RF_GettyImages_963511100_RZ_1340x754 RF_GettyImages_963511100_RZ_1340x754 | © Ägypten, Kairo | © Getty Images/Tarek Adel / EyeEm

Special | Ägypten | Coronavirus

Corona wirft ägyptische Wirtschaft zurück

Corona dämpft das Wachstum der vergangenen Jahre. Doch gilt eine Rezession nicht als ausgemacht.


  • Covid-19: Allgemeine Situation und Konjunkturentwicklung

    Ägypten koexistiert mit Corona. Die Wirtschaft mag das Schlimmste hinter sich haben, der Schuldenabbau steht jedoch noch bevor. (Stand: 9. September 2020)

    Der von Anfang an moderate Lockdown, schnelle Öffnungen und staatliche Großprojekte konnten erst einmal das Schlimmste für Ägyptens Wirtschaft abwenden. Allerdings hat die Regierung in der Krise zu den bereits existierenden Schulden weitere angehäuft. Auf der anderen Seite setzt der Staat mit seinen Großprojekten die entscheidenden Impulse für die Wirtschaft. Nun wird die gestiegene Außenverschuldung Finanzierungsspielräume für diese Projekte begrenzen. Eine schnelle Erholung steht somit unter Vorbehalten. Dies gilt umso mehr, sollte die Anzahl der täglichen Neuinfektionen wieder dramatisch ansteigen.

    Zwischen Ende Mai und Anfang Juli erlebte Ägypten den stärksten Anstieg an Neuinfektionen. Diese lagen durchschnittlich bei circa 1.500 am Tag. Gleichzeitig beschloss die Regierung mit Dekret vom 24.6.2020, die nächtliche Ausgangssperre aufzuheben und weitere Öffnungen des öffentlichen Lebens durchzusetzen. Auch der Luftraum wurde am 1. Juli wieder für Passagierflüge freigegeben. Trotz dieser Lockerungen registrierten die Behörden ein Abklingen der täglichen Neuinfektionen. Deren Zahl beläuft sich nach offizieller Lesart mittlerweile auf einen geringen dreistelligen Betrag. Jedoch gibt es bereits erste Anzeichen, dass es bei diesen geringen Fallzahlen nicht bleiben wird.

     

    Auch ein nur moderater Lockdown konnte nicht verhindern, dass Covid-19 auch in der ägyptischen Wirtschaft Spuren hinterlässt. So wurden nationale Großprojekte auf nächstes Jahr verschoben - etwa der Umzug der Regierung in die neue Verwaltungshauptstadt, die Eröffnung des Grand Egyptian Museum oder die saudi-arabisch-ägyptische Stromverbindung auf das Jahr 2023. Wegen der volatilen Lage an den Börsen wird sich auch die ohnehin schon schleppende Privatisierung öffentlicher Unternehmen weiter verzögern.

    Erste Corona-Schadensbilanz zeigt gemischtes Bild

    Anfang September 2020 präsentierte das ägyptische Kabinett die Wachstumszahlen für das Fiskaljahr 1.7.2019 bis 30.6.2020. Danach ist in den ersten neun Monaten dieses Fiskaljahres die Wirtschaft um 5,4 Prozent gewachsen, über das ganze Fiskaljahr aber nur um 3,5 Prozent. Bei diesem Gesamtergebnis muss also die Wirtschaft in den Monaten von April bis einschließlich Juni 2020 um etwas mehr als 1 Prozent geschrumpft sein. Angesichts des Teil-Lockdowns und eines globalen Einbruchs der Nachfrage handelt es sich um ein gutes Ergebnis.

    Die Auswirkungen der Pandemie in den Monaten April bis einschließlich Juni 2020 spiegeln auch die Beschäftigtenzahlen wieder. Anfang August 2020 hat das ägyptische Statistikamt CAPMAS berechnet, dass die Zahl der abhängig Beschäftigten von 26,8 Millionen Ende Juni 2020 auf 24,1 Millionen gesunken ist. Dies entspricht einer Arbeitslosenquote von 9,6 Prozent.

    Entwicklung des ägyptischen Arbeitsmarktes in den ersten zwei Quartalen 2020

    Branche

    Kündigungen im 2. Quartal 2020

    Beschäftigtenzahl Ende März 2020 (in Millionen)

    Anteil der Branche an der Gesamtbeschäftigung Ende Juni 2020 (in %)

    Groß- und Einzelhandel

    624.000

    3,8

    13,4

    Verarbeitendes Gewerbe

    569.000

    3,6

    12,5

    Hotels und Restaurants

    469.000

    keine Angabe

    keine Angabe

    Transport und Lager

    309.000

    keine Angabe

    keine Angabe

    Bauwirtschaft

    288.000

    3,7

    14

    Landwirtschaft

    keine Angabe

    5,1*

    21

    *aufgerundetQuelle: CAPMAS

    Dass es in der Baubranche vergleichsweise wenig Kündigungen gab, führen Experten auf die staatlichen Großprojekte zurück, die auch während der Einschränkungen des öffentlichen Lebens nicht unterbrochen wurden.

    Keine Rezession ist auch keine gute Nachricht

    Die Ergebnisse des IHS Markit-Einkaufsmanager-Index für den privaten Nicht-Öl-Sektor illustrieren sehr deutlich den Zusammenhang zwischen Intensität der Lockdownmaßnahmen und negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft. So stürzte der Wert im April, als die strengsten Einschränkungen in Kraft waren, auf den historischen Tiefstand von 29,7 Punkten. In den darauffolgenden Monaten erholte dieser sich parallel zu den Lockerungen und verpasste im Juli mit 49,6 Punkten nur knapp die Wachstumsgrenze von 50. Dass sich die Privatwirtschaft nunmehr auf der zweiten Hälfte der V-Kurve befindet, widerlegt der Augustwert, der mit 49,4 Punkten wieder gesunken ist.

    Dass eher von einer U-förmigen Entwicklung mit langgezogenem Querbalken auszugehen ist, legen die Prognosen für das ägyptische BIP-Wachstum nahe. So geht der Internationale Währungsfonds (IWF) für dieses und nächstes Jahr von jeweils real 2 Prozent aus, während die Economist Intelligence Unit (EIU) gerade einmal 0,6 Prozent und 1 Prozent Wachstum erwartet. Zwar entgeht Ägypten nach beiden Lesarten einer Rezession. Angesichts der ursprünglichen Prognosen und einer nach wie vor wachsenden Bevölkerung, ist keine Rezession aber auch keine gute Nachricht.

