Frankreich, das Vereinigte Königreich, Spanien und Italien gehören zu Europas Systemführern. Ihre Verteidigungsindustrien decken die ganze Bandbreite militärischer Produktion ab.
Neben Deutschland decken Frankreich, das Vereinigte Königreich, Italien und Spanien als Vollsortimenter alle militärischen Domänen ab: Von Luft und Weltraum über Marine, Land und Elektronik/Sensorik bis hin zu Cyberabwehr. Damit unterscheiden sie sich von kleineren europäischen Märkten, die in der Regel nur in einzelnen Produktionssegmenten stark sind.
Alle vier Länder sind exportorientiert und fest in internationale Lieferketten eingebunden. Prägend ist der Staat als Ankerkunde und industriepolitischer Taktgeber: Mehrjährige Beschaffungsprogramme und Souveränitätsziele steuern Investitionen stärker als kurzfristige Marktzyklen.
Souveränität, Abschreckung und Resilienz
Frankreich und das Vereinigte Königreich verbindet ein besonders hoher strategischer Anspruch in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Beide Länder kombinieren industrielle Breite mit nuklearer Abschreckung, globaler sicherheitspolitischer Reichweite und dem Ziel, Schlüsseltechnologien national abzusichern. In Frankreich ist das Leitmotiv militärischer Souveränität politisch und gesellschaftlich verankert. Das Land kann zentrale Fähigkeiten national absichern. Besondere Stärken liegen in der Luft- und Raumfahrt sowie in der Marine. Neun Konzerne decken die Palette von Kampfflugzeugen über U‑Boote und Kriegsschiffe bis hin zu Luftverteidigung, Sensorik, Raketen sowie Satelliten- und Weltraumfähigkeiten ab.
Im Vereinigten Königreich setzt das Ministry of Defense auf eine vollumfängliche Modernisierung der Streitkräfte über große, technologisch anspruchsvolle Plattformprogramme. Dazu zählen das nukleare Abschreckungsprogramm Dreadnought mit einem Investitionsvolumen von über 17 Milliarden Euro allein für das neue Gefechtskopf‑Programm. Projekte werden aber auch multinational umgesetzt, wie in der Luftdomäne das japanisch-britisch-italienische Global Combat Air Programme (GCAP), das als zentrales Zukunftsprojekt für die Entwicklung eines zukünftigen Kampfflugzeugtypen etwa 3,5 Milliarden Euro staatlichen Investitionen aus dem Königreich erhält.
Italien und Spanien sind exportorientierte Integratoren mit ausgeprägter Dual‑Use‑Basis. In Italien ist die Produktion primär auf kleine bis mittlere Serien mit hoher Spezialisierung ausgerichtet, klassische Massenproduktion spielt kaum eine Rolle. Zentrale Segmente sind Marineplattformen, Luftfahrtsysteme sowie Verteidigungselektronik.
Spaniens Verteidigungsindustrie verfügt ebenfalls über ein breites Portfolio von Schiffen über Land- und Luftfahrtzeuge bis hin zu Munition und IT/Kommunikation. Führende Unternehmen sind allerdings deutlich kleiner als ihre Pendants in Frankreich oder dem Vereinigten Königreich. Dabei kombinieren viele Anbieter militärische und zivile Aktivitäten, rein militärisches Geschäft ist selten dominierend.
Branchenstruktur: Etablierte Konzerne und neue Innovatoren
Trotz national unterschiedlicher Profile folgt die Verteidigungsindustrie in den vier Ländern einem ähnlichen Muster. Große Systemintegratoren als Hauptauftragnehmer werden von spezialisierten Zulieferern, Mittelständlern und jungen Technologieunternehmen ergänzt.
Frankreich verfügt neben großen Konzernen wie Airbus Defence and Space, Dassault, Thales, Safran, Naval Group, MBDA und die deutsch-französische KNDS über ein breites Netz von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Rund 4.000 KMU sind im Rüstungssegment aktiv, etwa 1.000 davon gelten als strategisch bedeutsam. Auffällig ist ein ausgebautes Start-up‑ und Scale-up‑Ökosystem, das über DGA‑Programme, France 2030 und Verteidigungs-/Dual‑Use‑Fonds gezielt gefördert wird.
Das Vereinigte Königreich beheimatet ebenfalls eine breit aufgestellte, zugleich stark konzentrierte Verteidigungsindustrie. Wenige Systemhäuser, vor allem die nationalen BAE Systems, Rolls‑Royce und Babcock, aber auch die angesiedelten Rheinmetall und Leonardo UK, stützen sich auf eine hoch spezialisierte Zulieferbasis. Rund 159 rein militärische Hersteller stehen dabei einer wachsenden Zahl von Dual‑Use‑Firmen in Software, Elektronik, Raumfahrt, Cyber und künstlicher Intelligenz gegenüber.
