Special | Tschechien | Wege aus der Coronakrise

Wege aus der Coronakrise

Konjunktur und wichtigste Branchen

Besserungen im Pandemieverlauf erlauben in Tschechien erste Lockerungen. Die Unternehmen müssen ihre Beschäftigten weiterhin testen. (Stand: 14. April 2021)

Von Miriam Neubert | Prag

Die Verschärfung des Lockdowns hat die Infektionswelle gebrochen. Tschechien stand nach Ostern in der Europäischen Union (EU) bei der 14-Tage-Inzidenz der Neuinfizierten und Toten nicht mehr an der Spitze. Die meisten Indikatoren weisen nach unten, darunter die kritische Zahl der Covid-Patienten in Krankenhäusern. Doch sind erstmals Fälle einer älteren Form der brasilianischen Mutation registriert worden. Täglich informiert das Gesundheitsministerium über die Entwicklung in einer Übersicht zu den Covid-19-Erkrankungen in Tschechien.

Lockdown lähmt Konjunktur auch im 1. Quartal

Der seit dem 5. Oktober 2020 geltende Notstand, der zunehmend auf Widerstand im Parlament traf, ist mit dem 11. April ausgelaufen. Die geltenden Maßnahmen gründen sich auf das Pandemiegesetz. Es ist wieder erlaubt, sich frei zwischen den Bezirken zu bewegen, die nächtliche Ausgangssperre entfällt. Die Vorschulstufe und die ersten beiden Klassen sind erneut im Präsenzunterricht. Dazu werden die Kinder regelmäßig getestet. Läden, Restaurants und kundennahe Dienstleister mit Ausnahme der Anbieter des definierten Grundbedarfs haben seit Weihnachten zu. Mit dem 12. April wurde der Kreis der Ausnahmen erweitert. Papierwaren- und Kinderbekleidungsanbieter, Bauernmärkte, Reinigungen, Schlosser, Reparaturbetriebe oder der Autoersatzteilhandel durften wieder öffnen. Die abendlichen Öffnungszeiten wurden auf 22.00 Uhr erweitert. Das Gesundheitsministerium erließ die mit dem 12. April in Kraft getretenen außerordentlichen Maßnahmen, die auch die Ausnahmen auflisten. Der stellvertretende Premier- und Wirtschaftsminister Karel Havlíček hat weitere Lockerungen in zwei Wochen in Aussicht gestellt.

Obwohl in der schlimmsten Phase der Pandemie auch Rufe nach einer befristeten Schließung der Industriebetriebe laut wurden, hat die Regierung dem nicht nachgegeben. Stattdessen setzt sie auf Tests. Inzwischen müssen alle Unternehmen und ehrenamtlichen Organisationen ihre Beschäftigten, die nicht im Homeoffice sind, regelmäßig testen und Infizierte melden. Auch der öffentliche Dienst testet sein Personal. FFP2-Masken sind am Arbeitsplatz Pflicht. Aktuelle Maßnahmen zu den Tests und neue Entscheidungen finden sich beim Gesundheitsministerium. 

Automobilbranche zieht an, viele Dienstleister harren aus

Direkt und schwer getroffen haben der erste Lockdown im Frühjahr 2020 und der anhaltende zweite Lockdown seit Herbst das Dienstleistungsgewerbe. Dessen Umsätze sanken 2020 im Vergleich zum Vorjahr real und kalenderbereinigt um 12 Prozent. Besonders litten Luftfahrt (-69 Prozent), Reisebranche (-75 Prozent), Hotel- und Gaststättenwesen (-40 Prozent), Transport und Logistik (-13 Prozent). Vielen Unternehmen droht im nicht enden wollenden Lockdown die Luft auszugehen. Der Staat hält mit Hilfsprogrammen dagegen. Zu den Ausnahmen gehören angesichts des überbordenden E-Commerce die Post- und Kurierdienstleistungen (+13 Prozent). Die Umsätze bei den Informations- und Kommunikationsdienstleistungen (IKT) stagnierten.  

