Branche kompakt | Algerien | Pharmaindustrie, Biotechnologie
Algerien stärkt seine heimische Pharmaproduktion
Ein eigenes Ministerium, neue Projekte und Partnerschaften treiben den Ausbau voran. Zugleich setzt der Staat auf weniger Arzneimittelimporte.
22.06.2026
Von Verena Matschoß | Tunis
Ausblick der Pharmaindustrie in Algerien
Bewertung:
- Der Staat will Importe von Medikamenten weiter senken und die heimische Industrie ausbauen.
- Lokal hergestellte Generika decken bereits einen großen Teil des Pharmamarktes ab.
- Deutschland ist zweitwichtigstes Lieferland von Medikamenten, Importgeschäfte werden immer schwieriger.
Anmerkung: Einschätzung der Autorin für die kommenden zwölf Monate auf Grundlage von prognostiziertem Umsatz- und Produktionswachstum, Investitionen, Beschäftigungsstand, Auftragseingängen, Konjunkturindizes etc.; Einschätzungen sind subjektiv und ohne Gewähr; Stand: Juni 2026
Markttrends
Zur Diversifizierung der Wirtschaft setzt Algerien auf eine lokale Produktion von Arzneimitteln. Die Bedeutung der Branche zeigt die Wiedereinführung eines eigenen Ministeriums für die Pharmaindustrie. Zuvor war es Teil des Industrieministeriums. Mit dem Amtsantritt des neuen Pharmaministers, Wassim Kouidri, nahm das Ministerium im Februar 2025 seine Arbeit auf.
Wichtiger Produktionsstandort in Afrika
Insgesamt 233 Produktionsstätten für pharmazeutische Produkte gibt es laut dem zuständigen Ministerium im Land, 138 produzieren Medikamente. Diese decken bereits mengenmäßig 82 Prozent des lokalen Bedarfs. Der Großteil entfällt dabei auf Generika. Bei pharmazeutischen Rohstoffen oder schwieriger herzustellenden, innovativen Medikamenten bleibt Algerien aber auf Importe angewiesen.
Ein Faktor, der die Entwicklung des Pharmamarktes in Algerien antreibt, ist die wachsende Bevölkerung und die für Arbeitnehmer verpflichtende staatliche Krankenversicherung über die Caisse Nationale des Assurances Sociales (CNAS). Sie deckt 80 Prozent der Kosten eines verschriebenen Medikaments ab. In bestimmten Fällen, wie beispielsweise bei chronisch Erkrankten, auch darüber hinaus. Die Häufigkeit von chronischen Erkrankungen nimmt in Algerien zu. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache, aber auch Lungenerkrankungen und Diabetes sind weit verbreitet.
| Projekt/Akteur | Projektstand | Anmerkungen |
|---|---|---|
| Herstellung von Rohstoffen für Krebsbehandlungen in Sétif (Saidal) | Inbetriebnahme für Ende 2026 geplant | Internationale Zertifizierung angestrebt; Exporte nach Europa und in die USA sollen möglich sein; Jahreskapazität: 5.000 Kilogramm pharmazeutische Rohstoffe |
| Herstellung von Rohstoffen für Paracetamol in Batna (Saidal) | im Bau | Kapazität: 2.000 Tonnen pro Jahr |
| Herstellung von Hormonpräparaten in Constantine (LDM in Partnerschaft mit Merck) | Grundsteinlegung Dezember 2024 | Medikamente zur Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen, unter anderem Levothyrox, Gesamtkapazität: 40 Millionen Packungen pro Jahr |
| Aufbau neuer Produktionsstätten (Saidal) | Inbetriebnahme bis Ende 2026 geplant | In den südlichen Wilayas Ouled Djellal, Ouargla, Tamanrasset |
Branchenstruktur und Rahmenbedingungen
Die meisten Produktionsstätten für pharmazeutische Produkte befinden sich im Großraum Algier, gefolgt vom Gebiet Oran. Die Saidal-Gruppe, die sich mehrheitlich in staatlichem Besitz befindet, ist der größte algerische Pharmaproduzent und hat zahlreiche Partnerschaften mit multinationalen Playern. Relevante private Pharmafirmen sind Biopharm, Hydrapharm-Beker, Inpha-Médis, LDM oder Pharmalliance.
Viele Partnerschaften mit ausländischen Unternehmen
Der Aufbau einer algerischen Pharmaindustrie nahm ab Mitte der 90er Jahre seinen Anfang. Multinationale Unternehmen, die in Algerien Arzneimittel vermarkten wollten, wurden verpflichtet, in Partnerschaft mit nationalen Unternehmen zu produzieren. Der Pharmasektor wird als strategisch angesehen und so gilt hier auch weiterhin die 51-49-Regel, wonach in Joint Ventures der algerische Partner eine Mehrheitsbeteiligung aufweisen muss. Es gibt aber Ausnahmen für lebenswichtige und innovative Medikamente mit einer hohen Wertschöpfung, die für den lokalen Markt und den Export bestimmt sind.
Ein bedeutender Vertriebskanal für Medikamente ist der staatliche Krankenhaussektor. Dessen Versorgung erfolgt über die Pharmacie Centrale des Hôpitaux (PCH), die als zentrale Beschaffungsstelle für öffentliche Gesundheitseinrichtungen fungiert. Daneben spielen private Apotheken eine wichtige Rolle im Vertrieb.
Wichtige ausländische Unternehmen auf dem algerischen Pharmamarkt sind Sanofi (Frankreich), Novo Nordisk (Dänemark) und El Kendi (Jordanien). Zahlreiche Projekte zur Arzneimittelproduktion führen algerische Firmen mit internationalen Unternehmen durch. Darunter gibt es auch neue Projekte mit Firmen aus Deutschland. So unterzeichnete Boehringer Ingelheim im Juni 2026 eine Partnerschaft mit Saidal zur Herstellung von Medikamenten gegen Lungenfibrose.
Unternehmen, die im Bereich des Pharmasektors tätig werden, sei es als Fabrikant, als Betriebsstätte, im Großhandel oder im Im- und Export, sind an die Regelungen des Exekutivdekrets Nr. 21-82 vom 23. Februar 2021 über pharmazeutische Einrichtungen und die Bedingungen für ihre Zulassung gebunden. Die Preise für Arzneimittel werden von einem Wirtschaftsausschuss für Medikamente festgesetzt. Kriterien sind der Lokalisierungsgrad, die Preise vergleichbarer Medikamente auf nationaler oder internationaler Ebene und die geplante Verkaufsmenge in Algerien.
Deutschland ist zweitwichtigster Lieferant
Im Rahmen seiner Politik der Importsubstitution möchte sich Algerien unabhängiger von Importen machen, auch im medizinischen Bereich. Das Pharmaministerium hat Ende April 2026 beschlossen, die Annahme neuer Zulassungsanträge für Importe von Arzneimitteln und Medizinprodukten bis auf Weiteres auszusetzen.
Deutschland war 2024 für Algerien das zweitwichtigste Lieferland von Arzneimitteln. An erster Stelle steht traditionell Frankreich. Die deutschen Exporte von fertigen Arzneimitteln beliefen sich im Jahr 2024 auf 140 Millionen US-Dollar.