RF_GettyImages_963511100_RZ_1340x754 RF_GettyImages_963511100_RZ_1340x754 | © Ägypten, Kairo | © Getty Images/Tarek Adel / EyeEm

Special | Ägypten | Coronavirus

Corona wirft ägyptische Wirtschaft zurück

Corona dämpft das Wachstum der vergangenen Jahre. Doch gilt eine Rezession nicht als ausgemacht.

Von Sherif Rohayem


  • Covid-19: Allgemeine Situation und Konjunkturentwicklung

    Covid-19: Allgemeine Situation und Konjunkturentwicklung

    Nach über zwei Monaten im Teil-Lockdown gehen Wirtschaft und Gesellschaft langsam die Puste aus. Die Regierung verspricht Öffnungen. (Stand: 20. Mai 2020)

    Trotz Social-Distancing treffen Menschen vielfach zwangsläufig aufeinander: in Supermärkten, in der Metro oder in Minibussen. Die Bewohner von informellen Siedlungen und anderen dicht bevölkerten Wohngegenden können sich in ihrem Alltag nur schwer aus dem Weg gehen. Während der Eid Al-Fitr-Feiertage vom 24.5. bis zum 29.5.2020 hat die Regierung die Einschränkungen noch einmal verschärft. Für die Zeit ab Juni sind aber schrittweise Öffnungen des öffentlichen Lebens beschlossen. Hier ist die Rede von einer Koexistenz mit Corona, bis ein Impfstoff verfügbar ist.

    Mittlerweile steigt die Zahl der täglichen Infektionen mit Corona um einen dreistelligen Betrag. Die Zahl der insgesamt bestätigten Infektionen liegt bei über 13.000 Fällen. Mehr als 600 Menschen sind bislang an Covid-19 gestorben, mehr als 3.000 der Infizierten sind wieder genesen.

    Umzug in die neue Hauptstadt auf 2021 verschoben

    Diese geringen Fallzahlen entfalten erhebliche Wirkungen. So wurden nationale Großprojekte auf nächstes Jahr verschoben - etwa der Umzug der Regierung in die neue Verwaltungshauptstadt, die Eröffnung des Grand Egyptian Museum und die Saudi-Arabisch-Ägyptische Stromverbindung. Wegen der volatilen Lage an den Börsen wird sich auch die ohnehin schon schleppende Privatisierung öffentlicher Unternehmen weiter verzögern.

    Ägypten schrammt an Rezession vorbei

    Die Social-Distancing-Maßnahmen treffen den Einzelhandel doppelt – zum einen durch die verordneten Einschränkungen und zum anderen durch die drohenden Kaufkraftverluste. Aber auch das verarbeitende Gewerbe läuft mit verminderter Kapazität. Gewerbliche Beschäftigte sind zwar zu großen Teilen von der Ausgangssperre befreit, Sicherheitsvorkehrungen und Lieferengpässe bei importierten Rohstoffen und Vorprodukten behindern aber einen reibungslosen Betriebsablauf.

    In einer Umfrage der AHK-MENA vom Mai 2020 geben lediglich 26 Prozent der teilnehmenden Unternehmen an, voll ausgelastet zu sein. Als operative Herausforderungen nennen 42 Prozent der Befragten logistische Schwierigkeiten. Der AHK-Geschäftsführer Jan Nöther in Kairo zeichnet ein verhalten optimistisches Bild, zumindest für den produzierenden Sektor. Demnach „bedarf es der Wiederherstellung von wichtigen Lieferketten, um eine V-förmige Erholung des ägyptischen Produktionssektors zu ermöglichen. Hingegen wird der Dienstleistungssektor ohne staatliche Hilfen eine Insolvenzwelle nur schwerlich vermeiden können. Hiervon besonders betroffen ist der für Ägypten bedeutende Tourismus.“ Die AHK-MENA hat eine Corona-Sonderseite mit aktuellen Fallzahlen, einschlägigen Dekreten und weiteren Verlinkungen zum Thema eingerichtet.

    Auch die Europäische Bank für Entwicklung und Wiederaufbau erwartet eine V-förmige Entwicklung der ägyptischen Wirtschaft. In ihrem Bericht vom Mai 2020 prognostiziert sie für das laufende Jahr ein Wachstum der Wirtschaft von real 0,5 Prozent und rechnet für 2021 mit einem Sprung auf real 5,2 Prozent. Insgesamt trüber ist dagegen die Aussicht des Internationalen Währungsfonds (IWF). Für 2020 rechnet dieser in seinem April-Bericht mit einem Wachstum von real 2,0 Prozent und für 2021 mit einer geringfügigen Erholung auf 2,8 Prozent.

    Rein technisch entgeht Ägypten somit nach beiden Lesarten einer Rezession. Aus zwei Gründen handelt es sich aber um kein positives Ergebnis: Erstens war zunächst ein Wachstum von rund 6 Prozent vorhergesehen und zweitens hätten schon diese 6 Prozent nicht ausgereicht, um in die breite Bevölkerung durchzusickern. Letztere wächst nämlich jährlich um 2 Prozent.

    Devisen fließen ab

    Durch die Corona-Krise sind gleich mehrere wichtige Devisenquellen betroffen. So ist spätestens nach dem Verbot von Charterflügen Mitte März der Tourismus zum Erliegen gekommen. Rund 13 Milliarden US-Dollar (US$) an Devisen brachten ausländische Besucher 2019 nach Ägypten. Der stockende Welthandel drückt zudem die Suezkanal-Einnahmen.

    Sinkende Ölpreise wirken sich zwar positiv auf die ägyptische Importrechnung aus. Diese Einsparungen könnten aber teuer erkauft sein. Denn die meisten ägyptischen Gastarbeiter sind in den Golfstaaten tätig und überweisen von dort aus regelmäßig Geld an ihre Familien. Schwächelt die Wirtschaft auf der arabischen Halbinsel, hat dies auch negative Folgen für Ägypten. Auslandsüberweisungen spülen seit 2017 durchschnittlich 25 Milliarden US$ im Jahr an Devisen ins Land und sorgen gemeinsam mit den Einnahmen aus dem Tourismus für eine ausgewogene Leistungsbilanz.