    Devisen fließen wieder zurück ins Land

    Die ägyptische Zentralbank hat mittlerweile die Zahlungsbilanz für das erste Quartal des laufenden Jahres veröffentlicht. Diese Zahlen können die Auswirkungen der Pandemie auf die ägyptische Auslandsposition nur andeuten. Beispielsweise spülte der Tourismus im ersten Quartal nur 2,3 Milliarden US-Dollar (US$) ins Land, ein Minus gegenüber 2019, als ausländische Besucher pro Quartal durchschnittlich 3,2 Milliarden US$ in Ägypten ließen.

    Mit durchschnittlich 25 Milliarden US$ im Jahr gehören Rücküberweisungen von Auslandsägyptern zu den wichtigsten Devisenquellen. Im ersten Quartal sind diese auf rund 7,9 Milliarden US$ zunächst gestiegen. Dennoch wird sich dieser Trend aller Voraussicht nach umkehren. Die insgesamt 9 Millionen Auslandsägypter arbeiten hauptsächlich in den Golfstaaten, aber auch in den USA - also in Ländern, die Corona besonders schwer getroffen hat. Eine weitere Ursache für den Abfluss von Devisen ist die Kapitalflucht auf dem ägyptischen Markt für Staatsanleihen.

    Insgesamt sind die Devisenreserven von 45,5 Milliarden US$ im Februar auf 36 Milliarden US$ im Mai eingebrochen. Im August stiegen sie wieder auf 38,4 Milliarden US$. Diese Wende kommt allerdings zu einem hohen Preis: Seit Ausbruch der Pandemie hat sich die Regierung mehr als 20 Milliarden US$ geliehen, unter anderem beim IWF und über Staatsanleihen bei Investoren. Immerhin werten internationale Ratingagenturen Ägypten als relativ soliden Schuldner.

    Von Sherif Rohayem

  • Covid-19: Einschränkungen bei Einreise und Bewegung im Land

    Ägypten koexistiert mit Corona – Regierung fährt öffentliches Leben hoch. Kein Lockdown im Falle einer zweiten Welle. (Stand: 14. Oktober 2020)

    Die intensivsten Einschränkungen galten im Zeitraum Ende März und über den gesamten April. In der Folgezeit hob die Regierung Schritt für Schritt immer mehr Restriktionen auf, bis sie dann am 27.6.2020 mit Dekret Nr. 1246/2020 neben weiteren Maßnahmen auch die nächtliche Ausgangssperre abschaffte. Während eines Regionaltreffens der Weltgesundheitsorganisation am 13.10.2020 schloss die Gesundheitsministerin Hala Zayed eine zweite Welle der Coronainfektionen in Ägypten nicht aus. Was sie allerdings ausschloss, war ein zweiter Lockdown. Stattdessen wolle die Regierung cluster-spezifisch vorgehen.

    Darüber hinaus hat die Regierung mit Wirkung vom 1.7.2020 den ägyptischen Luftraum für ein- und ausgehende Passagierflugzeuge wieder geöffnet. Zuvor war dieser am 19.3.2020 gesperrt worden. Wer nun nach Ägypten einreist, muss am Flughafen einen negativen PCR-Test vorlegen, der grundsätzlich nicht älter als 72 Stunden sein darf.

    Weitere Informationen, unter anderem zum Thema Covid-19, finden sich auf den Internetseiten des Auswärtigen Amtes sowie der Deutsch-Ägyptischen Auslandshandelskammer in Kairo.

    Einzelhandel profitiert am meisten

    Die Aufhebung der nächtlichen Ausgangssperre kommt zunächst dem verarbeitenden Gewerbe zugute, da nun Unternehmen den kompletten Schichtbetrieb, also auch die Nachtschicht, wieder hochfahren können. Jedoch kamen das verarbeitende Gewerbe und die Bauwirtschaft auch vor der Aufhebung der Ausgangssperre in den Genuss von Befreiungen.

    Weit mehr von den letzten Lockerungen profitiert der Einzelhandel. So dürfen insbesondere Lebensmittelgeschäfte, Supermärkte, Bäckereien, Metzgereien und Apotheken wieder durchgehend öffnen. Dagegen gelten etwa für Shopping-Malls (einschließlich der darin befindlichen Supermärkte) und Handwerksbetriebe noch eingeschränkte Öffnungszeiten – beginnend von 6.00 Uhr bis 21.00 Uhr.

    Restaurants und Cafés dürfen wieder Kunden in ihren Räumen bedienen – dies mit der Maßgabe einer Auslastung von maximal 25 Prozent, eingeschränkten Öffnungszeiten zwischen 6.00 Uhr und 22.00 Uhr sowie unter Einhaltung vom Gesundheitsministerium vorgeschriebener Hygienevorkehrungen. Außerhalb dieser Öffnungszeiten beschränken sich die Tätigkeiten auf Liefer- und Abholdienste.

    Messen und Kongresse dürfen wieder stattfinden

    Laut einem Artikel der ägyptischen Onlinezeitung masrawy vom 19.9.2020 und unter Berufung auf das ägyptische Amtsblatt dürfen seit der zweiten Septemberhälfte Konferenzen und Kongresse abgehalten werden. Diese Veranstaltungen müssen in Hotels oder ähnlichen Einrichtungen stattfinden, die ein Zertifikat des Tourismusministeriums über ein Hygienekonzept besitzen. Wobei Konferenz- beziehungsweise Kongresssäle maximal zu 50 Prozent ausgelastet sein dürfen. Außerdem gilt eine Höchsteilnehmerzahl von 150 Personen.

    Unter freiem Himmel und mit einem Hygienekonzept können auch wieder kommerzielle Messen durchgeführt werden. Der Ort, an dem die Messe stattfindet, darf jedoch nur bis zur Hälfte ausgelastet sein.

    Seit Ende Juni ist es den Ägyptern wieder gestattet, sich in Sportvereinen, Jugend-, Freizeit- und Fitnessclubs zu betätigen. Auch haben seitdem sämtliche Behörden ihre Türen für den Kundenverkehr geöffnet. Der öffentliche Personentransport ist bis auf die Zeit von 0.00 Uhr bis 4.00 Uhr durchgängig in Betrieb.

    Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

    Die Regierung hat nicht nur an das leibliche Wohl gedacht, sondern auch Muße und Seelenheil im Blick. Daher dürfen Museen und andere kulturelle Einrichtungen ebenfalls ihre Türen öffnen, wiederum unter der Voraussetzung von Hygienemaßnahmen und einer Höchstbelegung von einem Viertel. Kinos, berichtet masrawy, dürfen seit der zweiten Septemberhälfte sogar 50 Prozent der Sitze belegen. Der oben genannte Artikel zählt weitere Veranstaltungen auf, bei denen typischerweise zahlreiche Menschen aufeinandertreffen.

    Danach sind Open-Air-Festivals wieder erlaubt – Voraussetzung: die Veranstaltungsfläche übersteigt eine Auslastung von 50 Prozent nicht. Ebenso dürfen die Menschen Hochzeiten und ähnliche Feste feiern – allerdings nicht beliebig, sondern nur in Hotels oder ähnlichen Einrichtungen mit einem Hygienekonzept, welches das Tourismusministerium zertifiziert hat. Außerdem dürfen nicht mehr als 300 Gäste an den Feiern teilnehmen. Schließlich sind seit der zweiten Septemberhälfte unter bestimmten Voraussetzungen auch Totengebete erlaubt.

    Bereits seit Ende Juni dürfen die Ägypter ihr Gebet wieder in einer der zahlreichen Moscheen oder Kirchen verrichten. Auf ihrer Internetseite berichtet die arabische Ausgabe des Fernsehsenders euronews, dass seit Ende August Gläubige sogar wieder zum Freitagsgebet in den großen Moscheen zusammenkommen dürfen.

    Außer auf den Straßen gilt eine allgemeine Pflicht zum Tragen von Schutzmasken. Dieses Gebot ist mit einem Bußgeld in Höhe von bis zu 4.000 Ägyptische Pfund (EGP; entspricht circa 216 Euro) bewährt. Wer sich durch Kairo bewegt, beobachtet trotz dieses gerade für ägyptische Verhältnisse hohen Bußgeldes ein Vollzugsdefizit.

    Diese Einschränkungen gelten noch

    Außer den oben genannten Veranstaltungen, sind nach wie vor Events untersagt, bei denen es zu größeren Menschenansammlungen kommt. In diesem Sinne bleiben auch öffentliche Parks und Strände weiterhin gesperrt. Ebenso bleiben Präsenzunterricht beziehungsweise Präsenzvorlesungen an Schulen und Universitäten noch ausgesetzt.

    Von Sherif Rohayem | Kairo

  • Covid-19: Maßnahmen der Regierung

    Im Kampf gegen Covid-19 pumpt Ägypten Liquidität in den Markt. Mittel der Wahl sind finanzielle Entlastungen. Für Kurzarbeitergeld und Zuschüsse fehlt es an Mitteln. (Stand: 7. Mai 2020)

    Mit Ausnahme der dreimonatigen Zahlung von jeweils 500 ägyptischen Pfund (EGP) an bis dato 2,6 Millionen informelle Arbeiter erhalten ägyptische Arbeitnehmer im Privatsektor kaum eine direkte Krisenhilfe - insbesondere kein Kurzarbeitergeld. Um Betriebe und Beschäftigte zu schützen, setzt die ägyptische Regierung auf Steuerhilfen und vergünstige Kredite.

    100 Milliarden ägyptische Pfund und 3 Prozent weniger Leitzins

    Um die negativen Auswirkungen der Social-Distancing-Maßnahmen auf Wirtschaft und Bevölkerung abzumildern, stellt die Regierung aus dem laufenden Haushalt ein Hilfspaket im Wert von EGP 100 Milliarden bereit. Das sind umgerechnet etwa 6,3 Milliarden US-Dollar (US$) oder 3 Prozent des ägyptischen Bruttoinlandsproduktes (BIP) des letzten Finanzjahres. Zusätzlich hat die ägyptische Zentralbank in einem historischen Schritt Mitte März den Leitzins um 3 Prozent auf nunmehr 9,75 Prozent gesenkt. Diese Senkung hat positive Folgen für die Realwirtschaft, die sich nun günstiger refinanzieren kann. Für die Finanzwirtschaft resultieren negative Folgen, da die gesunkenen Zinsen die Profite von Investoren ägyptischer Staatsanleihen senken.

    Stützungskäufe und Steuerermäßigungen für die Börse

    Immerhin sollen über die ägyptischen Geschäftsbanken EGP 20 Milliarden für Stützungskäufe in die ägyptische Börse fließen. Denn auch dort kam es anlässlich der Ausbreitung des Coronavirus seit März zu einer massiven Kapitalflucht und Kursstürzen. Eine 10-prozentige Kapitalertragsteuer auf Gewinne aus dem Verkauf von Wertpapieren, die an der ägyptischen Börse notiert sind, sollte eigentlich Mitte Mai 2020 in Kraft treten. Deren Einführung wurde aber erneut um zwei Jahre verschoben.

    Ermäßigte Kredite statt Kurzarbeitergeld

    Die Corona-Krise und die Aussetzung von Passagierflügen haben Tourismus und Luftfahrt mit am härtesten getroffen. Vor allem der Tourismus ist Devisenquelle und Jobmotor im Land. Wegen dieser herausragenden Bedeutung für die Wirtschaft hat die ägyptische Zentralbank bereits Ende 2019 eine Initiative zur Stärkung des Sektors im Wert von EGP 50 Milliarden aufgelegt.

    Dieses Geld erhalten Betriebe in Form von ermäßigten Krediten. So geht aus der Mitteilung der ägyptischen Zentralbank vom 23.3.2020 hervor, dass Hotels, Restaurants in touristischen Gegenden, Reiseveranstalter, Transportunternehmen im Tourismus und Fluggesellschaften spezielle Kredite erhalten können. Deren Laufzeit beträgt zwei Jahre, mit einer Tilgungsfrist von sechs Monaten und einem Zinssatz von 8 Prozent. Ende April wurde dieser Zinssatz auf 5 Prozent reduziert. Laut der Mitteilung der Zentralbank dienen die Kredite (ähnlich einem Kurzarbeitergeld) der Lohnfortzahlung von Beschäftigten oder der Finanzierung von Wartungsarbeiten.

