Interview | Zypern | Verteidigungsindustrie

"Deutsche Unternehmen können Botschaftsnetzwerke nutzen"

Fregattenkapitän Dr. Volker Pilz erklärt im GTAI-Interview, wie deutsche Unternehmen von Kooperationen mit der zyprischen Verteidigungsindustrie profitieren können. 

Michaela Balis

Von Michaela Balis | Athen

Fregattenkapitän Dr. Volker Pilz war für die Zeit der zyprischen EU-Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2026 vom Militärattachéstab Athen der deutschen Botschaft Nikosia Fregattenkapitän Dr. Volker Pilz war für die Zeit der zyprischen EU-Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2026 vom Militärattachéstab Athen der deutschen Botschaft Nikosia | © Privat

Während der zyprischen EU-Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2026 wurde Fregattenkapitän Dr. Volker Pilz vom Militärattachéstab der Deutschen Botschaft Athen der Deutschen Botschaft Nikosia zugeordnet. Im Interview mit Germany Trade & Invest spricht er über Chancen für die deutsch-zyprische Kooperation im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie.

Herr Pilz, Sie kennen sich gut in der zyprischen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie aus. In den letzten Jahren entwickelte sich die Branche und zählt rund 30 Unternehmen. Wie würden Sie das Potenzial Zyperns beschreiben?

Die zyprische Sicherheits- und Verteidigungsindustrie ist eine vergleichsweise junge Branche, die sich erst in den letzten zehn Jahren entwickelt hat. Seitdem verzeichnet sie ein starkes Wachstum.

Ihr Schwerpunkt liegt auf technologiegetriebenen Lösungen, beispielsweise auf smarten Technologien, Cybersecurity, Überwachungssystemen, taktischen Aufklärungs- und Krisenfrüherkennungssystemen.

Zypern wird voraussichtlich nie Panzer oder große Waffensysteme herstellen. Die meisten Branchenunternehmen sitzen in Limassol und Nikosia.

Zypern baut Verteidigungsindustrie und internationale Partnerschaften aus

Für deutsche Unternehmen ergeben sich Zuliefer- und Kooperationschancen bei:

  1. unbemannten Systemen,
  2. Sensorik,
  3. Elektronik,
  4. Cybersicherheit,
  5. Lösungen für Nachrichtengewinnung, Überwachung und Aufklärung (Intelligence, Surveillance and Reconnaissance; ISR),
  6. Ausbildung und Simulation,
  7. Fertigung von Fahrzeugteilen,
  8. Spezialausrüstung.

Attraktiv sind zudem Kooperationen bei Forschung und Entwicklung, Technologietransfers, gemeinsame Produktentwicklung und Fertigungspartnerschaften. Die Modernisierung der Militärinfrastruktur sowie EU-Mittel aus SAFE und Military Mobility schaffen zusätzliche Marktpotenziale.

Weitere Details wird die gerade erarbeitete nationale Strategie für die Verteidigungsindustrie bieten.

Gibt es bereits Kooperationen mit deutschen Unternehmen?

Die Regierung in Nikosia hat bereits Rüstungsgüter aus Deutschland beschafft Kampfhubschrauber des Typs H145M des Herstellers Airbus aus Donauwörth und prüft den möglichen Erwerb deutscher Kampfpanzer Leopard 2. Auch wird das Flugmustertraining in Pafos von Airbus durchgeführt. 

Die Hamburger Firma Plath ein international tätiger Anbieter integrierter Systeme zur datenbasierten Krisenfrüherkennung gründete bereits im Jahr 2015 eine Tochtergesellschaft auf Zypern. 

Deutsche und zyprische Firmen kooperieren in Projekten des European Defence Fund (EDF) und European Defence Industrial Development Programme (EDIDP). Dazu zählen von deutscher Seite unter anderem Rheinmetall Electronics, Hensoldt Sensors, Airbus Defence and Space, Diehl Defence und KNDS Deutschland.

Das gemeinsame Projektvolumen beträgt rund 87 Millionen Euro – etwa 10 Prozent des Gesamtbudgets beider Programme.

Weitere Kooperationsmöglichkeiten bietet das EU-Programm Security Action for Europe (SAFE). Zypern erhält daraus rund 1,2 Milliarden Euro, wobei ein Großteil der Mittel schon verplant ist. 