    Nach Leitzinssenkung verlieren Staatsanleihen an Profitabilität

    Schließlich sinken mit den jüngsten Leitzinssenkungen von 3 Prozent auch die Renditen auf ägyptische Staatsanleihen. Insbesondere werden dadurch Kreditdifferenzgeschäfte (carry trade) unattraktiver -  möglicherweise mit Folgen für die Realwirtschaft. Tragen doch die ausländischen Kredite entscheidend zur Finanzierung der zahlreichen Infrastruktur- und Bauprojekte bei. Insbesondere im März war ein starker Rückgang auf dem Anleihenmarkt zu verzeichnen.

    Dies verschärft das Problem der externen Verschuldung. So konnte die Regierung bisher die fälligen Staatsanleihen mit den Einkünften aus neuen Staatsanleihen bedienen. Trotz dieser Devisenabflüsse hält sich der Außenwert des ägyptischen Pfundes relativ stabil. So stabil, dass einige Kommentatoren Interventionen der Zentralbank und damit eine Überbewertung vermuten.

    Devisenreserven sinken, bieten aber bequemes Polster

    Jüngst hat der IWF Ägypten einen bedingungslosen Notkredit in Höhe von 2,7 Milliarden US$ bereitgestellt und prüft einen weiteren Kredit über 5,5 Milliarden US$. Dieser Kredit wird mit Vorgaben verbunden sein. China bietet logistische Unterstützung und präsentiert sich gegenwärtig als soft-power.

    Im vergangenen April sind die Devisenreserven der ägyptischen Zentralbank erneut geschrumpft und liegen nun bei 37 Milliarden US$. Dennoch bilden sie laut Moody’s ein Polster gegen den laufenden Devisenabfluss. Entsprechend bewertet die Ratingagentur Ägyptens Kreditwürdigkeit mit B2.

    Von Sherif Rohayem

  • Covid-19: Einschränkungen bei Einreise und Bewegung im Land

    Covid-19: Einschränkungen bei Einreise und Bewegung im Land

    Social Distancing verstärkt soziale Unterschiede. Für Ramadan beschloss die Regierung erneute Öffnungen. (Stand: 30. April 2020)


    Seit März ist in Ägypten das öffentliche Leben in großen Teilen zum Stillstand gekommen. Als erstes hat die Regierung Schulen und Universitäten geschlossen, danach den Luftraum für Passagierflüge gesperrt und Versammlungen verboten. Auch Kirchen und Moscheen mussten ihre Türen schließen. Schließlich verhängte Premierminister Madbouly am 25.3.2020 eine nächtliche Ausgangssperre und andere Beschränkungen des öffentlichen Lebens.  

    Auf der Webseite des Auswärtigen Amtes sind Reise- und Sicherheitshinweise für Ägypten abrufbar.

    Regierung lockert Lockdown

    Dieser teilweise Lockdown wurde am 8.3.2020 und zuletzt am 24.3.2020 verlängert. Jedoch brachte jede Verlängerung weitere Lockerungen mit sich. So wurde der Beginn der Ausgangssperre nun auf 21.00 Uhr verschoben. Ursprünglich durften die Menschen bereits ab 19.00 Uhr nicht mehr aus dem Haus. Einzelhandel und Handwerk dürfen zwischen 6.00 Uhr und 17.00 Uhr mittlerweile auch an Wochenenden öffnen. Neu ist auch, dass Speisen in gastronomische Betrieben abgeholt werden dürfen. Zuvor war nur der Lieferdienst erlaubt. Außerdem stellt die Polizei wieder Zulassungen für neue Kfz aus - sehr zur Freude ägyptischer Autohändler, die zuvor einen starken Rückgang der Autoverkäufe beklagt hatten.

    Nach wie vor endet die Ausgangssperre um 6.00 Uhr morgens. Das heißt, dass sich die Menschen innerhalb der Vorgaben immerhin 15 Stunden frei bewegen dürfen. Insbesondere gelten keine Kontaktbeschränkungen. Und so lassen viele Firmen aus Skepsis am Konzept der Telearbeit vereinzelt Beschäftige ins Büro kommen. Ein weiterer Grund, doch ins Büro zu kommen, ist, dass zu Hause nicht genügend Laptops vorhanden sind.

    Dagegen darf auch im Ramadan weder das Freitagsgebet, noch das Taraweeh-Gebet in Moscheen stattfinden. Einzelhändler, einschließlich Shoppingmalls, und Handwerksbetriebe dürfen an Werktagen (also Sonntag bis Donnerstag) nur zwischen 6.00 Uhr und 17.00 Uhr ihre Türen öffnen. Cafés, Kinos, Theater oder Bars müssen komplett schließen, was gerade in einer 24-Stunden-Stadt wie Kairo besonders auffällig ist - ebenso die Schließung von Sportvereinen, öffentlichen Parkanlagen und Stränden.

    Mit Ausnahme vor allem medizinischer Dienste sind viele Bürgerdienste eingestellt, so etwa die Erteilung von Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen.

    Ausnahmen für verarbeitendes Gewerbe und Infrastruktur

    Der öffentliche und private Transport von Personen ist über die gesamte Woche zwischen 20.00 Uhr und 6.00 Uhr ausgesetzt. Das gilt jedoch nicht für den Güterverkehr - ganz gleich ob über Land, Luft oder Wasser. Ebenfalls ausgenommen ist der Transport von gewerblichen Beschäftigten zu ihrer Arbeitsstätte. Entsprechend dürfen auch Produktionsstätten während der Ausgangssperre ihren Betrieb aufrechterhalten. Zeitlich uneingeschränkt ist unter anderem der Betrieb von Baustellen, Häfen, Lagerhäusern, Krankenhäusern, medizinischen Laboren und Großmärkten, sofern sie bestimmte Sicherheitsvorkehrungen einhalten.

    Für Supermärkte, Lebensmittelgeschäfte Apotheken (allesamt außerhalb von Shoppingmalls) und Brotbäckereien gelten keine eingeschränkten Öffnungszeiten. Wichtige Funktionen der Daseinsvorsorge wie Wasser, Strom oder Telekommunikation sowie die darin Beschäftigten sind ebenfalls befreit.

