Special Italien

Mehr Kapital für Italiens unterversorgte Start-ups

Italien bietet Start-ups interessante Rahmenbedingungen. Doch nach wie vor fehlt Kapital. Abhilfe verspricht ein Milliardenfonds der Regierung. Das Start-up-Ökosystem im Überblick.

Eingeschränkter Innovationsgedanke als Bremsfaktor

Unternehmergeist und Kreativität sind in Italien sehr ausgeprägt. Gleichzeitig herrscht jedoch wenig echtes Verständnis für Innovation. Letztere wird fast ausschließlich auf mehr Umsatz im eigenen Betrieb bezogen und kaum in einem breiteren und strategischen Zusammenhang gesehen. In der traditionsgeprägten Kultur, den kleinen und mittelständischen Familienbetrieben und im Umfeld chronischer politischer Instabilität ist man gegenüber allzu neuartigen Ideen meist vorsichtig.  

Schnelle Gründung und günstige Kredite

In Italien genießen Start-ups eine umfangreiche Förderung. Basis ist das Start-up-Gesetz von 2012, das eine Reihe zusätzlicher Anreize bietet. Eine Gründung ist online, ohne Notar möglich. Bei Arbeitsrecht und Corporate Management-Vorgaben gelten flexiblere Regeln. Als eines der ersten Länder weltweit schuf Italien Regeln für Equity Crowdfunding, wodurch Start-ups über zertifizierte Webportale unbürokratisch und schnell Anteile anbieten können.

Über das Smart&Start-Programm der Regierung haben Start-ups Zugang zu zinslosen Darlehen für 70 Prozent ihrer Ausgaben in Höhe von 700.000 bis zu 1,5 Millionen Euro. Bis zu 80 Prozent Darlehen gibt es, wenn die Gründer Frauen und/oder jünger als 35 Jahre sind. Für Investitionen im Süden müssen nur 80 Prozent des Darlehens zurückgezahlt werden. Hinzu kommen weitere Anreize wie Steuerabzüge für Investitionen in Start-ups.

Nationaler Innovationsfonds sorgt für positive Stimmung

Im Jahr 2019 legte die Regierung den Nationalen Innovationfonds auf, der von der staatlichen Entwicklungsbank Cassa Depositi e Prestiti (CDP) gemanagt wird und mit 1 Milliarde Euro gefüllt ist. Ziel sind direkte und indirekte Beteiligungen an innovativen kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) sowie an Start-ups, die in strategischen Sektoren wie Deep Tech, künstliche Intelligenz (artificial intelligence, AI), Blockchain, New Materials, Space, Healthcare, EcoIndustries, AgriTech/Foodtech, Mobility, Fintech, Design/Made in Italy und Social Impact aktiv sind. Gemeinsam mit dem Europäischen Investitionsfonds legte die CDP bereits die Plattform ItaTECH für Innovation und Forschung auf, sowie den 40 Millionen Euro schweren Progress Tech Transfer Fund.

Italien besitzt hervorragende öffentliche und private technische Universitäten und Business-Schulen. Die technischen Hochschulen Politecnico Mailand und Politecnico Turin sowie die private Managementakademie Bocconi in Mailand zählen zu den besten Adressen Europas. Im aktuellen QS World University Ranking 2019 lag das Politecnico Milano auf Rang 16 und das Politecnico Turin auf Rang 41 unter den technischen Hochschulen. Bei den Business Schools rangierte Bocconi 2019 weltweit auf Rang 16. Alle drei Schulen sind äußerst aktive Start-up-Förderer.

Inkubatoren in Mailand und Turin Weltspitze

Anfang 2019 waren in Italien laut Politecnico Turin insgesamt 171 Inkubatoren, Accelleratoren und Coworking-Spaces mit Mentoring/Coaching-Angeboten aktiv: 60 Prozent der Zentren befinden sich im Norden des Landes, 64 Prozent sind privat, 14 Prozent öffentlich, 21 Prozent gemischt. Wichtigste Akteure sind die Universitäten. Der Inkubator I3P des Politecnico Turin wurde Anfang November 2019 auf dem World Incubation Summit zum besten öffentlichen Inkubator der Welt gekürt und der Polihub des Politecnico Mailand zu einem der fünf besten universitären Inkubatoren. An 19 Universitäten hat das Forschungsministerium Contamination Labs (CLabs) eingerichtet. Als weitere wichtige Hubs nennen Experten die Inkubatoren Nana Bianca in Florenz, B4i an der Mailänder Bocconi-Hochschule, den in mehreren Städten aktiven Inkubator Digital Magics, Inkubator/Innovation School H-Farm, den Accelerator Lventure, die Plattform Slashers, das Mentorship Programm B Heroes sowie den Start-up-Verband StartupItalia.