In Italien ist der Sektor stark konzentriert. Wenige große Systemintegratoren dominieren Umsatz und Programme, während die breite Basis aus KMU und spezialisierten Zulieferern besteht. Zentrale Akteure sind der Rüstungskonzern Leonardo, der Schiffbauer Fincantieri, die ELT Group für elektronische Kampfführung sowie Beretta im Kleinwaffensegment. Vollständige Waffensysteme entstehen häufig in internationalen Kooperationen – etwa der Eurofighter, Militärhubschrauber von NHIndustries und Lenkwaffen von MBDA.
In Spanien sind rund 400 Unternehmen in der Verteidigungsindustrie aktiv. Etwa 80 Prozent davon sind KMU, auf die allerdings nur 8 Prozent des Umsatzes der gesamten Branche entfallen. Die bekanntesten Akteure sind Navantia, Airbus und Indra. Navantia fertigt Fregatten, U‑Boote und Logistikschiffe. Indra wird als nationaler High‑Tech‑Champion im Bereich Radar, Elektronik, satellitengestützte Kommunikation und Systemintegration positioniert.
Führende Branchenunternehmen in Frankreich
Umsatz in Millionen Euro
| Dassault | Militärflugzeuge, Kampfjets, Drohnen | k. A. |
| Safran | Triebwerke (militärisch & zivil), Optronik, Navigation, Elektronik | k. A. |
| Thales | Elektronik, Radare, Kommunikation, Cybersecurity, Sensorik | k. A. |
| Airbus Aerospace and Defence | Militärflugzeuge, Satelliten, Raumfahrt, Helikopter | k. A. |
| KNDS France (ehemals Nexter France) | Landverteidigungssysteme | k. A. |
| Naval Group | Kriegsschiffe, Fregatten, U‑Boote, Nukleartechnik | k. A. |
| MDBA | MDBA | k. A. |
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Führende Branchenunternehmen in Italien
Umsatz in Millionen Euro
| Leonardo S.p.A. | Hubschrauber, Militärflugzeuge, Raketensysteme und Verteidigungstechnologie, Drohnen, Luft- und Raumfahrttechnologie, Maritime Systeme, Sicherheitslösungen, Elektronische Systeme und Sensoren usw. | 19.500 |
| Fincantieri S.p.A. | Militär- und Patrouillenschiffe, Flugzeugträger und Amphibische Schiffe, U-Boote, Integrierte Marine- und Mehrzweckplattformen | 9.000 |
| MBDA Italia (Tochtergesellschaft von MBDA S.A.S.) | fortschrittliche Lenkflugkörper und Verteidigungssysteme, darunter die neue Harpax-Loitering-Munition, Teseo MK2/E Seezielflugkörper sowie die zukünftigen Stratus L (subsonisch) und Stratus RS (supersonisch) Marschflugkörper | 5.800 |
| Beretta Holding | Feuerwaffen, Waffenzubehör, Munition | 1.680 |
| Avio S.p.A. | Raketentriebwerke und Booster, Raumfahrt-Startfahrzeuge, Antriebssysteme für Satelliten | 542 |
| ELT Group (ex Elettronica S.p.A.) | Konstruktion und Produktion von Elektronische Verteidigung (EW), Luft- und Raumfahrtverteidigung und nationale Sicherheit | 370 |
| Fiocchi Munizioni S.p.A | Handfeuerwaffenmunition | 360 |
| RWM Italia S.p.A. (Tochtergesellschaft von Rheinmetall) | Unterwasser-Verteidigungssysteme & Produkte für Kampftaucher, Fliegerbomben, Loitering Munition, Artillerie & Gefechtsköpfe, Systeme zur Minenbekämpfung | 230 *) |
| Benelli Armi | Flinten, Pistolen, Büchsen, Zubehör und Technologien | 143 *) |
| KNDS Ammo Italy S.p.A (ex Simmel Difesa) | Systeme Munition, Ausrüstung | 79 *) |
| Intermarine S.p.A. | Minenjagdboote (Minehunter), Spezial-Marineeinheiten (Patrouillenboote und Unterstützungsschiffe für militärische Einsätze) | 38 *) |
| SITEP Italia S.p.A. | Militärische Sensorsysteme für Schiffe und Verteidigungsanwendungen, Elektronische Systeme für Marine und Verteidigung | 13 *) |
* 2024.
