Special | Russland | Wasserstoff

Russland möchte bis 2035 Weltmarktführer bei Wasserstoff werden

Russland besitzt alle nötigen Ressourcen und Technologien, um zu den führenden Wasserstoffherstellern aufzuschließen. Die Regierung arbeitet bereits an einer Wasserstoffstrategie.

Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

  • Russlands Regierung will Potenzial bei Wasserstoff heben

    Russlands Regierung will Potenzial bei Wasserstoff heben

    Russlands Potenzial bei Wasserstoff ist sehr groß. Bis 2035 möchte die Regierung das Land zu einem weltweit führenden Hersteller und Exporteur des Energieträgers entwickeln.

    Wasserstoff soll in Russlands Energiepolitik mittelfristig eine wichtige Rolle spielen. Der Weltmarkt für den Energieträger wird bis 2035 auf etwa 23,8 Milliarden Euro wachsen, schätzen Experten der Roadmap „Energynet“ (Teil der Nationalen Technologischen Initiative, NTI). Bereits ab 2030 könnte Russland jährlich bis zu 3,5 Millionen Tonnen Wasserstoff produzieren, was einem Weltmarktanteil von etwa 15 Prozent entspräche.

    Neue Strategie zielt auf Entwicklung der Wasserstoffproduktion

    Mit der neuen Energiestrategie bis 2035, dessen Entwurf die Regierung am 2. April 2020 genehmigt hat, soll die Herstellung von Wasserstoff angekurbelt werden. Zudem stehen die Lokalisierung ausländischer Technologien, die Stimulierung der Inlandsnachfrage und der Export des Energieträgers im Fokus. Um die gesteckten Ziele zu erreichen werden pro Jahr Investitionen von bis zu 3,6 Milliarden Euro benötigt.

    „Nicht nur wirtschaftlich, auch strategisch macht es für Russland Sinn, auf der Basis von günstigem und langfristig verfügbarem Gas Wasserstoff zu produzieren und zu exportieren, um sich gegen mögliche Nachfragerückgänge bei Ausfuhren fossiler Energieträger zu wappnen“, bewertet Florian Willershausen, Director Business Development von Creon Capital, die Ziele der Energiestrategie.

    Großes Potenzial zur Herstellung von Wasserstoff

    Russland hat erst einen Bruchteil seiner Ressourcen zur Herstellung von Wasserstoff ausgeschöpft. Bei der Öl- und Gasförderung, der Metallurgie- und Chemieindustrie fällt grauer Wasserstoff als Nebenprodukt bei der Herstellung wertvollerer Stoffe an, beispielsweise Methanol oder Ammoniak.

    Das größte Land der Welt hat Potenzial für weit Mehr: vorhandene Rohstoffe, existierende Erzeugungskapazitäten, eine entwickelte Transportinfrastruktur in Form von Pipelines und Verladeterminals sowie die geographische Nähe zu potenziellen Absatzmärkten wie Europa und Asien könnten der Entwicklung von Wasserstofftechnologien weiteren Schub verleihen. Zudem könnte Wasserstoff künftig Diesel als wichtigsten Energieträger in den abgelegenen Regionen des Hohen Nordens und Fernen Ostens ersetzen.

    Deutschland steht als Absatzmarkt im Fokus

    Russland möchte sich auf dem Weltmarkt vor allem als Exporteur von Wasserstoff positionieren. Bis 2035 sollen zwei Millionen Tonnen des Energieträgers an Abnehmer im Ausland geliefert werden. Rusatom Overseas (Tochterunternehmen von Rosatom) unterzeichnete im September 2019 mit der japanischen Agentur für natürliche Ressourcen und Energie eine Vereinbarung zur Lieferung von Wasserstoff bis 2021.

    Wichtigster potenzieller Exportmarkt für russischen Wasserstoff ist Deutschland. Experten rechnen aufgrund der Energiewende in der Bundesrepublik mit einer steigenden Nachfrage nach Wasserstoff als Übergangstechnologie. Blauer Wasserstoff könnte über die Nordstream-Pipeline nach Deutschland gelangen. Bis zu 7 Prozent der Kapazität der Röhre könnten für die Beimischung von Wasserstoff genutzt werden.

    Um Kooperationspotenziale zwischen beiden Ländern bei Wasserstoff auszuloten, hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier auf der Russlandkonferenz der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) am 18.02.2020 in Berlin die Einrichtung einer deutsch-russischen Arbeitsgruppe zur Energiepolitik angekündigt.

    Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

  • Russland entwickelt eigene Wasserstofftechnologien

    Russland entwickelt eigene Wasserstofftechnologien

    Russlands Wirtschaft erhöht die Anstrengungen zur Entwicklung eigener Lösungen für die Herstellung von Wasserstoff. Deutsche Unternehmen können als Technologiepartner zum Zuge kommen.