    Öffnungsdiskussion hat bereits begonnen

    Auch wurde zu Beginn des Fastenmonats das Limit für tägliche Bargeldabhebungen heraufgesetzt. Ob die zu Ramadan und zuvor beschlossenen Öffnungen kleine Schritte in Richtung Ausgang aus dem Lockdown markieren, ist schwer zu beurteilen. Denkbar ist auch, dass vor allem die letzten Lockerungen als Entgegenkommen nur für den Fastenmonat gedacht waren. Eine Debatte über den Ausstieg aus dem Lockdown setzte unmittelbar nach der Verhängung der ersten Ausgangssperre ein. So forderte der prominente Unternehmer Naguib Sawiris in einem Fernsehinterview einen raschen Ausstieg, weil die wirtschaftlichen Folgen schlimmer als die des Virus seien. Für eine Ausstiegsstrategie plädierte auch der Bekleidungshersteller Allaa Arafa. In einem Gespräch mit der Journalistin Lamis El-Hadidi vertrat er die Meinung, dass sich die Menschen in ihren beengten Wohnungen viel eher anstecken würden. Deshalb sollten vor allem Risikogruppen isoliert werden. Außerdem würde ein und dieselbe Maßnahme nicht auf jedes Land passen.

    Arbeiter im informellen Sektor trifft Corona am härtesten

    Klar ist, dass gerade die sozialen Kosten der Social-Distancing-Maßnahmen in Ägypten besonders hoch sind. Dies gilt insbesondere für informelle Arbeiter und andere prekär Beschäftigte. Laut der Statistikbehörde CAPMAS arbeiten 46,1 Prozent der insgesamt 25,7 Millionen Erwerbstätigen (also um die 11,9 Millionen) ohne Vertrag - etwa als Bauarbeiter, Straßenverkäufer oder Hilfskräfte in der Gast- und Landwirtschaft. Zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts sind sie auf tägliche Einkünfte angewiesen. Informelle Arbeiter erhalten drei Monate lang je 500 Ägyptische Pfund (EGP), nachdem sie sich beim Arbeitsministerium registrieren lassen. Am 13. April 2020 begann das Ministerium mit der Auszahlung. Zu dem Zeitpunkt waren bereits 1,5 Millionen Menschen registriert.

    Insgesamt ist Social Distancing nicht nur eine Frage des medizinischen Sachverstandes, sondern auch eine des Geldes. Für viele Ägypter grenzt es an Luxus, die Arbeit niederzulegen, um sich vor einer Infektion mit Covid-19 zu schützen - mit entsprechenden Auswirkungen auf die Akzeptanz der Schutzmaßnahmen. Die Weltbank schätzte im April 2019, dass circa 60 Prozent der Ägypter entweder in Armut oder am Rande der Armut leben. Es sind ausgerechnet diese Bevölkerungsteile, die auf engstem Raum zusammenleben.

    Wer außerdem durch Kairo läuft, sieht Bauarbeiter in Flipflops und ohne Helm, die mit schwerem Baumaterial hantieren, ungesichert Dächer streichen oder hoch oben Bäume zurückschneiden. Vor diesem Hintergrund solcher Alltagsrisiken entfaltet die Infektionsgefahr mit Covid-19 und einem eventuell schweren bis tödlichen Verlauf allenfalls ein überschaubares Abschreckungspotenzial.

    Von Sherif Rohayem

  • Covid-19: Maßnahmen der Regierung

    Covid-19: Maßnahmen der Regierung

    Im Kampf gegen Covid-19 pumpt Ägypten Liquidität in den Markt. Mittel der Wahl sind finanzielle Entlastungen. Für Kurzarbeitergeld und Zuschüsse fehlt es an Mitteln. (Stand: 7. Mai 2020)

    Mit Ausnahme der dreimonatigen Zahlung von jeweils 500 ägyptischen Pfund (EGP) an bis dato 2,6 Millionen informelle Arbeiter erhalten ägyptische Arbeitnehmer im Privatsektor kaum eine direkte Krisenhilfe - insbesondere kein Kurzarbeitergeld. Um Betriebe und Beschäftigte zu schützen, setzt die ägyptische Regierung auf Steuerhilfen und vergünstige Kredite.

    100 Milliarden ägyptische Pfund und 3 Prozent weniger Leitzins

    Um die negativen Auswirkungen der Social-Distancing-Maßnahmen auf Wirtschaft und Bevölkerung abzumildern, stellt die Regierung aus dem laufenden Haushalt ein Hilfspaket im Wert von EGP 100 Milliarden bereit. Das sind umgerechnet etwa 6,3 Milliarden US-Dollar (US$) oder 3 Prozent des ägyptischen Bruttoinlandsproduktes (BIP) des letzten Finanzjahres. Zusätzlich hat die ägyptische Zentralbank in einem historischen Schritt Mitte März den Leitzins um 3 Prozent auf nunmehr 9,75 Prozent gesenkt. Diese Senkung hat positive Folgen für die Realwirtschaft, die sich nun günstiger refinanzieren kann. Für die Finanzwirtschaft resultieren negative Folgen, da die gesunkenen Zinsen die Profite von Investoren ägyptischer Staatsanleihen senken.

    Stützungskäufe und Steuerermäßigungen für die Börse

    Immerhin sollen über die ägyptischen Geschäftsbanken EGP 20 Milliarden für Stützungskäufe in die ägyptische Börse fließen. Denn auch dort kam es anlässlich der Ausbreitung des Coronavirus seit März zu einer massiven Kapitalflucht und Kursstürzen. Eine 10-prozentige Kapitalertragsteuer auf Gewinne aus dem Verkauf von Wertpapieren, die an der ägyptischen Börse notiert sind, sollte eigentlich Mitte Mai 2020 in Kraft treten. Deren Einführung wurde aber erneut um zwei Jahre verschoben.

    Ermäßigte Kredite statt Kurzarbeitergeld

    Die Corona-Krise und die Aussetzung von Passagierflügen haben Tourismus und Luftfahrt mit am härtesten getroffen. Vor allem der Tourismus ist Devisenquelle und Jobmotor im Land. Wegen dieser herausragenden Bedeutung für die Wirtschaft hat die ägyptische Zentralbank bereits Ende 2019 eine Initiative zur Stärkung des Sektors im Wert von EGP 50 Milliarden aufgelegt.

    Dieses Geld erhalten Betriebe in Form von ermäßigten Krediten. So geht aus der Mitteilung der ägyptischen Zentralbank vom 23.3.2020 hervor, dass Hotels, Restaurants in touristischen Gegenden, Reiseveranstalter, Transportunternehmen im Tourismus und Fluggesellschaften spezielle Kredite erhalten können. Deren Laufzeit beträgt zwei Jahre, mit einer Tilgungsfrist von sechs Monaten und einem Zinssatz von 8 Prozent. Ende April wurde dieser Zinssatz auf 5 Prozent reduziert. Laut der Mitteilung der Zentralbank dienen die Kredite (ähnlich einem Kurzarbeitergeld) der Lohnfortzahlung von Beschäftigten oder der Finanzierung von Wartungsarbeiten.

