stoßen und die Investitionen enorm sind. Die Weltbank schätzt Vietnams Investitionsbedarf im Wasserbereich auf bis zu 30 Milliarden US-Dollar (US$). Davon werden 9 Milliarden US$ allein für die Kerninfrastruktur benötigt.
Lokale Bauunternehmen wie Vinaconex oder Lizen dominieren den klassischen Tiefbau und die Projektabwicklung. Vinaconex betreibt zudem große Versorgungsnetze und Kläranlagen. Internationale Partner werden primär für komplexe Aufgaben benötigt – etwa im Spezialtiefbau, der Fachplanung oder dem Management technisch anspruchsvoller Großvorhaben. Zwar geht der Trend zur verstärkten Nutzung lokaler Beratungsfirmen, doch deutsches Engagement bleibt stark. Ein Beispiel ist das Leipziger Stromversorgungsunternehmen AONE Deutschland. Es ist maßgeblich an der Planung und Umsetzung moderner Wasserwerke im Raum Hanoi beteiligt, darunter die beiden Großprojekte Xuan Mai und Song Duong.
Lieferchancen bieten sich bei Membranbioreaktoren für Industrieabwässer, Schlamm-zu-Energie-Lösungen sowie kompakten, dezentralen Kläranlagen für neue Stadtquartiere. Im Hochwasser- und Klimaschutz eröffnen sich Möglichkeiten für Präzisionssensoren, Smart-Water-Software zur Sperrwerksteuerung sowie hocheffiziente Pumpentechnik. Hier sind Hersteller wie Wilo und KSB mit eigener Produktion in Südvietnam etabliert. Der Wettbewerb internationaler Anbieter ist jedoch intensiv: Japanische Firmen dominieren staatliche Großprojekte, die durch die Japan International Cooperation Agency finanziert sind. Chinesische Anbieter dominieren das Massengeschäft – insbesondere bei kleinen und mittleren Pumpen – durch aggressive Preisführerschaft und kurze Lieferzeiten. Eine zentrale Hürde für deutsche Unternehmen ist die lokale Ausschreibungspraxis, die häufig den günstigsten Anschaffungspreis priorisiert.
Kontakte
Bezeichnung | Anmerkungen |
|---|---|
| Germany Trade & Invest | Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft |
Anlaufstelle für deutsche Unternehmen | |
Netzwerk deutscher Unternehmen und Institutionen der Wasserbranche zur Exportförderung | |
| Mekong Delta Climate Resilience Programme (MCRP) | GIZ-Vorhaben für klimafeste Wasserwirtschaft und Küstenschutz |
| Ministerium für natürliche Ressourcen und Umwelt; Bündelt Ressourcenmanagement, Landwirtschaft und ländliche Wasserversorgung | |
| Ministry of Construction | Zuständig für urbane Wasserversorgung und Abwasserentsorgung |
| Viet Nam Water Supply & Sewarage Association (VWSA) | Nationaler Branchenverband; wichtiges Netzwerk zu lokalen Wasserunternehmen |
| Vietnam Water Week | 16. bis 18.9.2026; Fachmesse und -konferenz in Hanoi; Fokus auf Strategie, Politik und Netzwerke |
| Vietwater | 4. bis 6.11.2026; führende Fachmesse für Wasser und Abwasser in Ho-Chi-Minh-Stadt, in der Vergangenheit mit deutschem Gemeinschaftsstand |
| Vietnam National E-Procurement System (VNEPS) | Zentrale Ausschreibungsplattform des Finanzministeriums |