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Healthcare Monitor - Polens Gesundheitsausgaben steigen

Nicht erst seit Corona leidet Polens Gesundheitswesen unter knappen Ressourcen. Die Regierung verspricht Investitionen. Medizinverbände wünschen sich eine neue Erstattungspolitik. 

Von Christopher Fuß | Warschau


  • Entwicklungen im Gesundheitswesen

    Die Coronapandemie stellt Polens Gesundheitswesen auf eine harte Probe. Als Reaktion beschleunigt die Regierung Investitionen. Profitieren könnten vor allem Krankenhäuser.

    Die Pandemie hat das polnische Gesundheitswesen hart getroffen. Mit einer Übersterblichkeitsrate von 23,5 Prozent zwischen Januar und Dezember 2020 war das Land trauriger Spitzenreiter in der Europäischen Union (EU). Schon vor Ausbruch des Virus galt Polens medizinische Versorgung als unterfinanziert. In einer Studie vom Juni 2021 über den Pandemieverlauf spart das Instytut Jagielloński nicht mit Kritik.

    Besonders problematisch war laut Thinktank die schlechte Ausstattung der Krankenhäuser. Es fehlte an Geräten und an freien Intensivbetten. Erschwerend kam Personalmangel hinzu. Auch der Informationsfluss zwischen den medizinischen Einrichtungen verlief unzureichend. Abschließend merkt der Thinktank an, dass Produktionskapazitäten für aktive pharmazeutischen Wirkstoffe (Active Pharmaceutical Ingredients; API) fehlen. 

    Unter der Pandemie litt auch der reguläre Gesundheitsbetrieb. Ärzte hatten deutlich weniger Zeit, Patienten mit Krankheiten abseits von Covid-19 zu versorgen. Die Zahl aller Behandlungen sank 2020 im Jahresvergleich laut Polens Statistikamt um rund 20 Prozent. Betroffene mussten wichtige Therapien aufschieben.

    Deutliche Mehrausgaben bis 2027 angekündigt

    Um der Probleme im Gesundheitswesen Herr zu werden, hat die Regierung verschiedene Initiativen angekündigt. Bis 2027 sollen die staatlichen Ausgaben für die medizinische Versorgung auf einen Wert von 7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) steigen. Aktuell liegen sie bei rund 5,3 Prozent. Der Plan bedeutet Mehrausgaben von jährlich mindestens 18,4 Milliarden Euro. Das ursprüngliche Ziel, ab 2024 mindestens 6 Prozent in den Medizinsektor zu investieren, wurde um ein Jahr vorgezogen.

    Da sich das Land zügig von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie erholt und die Steuereinnahmen wachsen, hat die Regierung einen Nachtragshaushalt verabschiedet. Polens gesetzliche Krankenkasse, der Nationale Gesundheitsfonds (Narodowy Fundusz Zdrowia; NFZ), erhält im 4. Quartal 2021 zusätzliche 1,1 Milliarden Euro. Anfang 2022 kommen weitere 1,6 Milliarden Euro hinzu.

    Kassenbeiträge steigen voraussichtlich

    Finanziert werden sollen die Mehrausgaben unter anderem über die Steuerreform "Polnische Ordnung" (Polski Ład). Das Programm wurde im September 2021 vom Parlament verabschiedet und greift voraussichtlich ab 2022. Dann müssen Selbstständige höhere Krankenkassenbeiträge zahlen. Außerdem können weniger Gesundheitsausgaben steuerlich geltend gemacht werden. Laut Berechnungen der Tageszeitung Dziennik Gazeta Prawna erhält der NFZ dadurch Mehreinnahmen von bis zu 2,8 Milliarden Euro jährlich.

    Eine weitere Finanzierungsmöglichkeit sind Erhöhungen der Kassenbeiträge für Angestellte. Staatssekretär Sławomir Gadomski erklärte im April 2021, vorstellbar sei eine Anpassung der Abgaben von heute 9 auf 10 Prozent des Bruttogehalts. Auch die Einführung einer obligatorischen Pflegeversicherung könne man sich vorstellen. Helfen sollen ferner neue Steuern auf unterschiedliche Produkte. Seit Anfang 2021 greife beispielsweise eine Abgabe für Getränke mit hohem Zuckergehalt. Laut Gadomski seien weitere Steuern dieser Art denkbar. Die Einnahmen kämen medizinischen Programmen zugute.