Quelle: Unternehmensangaben 2026; Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Führende Branchenunternehmen in Spanien
Umsatz in Millionen Euro 1)
| Indra Group | Radarsysteme, Marineabwehrsysteme, Elektronik, Sensorik | 4.843 |
| Airbus | Militärflugzeuge, Satelliten, Helikopter | k. A. 2) |
| Navantia | Militärschiffe, U-Boote | 1.528 |
| Sener | Lenk- und Steuerungssysteme für Raketen, autonome Plattformen, Kommunikations- und RF-Technologien, weltraumgestützte Sicherheitslösungen | 690 |
| GMV | Navigation, Satellitenkommunikation und Cybersecurity | 454 |
| Escribano Mechanical & Engineering (EM&E) | Ferngesteuerte Waffensysteme, elektrooptische Geräte und Munitionstechnologien, Geschütztürme für Panzer | 355 |
| Oesía | Elektro-optische Geräte, Nachtsicht- und Wärmebildsysteme, Avioniklösungen, kryptographische Systeme für militärische Plattformen | 332 |
*1 Gesamtumsatz (ohne Unterteilung auf militärischen und nicht-militärischen Sektor); 2 geschätzt ca. 5 Milliarden Euro in Spanien erzielt.
Quelle: Unternehmensangaben 2026; Wirtschaftszeitung Actualidad Económica (Las mayores empresas de España, Dezember 2025); Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Führende Branchenunternehmen im Vereinigten Königreich
Umsatz in Millionen Euro
| BAE Systems | Kampfflugzeuge, Kriegsschiffe, U-Boote, Kampf- und Unterstützungsfahrzeuge, Waffen und Munition, Sensorik und Schutzsysteme, Cyber-Security-Lösungen | 29,8 |
| Rolls Royce | Nukleare U-Boot-Antriebstechnologie, militärische Flugzeugtriebwerke, Motoren für gepanzerte Fahrzeuge | 5,3 |
| Babcock International | Kriegsschiffe und U‑Boote, betreibt Marinebasen, nukleare Ingenieursleistungen, militärische Fahrzeuge, Systeme und Ausbildungsdienste | 3,8 |
| Leonardo *) | Hubschrauber, Radar- und Sensorsysteme | 2,8 |
| QuinetiQ | Test-, Prüf- und Evaluierungsanlagen im Auftrag des britischen Verteidigungsministeriums MoD u.a. Waffen- und Raketentestgelände; Radar-, Sensor- und Elektronikkampftests | 2,3 |
| Serco | Betriebs- und Supportpartner des britischen Verteidigungsministeriums, betreibt militärische Infrastruktur, unterstützt Marine- und Armeeflotten, übernimmt Wartung, Training, Logistik und technische Dienste | 1,8 |
| Melrose Industries (Muttergesellschaft von GKN Aerospace) | Komponenten für Kampfflugzeuge, elektrische Systeme und Kabelstränge | 1,2 |
* Umsatz von Leonardo UK.
Quelle: Defence News 2025; Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Programme, Budgets und europäische Einbindung
Bei allen Systemführern ist die staatliche Mehrjahresplanung der zentrale Wachstumstreiber. Derzeit wird er durch die hohe Dringlichkeit beim Aufbau von Vorräten und skalierbarer Produktion ergänzt. Dafür unterstützen die Länder ihre Industrien mit milliardenschweren Programmen.
Frankreich unterlegt den Kurs mit der Loi de Programmation Militaire 2024-2030 im Umfang von 413 Milliarden Euro und einem Budget für 2026 von 57,1 Milliarden Euro. Unter anderem sollen rund 2,5 Milliarden Euro in Munition und 900 Millionen Euro in Boden-Luft-Verteidigungssysteme fließen. Eines der größten, aktuell laufenden Projekte in Spanien ist die Fertigung von 384 Kampfpanzern durch das Konsortium TESS Defence. Der Auftrag für das spanische Heer hat einen Wert von 2 Milliarden Euro.
Das EU-Finanzinstrument SAFE entwickelt sich zum zentralen Instrument der europäischen Verteidigungsfinanzierung, wird jedoch unterschiedlich genutzt: Während Frankreich und Italien auf umfangreiche Mittelzuflüsse setzen – Frankreich erhielt im April 2026 bereits 15,1 Milliarden Euro und Italien kann bis zu 14,9 Milliarden Euro abrufen –, bleibt Spanien mit einem Kreditantrag in Höhe von 1 Milliarde Euro zurückhaltend.