Welche Länder sind besonders wichtig für die zyprische Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie? 

Im Jahr 2022 hoben die USA das seit 1987 bestehende Waffenembargo auf. Bis dahin hatte Zypern keinen Zugang zu westlicher Verteidigungstechnologie.

In letzter Zeit ist Frankreich zu einem bedeutenden Partner im Rüstungsbereich aufgestiegen. Anfang Juni 2026 unterzeichneten die Verteidigungsminister Zyperns und Frankreichs ein Abkommen über den Status der Streitkräfte (Status of Forces Agreement; SOFA). Das SOFA schafft den notwendigen institutionellen Rahmen für die vorübergehende Stationierung französischer Streitkräfte in der Republik Zypern im Hinblick auf mögliche humanitäre sowie militärische Einsätze und Evakuierungsoperationen in der weiteren Region des östlichen Mittelmeerraums und des Nahen Ostens. Es folgt auf das umfassende Strategische Partnerschaftsabkommen, das der zyprische Staatspräsident Christodoulides und der französische Staatspräsident Macron im Dezember 2025 in Paris unterzeichneten.

Wie funktioniert der Marktzugang und was sollten deutsche Unternehmen beachten?

Zwischen deutschen und zyprischen Unternehmen besteht bereits ein Austausch. Das gilt ebenso für die Branchenverbände, wie beispielweise den Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) und den Cyprus Defence and Space Industry Cluster (CyDSIC).

Einem deutschen Unternehmen würde ich zunächst ein Treffen mit dem Verteidigungsattaché in der deutschen Botschaft empfehlen.

Über unsere bestehenden Netzwerke können wir Zugang zu relevanten Ansprechpartnern in der Rüstungsindustrie sowie im Verteidigungsministerium vermitteln sowie Gespräche zu Ausschreibungen und weiteren Planungen führen.

Eine ständige Präsenz in Zypern ist für Firmen nicht unbedingt erforderlich und hängt stark vom Geschäftsmodell ab. Angebracht sind jedoch regelmäßige Besuche sowie eine Teilnahme an der zyprischen Rüstungsmesse Battlefield Redefined.

Zypern ist zwar Mitglied der EU und der Eurozone aber kein NATO-Mitglied. Dabei plädiert der zyprische Präsident intensiv für einen Beitritt sowie für den Aufbau einer starken europäischen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Wie wichtig ist für Zypern eine gemeinsame EU-Verteidigungspolitik?

Zypern ist nicht Mitglied der NATO, da die Aufnahme im Nordatlantischen Pakt am Widerstand eines anderen Mitgliedstaates, der Türkei, vor dem Hintergrund des anhaltenden Zypernkonflikts, scheitert. Seit 1974 ist der nördliche Teil der Insel von der Türkei besetzt. Solange die Teilung fortbesteht, ist keine Bewegung in dieser Frage zu erwarten.

Im Rahmen von Zyperns EU-Ratspräsidentschaft im ersten Halbjahr 2026 setzte der Inselstaat den Fokus auf eine gemeinsame europäische Verteidigung, besonders nach dem Drohnenangriff auf die Insel im März 2026. Die Regierung in Nikosia drängt auf ein stärkeres Engagement der EU in Krisensituationen. Sie verweist dabei auf Artikel 42 Absatz 7 des EU-Vertrags, der gegenseitige Hilfe im Falle eines Angriffs vorsieht. Zypern drang beim Treffen der Staats- und Regierungschefs am 24. April 2026 in Nikosia auf die Festlegung eines formellen Verfahrens, mit dem die EU-Beistandsklausel des Artikel 42 Absatz 7 aktiviert werden kann.

Drohnenangriff auf Zypern

Im März 2026 griff eine mutmaßlich iranische Drohne, abgefeuert vermutlich aus dem Libanon, den britischen Militärstützpunkt RAF Aktrotiri auf Zypern an. Obwohl die Sachschäden gering waren, zeigte der Vorfall, dass der Nahost-Konflikt auch Europa tangiert. Und löste eine innenpolitische Diskussion über den Status der britischen Militärstützpunkte auf Zypern aus.

Mehrere EU-Staaten sicherten Zypern politische und militärische Unterstützung zu entsandten Kampfjets, Kriegsschiffe oder Luft- und Drohnen-Abwehrsysteme.