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Markttrends

Das Wachstum wichtiger industrieller Abnehmerbranchen belebt die US-Chemieindustrie. Bis 2028 dürfte die Produktion steigen. Auch der KI-Boom benötigt überraschend viel Chemie

Von Heiko Stumpf | San Francisco

Trotz globaler Unsicherheiten kann sich die US-Chemieindustrie auf steigende Produktionsmengen einstellen. Nach einem vorhergesagten Plus von 0,5 Prozent für das Jahr 2026 rechnet der Branchenverband American Chemistry Council (ACC) in den Folgejahren mit einer spürbaren Belebung: Für 2027 und 2028 stellt er einen Anstieg der Chemieproduktion um 1,5 beziehungsweise 2,3 Prozent in Aussicht.

11 Prozent

des weltweiten Chemieumsatzes entfallen auf die USA.

Ursache ist die stärkere US-Industrieproduktion. Mehr als 80 Prozent der in den USA produzierten Basis- und Spezialchemikalien sind für andere Industriesektoren bestimmt. "Im Jahr 2027 dürften sich 15 der 20 Hauptabnehmerbranchen für chemische Erzeugnisse auf Wachstumskurs befinden", sagt Martha Moore, Chefökonomin des ACC. Neben der Verteidigung sowie Luft- und Raumfahrt sorgt vor allem der KI-Boom für Impulse.

KI-Boom kann auch die Chemie beflügeln

Allein in den USA soll zwischen 2026 und 2028 mit dem Bau von 2.441 Rechenzentren begonnen werden, die Investitionen von rund 2,5 Billionen US-Dollar  (US$) mit sich bringen. "In Rechenzentren steckt eine enorme Menge an Chemie", so Martha Moore. 

Dazu zählen Spezialchemikalien wie Kühlflüssigkeiten. Diese werden für Verfahren wie Immersions- oder Direct-Chip-Cooling benötigt, da KI-Rechenzentren sonst an ihre Leistungsgrenzen stoßen. Im Juli 2026 verkündete beispielsweise Wacker Chemie aus Burghausen seinen Einstieg in das Segment.

Darüber hinaus werden Wasseraufbereitungschemikalien benötigt, um Kühlkreisläufe vor Korrosion und Ablagerungen zu schützen. Der Ausbau der KI-Infrastruktur erhöht zudem die Nachfrage nach Bauchemikalien für Beschichtungen, Dichtstoffe und Brandschutzlösungen in Rechenzentren. Auch Hersteller von Materialien für die Energie- und Elektrotechnik, darunter elektrische Isolierungen, profitieren.

Hinzu kommt die Halbleiterindustrie. "Zur Herstellung eines einfachen Mikrochips werden rund 500 Spezialchemikalien benötigt, für hochmoderne Chips sind es mehr als 1.000", so Martha Moore. Der CHIPS and Science Act hat entlang der Wertschöpfungskette für Halbleiter über 160 Projekte mit einem Investitionsvolumen von rund 820 Milliarden US$ angestoßen. Die Chipproduktion im Land dürfte sich dadurch bis 2032 mehr als verdreifachen. In der Folge wurden auch über 50 Projekte für chemische Ausgangsmaterialien im Wert von 28 Milliarden US$ ausgelöst. 

Höhere Chemienachfrage aus der Kfz-Industrie 

Rückenwind kommt auch aus der Autoindustrie. Ein typisches US-Auto enthält Chemikalien im Wert von mehr als 4.000 US$ – darunter 193 Kilogramm Kunststoffe und Verbundmaterialien. Doch es zeigen sich zwei gegenläufige Trends. 

Während sich der Fahrzeugabsatz angesichts hoher Neuwagenpreise von durchschnittlich rund 50.000 US$ nur verhalten entwickelt, gewinnt die Produktion an Dynamik. Für 2027 wird ein Anstieg der US-Fahrzeugfertigung auf 10,7 Millionen Einheiten prognostiziert, ein Plus von 2,1 Prozent.