    Aus Steuermitteln finanzierte Zielfonds sind neben den Krankenkassenbeiträgen eine wichtige Stütze der medizinischen Versorgung in Polen. Kritiker bemängeln, die Fördertöpfe würden nur sehr langsam arbeiten. Während des Präsidentschaftswahlkampfes 2020 kündigte Amtsinhaber Andrzej Duda die Gründung eines neuen Medizinfonds (Fundusz Medyczny; FM) an. Das Jahresbudget wurde auf 900 Millionen Euro festgesetzt. Zeitungen berichten, dass die tatsächlichen Ausgaben im Jahr 2021 nur 38 Millionen Euro betragen.

    Krankenhäuser erhalten mehr Unterstützung

    Die polnische Regierung will den FM effektiver nutzen. Über einen Nebentopf sollen bis 2029 rund 1,6 Milliarden Euro in die Modernisierung von öffentlichen Krankenhäusern und Arztpraxen fließen.

    Auch organisatorische Aspekte werden reformiert. Voraussichtlich ab 2022 nimmt eine Entwicklungsagentur für Krankenhäuser (Agencja rozwoju szpitali; ARS) ihre Arbeit auf. Hintergrund ist die hohe Verschuldung der öffentlichen medizinischen Einrichtungen. Das Defizit stieg allein zwischen 2017 und 2020 um 50 Prozent. Die ARS soll Krankenhäuser in finanzieller Schieflage übernehmen und sanieren. Noch unklar sind die Kompetenzen der Agentur. Branchenportale schließen Konflikte über Zuständigkeiten zwischen NFZ und ARS nicht aus.

    Der Aufbau heimischer Produktionskapazitäten für pharmazeutische Wirkstoffe hat vorerst keine Priorität. Zwar befinden sich einige Fördermechanismen in Planung. Ein umfangreiches Konzept fehlt aber. Polen will Mittel aus dem europäischen Wiederaufbaufonds in die Medikamentenproduktion investieren. Unternehmen, die Medikamente in Polen herstellen, sollen außerdem leichter auf die Erstattungsliste des NFZ gelangen.

    Digital-Health-Sektor wächst

    Auf dem Höhepunkt der Pandemie halfen digitale Technologien, Versorgungsengpässe im Gesundheitswesen abzumildern. Während der Lockdowns nutzten Patienten Telemedizin. Derweil baut die Regierung die staatliche E-Health-Plattform aus. Mitte 2021 verzeichnete das Portal 4,7 Millionen Nutzer mit einem Patientenkonto. Anfang 2020 lag die Zahl noch bei 850.000. Rezepte und Überweisungen dürfen nur noch digital ausgestellt werden. Die elektronische Krankenakte ist seit Juli 2021 Pflicht.

    Viele medizinische Einrichtungen stehen angesichts neuer Lösungen vor großen Herausforderungen. Eine Untersuchung des staatlichen Betreibers von Polens E-Health-Plattform ergab, dass mehr als 69 Prozent aller Praxen und Kliniken ihre noch in Papierform existierenden Krankenakten nicht elektronisch erfassen.

    Trotz der Schwierigkeiten setzt Polen auf Digitalisierung. Vor allem die Telemedizin soll wachsen. Mindestens 1.000 Probanden werden an einem Pilotprojekt für E-Stethoskope unter Leitung des Gesundheitsministeriums teilnehmen. Bei einer Videoberatung kann der Arzt aus der Ferne Herzschlag und Atmung überprüfen.

    Eckdaten Gesundheitsmarkt

    Indikator

    Wert

    Einwohnerzahl (2020 in Mio.)

    37,8

    Bevölkerungswachstum (2020 in % p.a.)

    - 0,11

    Altersstruktur der Bevölkerung (2020)

      Anteil der unter 14-Jährigen (in %)

    15,2

      Anteil der über 65-Jährigen (in %)

    18,7

    Durchschnittseinkommen (2020 in Euro)

    1.155

    Gesundheitsausgaben (2020)

      pro Kopf (2020 in Euro)

    936

      öffentlich (2020 in Mrd. Euro)

    26,0

      privat (2020 in Mrd. Euro)

    9,4

    Anteil der Gesundheitsausgaben

      am BIP (2020 in %)

    6,95

      für Medikamente (2020 in %)

    35

    Anzahl Krankenhäuser (2020), davon

    978

      öffentlich (in %)

    51,5

      privat (in %)

    48,5

    Ärzte/1000 Einwohner (2020)

    2,5

    Krankenhausbetten/1000 Einwohner (2020)

    4,8

    Quelle: Fitch Solutions; GUS

    Von Christopher Fuß | Warschau

  • Gesundheitssystem

    Ein Großteil der Bevölkerung in Polen ist pflichtversichert. Die gesetzliche Krankenkasse gilt dennoch als unterfinanziert. Das Erstattungssystem befindet sich im Umbruch.