    Subventionierte Kredite mit einem Zinssatz von 8 Prozent erhalten auch Käufer von Immobilien für mittlere Einkommensgruppen. Ebenso wurde der Kreis der Berechtigten der Mittelstandsinitiative der Zentralbank vom Dezember 2019 erweitert. Auch hier geht es um Kredite mit einem vergünstigten Zinssatz von 8 Prozent für Unternehmen der Landwirtschaft und dem verarbeitenden Gewerbe mit einem jährlichen Umsatz ab EGP 50 Millionen.

    Steuererleichterungen zur Überbrückung der Krise

    Ebenso wurde die Grundsteuer für Tourismus und industrielle Betriebe für drei Monate gestundet. Zusätzlich dürfen diese Betriebe die vorangegangene Grundsteuer in Sechs-Monats-Raten bis zum September 2020 zahlen. Die Steuer für landwirtschaftliche Nutzflächen wurde auf das Jahr 2022 verschoben.

    Die Egyptian Tax Authority (ETA) erlaubt Unternehmen ausgewählter Branchen, die in diesem Jahr fällige Körperschaftsteuer für 2019 in drei Raten zu zahlen. Danach waren 20 Prozent bis Ende April zu zahlen, 30 Prozent bis Ende Mai und 50 Prozent bis Ende Juni. Bei den Begünstigten handelt es sich um folgende Branchen: Luftfahrt, Tourismus (einschließlich Restaurants und Cafés), Hotels, Medien und Presse, verarbeitendes Gewerbe (insbesondere Export-Unternehmen; jedoch keine Lebensmittelhersteller, Pharmazie oder Reinigungsmittelhersteller), Transportunternehmen, Kfz-Händler, Bauunternehmer und Immobilienentwickler.

    Energiepreise reduziert

    Außerdem kündigte Präsident al-Sisi an, die Sozialprogramme für bedürftige Ägypter "Takaful und Karama" um EGP 27,7 Milliarden aufzustocken und so den Kreis der Berechtigten zu erweitern.

    Verbraucher und Unternehmen dürfen im Zeitraum zwischen März und September die Zahlung ihrer Kreditraten aussetzen. Verzugsgebühren entfallen, allerdings nicht die Zinsen, die während des Moratoriums angefallen sind.

    Für einige Industrien wurden zuvor geforderte Energiepreissenkungen beschlossen. Intensive Nutzer wie etwa die Stahl- und Aluminiumindustrie zahlen nun 10 Piaster (circa 0,00578 Euro) pro Kilowattstunde (kWh) weniger. Für alle anderen wird der gegenwärtige Strompreis für drei bis fünf Jahre eingefroren. Ebenso forderten Industrieunternehmen immer wieder, gesunkene Öl- und Erdgaspreise an die Industrie weiterzugeben. Dem kam die Regierung jetzt auch nach und senkte den Preis für Erdgas von 5,5 US$ pro Millionen British Thermal Unit (mmBtu) auf 4,5 US$ (1mmBtu = 26,4 Kubikmeter).

    Internationale Unterstützung

    Hilfe kommt auch von multilateralen Gebern, vor allem vom Internationalen Währungsfonds (IWF), bei dem die ägyptische Regierung einen Notfallkredit beantragt hat. Eine erste Tranche von 2,8 Milliarden US$ ist bereits beabsichtigt.

    Verstaatlichungen als letztes Mittel spielen angesichts der ohnehin schon zahlreichen öffentlichen Unternehmen eher keine Rolle. Letztere sind in der gegenwärtigen Krise aufgrund ihrer Eigentümerstruktur weniger insolvenzgefährdet als Privatunternehmen.

    Von Sherif Rohayem

  • Covid-19: Auswirkungen auf internationale Lieferketten

    Die ägyptische Wirtschaft ist kaum in globale Lieferketten eingebunden. Jedoch ist die Industrie stark von Importen abhängig. (Stand: 25. Mai 2020)

    Ägypten produziert und exportiert hauptsächlich unverarbeitete oder nur wenig verarbeitete Waren. Dabei handelt es sich in erster Linie um petrochemische Produkte, Gold, Gemüse und Früchte. Daneben gibt es aber auch Branchen mit einer höheren Wertschöpfung. Dazu zählen vor allem die Hersteller von Kunstdünger, Kunststoff, Bekleidung, Lebensmitteln und einiger Verbrauchsgüter. Insgesamt ist die ägyptische Industrie jedoch nur zu einem geringen Grad in globale Lieferketten integriert.

    Vielfältige Abhängigkeit von Importen aus China

    Ein Schwachpunkt der verarbeitenden Industrie ist ihre Abhängigkeit von importierten Rohstoffen und Komponenten. Das verarbeitende Gewerbe hatte 2019 einen Anteil von 44 Prozent an sämtlichen ägyptischen Einfuhren. Hauptlieferant ist China. Von den ägyptischen Einfuhren im Wert von 78,6 Milliarden US-Dollar (US$) lag 2019 der chinesische Anteil bei 12 Milliarden US$. So beziehen beispielsweise ägyptische Bekleidungshersteller Garn und Stoffe aus China. Lokale Pharmaunternehmen importieren 40 Prozent der Wirkstoffe ebenfalls aus China.

    Als es Mitte März in China zu Werksschließungen kam, drohten lokalen Monteuren elektrischer Geräte wie Fernseher und Küchengeräte die Komponenten auszugehen. In einer ähnlichen Abhängigkeit von Komponenten aus dem Ausland befinden sich ägyptische Monteure von Pkw. Letztere erzielen inklusive der Arbeitskraft eine lokale Wertschöpfung von gerade mal 45 Prozent. In der Daily News Egypt vom 23.4.2020 erklärt der Vertreter eines Verbandes von Automobilzulieferern, dass Produktionslinien von Pkw-Montagen stillstünden. Diese seien auf Komponenten angewiesen, die wegen Werksschließungen in China nicht erhältlich seien. Dagegen bezögen die Hersteller von Bussen und Kleinbussen ihre Komponenten von lokalen Zulieferern und würden weitestgehend ihre Produktion aufrechterhalten.  

    Weniger Lieferengpässe, nachdem China seine Industrie wieder hochfährt

    Eine Umfrage der American Chamber of Commerce in Egypt im April 2020 ergab, dass 64 Prozent der befragten Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe (ohne Öl und Gas) jeweils moderate Auswirkungen der Corona-Krise zu spüren bekämen. Der Rest dieser Gruppe gab sogar extreme Auswirkungen an. Ein Drittel der Unternehmen in diesem Sektor beklagt Lieferschwierigkeiten. Bei einer Umfrage der AHK-MENA, ebenfalls im April 2020 durchgeführt, geben 17 Prozent der Unternehmen Lieferschwierigkeiten als operative Herausforderung an. Allerdings bezieht sich dieser Wert auf sämtliche Sektoren, also auch auf Dienstleister.