    Subventionierte Kredite mit einem Zinssatz von 8 Prozent erhalten auch Käufer von Immobilien für mittlere Einkommensgruppen. Ebenso wurde der Kreis der Berechtigten der Mittelstandsinitiative der Zentralbank vom Dezember 2019 erweitert. Auch hier geht es um Kredite mit einem vergünstigten Zinssatz von 8 Prozent für Unternehmen der Landwirtschaft und dem verarbeitenden Gewerbe mit einem jährlichen Umsatz ab EGP 50 Millionen.

    Steuererleichterungen zur Überbrückung der Krise

    Ebenso wurde die Grundsteuer für Tourismus und industrielle Betriebe für drei Monate gestundet. Zusätzlich dürfen diese Betriebe die vorangegangene Grundsteuer in Sechs-Monats-Raten bis zum September 2020 zahlen. Die Steuer für landwirtschaftliche Nutzflächen wurde auf das Jahr 2022 verschoben.

    Die Egyptian Tax Authority (ETA) erlaubt Unternehmen ausgewählter Branchen, die in diesem Jahr fällige Körperschaftsteuer für 2019 in drei Raten zu zahlen. Danach waren 20 Prozent bis Ende April zu zahlen, 30 Prozent bis Ende Mai und 50 Prozent bis Ende Juni. Bei den Begünstigten handelt es sich um folgende Branchen: Luftfahrt, Tourismus (einschließlich Restaurants und Cafés), Hotels, Medien und Presse, verarbeitendes Gewerbe (insbesondere Export-Unternehmen; jedoch keine Lebensmittelhersteller, Pharmazie oder Reinigungsmittelhersteller), Transportunternehmen, Kfz-Händler, Bauunternehmer und Immobilienentwickler.

    Energiepreise reduziert

    Außerdem kündigte Präsident al-Sisi an, die Sozialprogramme für bedürftige Ägypter "Takaful und Karama" um EGP 27,7 Milliarden aufzustocken und so den Kreis der Berechtigten zu erweitern.

    Verbraucher und Unternehmen dürfen im Zeitraum zwischen März und September die Zahlung ihrer Kreditraten aussetzen. Verzugsgebühren entfallen, allerdings nicht die Zinsen, die während des Moratoriums angefallen sind.

    Für einige Industrien wurden zuvor geforderte Energiepreissenkungen beschlossen. Intensive Nutzer wie etwa die Stahl- und Aluminiumindustrie zahlen nun 10 Piaster (circa 0,00578 Euro) pro Kilowattstunde (kWh) weniger. Für alle anderen wird der gegenwärtige Strompreis für drei bis fünf Jahre eingefroren. Ebenso forderten Industrieunternehmen immer wieder, gesunkene Öl- und Erdgaspreise an die Industrie weiterzugeben. Dem kam die Regierung jetzt auch nach und senkte den Preis für Erdgas von 5,5 US$ pro Millionen British Thermal Unit (mmBtu) auf 4,5 US$ (1mmBtu = 26,4 Kubikmeter).

    Internationale Unterstützung

    Hilfe kommt auch von multilateralen Gebern, vor allem vom Internationalen Währungsfonds (IWF), bei dem die ägyptische Regierung einen Notfallkredit beantragt hat. Eine erste Tranche von 2,8 Milliarden US$ ist bereits beabsichtigt.

    Verstaatlichungen als letztes Mittel spielen angesichts der ohnehin schon zahlreichen öffentlichen Unternehmen eher keine Rolle. Letztere sind in der gegenwärtigen Krise aufgrund ihrer Eigentümerstruktur weniger insolvenzgefährdet als Privatunternehmen.

    Von Sherif Rohayem

  • Covid-19: Auswirkungen auf internationale Lieferketten

    Covid-19: Auswirkungen auf internationale Lieferketten

    Die ägyptische Wirtschaft ist kaum in globale Lieferketten eingebunden. Jedoch ist die Industrie stark von Importen abhängig. (Stand: 25. Mai 2020)

    Ägypten produziert und exportiert hauptsächlich unverarbeitete oder nur wenig verarbeitete Waren. Dabei handelt es sich in erster Linie um petrochemische Produkte, Gold, Gemüse und Früchte. Daneben gibt es aber auch Branchen mit einer höheren Wertschöpfung. Dazu zählen vor allem die Hersteller von Kunstdünger, Kunststoff, Bekleidung, Lebensmitteln und einiger Verbrauchsgüter. Insgesamt ist die ägyptische Industrie jedoch nur zu einem geringen Grad in globale Lieferketten integriert.

    Vielfältige Abhängigkeit von Importen aus China

    Ein Schwachpunkt der verarbeitenden Industrie ist ihre Abhängigkeit von importierten Rohstoffen und Komponenten. Das verarbeitende Gewerbe hatte 2019 einen Anteil von 44 Prozent an sämtlichen ägyptischen Einfuhren. Hauptlieferant ist China. Von den ägyptischen Einfuhren im Wert von 78,6 Milliarden US-Dollar (US$) lag 2019 der chinesische Anteil bei 12 Milliarden US$. So beziehen beispielsweise ägyptische Bekleidungshersteller Garn und Stoffe aus China. Lokale Pharmaunternehmen importieren 40 Prozent der Wirkstoffe ebenfalls aus China.

    Als es Mitte März in China zu Werksschließungen kam, drohten lokalen Monteuren elektrischer Geräte wie Fernseher und Küchengeräte die Komponenten auszugehen. In einer ähnlichen Abhängigkeit von Komponenten aus dem Ausland befinden sich ägyptische Monteure von Pkw. Letztere erzielen inklusive der Arbeitskraft eine lokale Wertschöpfung von gerade mal 45 Prozent. In der Daily News Egypt vom 23.4.2020 erklärt der Vertreter eines Verbandes von Automobilzulieferern, dass Produktionslinien von Pkw-Montagen stillstünden. Diese seien auf Komponenten angewiesen, die wegen Werksschließungen in China nicht erhältlich seien. Dagegen bezögen die Hersteller von Bussen und Kleinbussen ihre Komponenten von lokalen Zulieferern und würden weitestgehend ihre Produktion aufrechterhalten.  