    Russlands Industriekonzerne haben erst vor Kurzem damit begonnen, sich mit der Erzeugung von Wasserstoff intensiver auseinanderzusetzen. Jetzt verstärken sie Forschung und Entwicklung. Ziel ist es, sich mit eigenen Lösungen in bestehende Wertschöpfungsketten einzuklinken. Doch viele Pilotprojekte befinden sich derzeit erst im Entwicklungsstadium und sind noch weit von der Marktreife entfernt.

    Industrie arbeitet an Technologien zur Wasserstoffproduktion

    Die wichtigsten industriellen Treiber der Entwicklung der Wasserstoffherstellung in Russland sind die Staatsholdings Rosatom und Gazprom. Rosatom arbeitet seit Januar 2020 am Forschungsprogramm „Atomnaja Nauka, Technika i Technologii“, in dessen Rahmen bis 2025 die kommerzielle Erzeugung von Wasserstoff in Kernkraftwerken (AKW) vorangetrieben werden soll. Im AKW auf der Kola-Halbinsel will die staatliche Atomenergiegesellschaft ein Zentrum für Wasserstoffenergie errichten. Dabei soll der überschüssige Strom zur Erzeugung von Wasserstoff mittels Elektrolyse verwendet werden.

    Gazprom hat das Karlsruhe Institut für Technologie (KIT) mit einer Machbarkeitsstudie für die industrielle Produktion von Wasserstoff auf Basis von Erdgas betraut. Russlands größter Gaskonzern arbeitet an Technologien zur Erzeugung von blauem Wasserstoff mit einem minimalen CO2-Fußabdruck. Mit der Methan-Pyrolyse wird Erdgas durch Erhitzen ressourcenschonend in seine Bestandteile Wasserstoff und Kohlenstoff zerlegt.

    Brennstoffzellen sollen öffentlichen Nahverkehr sauberer machen

    Wasserstofftechnologien könnten zur Verringerung der Luftverschmutzung in Russlands Verkehrssektor beitragen. Wissenschaftler des Instituts für Probleme der chemischen Physik (IPKhF) der Russischen Akademie der Wissenschaften (RAN) arbeiten an einer Brennstoffzelle für den Einsatz in Pkw. Im November 2019 fand in Sankt Petersburg die Testfahrt einer mit Brennstoffzellen betriebenen Straßenbahn statt. Das Forschungsinstitut für Flugzeugmotorenbau (ZIAM) in Moskau entwickelt bis 2022 einen Elektromotor für Flugzeuge, der mit Wasserstoff-Brennstoffzellen betrieben wird. Im September 2019 unterzeichneten die Russische Eisenbahn (RZD), die Transmasch Holding, Rosatom und die Regierung des Gebiets Sachalin eine Vereinbarung zur Fertigung von Lokomotiven mit Brennstoffzellen.

    Deutsche Firmen als Technologiepartner gefragt

    Für die Kommerzialisierung von Wasserstofftechnologien muss die Regierung die nötigen Mittel für den Aufbau einer Infrastruktur bereitstellen und Hersteller müssen frühzeitig in Technologien, Infrastruktur und Verarbeitungskapazitäten investieren. Dies eröffnet deutschen Unternehmen als Technologiepartner Potenzial. Mit Linde Gas Rus (Tochterunternehmen der Linde AG) liefert bereits ein deutsches Unternehmen Technologien und technische Gase, darunter Wasserstoff.

    Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

  • Kontaktadressen

    Kontaktadressen

    Bezeichnung

    Anmerkungen

    Germany Trade & Invest

    Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft, auch Hinweise zu Ausschreibungen

    Exportinitiative Energie

    Informationen zu Veranstaltungen, Markt- und Länderinformationen

    Factsheet der Exportinitiative Energie

    Factsheet mit allgemeinen Energieinformationen zu Russland

    Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK)

    Anlaufstelle für deutsche Unternehmen

    Ministerium für Energiewirtschaft (Minenergo)

    Zuständig für Energie- und Rohstoffsektor

    Ministerium für Industrie und Handel (Minpromtorg)

    Zuständig für Industriepolitik, Lokalisierung und Einfuhrgenehmigungen

    Rosatom

    Staatliche Atomenergiegesellschaft; zuständig für Förderung der russischen Nukleartechnologien im In- und Ausland

    Nationaler Verband für Wasserstoffenergetik

    Repräsentiert die International Association of Hydrogen Energy in Russland und den GUS-Staaten

    Energynet

    Eine von neun Roadmaps der Nationalen Technologieinitiative (NTI)

    Nationales Forschungszentrum Kurtschatow-institut

    Nationales Atomforschungszentrum, u.a. führend in der Erforschung der Elektrolyse

    Von Hans-Jürgen Wittmann | Moskau

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