    Mittlerweile haben chinesische Unternehmen ihre Produktion wieder hochgefahren. Folglich hat sich das Angebot an Komponenten und anderen Produktionserfordernissen verbessert. Dies passt auch zu dem Ergebnis einer zweiten Unternehmensumfrage der AHK-MENA vom Mai 2020. Hier geben nur noch 3 Prozent der Unternehmen an, Lieferschwierigkeiten zu haben. Dafür sind nun logistische Probleme stärker in den Vordergrund gerückt - waren es im April noch 26 Prozent der Befragten, sind es im Mai schon 42 Prozent.

    Dazu kommt, dass der Löwenanteil chinesischer Importe keine Komponenten oder Rohstoffe für die Produktion umfasst, sondern vielmehr aus Verbrauchsgütern besteht. Die Rede ist hier von Mobilfunkgeräten und Smartphones. Mit einem Wert von 2,2 Milliarden US$ im Jahr 2019 standen diese Geräte auf Platz eins der chinesischen Einfuhren im Jahr 2019.

    Ägyptens Regierung häuft strategische Weizenreserven an

    Ein grundlegenderes Problem, das die Corona-Krise aufwirft, ist die ägyptische Abhängigkeit von ausländischem Getreide. Als weltweit größter Weizenimporteur machte sich eine gewisse Nervosität breit, nachdem zunächst wichtige Lieferanten wie Russland und Rumänien Exportverbote auf Weizen verhängt hatten. Wenigstens Rumänien hat sich mittlerweile wieder umentschieden. Aktuell will Ägypten durch die General Authority for Supply Commodities (GASC) 800.000 Tonnen importieren. Seit April hat die GASC bereits 240.000 Tonnen Weizen aus dem Ausland eingekauft. Der Regierung geht es darum, während dieser kritischen Zeit genügend strategische Reserven aufzubauen. Dazu kauft sie zusätzlich verstärkt bei einheimischen Landwirten ein. 

    Deutschland importierte 2019 hauptsächlich Rohöl aus Ägypten

    Deutschland importierte im vergangenen Jahr Waren im Wert von circa 1,6 Milliarden US$ aus Ägypten. Davon entfielen mit etwa 788 Millionen US$ knapp die Hälfte auf Rohöl. Die anderen Importe aus Ägypten bewegten sich im zweistelligen Millionenbereich (US$). Das sind vor allem Früchte, Gemüse, Bekleidung und Heimtextilien, Drähte und Kabel, Aluminium sowie Fertigwaren aus Kunststoff. Aus deutscher sind die Gefahren ägyptischer Lieferengpässe überschaubar.

    China als Klumpenrisiko

    Unternehmen auf der ganzen Welt mussten im Zuge der Corona-Krise feststellen, dass sich mit der starken Fixierung auf China ein Klumpenrisiko realisiert hat. Bei der Frage nach der Diversifizierung von Lieferketten kommt vor allem Nordafrika in Betracht. Dabei könnte Ägypten zusätzlich von seinem dichten Netz an Freihandelsabkommen profitieren. Alexander Demissie von der Beraterfirma Africa Rising sieht für Ägypten vor allem Chancen in der Produktion von Generika und Arzneimittel für den afrikanischen Markt, wie die Deutsche Welle zitiert.

    Unabhängig von ausländischen Investitionen hat sich die ägyptische Regierung die stärkere Lokalisierung der Industrie schon vor der Corona-Krise als Ziel gesetzt. Die gegenwärtige Pandemie dürfte für sie ein Ansporn sein, Rahmenbedingungen für eine höhere lokale Wertschöpfung zu schaffen. So sollte nach dem Kurssturz des ägyptischen Pfundes Ende 2016 vor allem die ägyptische Exportwirtschaft zu den großen Gewinnern zählen. Nach wie vor werden aber die Wechselkursvorteile ägyptischer Exporte durch importierte Komponenten und Rohstoffe geschmälert. Wenn eine in Ägypten hergestellte Jeans exportiert wird, mussten Reißverschlüsse oder Knöpfe zuvor aus dem Ausland bezogen werden.

    Von Sherif Rohayem

  • Covid-19: Auswirkungen auf ausgewählte Branchen

    Kaum ein Wirtschaftszweig in Ägypten bleibt von der Corona-Krise verschont. Als Faustregel gilt: Je internationalisierter, desto stärker ist eine Branche betroffen. (Stand: 14. Mai 2020)

    Am deutlichsten zeigen sich die Einbrüche am Beispiel der Luftfahrt und des Tourismus. Beide Branchen sind als Folge der ägyptischen und der internationalen Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 zum Stillstand gekommen.

    Nach Ramadan lokaler Tourismus wieder möglich

    Konnten Reiseveranstalter in vergangenen Krisen noch den einen oder anderen unerschrockenen Urlauber mit Kampfpreisen ans Rote Meer locken, ist es nunmehr zu einem Totalausfall gekommen. Damit das nicht so bleibt, will der ägyptische Staat wenigstens den inländischen Tourismus hochfahren. Für die Zeit nach Ramadan beabsichtigt die Regierung weitere Öffnungen des öffentlichen Lebens. In diesem Zuge sollen ab dem 15. Mai 2020 Hotels wieder ihre Türen für Gäste öffnen dürfen. Dies jedoch zunächst mit einer maximalen Auslastung von 25 Prozent, die ab dem 1. Juni 2020 auf 50 Prozent erhöht wird. Die Einhaltung der Hygienemaßnahmen wird Presseberichten zufolge unter anderem der TÜV Nord kontrollieren. Ebenso sollen inländische Passagierflüge zeitnah wiederaufgenommen werden.  