    Die Finanzierung der öffentlichen Gesundheitsversorgung übernimmt in wesentlichen Teilen die gesetzliche Einheitskrankenkasse Nationaler Gesundheitsfonds (Narodowy Fundusz Zdrowia; NFZ). Arbeitnehmer zahlen einen Versicherungsbeitrag von 9 Prozent ihres Bruttogehalts an den NFZ. Einen Arbeitgeberanteil gibt es nicht. Abweichende Regelungen gelten unter anderem für Selbstständige, für Menschen mit niedrigem Einkommen und für Familien.

    Zusätzlich zum NFZ legen Regierung und Gesundheitsministerium steuerfinanzierte Förderprogramme auf. Staatliche Versicherungssysteme und Pflichtversicherungen decken laut Eurostat rund 72 Prozent aller Gesundheitsausgaben in Polen. Der Durchschnitt in der Europäischen Union (EU) beträgt etwa 80 Prozent. Auch der Anteil der öffentlichen und privaten Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) fällt in Polen mit 6,3 Prozent im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich aus.

    Ein vollständiger Wechsel zu einem nicht-gesetzlichen Versicherungsanbieter ist in Polen nicht möglich. Allerdings gewinnen private Zusatzversicherungen an Bedeutung. Im 2. Quartal 2021 hielten 3,5 Millionen Personen eine solche Police, ein Plus von 14,8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Private Versicherer wie Luxmed oder Medicover betreiben ein Netz aus Gemeinschaftspraxen. Mitglieder können die Einrichtungen teils kostenfrei besuchen. Operative Eingriffe werden in der Regel über NFZ-Gelder finanziert.

    Knappe Ressourcen bereiten Probleme

    Neben hohen Eigenbeiträgen für Arzneimittel stellt der Personalmangel die medizinische Versorgung in Polen vor Herausforderungen. Auf 1.000 Einwohner kommen laut Eurostat gerade einmal 2,4 Ärzte. In Deutschland liegt der Wert bei 4,3. Die knappe Personaldecke führt zu langen Wartezeiten.

    Hinzu kommt die angespannte Finanzlage vieler Kliniken. Seit 2017 sind die Schulden der öffentlichen Krankenhäuser um 50 Prozent gestiegen. Generell steigen die Ausgaben für stationäre Behandlungen. Das Gesundheitsministerium will ambulante Therapien stärken.

    Erstattungspolitik berücksichtigt mittlerweile auch innovative Medikamente

    Die Marktforschungsfirma Fitch Solutions konstatiert, dass die Erstattung von Arzneimitteln in den vergangenen Jahren ausgebaut wurde. Senioren und Schwangere erhalten bestimmte verschreibungspflichtige Medikamente mittlerweile kostenlos. Dennoch ist Polen noch deutlich vom selbstgesteckten Ziel entfernt, rund 17 Prozent der öffentlichen Gesundheitsausgaben in die Arzneimittelerstattung zu investieren. Laut NFZ-Budgetplanung wird der Anteil im Jahr 2022 etwa 14 Prozent betragen.

    Der NFZ erstattet hauptsächlich Generika. Der Anteil generischer Produkte unter den verschreibungspflichtigen Medikamenten gehört zu den höchsten in ganz Europa. Laut Fitch Solutions wird die Bedeutung patentgeschützter Arzneimittel mittelfristig wachsen. Als Grund führen die Experten Pläne der Regierung an, die Gesundheitsausgaben bis 2027 schrittweise auf 7 Prozent des BIP zu erhöhen.

    Im September 2021 erklärte das polnische Gesundheitsministerium, CAR-T-Zell-Therapien gegen Krebserkrankungen auf die Erstattungsliste aufzunehmen. Es handelt sich dabei um eines der teuersten Behandlungsverfahren der Welt. Entgegen früherer Ankündigungen werden gentherapeutische Behandlungen für Patienten mit Spinaler Muskelatrophie (SMA) vorerst nicht erstattet. Gesundheitsministerium und Medikamentenhersteller konnten sich nicht auf einen Preis einigen.

    Arzneimittelmarkt wird trotz Schwierigkeiten wachsen

    Arzneimittel und medizinische Produkte sind in vier Erstattungsgruppen unterteilt. Die Selbstbeteiligungsquote für Patienten kann bis zu 50 Prozent betragen. Darüber hinaus existiert ein Finanzierungslimit. Es orientiert sich am Großhandelspreis für bestimmte Arzneimittelgruppen.

    Zwar hat die Regierung eine Reform der Erstattungspolitik angekündigt. Ein erster Gesetzesentwurf vom Juli 2021 stößt jedoch auf Kritik. Insbesondere die neuen Kostengrenzen sorgen für Diskussionen. Erstattet werden demnach keine Produkte mehr, deren Preis um mehr als 50 Prozent über den Kosten des billigsten Artikels mit ähnlicher Wirkung liegt.