Die Erholung stützt sich auf das verarbeitende Gewerbe. Es verzeichnet seit September 2020 im Vergleich zum Vorjahr wieder wachsende Umsätze. Doch konnte dies den Rückgang für das Gesamtjahr nicht wettmachen. Dieser hing vor allem mit dem wochenlangen Stillstand der Autoindustrie in Tschechien und Europa im Frühjahr 2020 zusammen, der weitere Zulieferbranchen in Mitleidenschaft zog. Insgesamt fielen die Umsätze des verarbeitenden Gewerbes in laufenden Preisen um 7,5 Prozent. Nur Lebensmittelerzeuger und Arzneimittelhersteller standen besser da als 2019; die Erlöse der Papierindustrie stagnierten.

Bessere Auftragslage in der Industrie   

Der Eingang neuer Aufträge war im 4. Quartal 2020 in allen zwölf gemessenen Industriebranchen mit Ausnahme des Bekleidungssektors besser als ein Jahr zuvor. Dazu gehören neben der dominierenden Autoindustrie wichtige Branchen wie die Stahlerzeugung, Metallverarbeitung, Chemieindustrie, Elektronik, die Herstellung elektrischer Ausrüstungen und der Maschinenbau. Im Baugewerbe ging die Produktion zurück. Doch kann sich die Branche 2021 auf ein stattliches Auftragspolster stützen.

Die Unternehmen haben gelernt, sich auf einen Betrieb mit Covid-Maßnahmen einzustellen. Das ergab im November eine Umfrage der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer (AHK Tschechien) unter 100 Mitgliedsunternehmen. Ein Teil spürte schon wieder Personalmangel.

Wirtschaft wächst 2021 zwischen 2,2 und 3,1 Prozent

Unter dem Anprall des Coronavirus ist das Bruttoinlandsprodukt 2020 um 5,6 Prozent zurückgegangen, wie vorläufige Zahlen des Statistikamtes zeigen. Im 3. Quartal begann die Industrie die Talsohle hinter sich zu lassen, vor allem durch die Auslandsnachfrage. Die Warenausfuhr nahm im 2. Halbjahr im Vergleich zum Vorjahr zu. Zusammen mit dem Staatsverbrauch unterstützte sie die wirtschaftliche Entwicklung. Hingegen stürzten die Anlageinvestitionen regelrecht ab (3. Quartal: -10,3 Prozent, 4. Quartal: -12,3 Prozent).

Auch das 1. Quartal 2021 stand unter dem Druck der neuen Mutationswelle. Für 2021 rechnet das Finanzministerium in seiner Januarprognose mit einem Zuwachs um real 3,1 Prozent. Die Tschechische Nationalbank geht von 2,2 Prozent aus.

Prognose zu wichtigen wirtschaftlichen Kennziffern (reale Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent)

2020 *)

2021

2022

Bruttoinlandsprodukt

-5,6

3,1

3,4

Privater Konsum

-5,2

3,3

2,9

Bruttoanlageinvestitionen

-8,5

3,8

3,4

Exporte von Waren und Dienstleistungen

-6,0

4,7

5,7

Importe von Waren und Dienstleistungen

-6,1

5,3

5,8

*) SchätzungQuelle: Tschechisches Statistikamt; Finanzministerium der Tschechischen Republik (Januar 2021)

Um die Folgen für die Wirtschaft abzufedern, hatte die Zentralbank gleich im Frühjahr 2020 den wichtigsten Leitzins (2-Wochen-Repo) in drei Schritten um 200 Basispunkte auf 0,25 Prozent gesenkt. Sie nahm seither keine weitere Veränderung vor.

Die Ausgangslage auf dem Arbeitsmarkt ist durch den langjährigen Fachkräftemangel geprägt. Kurzarbeitergeld hilft, Entlassungen zu verhindern. Die Erwerbslosenrate ist von 2 Prozent 2019 auf 2,6 Prozent 2020 gestiegen. 

Die Sonderseite zu Covid-19 der AHK Tschechien bietet Informationen zu allem, was sich im Land ändert und was deutsche Unternehmen beachten müssen. Weitere Informationen zur wirtschaftlichen Lage finden Sie in unserer Publikation Wirtschaftsausblick.

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