    Modelabels stornieren Aufträge

    International vernetzt und folglich stark betroffen ist Ägyptens Bekleidungs- und Heimtextilindustrie. 50 Prozent ihrer Vorprodukte (vor allem Garne) importiert die Industrie aus China. Stärker wiegt allerdings der Einbruch der Nachfrage in Hauptexportmärkten wie den USA und Europa. Zahlreiche Modelabels wie Levi's, VF, Decathlon, United Colors of Benetton, Zara, Pull&Bear, Massimo Dutti, Bershka und Stradivarius haben im Zuge der Corona-Krise ihre ägyptischen Aufträge storniert. In der Folge verzeichnet die Branche einen Rückgang ihrer Exporte um 80 Prozent. Eine Produktionsumstellung etwa auf Gesichtsmasken und andere medizinische Schutzbekleidung hat noch nicht stattgefunden.

    Sinkende Energiepreise noch nicht bei Produzenten angekommen

    Ein weiterer wichtiger Exportsektor ist die Düngemittelproduktion. Hier sieht der Leiter des Chemieanlagenbau-Geschäfts von thyssenkrupp in Ägypten Gegenwind aus zwei Richtungen. Noch würde die Industrie nicht von den gesunkenen Weltmarktpreisen für Erdgas profitieren, so Thore Lohmann. Dies liege daran, dass Erdgas auf Basis langfristiger Lieferverträge bezogen werde. Solche Verträge reagierten nicht sofort auf kurzfristige Schwankungen und Einbrüche. Gleichzeitig sei die Nachfrage für Düngemittel vorübergehend gesunken. Diese Einschätzung belegen auch die Zahlen des ägyptischen Statistikamtes (CAPMAS). Sie melden bei den ägyptischen Ausfuhren für Düngemittel im Februar 2020 einen Rückgang um 20 Prozent.

    Über hohe Erdgaspreise klagen nicht nur Düngemittelhersteller, sondern auch Kunststoffproduzenten und Hersteller von Baumaterialien (Stahl, Zement, Aluminium und Glas). Zwar hat die ägyptische Regierung unlängst die Erdgaspreise für industrielle Verbraucher von 5,5 US-Dollar (US$) pro Million British Thermal Unit (MMBtu) auf 4,5 US$ gesenkt. Unter Berufung auf den Weltmarktpreis, der bei ungefähr 2 US$ pro MMBtu liegt, verlangen Vertreter von Industrieverbänden weitere Nachlässe. Andernfalls sei ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit gefährdet.

    Anzahl neuer Projekte in Bau und Infrastruktur mehr als halbiert

    Im Projektgeschäft erfahren Finanzierungsfragen neue Dringlichkeit. So dürfte das Schicksal einiger petrochemischer Projekte ungewiss sein - auch das vom Tahrir Petrochemical Complex. Bei dem 10 Milliarden US$-Projekt steht die Finanzierung unter großen Vorbehalten. Die Firma Eyegrow hat laut einem Bericht der Zeitung Amwal Al-Ghad vom 7. Mai 2020 Pläne für den Bau von zwei Düngemittelanlagen in Assuan und Sadat City mit einer Investitionssumme von insgesamt 1,2 Milliarden US$ einstweilen aufgeschoben. Thore Lohmann von thyssenkrupp in Ägypten unterscheidet hier: „Wir sehen, dass größere Projekte zum Teil aufgeschoben werden, während kleinere, also solche im zwei- bis dreistelligen Millionen-Bereich (US$), zumeist umgesetzt werden.“ 

    Laut dem Projektinformationsdienst MEED erreichte im April 2020 der Auftragswert neuer Bau- und Infrastrukturprojekte insgesamt etwa 900 Millionen US$. Dieser Wert war ein Jahr zuvor mit 2,2 Milliarden US$ mehr als doppelt so hoch.

    Unter Druck steht auch die Finanzierung staatlicher Bau- und Infrastrukturprojekte. Momentan brechen der Regierung nämlich von mehreren Seiten die Einnahmen weg. Doch auch die Corona-Krise ändert grundsätzlich nichts am Bedarf an neuen Wohnungen, Krankenhäusern, Straßen, Schienen, Wasserentsalzungsanlagen und anderen Einrichtungen der Daseinsvorsorge. Die Regierung wird daher vorerst Prioritäten setzen müssen. Mittelfristig wird es auch darum gehen, mehr private Finanzierung zu bemühen - dies im Wege öffentlich-privater Partnerschaften oder Build-Operate-Transfer-Verträgen. 

    Arbeiten in der neuen Verwaltungshauptstadt werden fortgesetzt

    Eigentlich wollte die Regierung diesen Sommer in die neue Verwaltungshauptstadt umziehen. Diesen Termin hat sie nun auf 2021 verschoben. Möglicherweise liegt das daran, dass die pünktliche Fertigstellung nicht gelingt. Wahrscheinlicher ist aber, dass ein Umzug ohne Einweihungsfeier stattfinden müsste und schlechte beziehungsweise keine schönen Bilder produzieren würde. Immer wieder ist zu hören, dass trotz der Ausbreitung des Coronavirus die Bauarbeiten nicht zum Erliegen gekommen sind. So zitiert etwa die Tageszeitung Daily News Egypt den Geschäftsführer von Better Home, dass das Wohnviertel Midtown wie geplant bis Ende 2020 fertiggestellt werde.

    Auch außerhalb der neuen Verwaltungshauptstadt gehen die Arbeiten an wichtigen nationalen Projekten wie etwa die Renovierung des Tahrir-Platzes weiter. Insgesamt genießt der Bausektor eine hohe Priorität. Anfang April betonte der Premierminister, wie wichtig es sei, dass Bauunternehmer ihre Arbeiten fortsetzen würden. Wegen der Hygienemaßnahmen auf Baustellen und den Schichtsystemen gelingt dies aber nur mit verminderter Kapazität.

    Von Sherif Rohayem

  • Coronavirus und Recht

    Die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus betrifft Staaten weltweit. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie sind enorm. Auch rechtliche Fragen stehen im Fokus.

    Die durch die Covid-19-Pandemie von allen betroffenen Ländern veranlassten Beschränkungen belasten Unternehmen stark. Dies gilt in hohem Maße für Vertragsbeziehungen zwischen deutschen Unternehmen und ihren ägyptischen Geschäftspartnern, zunehmend aber auch für drohende Insolvenzen. Was tun, wenn Verträge nicht mehr wie vereinbart erfüllt werden können? Liegt bei der Pandemie ein Fall „höherer Gewalt" vor? Und wo können Insolvenzforderungen angemeldet werden und innerhalb welcher Frist?

    Was regelt der Vertrag?