    Weniger Lieferengpässe, nachdem China seine Industrie wieder hochfährt

    Eine Umfrage der American Chamber of Commerce in Egypt im April 2020 ergab, dass 64 Prozent der befragten Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe (ohne Öl und Gas) jeweils moderate Auswirkungen der Corona-Krise zu spüren bekämen. Der Rest dieser Gruppe gab sogar extreme Auswirkungen an. Ein Drittel der Unternehmen in diesem Sektor beklagt Lieferschwierigkeiten. Bei einer Umfrage der AHK-MENA, ebenfalls im April 2020 durchgeführt, geben 17 Prozent der Unternehmen Lieferschwierigkeiten als operative Herausforderung an. Allerdings bezieht sich dieser Wert auf sämtliche Sektoren, also auch auf Dienstleister.

    Mittlerweile haben chinesische Unternehmen ihre Produktion wieder hochgefahren. Folglich hat sich das Angebot an Komponenten und anderen Produktionserfordernissen verbessert. Dies passt auch zu dem Ergebnis einer zweiten Unternehmensumfrage der AHK-MENA vom Mai 2020. Hier geben nur noch 3 Prozent der Unternehmen an, Lieferschwierigkeiten zu haben. Dafür sind nun logistische Probleme stärker in den Vordergrund gerückt - waren es im April noch 26 Prozent der Befragten, sind es im Mai schon 42 Prozent.

    Dazu kommt, dass der Löwenanteil chinesischer Importe keine Komponenten oder Rohstoffe für die Produktion umfasst, sondern vielmehr aus Verbrauchsgütern besteht. Die Rede ist hier von Mobilfunkgeräten und Smartphones. Mit einem Wert von 2,2 Milliarden US$ im Jahr 2019 standen diese Geräte auf Platz eins der chinesischen Einfuhren im Jahr 2019.

    Ägyptens Regierung häuft strategische Weizenreserven an

    Ein grundlegenderes Problem, das die Corona-Krise aufwirft, ist die ägyptische Abhängigkeit von ausländischem Getreide. Als weltweit größter Weizenimporteur machte sich eine gewisse Nervosität breit, nachdem zunächst wichtige Lieferanten wie Russland und Rumänien Exportverbote auf Weizen verhängt hatten. Wenigstens Rumänien hat sich mittlerweile wieder umentschieden. Aktuell will Ägypten durch die General Authority for Supply Commodities (GASC) 800.000 Tonnen importieren. Seit April hat die GASC bereits 240.000 Tonnen Weizen aus dem Ausland eingekauft. Der Regierung geht es darum, während dieser kritischen Zeit genügend strategische Reserven aufzubauen. Dazu kauft sie zusätzlich verstärkt bei einheimischen Landwirten ein. 

    Deutschland importierte 2019 hauptsächlich Rohöl aus Ägypten

    Deutschland importierte im vergangenen Jahr Waren im Wert von circa 1,6 Milliarden US$ aus Ägypten. Davon entfielen mit etwa 788 Millionen US$ knapp die Hälfte auf Rohöl. Die anderen Importe aus Ägypten bewegten sich im zweistelligen Millionenbereich (US$). Das sind vor allem Früchte, Gemüse, Bekleidung und Heimtextilien, Drähte und Kabel, Aluminium sowie Fertigwaren aus Kunststoff. Aus deutscher sind die Gefahren ägyptischer Lieferengpässe überschaubar.

    China als Klumpenrisiko

    Unternehmen auf der ganzen Welt mussten im Zuge der Corona-Krise feststellen, dass sich mit der starken Fixierung auf China ein Klumpenrisiko realisiert hat. Bei der Frage nach der Diversifizierung von Lieferketten kommt vor allem Nordafrika in Betracht. Dabei könnte Ägypten zusätzlich von seinem dichten Netz an Freihandelsabkommen profitieren. Alexander Demissie von der Beraterfirma Africa Rising sieht für Ägypten vor allem Chancen in der Produktion von Generika und Arzneimittel für den afrikanischen Markt, wie die Deutsche Welle zitiert.

    Unabhängig von ausländischen Investitionen hat sich die ägyptische Regierung die stärkere Lokalisierung der Industrie schon vor der Corona-Krise als Ziel gesetzt. Die gegenwärtige Pandemie dürfte für sie ein Ansporn sein, Rahmenbedingungen für eine höhere lokale Wertschöpfung zu schaffen. So sollte nach dem Kurssturz des ägyptischen Pfundes Ende 2016 vor allem die ägyptische Exportwirtschaft zu den großen Gewinnern zählen. Nach wie vor werden aber die Wechselkursvorteile ägyptischer Exporte durch importierte Komponenten und Rohstoffe geschmälert. Wenn eine in Ägypten hergestellte Jeans exportiert wird, mussten Reißverschlüsse oder Knöpfe zuvor aus dem Ausland bezogen werden.

    Von Sherif Rohayem

  • Covid-19: Auswirkungen auf ausgewählte Branchen

    Covid-19: Auswirkungen auf ausgewählte Branchen

    Kaum ein Wirtschaftszweig in Ägypten bleibt von der Corona-Krise verschont. Als Faustregel gilt: Je internationalisierter, desto stärker ist eine Branche betroffen. (Stand: 14. Mai 2020)

    Am deutlichsten zeigen sich die Einbrüche am Beispiel der Luftfahrt und des Tourismus. Beide Branchen sind als Folge der ägyptischen und der internationalen Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 zum Stillstand gekommen.

    Nach Ramadan lokaler Tourismus wieder möglich

    Konnten Reiseveranstalter in vergangenen Krisen noch den einen oder anderen unerschrockenen Urlauber mit Kampfpreisen ans Rote Meer locken, ist es nunmehr zu einem Totalausfall gekommen. Damit das nicht so bleibt, will der ägyptische Staat wenigstens den inländischen Tourismus hochfahren. Für die Zeit nach Ramadan beabsichtigt die Regierung weitere Öffnungen des öffentlichen Lebens. In diesem Zuge sollen ab dem 15. Mai 2020 Hotels wieder ihre Türen für Gäste öffnen dürfen. Dies jedoch zunächst mit einer maximalen Auslastung von 25 Prozent, die ab dem 1. Juni 2020 auf 50 Prozent erhöht wird. Die Einhaltung der Hygienemaßnahmen wird Presseberichten zufolge unter anderem der TÜV Nord kontrollieren. Ebenso sollen inländische Passagierflüge zeitnah wiederaufgenommen werden.  