    Trotzdem könnte der Pharmamarkt in Polen nach Einschätzung von Fitch Solutions von 12,3 Milliarden Euro im Jahr 2020 auf 19,2 Milliarden Euro im Jahr 2025 anwachsen. Treiber sind laut Fitch Solutions die alternde Bevölkerung, ein dank EU-Mitgliedschaft robustes regulatorisches Umfeld und die steigende Kaufkraft der Bevölkerung.

    Besonders gute Wachstumschancen von jährlich 6 Prozent sieht das Analyseunternehmen PMR bei frei verkäuflichen Mitteln (Over The Counter; OTC). Hierunter fallen auch Nahrungsergänzungsmittel. Gründe für die steigende Beliebtheit sind laut PMR das wachsende Interesse an gesundheitsfördernden Mitteln und die Zunahme bestimmter Krankheitsbilder wie Kreislauf-Erkrankungen.

    Fitch Solutions sieht auch Potenzial für rezeptpflichtige Medikamente. Die Krankenkasse würde einen immer größeren Anteil der Kosten für Arzneimittel übernehmen. Sinken die Eigenbeiträge der Patienten, sei man als Betroffener eher geneigt, ein verschriebenes Medikament auch tatsächlich einzukaufen.

    Polen ist bei Medizintechnik auf Importe angewiesen

    Polen investiert pro Kopf deutlich weniger in medizinische Geräte, als Nachbarländer wie Tschechien. Immerhin: Experten prognostizieren ein deutliches Wachstum. Fitch Solutions schätzt den Wert des Marktes für Medizintechnik in Polen auf 2,6 Milliarden Euro. Bis 2025 soll das Volumen auf 3,6 Milliarden Euro steigen.

    Dazu tragen nationale und europäische Förderprogramme bei. Das Gesundheitsministerium will beispielsweise 1,6 Milliarden Euro in die Modernisierung der Krankenhäuser investieren. Polnische Hersteller werden ihre Marktposition Analysten zufolge ausbauen. Einen Großteil des Bedarfs an medizinischen Geräten deckt das Land aber auch künftig über Importe.

    Gerade bei Spitzentechnik gibt es nach Ansicht des Europäischen Industrieverbandes Medizingeräte (European Medical Devices Industry Group; EMDIG) Ausbaupotenzial. Polen verfügt über vergleichsweise wenige Computertomografen und Mammografiegeräte. Zudem gelten viele Magnetresonanztomografen mittlerweile als veraltet.

    Von Christopher Fuß | Warschau

  • Förderung und Investitionen

    Auch dank umfangreicher EU-Gelder könnte Polens Gesundheitsmarkt schon bald einen Wachstumsschub erleben. Doch nicht alle Branchen profitieren gleichermaßen von den Mitteln.

    Bis zu 130 Milliarden Euro kann Polen bis 2027 über die Kohäsionsprogramme der Europäischen Union (EU) und aus dem Wiederaufbaufonds abrufen. Verhandlungen mit der Europäischen Kommission darüber, wie die Gelder investiert werden sollen, dauern an. Mit großer Wahrscheinlichkeit erhält das Gesundheitssystem umfangreiche Zuwendungen. Weitere Förderprogramme möchte Polen über den eigenen Haushalt finanzieren.

    Investitionsplan mit Lücken

    Die Gelder aus der EU-Kohäsionspolitik verteilt die polnische Regierung auf mehrere Landesprogramme. Fast alle diese Maßnahmen berühren auch den Gesundheitssektor.

    Aus dem Landesprogramm für gesellschaftliche Entwicklung (Fundusze Europejskie dla Rozwoju Społecznego; FERS) sollen beispielsweise Mittel in die Ausbildung von medizinischem Personal fließen. Geplant ist der Bau von 30 neuen Schulungszentren. Hier will Polen Operationssimulatoren und Diagnosetechnologien einsetzen. FERS hat ein Budget von etwa 4 Milliarden Euro. Nicht alle diese Mittel gehen in den Gesundheitssektor. Die genaue Aufteilung der Gelder ist noch unklar.

    Das Programm für eine moderne Wirtschaft (Fundusze Europejskie dla Nowoczesnej Gospodarki; FENG) unterstützt den Ausbau der Forschungslandschaft. Ausdrücklich mit einbezogen werden dabei Projekte im Gesundheitswesen. Pharmaunternehmen können Gelder beantragen, um Arzneimittel zu entwickeln. Herstellern von Medizintechnik helfen die Gelder bei der Produktentwicklung. Zu diesen Zwecken stellt FENG insgesamt 3,5 Milliarden Euro bereit. Feste Kontingente für unterschiedliche Branchen gibt es nicht. Der Gesundheitssektor konkurriert mit anderen Industriezweigen um die Gelder.