Damit reagieren die Hersteller auf Trumps Zollpolitik. Um Importabgaben zu vermeiden, verlagern zahlreiche Hersteller die Produktion ihrer für den US-Markt bestimmten Modelle in die Vereinigten Staaten. Dies geht vor allem zulasten der Fertigungsstandorte in Mexiko und Kanada.

Stellantis tätigt Investitionen von 13 Milliarden US$ und verlagert Modelle wie den Jeep Compass zurück in die USA. Toyota plant bis 2030 Investitionen von 10 Milliarden US$ und will den Pickup Tacoma künftig in Texas statt in Mexiko fertigen.

Weniger Dynamik im Wohnungsbau

Ein weiterer wichtiger Abnehmer der Chemiebranche ist die Bauindustrie. Ein neu gebautes Einfamilienhaus verschlingt in den USA rund 15 Tonnen chemischer Produkte. Allerdings stagniert der Wohnungsbau. Im Jahr 2026 dürfte wie im Vorjahr mit dem Bau von 1,36 Millionen Wohneinheiten begonnen werden. Die für 2027 erwarteten 1,37 Millionen Baustarts liegen weiterhin unter dem Höchststand von 2021 mit 1,6 Millionen Wohnungen.

Dabei bremsen insbesondere Hypothekenzinsen von über 6 Prozent die Nachfrage. Projektentwickler reagieren auf die hohen Finanzierungskosten mit kleineren Wohnungen. Die durchschnittliche Wohnfläche neuer Häuser ist seit 2015 um etwa 10 Prozent gesunken. Auch das Renovierungsgeschäft bleibt schwach, da viele Eigentümer ihre Häuser behalten, um günstige Alt-Hypotheken nicht zu verlieren.

Neben Isoliermaterialien, Kunststoffrohren, Bodenbelägen und Fensterrahmen wirkt sich dies auch auf die Nachfrage nach Farben und Lacken aus. Der Architekturbereich steht bei Farben und Lacken mengenmäßig für knapp 60 Prozent.

Regierung fördert Düngemittelproduktion

Durch die unsichere geopolitische Lage sind die Preise für Düngemittel spürbar gestiegen. Viele Farmer planen eine Ausweitung der Sojaflächen (2026: +4 Prozent), die weniger Dünger benötigen als Mais (2026: -3,8 Prozent). Mit dem Fertilizer Investment & Expansion for Long-Term Domestic Supply (FIELDS) Program setzt Washington darauf, die heimische Düngemittelproduktion auszubauen und stellt 500 Millionen US$ an Fördermitteln bereit.

Parallel dazu beschleunigt die Trump-Regierung Genehmigungsverfahren für neue Anlagen. Davon profitierte unter anderem das 4 Milliarden US$ teure Blue-Point-Projekt in Louisiana, für das im August 2026 die Bauarbeiten starteten. Die Anlage von CF Industries, JERA und Mitsui soll künftig 1,4 Millionen Tonnen Ammoniak pro Jahr produzieren.

Große Pläne für Ammoniak an der Golfküste

Das Blue-Point-Projekt ist eines von 45 Vorhaben für Ammoniak in den USA, die gemeinsam eine Gesamtkapazität von 67 Millionen Tonnen pro Jahr erreichen könnten. Davon entfallen rund zwei Drittel auf emissionsarmen Ammoniak auf Basis von blauem Wasserstoff. Das dafür erforderliche Abscheiden und Speichern (CCS) von CO2 wird mit einem Steuerbonus (Section 45Q Tax Credit) von 85 US$ pro vermiedener Tonne CO2 gefördert.

Allerdings kommen viele Projekte nur schleppend voran oder wurden ganz auf Eis gelegt. So beendeten Air Products und Yara 2026 ihr gemeinsames Louisiana Clean Energy Complex, nachdem zuvor bereits ein weiteres Ammoniakvorhaben von Yara und BASF gestoppt worden war.

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