    Modelabels stornieren Aufträge

    International vernetzt und folglich stark betroffen ist Ägyptens Bekleidungs- und Heimtextilindustrie. 50 Prozent ihrer Vorprodukte (vor allem Garne) importiert die Industrie aus China. Stärker wiegt allerdings der Einbruch der Nachfrage in Hauptexportmärkten wie den USA und Europa. Zahlreiche Modelabels wie Levi's, VF, Decathlon, United Colors of Benetton, Zara, Pull&Bear, Massimo Dutti, Bershka und Stradivarius haben im Zuge der Corona-Krise ihre ägyptischen Aufträge storniert. In der Folge verzeichnet die Branche einen Rückgang ihrer Exporte um 80 Prozent. Eine Produktionsumstellung etwa auf Gesichtsmasken und andere medizinische Schutzbekleidung hat noch nicht stattgefunden.

    Sinkende Energiepreise noch nicht bei Produzenten angekommen

    Ein weiterer wichtiger Exportsektor ist die Düngemittelproduktion. Hier sieht der Leiter des Chemieanlagenbau-Geschäfts von thyssenkrupp in Ägypten Gegenwind aus zwei Richtungen. Noch würde die Industrie nicht von den gesunkenen Weltmarktpreisen für Erdgas profitieren, so Thore Lohmann. Dies liege daran, dass Erdgas auf Basis langfristiger Lieferverträge bezogen werde. Solche Verträge reagierten nicht sofort auf kurzfristige Schwankungen und Einbrüche. Gleichzeitig sei die Nachfrage für Düngemittel vorübergehend gesunken. Diese Einschätzung belegen auch die Zahlen des ägyptischen Statistikamtes (CAPMAS). Sie melden bei den ägyptischen Ausfuhren für Düngemittel im Februar 2020 einen Rückgang um 20 Prozent.

    Über hohe Erdgaspreise klagen nicht nur Düngemittelhersteller, sondern auch Kunststoffproduzenten und Hersteller von Baumaterialien (Stahl, Zement, Aluminium und Glas). Zwar hat die ägyptische Regierung unlängst die Erdgaspreise für industrielle Verbraucher von 5,5 US-Dollar (US$) pro Million British Thermal Unit (MMBtu) auf 4,5 US$ gesenkt. Unter Berufung auf den Weltmarktpreis, der bei ungefähr 2 US$ pro MMBtu liegt, verlangen Vertreter von Industrieverbänden weitere Nachlässe. Andernfalls sei ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit gefährdet.

    Anzahl neuer Projekte in Bau und Infrastruktur mehr als halbiert

    Im Projektgeschäft erfahren Finanzierungsfragen neue Dringlichkeit. So dürfte das Schicksal einiger petrochemischer Projekte ungewiss sein - auch das vom Tahrir Petrochemical Complex. Bei dem 10 Milliarden US$-Projekt steht die Finanzierung unter großen Vorbehalten. Die Firma Eyegrow hat laut einem Bericht der Zeitung Amwal Al-Ghad vom 7. Mai 2020 Pläne für den Bau von zwei Düngemittelanlagen in Assuan und Sadat City mit einer Investitionssumme von insgesamt 1,2 Milliarden US$ einstweilen aufgeschoben. Thore Lohmann von thyssenkrupp in Ägypten unterscheidet hier: „Wir sehen, dass größere Projekte zum Teil aufgeschoben werden, während kleinere, also solche im zwei- bis dreistelligen Millionen-Bereich (US$), zumeist umgesetzt werden.“ 

    Laut dem Projektinformationsdienst MEED erreichte im April 2020 der Auftragswert neuer Bau- und Infrastrukturprojekte insgesamt etwa 900 Millionen US$. Dieser Wert war ein Jahr zuvor mit 2,2 Milliarden US$ mehr als doppelt so hoch.

    Unter Druck steht auch die Finanzierung staatlicher Bau- und Infrastrukturprojekte. Momentan brechen der Regierung nämlich von mehreren Seiten die Einnahmen weg. Doch auch die Corona-Krise ändert grundsätzlich nichts am Bedarf an neuen Wohnungen, Krankenhäusern, Straßen, Schienen, Wasserentsalzungsanlagen und anderen Einrichtungen der Daseinsvorsorge. Die Regierung wird daher vorerst Prioritäten setzen müssen. Mittelfristig wird es auch darum gehen, mehr private Finanzierung zu bemühen - dies im Wege öffentlich-privater Partnerschaften oder Build-Operate-Transfer-Verträgen. 

    Arbeiten in der neuen Verwaltungshauptstadt werden fortgesetzt

    Eigentlich wollte die Regierung diesen Sommer in die neue Verwaltungshauptstadt umziehen. Diesen Termin hat sie nun auf 2021 verschoben. Möglicherweise liegt das daran, dass die pünktliche Fertigstellung nicht gelingt. Wahrscheinlicher ist aber, dass ein Umzug ohne Einweihungsfeier stattfinden müsste und schlechte beziehungsweise keine schönen Bilder produzieren würde. Immer wieder ist zu hören, dass trotz der Ausbreitung des Coronavirus die Bauarbeiten nicht zum Erliegen gekommen sind. So zitiert etwa die Tageszeitung Daily News Egypt den Geschäftsführer von Better Home, dass das Wohnviertel Midtown wie geplant bis Ende 2020 fertiggestellt werde.

    Auch außerhalb der neuen Verwaltungshauptstadt gehen die Arbeiten an wichtigen nationalen Projekten wie etwa die Renovierung des Tahrir-Platzes weiter. Insgesamt genießt der Bausektor eine hohe Priorität. Anfang April betonte der Premierminister, wie wichtig es sei, dass Bauunternehmer ihre Arbeiten fortsetzen würden. Wegen der Hygienemaßnahmen auf Baustellen und den Schichtsystemen gelingt dies aber nur mit verminderter Kapazität.

    Von Sherif Rohayem

  • Coronavirus und Recht

    Coronavirus und Recht

    Die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus betrifft Staaten weltweit. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie sind enorm. Auch rechtliche Fragen stehen im Fokus.

    Die durch die Covid-19-Pandemie von allen betroffenen Ländern veranlassten Beschränkungen belasten Unternehmen stark. Dies gilt in hohem Maße für Vertragsbeziehungen zwischen deutschen Unternehmen und ihren ägyptischen Geschäftspartnern, zunehmend aber auch für drohende Insolvenzen. Was tun, wenn Verträge nicht mehr wie vereinbart erfüllt werden können? Liegt bei der Pandemie ein Fall „höherer Gewalt" vor? Und wo können Insolvenzforderungen angemeldet werden und innerhalb welcher Frist?