    Über Mittel speziell für das Gesundheitssystem verfügt hingegen das Programm für Infrastruktur, Klima und Umwelt (Fundusze Europejskie na Infrastrukturę, Klimat, Środowisko; FEnIKS). Der Kauf medizinischer Gerätschaften und weitere Investitionen werden mit insgesamt 700 Millionen Euro subventioniert. Profitieren können davon Krankenhäuser, die ihre Ausstattung erneuern müssen. Der vorläufige Ausgabenplan sieht außerdem neue Rettungswagen vor.

    Den Digital Health-Sektor rückt das Programm für digitale Entwicklung (Fundusze Europejskie na Rozwój Cyfrowy; FERC) in den Fokus. Telemedizin oder elektronische Patientenakten sind in Polen schon länger im Einsatz. Die Regierung will das digitale Angebot erweitern. FERC verspricht unter anderem den Bau von Rechenzentren, die Einführung eines elektronischen Berichtswesens und die Automatisierung des Datenaustauschs zwischen Gesundheitsdienstleistern. Für die Schaffung neuer digitaler Dienstleistungen im gesamten öffentlichen Sektor sind Investitionen von 1,1 Milliarden Euro eingeplant. Genauere Angaben, speziell für den Gesundheitsbereich, fehlen.

    Wiederaufbaufonds hilft Krankenhäusern und Arztpraxen

    Detaillierte Ausgabenpläne hat Polen für die Mittel des europäischen Wiederaufbaufonds präsentiert. Aus dem Fördertopf will das Land rund 4,5 Milliarden Euro in das Gesundheitswesen investieren. Zu den größten Nutznießern gehören medizinische Einrichtungen, die sich auf einen Fachbereich spezialisieren möchten. Für bauliche Maßnahmen oder für neue Geräte stehen Zuschüsse in Höhe von insgesamt 2,1 Milliarden Euro bereit. Die Mittelvergabe betreut in den meisten Fällen das Gesundheitsministerium.

    Eine Ausnahme gilt für das Programm zur Unterstützung der Pharmaproduktion. Medikamentenhersteller in Polen, die ihre Anlagen erweitern möchten, können den Ausbau mit niedrig verzinsten Darlehen finanzieren. Anträge nimmt in diesem Fall das Technologieministerium entgegen.

    Über 100.000 neue Krankenhausbetten

    Ein nationales Förderprogramm ist der Medizinfonds (Fundusz Medyczny; FM). Er gliedert sich in mehrere Untertöpfe. Für den Teilfonds zur Modernisierung von Gesundheitseinrichtungen (Subfundusz Modernizacji Podmiotów Leczniczych; SMPL), hat die Regierung bereits konkrete Pläne vorgestellt. Bis 2029 sollen rund 1,6 Milliarden Euro in die Ertüchtigung von Krankenhäusern und Arztpraxen fließen.

    Das Gesundheitsministerium will den Kauf von 422 Krankenwagen und von 106.000 Krankenhausbetten finanzieren. Darüber hinaus ist die Modernisierung von 624 medizinischen Einrichtungen geplant. Erste Ausschreibungen starten voraussichtlich im 4. Quartal 2021. Der FM steht in der Kritik, weil Fördermittel bislang nur sehr langsam ausgezahlt wurden. 

    Als Produktionsstandort für aktive pharmazeutische Wirkstoffe (Active Pharmaceutical Ingredients; API) spielt Polen bislang keine große Rolle. Das könnte sich ändern. Bis zum Herbst 2022 will das Gesundheitsministerium eine Liste mit strategisch bedeutsamen Wirkstoffen ausarbeiten. Im Anschluss berät das Ministerium über weitere Schritte.

    Chancen und Risiken für deutsche Unternehmen

    Die europäischen und nationalen Programme eröffnen Herstellern von Medizintechnik neue Absatzmöglichkeiten. Zu erwarten ist, dass Krankenhäuser die Gelder nutzen, um ihre Gerätschaften zu modernisieren. Polen ist Nettoimporteur von Medizintechnik. Insbesondere bei der Spitzentechnologie fehlt es an heimischem Know-how.

    Anders ist die Situation beim Thema Digital Health. In der Vergangenheit setzte das Land auf eigene Lösungen. Die Software hinter dem digitalen Patientenkonto oder der elektronischen Krankenakte hat Polen selbst entwickelt. Deutsche Anbieter erwartet eine starke heimische Konkurrenz. Auch Polens erstes Start-up-Unicorn stammt aus dem Digital Health Sektor: das Unternehmen DocPlanner, eine Buchungs-App für Arztbesuche.