Engpass Risikokapital

Hauptengpass ist laut Branchenkennern die Finanzierung. “Italien ist ein guter Ort, um etwas anzustoßen und eine Idee zu beweisen, aber dann gibt es nicht genug Funding und Exit Possibilities,” sagt Andrea Severino, Gründer der Liefstyle-App Healthy Virtuoso. Start-ups finanzierten sich 2019 laut Politecnico Mailand zu rund 36 Prozent aus Eigenmitteln, über Familie und Freunde, Inkubatoren, Crowdfunding oder andere „informelle“ Quellen wie Business Angels, also ohne Einbeziehung professioneller Venture Capital Fonds. Das liegt unter anderem an den Steuerabzügen, die bislang nur für natürliche Personen interessant sind und gelten.

Gemäß der Studie „Innovazione Digiale 2020“ des Politecnico Mailand vom Dezember 2019 stiegen die Investitionen 2019 gegenüber dem Vorjahr um 32 Prozent auf rund 248 Millionen Euro. Laut Unioncamere beteiligten sich 2018 insgesamt 36.760 private Personen (Family & Friends) an insgesamt 71 Prozent der Start-ups. Laut Branchenkennern organisieren sich bislang vereinzelt agierende Business Angels mehr und mehr in gemeinsamen Investment-Aktionen.

Der Kapitalengpass besteht besonders beim Scale-Up, also Investitionen über 1 Millionen Euro in der Wachstumsphase. Dort liegt Italien abgeschlagen hinter vielen anderen europäischen Ländern. Das ergab die Studie Tech Scale Up Italy 2018 des Informationsdienstes Bridge the Gap. Mit 178 Scale-ups im Wert von 1,3 Milliarden Euro seit 2015 erreichte Italien nur ein Neuntel der Unternehmenszahl und ein Zwanzigstel des Kapitals des Vereinigten Königreichs. Weniger als die Hälfte des Venture Capital in italienische Scale-Ups kommt aus Italien. 20 Prozent kommen aus den USA, 11 Prozent aus dem Vereinigten Königreich.

Venture Capital Fonds legen zu

Der Zugang zu mehr Kapital aus systematischen und strukturierten Quellen, die bisher 31 Prozent der Start-up-Investitionen ausmachen, scheint sich aber zu verbessern. Neben den staatlichen Fonds werden auch die privaten aktiver. Im Verband der Private Equity und Venture Capital Fonds (AIFI) haben sich größere Fonds und Finanzmarktakteure organisiert, unter anderem der wichtige Venture Capital Fund P101 SGR aus Mailand. Dazu kommt eine überschaubare, aber wachsende Zahl weiterer Fonds. Im Jahr 2019 kamen aus privaten Quellen 215 Millionen Euro, 12 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch im Ausland werden mehr private Fonds auf Italien aufmerksam. Aus dem Ausland kamen 2019 rund 215 Millionen Euro, 8 Prozent mehr als 2018 und rund 33 Prozent der gesamten Start-up-Investitionen.


Corporate Venture Capital (CVC), Eigenkapital von nicht im Finanzbereich tätigen Firmen, das in Start-up-Unternehmen investiert wird, ist laut Experten noch in einem frühen Stadium. Das Politecnico gibt für 2016 einen CVC-Investitionswert von rund 60 Millionen Euro an, mit wenigen großen Operationen. Laut dem lombardischen Wirtschaftsverband Assolombarda kamen 65 Prozent der CVC-Investitionen aus dem Dienstleistungssektor, davon waren 20 Prozent Finanzdienstleister, und 17 Prozent aus der Industrie. Fokus ist die Entwicklung von Software und IT. CVC floss 2019 in rund 25 Prozent der italienischen Start-ups, nach Anzahl der einzelnen Beteiligungen 88,3 Prozent mehr als im Vorjahr. CVC geht vorwiegend an größere Start-ups. Rund 68 Prozent des CVC kamen aus Norditalien.

Insgesamt erhielten Italiens Start-ups in den ersten neun Monaten 2019 laut Informationsdienst Dealroom rund 537 Mio. Euro an Venture Capital und rückten damit zumindest auf den 10. Platz in Europa, nach wie vor mit großem Abstand zum Vereinigten Königreich, Deutschland und Frankreich, und auch noch hinter Finnland und Irland. Das Politecnico Mailand schätzt die Investitionen für das Gesamtjahr 2019 auf rund 694 Millionen Euro, etwa 100 Millionen Euro mehr als im Vorjahr.