    Spätestens wenn Probleme entstehen ist es sehr wichtig zu ermitteln, nach welchem Recht die Verträge beurteilt werden, die Sie mit Geschäftspartnern aus einem anderen Land geschlossen haben.

    Wichtigster Grundsatz hierbei: als Erstes sollten Sie den betroffenen Vertrag gründlich studieren. Häufig wird eine Rechtswahlklausel enthalten sein. Und in den allermeisten Fällen wird diese Rechtswahl von den relevanten Rechtsordnungen und Gerichten auch akzeptiert werden. Übrigens: Falls es keine Rechtswahlklausel gibt, kann eine solche in aller Regel nachträglich ergänzt werden.

    Bitte achten Sie auf eine Besonderheit für Kaufverträge: Wenn in einem Kaufvertrag mit einem ausländischen Vertragspartner die Geltung des deutschen Rechts vereinbart ist, gilt nicht deutsches Recht, sondern UN Kaufrecht (United Nations Convention on Contracts for the International Sale of Goods - "CISG"). Der Grund hierfür ist, dass deutsches Kaufrecht für internationale Kaufverträge auf das UN Kaufrecht verweist. Das Kaufrecht des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuchs gilt nur dann, wenn ausdrücklich deutsches Recht unter Ausschluss des UN Kaufrechts vereinbart ist.

    Aber was passiert, wenn keine Rechtswahlklausel vereinbart ist? Wenn ein innereuropäischer Sachverhalt vorliegt, spricht sehr viel dafür, dass die sogenannte Rom-I-Verordnung das anwendbare Recht bestimmt  (weitere Informationen hierzu unter „Covid-19 und B2B-Verträge: Welches Recht gilt für meinen Vertrag?

    Verträge mit Geschäftspartnern außerhalb der Europäischen Union

    Zunächst: die Regelungen der Rom-I-Verordnung können durchaus auch dann anwendbar sein, wenn Ihr Vertragspartner aus dem Nicht-EU-Ausland kommt. Das gilt insbesondere dann, wenn im Streitfall ein deutsches Gericht entscheiden würde. Denn es gilt der Grundsatz, dass jedes Gericht immer sein eigenes internationales Privatrecht anwendet. Und das deutsche internationale Privatrecht verweist ausdrücklich auf die Rom-I-Verordnung.

    Würde denn ein deutsches Gericht entscheiden? Die Frage, welches Gericht im Streitfall entscheiden würde, ist recht kompliziert zu beantworten. Allerdings: genau wie bei dem anwendbaren Recht haben Parteien - jedenfalls bei B2B-Verträgen - auch hinsichtlich des Gerichtsstands eine relativ weitgehende Freiheit zu vereinbaren, welches Gericht eventuelle Rechtsstreitigkeiten entscheiden soll. Auch hier sollte also zunächst der Vertrag studiert werden.

    Deutlich schwieriger wird die Situation, wenn ein Gericht aus dem Nicht-EU-Ausland im Streitfall entscheiden müsste. Es würde hierzu, dem oben erwähnten Grundsatz folgend, wohl die Regelungen seines eigenen internationalen Privatrechts anwenden - und diese können unter Umständen von den oben beschriebenen europäischen Regelungen abweichen. Eine - auch nur ansatzweise - Darstellung würde den Rahmen dieser Publikation leider sprengen.

    Was gibt es generell zu beachten?

    Zum Schluss noch einige kurze Hinweise, die fast immer relevant sind, gleich welche vertragliche oder gesetzliche Regelung zur höheren Gewalt (force majeure) gilt: zum einen Ihre Pflicht zur Minderung des Schadens wo immer dies möglich ist. Zum anderen, und eng damit zusammenhängend, die Pflicht zur möglichst zeitnahen Mitteilung, wenn sich ein Problem bei der Erfüllung abzeichnet. Und schließlich sollten Sie daran denken, dass Sie darlegungs- und beweispflichtig für die Voraussetzungen der höheren Gewalt sind, auf die Sie sich berufen. Daher dokumentieren Sie nach Möglichkeit alles, was zu den Schwierigkeiten geführt hat - es mag sich als äußerst nützlich erweisen.

    Was tun bei Insolvenz des ausländischen Geschäftspartners?

    Es wird zunehmend zur traurigen Gewissheit, dass es in Folge der durch die Covid-19-Pandemie ausgelösten Rezession zu einer weltweiten Pleitewelle kommen wird. Doch wie erfahren Sie, ob Ihr Geschäftspartner zahlungsunfähig ist?  Welche Auswirkungen hat die Insolvenz auf den Vertrag? Wo und innerhalb welcher Frist können Forderungen angemeldet werden? Fragen, auf die wir im nachstehenden Länderbericht Antworten geben.

    Nationales Recht: Covid-19 als „höhere Gewalt“/Insolvenzrecht

    Nichterfüllung von Verträgen nach ägyptischem Recht

    Insolvenzen nach ägyptischem Recht

  • Covid-19: Außenhandel - Logistik - Zoll

    Um die Ausbreitung des Corona-Virus zu verhindern, schränkt Ägypten in erster Linie den Personentransport ein. Exportverbote betreffen nur wenige Waren. (Stand: 9. Juni 2020)

    Nachdem die Exporte von medizinischen Masken, Handschuhen und Desinfektionsmitteln seit Februar sprunghaft angestiegen sind, verfügte das ägyptische Ministerium für Handel und Industrie am 17.3.2020 ein Ausfuhrverbot. Dieses endet jedoch am 16.6.2020. Ende März beschloss das Handelsministerium ein dreimonatiges Exportverbot von Gemüse. Davon ausgeschlossen sind Erbsen, grüne Bohnen und Erdnüsse.

    Ausgangssperre gilt nicht für gewerblichen Transport

    Mit Dekret vom 19.5.2020 hat Ägyptens Premierminister abermals eine nächtliche Ausgangssperre und andere Lockdown-Maßnahmen verhängt. Das Dekret ist am 30.5.2020 in Kraft getreten und gilt für die Dauer von 15 Tagen. Es verordnet in der Zeit von 20.00 Uhr abends bis 6.00 Uhr morgens eine Ausgangssperre, während der sich grundsätzlich niemand auf öffentlichen Straßen und Wegen aufhalten und bewegen darf.