    Internationalen Pharmaproduzenten helfen die Investitionsmaßnahmen voraussichtlich nur bedingt. Die entscheidenden Wachstumstreiber bleiben hier die Erstattungspolitik der gesetzlichen Krankenkasse und die Entwicklung der Einkommen.

    Offen ist, wann Polen die neuen EU-Mittel erhält. Die Europäische Kommission sieht den polnischen Rechtsstaat in Gefahr. Hintergrund sind mehrere Umbauten des nationalen Gerichtswesens. Eine Konsequenz ist, dass aktuell keine Mittel aus dem Wiederaufbaufonds nach Polen fließen. Auch die Auszahlung der Kohäsionsmittel steht zur Diskussion. Weitere Verzögerungen könnten Investitionsvorhaben im Land empfindlich treffen.

    Ausgewählte Investitionsvorhaben

    Stadt

    Art des Projekts

    Art der Investition

    Zeitraum

    Investitionssumme (in Millionen Euro)

    Kurzbeschreibung des Projekts

    Poznań

    Zentrales Integriertes Krankenhaus (Szpital Kliniczny im. Heliodora Święcickiego)

    Neubau

    2021-2028

    129 (1. Etappe)

    Bau eines neuen Zentralen Uniklinikums mit Notfallstation. Insgesamt neun Gebäude mit 900 Betten.

    Wrocław 

    Niederschlesisches Onkologiezentrum (Dolnośląskie Centrum Onkologii; DCO)

    Neubau

    2021-2025

    163

    Neuer Sitz des DCO. Krankenhaus mit 700 Betten, mindestens zehn Operationssälen und Forschungs- und Entwicklungszentrum.

    Warschau

    Onkologiezentrum - Maria Skłodowska-Curie-Institut (Centrum Onkologii – Instytut im. Marii Skłodowskiej – Curie)

    Ausbau

    2019-2024

    194

    Umfassende Erweiterung und Renovierung des Onkologiezentrums sowie Bau eines neuen Klinik-Gebäudes.

    Gliwice

    Städtisches Krankenhaus in Gliwice (Szpital Miejski w Gliwicach)

    Neubau 

    2022-2027

    111

    Neues städtisches Krankenhaus mit 12 Abteilungen und 350 Betten, acht Operationssälen, Rettungsabteilung und Genetiklabor.

    Warschau

    Arzneimittelfabrik von Polfa Tarchomin

    Neubau

    2021-2023

    100

    Bau einer neuen Fabrik für hochwirksame Arzneien, darunter onkologische Medikamente, Hormone und Steroide, mitsamt Forschungslabor.

    Wrocław 

    Werk für Zahnkorrektur-Aligner von Align Technology

    Neubau 

    2021-2022

    122

    Werk zur Herstellung von personalisierten Zahn-Alignern in 3D-Druck-Technologie.

    Warschau

    Business Services Zentrum von Moderna

    Neubau

    2021

    k.A.

    Zentrum für Finanzen, Pharmasicherheit, HR, Digitalisierung und Compliance mit etwa 250 Beschäftigten.

    Wrocław 

    Zentrum für Business Services von Boehringer Ingelheim

    Neubau 

    2022

    k.A.

    Zentrum für Finanzen, HR und Kundenbetreuung mit rund 250-350 Beschäftigten.

    Warschau 

    IT-Zentrum / Digital Hub von Bayer

    Neubau

    2021

    k.A.

    IT-Zentrum für die Bereiche Pharmazeutika, Consumer Health und Crop Science (Landwirtschaft) mit etwa 400 Beschäftigten.

    Błonie

    Lagerhalle von UPS Healthcare

    Neubau 

    2021

    k.A.

    Speziallager mit 24.500 Quadratmetern Fläche zur Lagerung und Logistik von Medikamenten und anderen Produkten für die Medizinbranche.

    Zabrze 

    European HealthTech Innovation Center (Europejskie Centrum Innowacyjnych Technologii dla Zdrowia)

    Neubau

    2021

    25

    Forschungslabore, unter anderem für Biomedizin, Bioinformatik, Biomaterialien. Partnerprojekt der schlesischen Hochschulen mit Phillips.

    Bydgoszcz

    Zentrum für Innovative Medizinische VR- und AR-Simulationen (Centrum Innowacyjnych Symulacji Medycznych VR i AR)

    Neubau 

    2021-2023

    6,5

    Virtuelles Krankenhaus der Firma InventionMed, zur Erprobung von medizinischen Simulatoren.

    Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

    Von Christopher Fuß | Warschau

  • Rahmenbedingungen und Marktzugang

    Die Arzneimittelzulassung in Polen funktioniert dank EU-Mitgliedschaft nach bekannten Standards. Hersteller von Medizintechnik sollten Ausschreibungsportale im Blick behalten.