Text:Oliver Döhne

Start-up-Statistiken

Ende September 2019 waren in Italien offiziell 10.610 Start-ups aktiv, 184 mehr als im 2. Quartal 2019. Davon waren 55,4 Prozent im Norden ansässig, besonders in der Lombardei (26 Prozent), der Emilia Romagna und Veneto (beide 8,7 Prozent). Wichtigste Regionen in anderen Landesteilen sind Lazio (10,9 Prozent), Kampanien (8 Prozent) und Sizilien (4,8 Prozent). Die größte Dichte an Start-ups (bezogen auf die Anzahl aller neuen Firmen) besitzen die Provinzen Trient und Triest.

Eckdaten Start-ups in Italien (Stand: 1. Oktober 2019)

Indikator

Wert

Anzahl Start-ups

10.610

Durchschnittsanzahl Gründer

4,6

Gesamtzahl Angestellte

14.854

Gesellschaftskapital (in Millionen Euro)

545,5

Frauengeführt (in Prozent)

13,5

Mehrheit der Gründer unter 35 Jahre (in Prozent)

19,5

Quelle: Unioncamere/Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung


Laut Branchenkennern sind die offiziellen Zahlen zu hoch, was an der vergleichsweise lockeren Definition von Start-ups liegt. Realistischer sei es anzunehmen, dass seit 2012 pro Jahr etwa 200 echte und finanzierte Start-ups entstehen, womit die Zahl der Start-ups nicht bei über 10.000, sondern eher bei 1.200 läge.

Skalierbare italienische Start-ups sind laut der Studie „Tech Scaleup Italy 2018“ von Bridge the Gap jünger als der europäische Durchschnitt. Während in Europa rund 35 Prozent der Scale-Ups vor 2010 gegründet wurden, waren es in Italien nur 20 Prozent. Rund 67 Prozent entstanden zwischen 2010 und 2014. Zudem zeigte die Studie, dass der Zeitraum zwischen Gründung und letzter Finanzierungsrunde in Italien relativ lang ist, da italienische Start-ups offenbar länger brauchen, um an signifikante Finanzierungen in der Wachstumsphase zu kommen. Für die kommenden Jahre rechnet Mind the Bridge wegen dieses Verzögerungsfaktors damit, dass sich mehr Start-ups- in Scale-Ups entwickeln.

Mailand unter den TOP 15 der europäischen Start-up-Hubs

Start-up-Epizentrum ist Mailand, wo im 3. Quartal 2019 offiziell 1.955 Start-ups registriert waren. Mit dem “Polihub” besitzt Mailand einen Top-Inkubator, an den zudem der Fonds Poli360 angeschlossen ist. Mit 53 Deals und 240 Millionen Euro Investitionen zwischen Januar und September 2019 stieg Mailand im Ranking von Europas wichtigsten Start-up-Hubs des Informationsdienstes Dealroom auf Rang 15. Mit 240 “uniquely funded” Start-ups seit 2015 liegt Mailand hinter München auf Rang 12. Mit dem Fonds P101 kam 2018 ein wichtiger Player in Mailand hinzu.

Hinter Mailand folgt Rom, mit 1.044 Startups, 2016 waren es lediglich 572 gewesen. Vorteilhaft in Rom ist laut Experten die Dichte aus Universitäten, Wissenschaftszentren, Forschungsinstituten wie CNR, Enea und Infn, 24 Inkubatoren/Acccelaratoren/Startup-Studios sowie 5 Tech Transfer Zentren. Die Fonds Lazio Venture und Innova Venture steuern das Kapital bei. Auf den weiteren Plätzen folgen, mit enormem Abstand zu Mailand und Rom: Neapel, Turin, Bologna, Padua und Bari. Zu den relevantesten Events gehört der an unterschiedlichen Standorten ausgetragene „Startup italia Open Summit“ des Start-up-Verbandes StartupItalia.

Food und Fintechs

Italiens Start-ups sind in diversen Bereichen aktiv. Laut Politecnico Mailand sind 78,5 Prozent digital, 19,8 Prozent dem Bereich Life Sciences und Biotech zuzuordnen und 1,7 Prozent im Cleantech-Sektor aktiv. Viele Startups sind dabei moderne Fortsetzungen traditioneller italienischer Branchen wie Foodtech, Winetech, Fashion und Advanced Fashion, Insurtech, Digital Tourism sowie laut StartupItalia mehr und mehr aus dem Bereich Life Sciences. Bei den Scale-Ups gehören 19 Prozent dem E-Commerce an, 10 Prozent sind Fintechs und 9 Prozent Digital Media Start-ups.