    Was regelt der Vertrag?

    Spätestens wenn Probleme entstehen ist es sehr wichtig zu ermitteln, nach welchem Recht die Verträge beurteilt werden, die Sie mit Geschäftspartnern aus einem anderen Land geschlossen haben.

    Wichtigster Grundsatz hierbei: als Erstes sollten Sie den betroffenen Vertrag gründlich studieren. Häufig wird eine Rechtswahlklausel enthalten sein. Und in den allermeisten Fällen wird diese Rechtswahl von den relevanten Rechtsordnungen und Gerichten auch akzeptiert werden. Übrigens: Falls es keine Rechtswahlklausel gibt, kann eine solche in aller Regel nachträglich ergänzt werden.

    Bitte achten Sie auf eine Besonderheit für Kaufverträge: Wenn in einem Kaufvertrag mit einem ausländischen Vertragspartner die Geltung des deutschen Rechts vereinbart ist, gilt nicht deutsches Recht, sondern UN Kaufrecht (United Nations Convention on Contracts for the International Sale of Goods - "CISG"). Der Grund hierfür ist, dass deutsches Kaufrecht für internationale Kaufverträge auf das UN Kaufrecht verweist. Das Kaufrecht des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuchs gilt nur dann, wenn ausdrücklich deutsches Recht unter Ausschluss des UN Kaufrechts vereinbart ist.

    Aber was passiert, wenn keine Rechtswahlklausel vereinbart ist? Wenn ein innereuropäischer Sachverhalt vorliegt, spricht sehr viel dafür, dass die sogenannte Rom-I-Verordnung das anwendbare Recht bestimmt  (weitere Informationen hierzu unter „Covid-19 und B2B-Verträge: Welches Recht gilt für meinen Vertrag?

    Verträge mit Geschäftspartnern außerhalb der Europäischen Union

    Zunächst: die Regelungen der Rom-I-Verordnung können durchaus auch dann anwendbar sein, wenn Ihr Vertragspartner aus dem Nicht-EU-Ausland kommt. Das gilt insbesondere dann, wenn im Streitfall ein deutsches Gericht entscheiden würde. Denn es gilt der Grundsatz, dass jedes Gericht immer sein eigenes internationales Privatrecht anwendet. Und das deutsche internationale Privatrecht verweist ausdrücklich auf die Rom-I-Verordnung.

    Würde denn ein deutsches Gericht entscheiden? Die Frage, welches Gericht im Streitfall entscheiden würde, ist recht kompliziert zu beantworten. Allerdings: genau wie bei dem anwendbaren Recht haben Parteien - jedenfalls bei B2B-Verträgen - auch hinsichtlich des Gerichtsstands eine relativ weitgehende Freiheit zu vereinbaren, welches Gericht eventuelle Rechtsstreitigkeiten entscheiden soll. Auch hier sollte also zunächst der Vertrag studiert werden.

    Deutlich schwieriger wird die Situation, wenn ein Gericht aus dem Nicht-EU-Ausland im Streitfall entscheiden müsste. Es würde hierzu, dem oben erwähnten Grundsatz folgend, wohl die Regelungen seines eigenen internationalen Privatrechts anwenden - und diese können unter Umständen von den oben beschriebenen europäischen Regelungen abweichen. Eine - auch nur ansatzweise - Darstellung würde den Rahmen dieser Publikation leider sprengen.

    Was gibt es generell zu beachten?

    Zum Schluss noch einige kurze Hinweise, die fast immer relevant sind, gleich welche vertragliche oder gesetzliche Regelung zur höheren Gewalt (force majeure) gilt: zum einen Ihre Pflicht zur Minderung des Schadens wo immer dies möglich ist. Zum anderen, und eng damit zusammenhängend, die Pflicht zur möglichst zeitnahen Mitteilung, wenn sich ein Problem bei der Erfüllung abzeichnet. Und schließlich sollten Sie daran denken, dass Sie darlegungs- und beweispflichtig für die Voraussetzungen der höheren Gewalt sind, auf die Sie sich berufen. Daher dokumentieren Sie nach Möglichkeit alles, was zu den Schwierigkeiten geführt hat - es mag sich als äußerst nützlich erweisen.

    Was tun bei Insolvenz des ausländischen Geschäftspartners?

    Es wird zunehmend zur traurigen Gewissheit, dass es in Folge der durch die Covid-19-Pandemie ausgelösten Rezession zu einer weltweiten Pleitewelle kommen wird. Doch wie erfahren Sie, ob Ihr Geschäftspartner zahlungsunfähig ist?  Welche Auswirkungen hat die Insolvenz auf den Vertrag? Wo und innerhalb welcher Frist können Forderungen angemeldet werden? Fragen, auf die wir im nachstehenden Länderbericht Antworten geben.

    Nationales Recht: Covid-19 als „höhere Gewalt“/Insolvenzrecht

    Nichterfüllung von Verträgen nach ägyptischem Recht

    Insolvenzen nach ägyptischem Recht

  • Covid-19: Außenhandel - Logistik - Zoll

    Covid-19: Außenhandel - Logistik - Zoll

    Um die Ausbreitung des Corona-Virus zu verhindern, schränkt Ägypten in erster Linie den Personentransport ein. Exportverbote betreffen nur wenige Waren. (Stand: 9. Juni 2020)

    Nachdem die Exporte von medizinischen Masken, Handschuhen und Desinfektionsmitteln seit Februar sprunghaft angestiegen sind, verfügte das ägyptische Ministerium für Handel und Industrie am 17.3.2020 ein Ausfuhrverbot. Dieses endet jedoch am 16.6.2020. Ende März beschloss das Handelsministerium ein dreimonatiges Exportverbot von Gemüse. Davon ausgeschlossen sind Erbsen, grüne Bohnen und Erdnüsse.

    Ausgangssperre gilt nicht für gewerblichen Transport

    Mit Dekret vom 19.5.2020 hat Ägyptens Premierminister abermals eine nächtliche Ausgangssperre und andere Lockdown-Maßnahmen verhängt. Das Dekret ist am 30.5.2020 in Kraft getreten und gilt für die Dauer von 15 Tagen. Es verordnet in der Zeit von 20.00 Uhr abends bis 6.00 Uhr morgens eine Ausgangssperre, während der sich grundsätzlich niemand auf öffentlichen Straßen und Wegen aufhalten und bewegen darf.