    Wichtigster Ansprechpartner bei Fragen zur Einführung neuer Medikamente in Polen ist die Zulassungsstelle für Heilprodukte, Medizinische Erzeugnisse und Biozide (Urząd Rejestracji Produktów Leczniczych, Wyrobów Medycznych i Produktów Biobójczych; URPL). Pharmaunternehmen stehen vier Wege zur Verfügung, um ein Produkt auf den Markt zu bringen.

    Bei der sogenannten Nationalen Prozedur erfolgt die Zulassung auf Basis des polnischen Pharmagesetzes. Anträge nimmt das URPL in polnischer Sprache entgegen. Die Begleitdokumentation kann auf Englisch vorliegen. Das Verfahren der gegenseitigen Anerkennung (Mutual Recognition Procedure; MRP) steht Unternehmen offen, die ein Präparat bereits in einem anderen Mitgliedsstaat der Europäischen Union (EU) verkaufen. Beantragt der Pharmahersteller in mehreren EU-Ländern gleichzeitig eine Zulassung, kann er das Dezentralisierte Verfahren (Decentralized Procedure; DCP) oder das Zentralisierte Verfahren (Centralised Procedure; CP) nutzen. Am DCP sind mehrere nationale Zulassungsstellen beteiligt. Das CP leitet hingegen die Europäischen Arzneimittelagentur (EMA). Anträge für die Nationale Prozedur, die MRP und DCP können elektronisch über das Common European Submission Portal (CESP) eingereicht werden. Eine Ausnahme gilt für die Active Substance Master File (ASMF). Sie muss beim URPL in Papierform oder auf einem physischen Datenträger eintreffen.

    Arzneimittelerstattung ist auf Generika ausgerichtet

    Zugelassene Medikamente können auf die Erstattungsliste der gesetzlichen Krankenkasse gesetzt werden. Den notwendigen Antrag müssen Unternehmen  elektronisch über das Rückerstattungssystem (System Obsługi List Refundacyjnych; SOLR) einreichen. Das polnische Erstattungsrecht bewerten Experten als sehr komplex. Darüber hinaus gibt es einen hohen Preisdruck.

    Polen erstattet vor allem preisgünstige Generika. Neue, innovative Produkte landen in der Regel nur auf der Erstattungsliste, wenn die Patientengruppe klein ist. Produkte mit abgelaufenem Patentschutz kauft Polen oft von asiatischen Herstellern. Medikamente zur Behandlung seltener Krankheiten stammen in vielen Fällen von europäischen und amerikanischen Unternehmen.

    Nicht selten verlangt das polnische Gesundheitsministerium ein sogenanntes Risk Sharing Agreement. Dann erstattet die Krankenkasse ein Medikament nur bis zur Erreichung eines Höchstbetrags. Übersteigt die Nachfrage das Budget, übernimmt der Hersteller die weiteren Erstattungskosten. Selbst wenn ein Medikament auf der Erstattungsliste steht, kann die Selbstbeteiligung des Patienten bis zu 50 Prozent betragen.

    Im Pharmamarkt sind Apotheken wichtige Vertriebskanäle. Seit einer Gesetzesreform im Jahr 2017 schrumpft allerdings die Zahl der Filialen. Die Novelle formulierte neue Kriterien, wer eine Apotheke gründen darf und welche Mindestabstände zwischen Niederlassungen einzuhalten sind. Wachstum verzeichnet der Medikamentenverkauf im Internet. Allein der Onlineumsatz rezeptfreier Medikamente wird laut dem Beratungsunternehmen PMR im Jahr 2021 um 5 Prozent steigen.

    Deutsche Pharmaunternehmen sollten beim Markteintritt in Polen mit lokalen Experten zusammenarbeiten. Vor allem die Aufnahme auf die Erstattungsliste ist ohne professionelle Unterstützung kaum möglich.

    Ausschreibungen für Medizintechnik entscheidet nicht allein der Preis

    Auch für die Medizintechnik ist das URPL zuständig. Nach der Erst-Einführung eines Produkts auf dem polnischen Markt haben Importeure und Händler sieben Tage Zeit, um die Behörde zu informieren.

    Über Ausschreibungen in Krankenhäusern und weiteren medizinischen Einrichtungen informiert das Gesundheitsministerium in seinem Ausschreibungsportal. Auch das Amt für öffentliches Auftragswesen (Urząd Zamówień Publicznych; UZP) führt eine öffentliche Datenbank mit Ausschreibungen. Die gezielte Suche nach Investitionen im Bereich der Medizintechnik ist dort allerdings nicht möglich.