Tätigkeitsbereich der italienischen Start-ups

Tätigkeitsbereich der Start-ups

Anzahl

.Unternehmensdienstleistungen

7.770

..Software und Informationstechnologie

3.739

..Wissenschaftliche Forschung und Entwicklung

1.449

..Informationsdienstleistungen

984

.Verarbeitende Industrie

1.893

..Maschinen- und Anlagenbau

339

..Elektrotechnik/Elektronik

298

.Handel

371

.Bau

99

.Landwirtschaft

76

.Tourismus

57

.Transport/Speditionen

29

.Versicherungen/Kredite

22

Quelle: Unioncamere/Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung (Stand: 1.10.19)


Noch kein italienisches Einhorn

Italien hat bisher kein Einhorn (Unicorn) hervorgebracht, das in kurzer Zeit einen Unternehmenswert von 1 Milliarde Dollar erreichte. Die erwähnenswerteste Kapitalspritze erhielt die 2015 gegründete Online-Autoversicherungsagentur Prima.it, die nach einer Gründung aus Eigenmitteln und einem schnellen Kundenwachstum 100 Millionen Euro von Goldmann Sachs und Blackrock erhielt. Prima.it arbeitet unter anderem mit der Munich Re zusammen. Als weitere italienische Success Stories nennt StartupItalia das Biotech-Startup Genenta Science, den Online Finanzberater Moneyfarm sowie Greenrail (nachhaltiges Bahnbauequipment), Sfera Agricola (pestizidfreie, wassersparende Gewächshäuser), Uala (Vergleichsplattform für Friseure und Schönheitssalons).

Zu den Start-ups mit den höchsten Finanzierungen in Italien gehörten 2019 Casavo, ein Entwickler von Automated Valutation Models für Immobilien, die Gebrauchtwagenplattform Brumbrum und der New Materials-Hersteller BE Dimensional. Einen erfolgreichen Exit absolvierten in letzter Zeit unter anderem die Artificial Intelligence (IA) basierte Video Advertising Plattform Viralize, die 2018 für 16 Mio. Euro an das IT-Unternehmen Vetrya ging. Branchenriese Engineering übernahm im September 2019 für geschätzte 30 Millionen Euro die Fintech-Firma Deus Technology.

Text: Oliver Döhne

Erfolg italienischer Start-ups im Ausland

Das aus einem italienischen Start-up hervorgegangene Unternehmen mit dem größten internationalen Erfolg ist bislang die Online-Modeplattform Yoox. Im Jahr 2000 in Mailand gegründet, wuchs sie schnell international, übernahm das britische Online-Versandhaus Net-a-Porter und erhielt dann eine 100 Millionen Euro-Kapitalspritze von Mohammed Alabbar, einem Geschäftsmann aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, um eine Luxus-Einzelhandelskette im Nahen Osten aufzusetzen. Zuletzt setzte die Gesellschaft 1,8 Milliarden Euro in über 100 Ländern um, bevor sie 2018 vom Schweizer Luxusgüterkonzern Richemont übernommen wurde.

Ein weiterer Global Player aus Italien ist Octo Telematics, gegründet 2002, ein Pionier auf dem Gebiet der Telematik beziehungsweise Risikoberechnung für Kfz-Versicherungen. Mittlerweile ist das Unternehmen mit einem Marktanteil von 36 Prozent ein führender globaler Anbieter von Internet of Things und Telematik für Versicherungen.

Musement, ein Aggregator für Eintrittskarten für Museen und Sehenswürdigkeiten, wuchs ebenfalls schnell, auch außerhalb Italiens, schloss eine Partnerschaft mit Google und wurde 2018 vom Reisekonzern TUI übernommen. Weitere italienische Erfolgsbeispiele im Ausland sind die Open Source-Plattform Arduino und die Bezahl-App Satispay. Viele Italiener und Italienerinnen entwickeln ihre Start-ups im Ausland. Beispielsweise gehen King.com (Candy Crush Saga) und das Berliner Putzhilfe-Portal Helpling.com auch auf das Engagement italienischer Gründer zurück.

Erfolg ausländischer Start-ups in Italien

Laut dem Ministerium für Wirtschaftliche Entwicklung hatten im 3. Quartal 2019 rund 3,5 Prozent aller Start-ups in Italien überwiegend nicht-italienische Gründer, insgesamt 368. Rund 13,7 Prozent hatten mindestens einen nicht-italienischen Gründer, das traf auf insgesamt 1.453 Start-ups zu. Die staatliche Außenwirtschafts- und Investitionsförderagentur Invitalia förderte mit ihrem Startup-Fonds nach eigenen Angaben bereits 939 internationale Start-ups in Italien. Vorzeigebeispiele sind hier das Busunternehmen Flixbus, der Bringdienst Deliveroo und die Finanzplattform für Online-Unternehmen Stripe.

Text: Oliver Döhne

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