     Befreit von dieser Ausgangssperre sind, unabhängig vom Verkehrsmittel, die folgenden Transporte:

    • Transport von Öl und ähnlichen Substanzen
    • In- und ausländischer Güterverkehr
    • Transport von Produktionsbedarf
    • Notfalltransporte und Geldtransporte für Geldautomaten
    • Transport von Lager- und gewerblichen Arbeitern sowie von Bank- und Unternehmensangestellten

    Unter der Voraussetzung, dass Hygienemaßnahmen eingehalten werden, sind unter anderem folgende Dienste und deren Beschäftigte von der Ausgangssperre befreit:

    • Zolllager, Zollabfertigungsdienste
    • Häfen
    • Lagerhallen
    • e-Commerce-Dienstleister und deren Lagerhallen
    • Großmärkte (nur zur Entgegennahme von Waren und ohne Publikumsverkehr)
    • Lieferdienste für Lebensmittel, Getränke und Waren (elektronische oder sonstige) an Kunden

    Seit dem 19.3.2020 hat die ägyptische Regierung den internationalen Verkehr für Passagierflüge ausgesetzt. Dagegen sind Frachtflüge ohne Einschränkungen zugelassen. Ebenso ist während der Zeit der nächtlichen Ausgangssperre der gesamte öffentliche und private Personenverkehr grundsätzlich nicht erlaubt.

    Verzögerungen an ägyptischen Häfen aufgrund von Hygienemaßnahmen

    Der Straßengüterverkehr innerhalb Ägyptens ist wegen der weitreichenden Befreiungen von der Ausgangssperre vergleichsweise wenig betroffen. Kritischer ist die Lage mit Blick auf den grenzüberschreitenden Straßentransport. Bei der Überfahrt nach Saudi-Arabien unterliegen ägyptische Lkw speziellen Restriktionen. Libyen und Jordanien haben ihre Grenzen geschlossen. Immerhin erlaubt Jordanien seit Anfang Mai wieder die Einfuhr von Lebensmitteln aus Ägypten.

    Für die Seefracht stuft die Firma agility die Kapazitäten in Ägypten insgesamt als erheblich beschränkt ein. Lediglich bei Transporten in Richtung des amerikanischen Kontinents seien die Kapazitäts-Engpässe weniger gravierend. Für alle anderen Zielregionen sei die maritime Infrastruktur durch mangelnde Verfügbarkeit von Containern und Ausrüstung stark eingeschränkt, so der Logistikdienstleister. Insgesamt kommt es an ägyptischen Häfen vor allem durch die coronabedingten Infektionsschutzmaßnahmen zu Verzögerungen. Ankommende Schiffe müssen desinfiziert und gereinigt werden. Das wiegt vor allem beim Hafen von Alexandria schwer, wo rund 60 Prozent des ägyptischen Welthandels abgewickelt wird.

    Weniger Schwierigkeiten begegnet die Luftfracht. Um hier Kapazitäten aufzustocken, haben Fluggesellschaften Passagierflugzeuge für den Warentransport umgebaut.

    Nicht-Öl-Importe gehen stark zurück

    Laut der nationalen Statistikbehörde CAPMAS ist der ägyptische Außenhandel, ohne Öl und Gas, in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres von 32,7 Milliarden US-Dollar (US$) gegenüber 2019 um 16 Prozent auf 27,5 Milliarden US$ gesunken. Zurückzuführen ist dies vor allem auf gesunkene Einfuhren. Standen diese in den ersten vier Monaten in 2019 bei 23,8 Milliarden US$, fielen sie im Vergleichszeitraum 2020 um 21,2 Prozent auf 18,8 Milliarden US$. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Nahrungsmittelimporte. Diese beliefen sich in den ersten vier Monaten von 2019 noch auf 4,8 Milliarden US$, sanken aber im Vergleichszeitraum 2020 um 22,6 Prozent auf 3,7 Milliarden US$. Zahlen der General Organization for Export and Import Control (GOEIC), die allerdings nur das erste Quartal 2020 abbilden, zeigen, welche Importe am stärksten zurückgegangen sind.

    Entwicklung ägyptischer Nicht-Öl-Importe im 1. Quartal 2019 und 2020 in Millionen US$ (Auswahl)

    Ware

    2019

    2020

    Veränderung in %

    Chemische Dünger und andere chemische Erzeugnisse

    2.904

    1.984

    -32

    Baumaterialien

    2.844

    1.879

    -34

    Medizinische Ausrüstung

    951

    639

    -33

    Bekleidung

    145

    103

    -29

    Möbel

    369

    239

    -35

    Quelle: GOEIC

    Der Rückgang bei den Nahrungsmitteln ist eine Folge davon, dass wichtige Weizenlieferanten wie Russland Exportverbote verhängt haben. Ähnliches gilt für medizinische Ausrüstung. Auch hier haben viele Staaten Exportverbote verhängt, um ihren eigenen Bedarf, insbesondere an Schutzkleidung, zu decken. Die gesunkenen Düngemitteleinfuhren dürften mit einer gestiegenen lokalen Produktion zusammenhängen. Insgesamt scheint ein Teil des Rückgangs der Importe gerade in den Monaten Januar bis März die starke Betroffenheit wichtiger Importländern wie etwa China und Italien zu reflektieren.

    Kaum Veränderungen bei den Nicht-Öl-Exporten

    Im Gegensatz dazu konnten Exporte ohne Öl und Gas ihr Vorjahresniveau nahezu halten. Diese sind CAPMAS zufolge im Zeitraum Januar bis einschließlich April mit einem Minus von 1,8 Prozent auf 8,707 Milliarden US$ kaum gesunken. GOEIC kommt im ersten Quartal 2020 sogar auf ein Plus von 2 Prozent. Danach zählten zu den exportstärksten Waren im ersten Quartal dieses Jahres Baumaterialien (vor allem Zement) mit 1,527 Milliarden US$ sowie chemische Dünger und andere Chemieerzeugnisse mit 1,252 Milliarden US$. Lebensmittel und landwirtschaftliche Erzeugnisse standen bei 1,7 Milliarden US$, während elektrische (Haushalts-)Geräte mit einem Wert von 548 Millionen US$ ausgeführt wurden.

    Einen Rückgang im Vergleich zu 2019 verzeichnen ägyptische Bekleidungsexporte. Diese sanken bereits im Januar und Februar um jeweils 6,6 Prozent und 6,9 Prozent. Infolge des Nachfrageeinsturzes in den Exportmärkten USA und Europa im März und April dürfte sich dieser Trend verschärft haben.

    Von Sherif Rohayem

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