     Befreit von dieser Ausgangssperre sind, unabhängig vom Verkehrsmittel, die folgenden Transporte:

    • Transport von Öl und ähnlichen Substanzen
    • In- und ausländischer Güterverkehr
    • Transport von Produktionsbedarf
    • Notfalltransporte und Geldtransporte für Geldautomaten
    • Transport von Lager- und gewerblichen Arbeitern sowie von Bank- und Unternehmensangestellten

    Unter der Voraussetzung, dass Hygienemaßnahmen eingehalten werden, sind unter anderem folgende Dienste und deren Beschäftigte von der Ausgangssperre befreit:

    • Zolllager, Zollabfertigungsdienste
    • Häfen
    • Lagerhallen
    • e-Commerce-Dienstleister und deren Lagerhallen
    • Großmärkte (nur zur Entgegennahme von Waren und ohne Publikumsverkehr)
    • Lieferdienste für Lebensmittel, Getränke und Waren (elektronische oder sonstige) an Kunden

    Seit dem 19.3.2020 hat die ägyptische Regierung den internationalen Verkehr für Passagierflüge ausgesetzt. Dagegen sind Frachtflüge ohne Einschränkungen zugelassen. Ebenso ist während der Zeit der nächtlichen Ausgangssperre der gesamte öffentliche und private Personenverkehr grundsätzlich nicht erlaubt.

    Verzögerungen an ägyptischen Häfen aufgrund von Hygienemaßnahmen

    Der Straßengüterverkehr innerhalb Ägyptens ist wegen der weitreichenden Befreiungen von der Ausgangssperre vergleichsweise wenig betroffen. Kritischer ist die Lage mit Blick auf den grenzüberschreitenden Straßentransport. Bei der Überfahrt nach Saudi-Arabien unterliegen ägyptische Lkw speziellen Restriktionen. Libyen und Jordanien haben ihre Grenzen geschlossen. Immerhin erlaubt Jordanien seit Anfang Mai wieder die Einfuhr von Lebensmitteln aus Ägypten.

    Für die Seefracht stuft die Firma agility die Kapazitäten in Ägypten insgesamt als erheblich beschränkt ein. Lediglich bei Transporten in Richtung des amerikanischen Kontinents seien die Kapazitäts-Engpässe weniger gravierend. Für alle anderen Zielregionen sei die maritime Infrastruktur durch mangelnde Verfügbarkeit von Containern und Ausrüstung stark eingeschränkt, so der Logistikdienstleister. Insgesamt kommt es an ägyptischen Häfen vor allem durch die coronabedingten Infektionsschutzmaßnahmen zu Verzögerungen. Ankommende Schiffe müssen desinfiziert und gereinigt werden. Das wiegt vor allem beim Hafen von Alexandria schwer, wo rund 60 Prozent des ägyptischen Welthandels abgewickelt wird.

    Weniger Schwierigkeiten begegnet die Luftfracht. Um hier Kapazitäten aufzustocken, haben Fluggesellschaften Passagierflugzeuge für den Warentransport umgebaut.

    Nicht-Öl-Importe gehen stark zurück

    Laut der nationalen Statistikbehörde CAPMAS ist der ägyptische Außenhandel, ohne Öl und Gas, in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres von 32,7 Milliarden US-Dollar (US$) gegenüber 2019 um 16 Prozent auf 27,5 Milliarden US$ gesunken. Zurückzuführen ist dies vor allem auf gesunkene Einfuhren. Standen diese in den ersten vier Monaten in 2019 bei 23,8 Milliarden US$, fielen sie im Vergleichszeitraum 2020 um 21,2 Prozent auf 18,8 Milliarden US$. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Nahrungsmittelimporte. Diese beliefen sich in den ersten vier Monaten von 2019 noch auf 4,8 Milliarden US$, sanken aber im Vergleichszeitraum 2020 um 22,6 Prozent auf 3,7 Milliarden US$. Zahlen der General Organization for Export and Import Control (GOEIC), die allerdings nur das erste Quartal 2020 abbilden, zeigen, welche Importe am stärksten zurückgegangen sind.

    Entwicklung ägyptischer Nicht-Öl-Importe im 1. Quartal 2019 und 2020 in Millionen US$ (Auswahl)
    Quelle: GOEIC

    Ware

    2019

    2020

    Veränderung in %

    Chemische Dünger und andere chemische Erzeugnisse

    2.904

    1.984

    -32

    Baumaterialien

    2.844

    1.879

    -34

    Medizinische Ausrüstung

    951

    639

    -33

    Bekleidung

    145

    103

    -29

    Möbel

    369

    239

    -35

    Der Rückgang bei den Nahrungsmitteln ist eine Folge davon, dass wichtige Weizenlieferanten wie Russland Exportverbote verhängt haben. Ähnliches gilt für medizinische Ausrüstung. Auch hier haben viele Staaten Exportverbote verhängt, um ihren eigenen Bedarf, insbesondere an Schutzkleidung, zu decken. Die gesunkenen Düngemitteleinfuhren dürften mit einer gestiegenen lokalen Produktion zusammenhängen. Insgesamt scheint ein Teil des Rückgangs der Importe gerade in den Monaten Januar bis März die starke Betroffenheit wichtiger Importländern wie etwa China und Italien zu reflektieren.

    Kaum Veränderungen bei den Nicht-Öl-Exporten

    Im Gegensatz dazu konnten Exporte ohne Öl und Gas ihr Vorjahresniveau nahezu halten. Diese sind CAPMAS zufolge im Zeitraum Januar bis einschließlich April mit einem Minus von 1,8 Prozent auf 8,707 Milliarden US$ kaum gesunken. GOEIC kommt im ersten Quartal 2020 sogar auf ein Plus von 2 Prozent. Danach zählten zu den exportstärksten Waren im ersten Quartal dieses Jahres Baumaterialien (vor allem Zement) mit 1,527 Milliarden US$ sowie chemische Dünger und andere Chemieerzeugnisse mit 1,252 Milliarden US$. Lebensmittel und landwirtschaftliche Erzeugnisse standen bei 1,7 Milliarden US$, während elektrische (Haushalts-)Geräte mit einem Wert von 548 Millionen US$ ausgeführt wurden.

    Einen Rückgang im Vergleich zu 2019 verzeichnen ägyptische Bekleidungsexporte. Diese sanken bereits im Januar und Februar um jeweils 6,6 Prozent und 6,9 Prozent. Infolge des Nachfrageeinsturzes in den Exportmärkten USA und Europa im März und April dürfte sich dieser Trend verschärft haben.

    Von Sherif Rohayem

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