    Gesundheitseinrichtungen müssen Projekte ab einem Wert von 30.000 Euro öffentlich ausschreiben. In die Beurteilung des Angebotes fließt der Preis mit 60 Prozent ein. Die restlichen 40 Prozent entfallen auf Qualitätskriterien.

    Waren und Dienstleistungen, die für die Bekämpfung der Coronapandemie erforderlich sind, müssen nicht über öffentliche Ausschreibungen beschafft werden. Im Oktober 2020 verlängerte die polnische Regierung diese Ausnahme auf unbestimmte Zeit. Auftraggeber müssen aber innerhalb von sieben Tagen ihre Entscheidung öffentlich begründen. Diese Erklärungen können rechtlich angefochten werden.

    Seit Mai 2021 gilt auch in Polen die neue Medical Device Regulation (MDR) der Europäischen Union (EU). 

    Polnische Unternehmen wollen Marktanteile gewinnen

    Deutsche Unternehmen aus der Pharmaindustrie und der Medizintechnik konkurrieren in Polen vor allem mit anderen internationalen Herstellern. Das bedeutet aber nicht, dass lokale Firmen keine Rolle spielen.

    Insbesondere Medikamentenhersteller aus Polen arbeiten an neuen Produkten. Im Jahr 2020 reichte keine polnische Firma so viele Patente beim Europäischen Patentamt (EPO) ein, wie das Pharmaunternehmen Adamed. Geforscht wird an der Behandlung von Tumoren und von Diabetes. Adamed erschließt außerdem neue Märkte. Das Unternehmen kaufte 2017 mit Davipharm einen der am schnellsten wachsenden Konkurrenten aus Vietnam. Zur Stärkung der Präsenz in Italien erwarb Adamed 2019 Teile des Unternehmens Ecupharma aus Mailand.

    Polnische Start-ups könnten der heimischen Medizintechnik neue Impulse geben. InventionMed aus Bydgoszcz arbeitet an Operationssimulatoren. Im September 2021 erhielt das Unternehmen staatliche Zuschüsse in Höhe von 3,5 Millionen Euro für den Bau eines Forschungszentrums. Hier will InventionMed ein virtuelles Krankenhaus für die Ärzteausbildung entwickeln.

    Von Christopher Fuß | Warschau

  • Kontaktadressen

    Bezeichnung

    Anmerkungen

    Germany Trade & Invest

    Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft

    Exportinitiative Gesundheitswirtschaft

    Die Exportinitiative bündelt Unterstützungsangebote für die Internationalisierung der Gesundheitswirtschaft

    AHK Polen 

    Anlaufstelle für deutsche Unternehmen

    Gesundheitsministerium Polens

    Übernimmt die Gesamtverantwortung für die öffentliche Gesundheitsversorgung in Polen

    Nationaler Gesundheitsfonds

    Zuständig für die Abwicklung der staatlichen Finanzierung der Gesundheitsversorgung

    Amt für Registrierung von Arzneimitteln, Medizinprodukten und Biozidprodukten

    Staatliche Registrierungsstelle für Pharmaprodukte und Medizintechnik

    Sanitär-Generalinspektion

    Überprüft die Einhaltung von Hygieneregeln und weiteren Gesundheitsvorschriften

    Generalinspektion für Pharmazeutika

    Überprüft die Einhaltung von Arzneimittelschutzregeln

    Agentur für Medizinische Untersuchungen

    Staatliches medizinisches Testlabor

    Agentur für Bewertung von Medizintechnologien und Tariffestlegung

    Staatliche Beratungsagentur des Gesundheitsministeriums

    E-Health-Zentrum 

    Das staatliche Zentrum stellt verschiedene E-Health Lösungen bereit

    Polnische Wirtschaftskammer für Medizinische Erzeugnisse Polmed 

    Interessenverband der Medizinbranche

    Technomed - Arbeitgeberverband der medizinischen Industrie 

    Interessenverband der Medizinbranche

    Polnischer Arbeitgeberverband der Pharmaindustrie

    Interessenverband der Pharmaindustrie

    Arbeitgeberverband innovativer Pharmaunternehmen Infarma

    Interessenverband der Pharmaindustrie

    Polnischer Verband der Produzenten von nichtrezeptpflichtigen Medikamenten

    Interessenverband der Pharmaindustrie

    SALMED - Międzynarodowe Targi Sprzętu i Wyposażenia Medycznego

    Internationale Messe für Medizinische Geräte und Ausstattung in Poznań 

    Warsaw Medical Expo

    Internationale Messe für Medizinische Geräte und Ausstattung von Gesundheitseinrichtungen in Nadarzyn

    PCI Days - Pharma & Cosmetic Industry

    Internationale B2B-Messe in Warschau

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