Dem Vereinigten Königreich bleibt außerhalb der EU der Zugang zu SAFE auch nach intensiven Verhandlungen verwehrt, wodurch britische Verteidigungsunternehmen nur begrenzt von der Aufrüstung auf dem Kontinent profitieren. Hebeleffekte nutzt die Regierung in internationalen Projekten bei der Erneuerung der U-Boot-Flotte über das AUKUS-Programm, das Kampfflugzeugprogramm GCAP oder die Deep Precision Strike (DPS) Initiative mit der Bundesregierung.
Wichtige Branchenveranstaltungen in Frankreich
| Eurosatory | internationale Leitmesse für Sicherheits- und Verteidigung, Zwei-Jahres-Rhythmus, 15. bis 19.06.2026 |
| Milipol Paris | internationale Leitmesse für innere Sicherheit und Bevölkerungsschutz, Zwei-Jahres-Rhythmus, 16. bis 19.11.2027 |
| Paris Air Show (SIAE) | internationale Leitmesse zu Luft- und Raumfahrt, Zwei-Jahres-Rhythmus, 14. bis 20.06.2027 |
| Euronaval | internationale Leitmesse für Marine und Seeverteidigung, Zwei-Jahres-Rhythmus, 03. bis 06.11.2026 |
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Wichtige Branchenveranstaltungen in Italien
| Sea Future | internationale Messe und Konferenz für den Schiffbau, die maritimie Technologie und Verteidigung sowie Sicherheit; nächster Termin: 27. bis 30.09.2027 in La Spezia |
| Aerospace & Defense Meetings Torino | wichtigste internationale Business-Convention für die Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigungsindustrie in Italien; nächster Termin: 09. bis 11.11.2027 in Turin |
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Wichtige Branchenveranstaltungen in Spanien
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Wichtige Branchenveranstaltungen im Vereinigten Königreich
| UK-Germany Defence Industry Day | Veranstaltung u.a. B2B-Meetings, zukünftige Bedarfe der deutsch-britischen Verteidigungskooperation; Termin: 22. bis 26.06.2026 |
| Farnborough International Airshow | Fachmesse für Luft- und Raumfahrt- sowie Verteidigungsindustrie; nächster Termin 22. bis 24.07.2026; Farnborough |
| DPRTE 2027 | Fachmesse für Verteidigungsbeschaffung und Lieferketten; nächster Termin: 23. bis 24.03.2027; Farnborough |
| DSEI UK 2027 | Rüstungs- und Sicherheitsmesse; nächster Termin: 07. bis 10.09.2027; Excel London |
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Deutsche Perspektive: Kooperationspartner und Wettbewerber
Für deutsche Unternehmen sind alle vier Länder zugleich Partner- und Wettbewerbsraum. Viele Anbieter sind bereits vor Ort präsent - mit eigenen Standorten oder als Technologiepartner. Rheinmetall etwa produziert seit 1952 in Italien und baut sein Engagement in Spanien nach der Übernahme des Explosivstoffherstellers Expal im Jahr 2023 weiter aus.
Für viele deutsche Firmen liegen die größten Potenziale jedoch nicht in eigenen Produktionsstätten, sondern in der Beteiligung an den umfangreichen Beschaffungs- und Modernisierungsprogrammen der großen nationalen Systemanbieter. Der direkte Marktzugang bleibt anspruchsvoll, etwa in Frankreich, wo bei staatlichen Ausschreibungen nationale Hersteller bevorzugt werden. Chancen entstehen aber auch hier durch Zulieferungen wie das Beispiel von Renk Frankreich bei Antriebssystemen für Kettenfahrzeuge zeugt.
Die europäischen Systemführer bauen derzeit Kapazitäten gezielt aus und modernisieren ihre technologische Basis. Für deutsche Unternehmen entstehen daraus vor allem Chancen in Lieferketten und Hightech-Segmenten sowie beim Ausbau von Produktionsinfrastruktur. Mit der Kapazitätserweiterung wächst die Nachfrage nach leistungsfähigen Zulieferern, die kurze Lieferzeiten, hohe Qualitätsstandards und Versorgungssicherheit gewährleisten können.
Kontaktadressen in Frankreich
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Kontaktadressen in Italien
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Kontaktadressen in Spanien
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Kontaktadressen im Vereinigten Königreich
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest 2026
Von
Frauke Schmitz-Bauerdick,
Marc Lehnfeld,
Friedrich Henle,
Oliver Idem,
Edda vom Dorp
|
Paris,
London,
Madrid,
Bonn