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Polnische Staatsfirmen sollen bei heimischen Lieferanten kaufen

Bereits seit einiger Zeit sucht Polen nach Wegen, um mehr öffentliche Aufträge an heimische Unternehmen zu vergeben. Jetzt nimmt die Regierung große Staatsfirmen in die Pflicht.

Von Christopher Fuß | Warschau

Polens Regierung will künftig stärker überprüfen, in welchem Umfang Unternehmen mit staatlicher Beteiligung ihre Projekte an polnische Auftragnehmer vergeben. Das kündigten Premierminister Donald Tusk und der Minister für Staatsaktiva, Wojciech Balczun, auf einer Pressekonferenz im April 2026 an.

Staatsunternehmen sollen in diesem Zusammenhang neue Leistungskennzahlen (Key Performance Indicators, KPI) erhalten. Eine dieser Kennzahlen betrifft den sogenannten Local Content, also den Anteil der lokal in Polen erbrachten Wertschöpfung. Über die Aufsichtsräte, in denen auch staatliche Vertreter sitzen, kann die Regierung nachvollziehen, inwieweit die Unternehmen diese Ziele erfüllen.

Das Ministerium für Staatsaktiva definiert Local Content laut einer Mitteilung als "den Wert der Waren oder Dienstleistungen, die von einem inländischen Unternehmen hergestellt oder erbracht werden". Maßgeblich ist damit vor allem der Firmensitz des Auftragnehmers.

Eine polnische Tochtergesellschaft reicht nicht aus

Ob ein Unternehmen als inländisch gilt, bewertet das Ministerium anhand eines Punktesystems. Ein vollständig polnisches Unternehmen kann maximal 100 Prozent erreichen.

Die Bewertung erfolgt anhand folgender Kriterien:

  • 25  Prozent: Sitz der obersten Muttergesellschaft in Polen
  • 25  Prozent: Zentrale operative Tätigkeiten (Produktion oder Dienstleistungen) in Polen
  • 15  Prozent: Steuerliche Ansässigkeit des Unternehmens in Polen
  • 15  Prozent: Mehr als 50 Prozent der Beschäftigten sind polnische Staatsbürger oder in Polen ansässige Personen
  • 10  Prozent: Geschäftssitz und operative Tätigkeit seit mindestens drei Jahren in Polen
  • 10  Prozent: Mehr als 50 Prozent des Jahresumsatzes werden in Polen erzielt

Vor diesem Hintergrund kann etwa eine polnische Tochtergesellschaft eines deutschen Mutterkonzerns, die überwiegend für den Export produziert, nicht die volle Punktzahl erreichen.

Unterstützung für den polnischen Local Content-Ansatz kommt bemerkenswerterweise von deutschen Investoren. In einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin xyz.pl verweist der Geschäftsführer von Siemens Polska, Maciej Zieliński, auf die wachsende Konkurrenz aus China. Es sei notwendig, günstige Rahmenbedingungen für einheimische Technologien zu schaffen. "Die polnische Vision zur Förderung von Local Content ist der richtige Weg", sagte Zieliński gegenüber xyz.pl.

Staatliche Firmen sollen mehr kommunizieren

Polens Regierung plant nicht, einen festen Local‑Content‑Anteil gesetzlich vorzuschreiben. Auch bleibt offen, wie stark der Local Content in den KPI der Staatsunternehmen gewichtet wird.

Ergänzend zu den neuen Vorgaben hat das Ministerium für Staatsaktiva einen Verhaltenskodex veröffentlicht, den die Staatsunternehmen umsetzen sollen. Darin empfiehlt die Behörde unter anderem, geplante Investitionsvorhaben frühzeitig auf den Unternehmenswebseiten anzukündigen und Informationstage für potenzielle Lieferanten zu organisieren. Polnische Anbieter sollen sich so besser auf bevorstehende Ausschreibungen vorbereiten können.

Das Ministerium für Staatsaktiva hat den Verhaltenskodex zum Download als PDF veröffentlicht.

Einführung in mehreren Schritten

Die neuen Richtlinien gelten nicht sofort für alle Branchen. Voraussichtlich im Juni 2026 startet zunächst ein Pilotprojekt im Energiesektor. Staatsunternehmen wie Orlen, PGE oder PSE haben hier eine marktbestimmende Rolle. Auftragnehmer der Energieunternehmen müssen im Rahmen des Pilotprojekts einen Fragebogen des polnischen Statistikamtes GUS ausfüllen und zudem Informationen von ihren eigenen Zulieferern einholen.

Die gewonnenen Erfahrungen will das Ministerium für Staatsaktiva nutzen, um Local‑Content‑Vorgaben schrittweise auch in anderen Wirtschaftsbereichen einzuführen, darunter im Rüstungssektor. Bereits heute organisiert der staatliche Rüstungskonzern Polska Grupa Zbrojeniowa (PGZ) sogenannte Regionalforen mit potenziellen polnischen Zulieferern.

Bereits im Frühjahr 2025 hatte Premierminister Tusk auf einer Konferenz eine "Repolonisierung der Wirtschaft" gefordert. In der Folge richtete das Ministerium für Staatsaktiva eine Arbeitsgruppe ein, die den Begriff Local Content definieren sollte. Außerdem prüfte das Gremium, wie heimische Unternehmen gefördert werden können, ohne gegen EU‑Recht zu verstoßen.

Hintergrund der Diskussion um Local Content sind die umfangreichen öffentlichen Investitionen Polens, unter anderem in den Bereichen Energie, Infrastruktur und Verteidigung. Bei einzelnen Großprojekten liegt der Anteil heimischer Unternehmen an der Wertschöpfung laut Angaben des Ministeriums für Staatsaktiva bislang unter 30 Prozent.