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Markttrends
Die Pläne für den Ausbau der Erneuerbaren in Algerien werden konkreter. Das Land soll eine zentrale Rolle bei der Versorgung der EU mit grünem Wasserstoff einnehmen.
11.06.2024
Im April 2026 wurde ein Meilenstein in der algerischen Energiewende erreicht. Zwei Solarkraftwerke mit einer Leistung von jeweils 200 Megawatt sind in Betrieb gegangen. Sie befinden sich in den Wilayas El Meghaier und Biskra. Bis Ende 2026 sollen nach Angaben des Energieministeriums insgesamt 1.400 Megawatt ans Netz gehen.
Die Projekte sind Teil der ersten Phase der Ausschreibungen aus dem Jahr 2023 über insgesamt 3.000 Megawatt Leistung in Solaranlagen. Drei Vorhaben über insgesamt 520 Megawatt wurden 2025 neu vergeben. Der Baufortschritt in den 22 Solarkraftwerken liegt derzeit insgesamt bei rund 40 Prozent.
Der Ausbau der Erneuerbaren konzentriert sich in Algerien auf der einen Seite auf die Großprojekte und auf der anderen Seite auf kleinere Solaranlagen für öffentliche Gebäude. Experten sind überzeugt, dass es zwischen den beiden Extremen noch viel Potenzial gibt.
Boukhalfa Yaici, der Direktor des Green Energy Clusters Algeria, einem Zusammenschluss von Branchenunternehmen, sieht den Industriebereich als wichtigen Baustein in der Energiewende an. Seiner Meinung nach sollte vermehrt die Möglichkeit betrachtet werden, dass Unternehmen direkt mit Stromproduzenten Abnahmeverträge unterzeichnen können. "Über solche Corporate Power Purchase Agreements (CPPA) könnte die Attraktivität der erneuerbaren Energien in Algerien gesteigert werden", sagt Yaici. Bisher fehle hierfür noch der Rechtsrahmen.
Windkraft noch weitgehend ungenutzt
Algerien verfügt zudem über ein erhebliches, bislang kaum genutztes Windpotenzial. Derzeit ist lediglich ein Windpark in Adrar mit 10,2 Megawatt in Betrieb. In Zusammenarbeit mit der Weltbank prüft das Energieministerium derzeit die Umsetzung von Windkraftprojekten mit einer Gesamtleistung von 1.000 Megawatt an zehn Standorten.
Sonatrach plant, bis 2030 rund 1,3 Gigawatt Solarleistung an eigenen Öl‑ und Gasförderstandorten zu installieren, um den Eigenstrombedarf der Anlagen schrittweise aus erneuerbaren Quellen zu decken. Als Pilotprojekt nahm der Konzern 2018 gemeinsam mit Eni eine 10‑Megawatt‑Photovoltaikanlage im Ölfeld Bir Rebaa Nord in Betrieb. Weitere Projekte an mehreren strategischen Standorten befinden sich in Vorbereitung oder in der Umsetzung.
Für die Einspeisung und den Transport erneuerbarer Energien baut Algerien auch seine Netzinfrastruktur aus. Energieminister Mohamed Arkab kündigte im April 2024 ein sogenanntes "Projekt des Jahrhunderts" an: Hochspannungsleitungen mit 400 Kilovolt und einer Länge von rund 880 Kilometern sollen den Süden des Landes an das nationale Stromnetz anbinden.
Südlicher Wasserstoffkorridor soll Algerien mit EU verbinden
Zudem positioniert sich Algerien als wichtiger Player bei der Produktion von grünem Wasserstoff. Im März 2023 hat das Land seine Wasserstoffstrategie veröffentlicht. Es geht in der Strategie explizit um die Entwicklung von grünem und blauem Wasserstoff und vor allem um Exportpläne. Von 40 Terawattstunden, die bis 2040 produziert werden sollen, sind nur 10 Terawattstunden für die lokale Industrie vorgesehen.
Im Jahr 2023 hat Algerien seine Wasserstoffstrategie veröffentlicht. Bis 2040 sollen bis zu 40 Terawattstunden Wasserstoff hergestellt und exportiert werden.
Dabei sind folgende Schritte vorgesehen:
- Demonstrationsphase (2023 bis 2030): Umsetzung von Pilotprojekten
- Anwendungsphase (2030 bis 2040): Expansion und Schaffung von Märkten
- Marktphase (2040 bis 2050): Industrialisierung und Exportaktivität
Aufgrund seiner Anbindung an das europäische Gasnetz hat das Land einen Vorteil gegenüber regionalen Konkurrenten, die in die aufstrebende Branche einsteigen wollen. Denn die Transportkosten wären durch eine direkte Lieferung über Pipeline um einiges günstiger als die Exporte in Form von Derivaten wie Ammoniak oder Methanol. Allerdings müssten für den Wasserstofftransport Teile der Pipeline umgebaut und mit neuen Kompressorstationen ausgerüstet werden.
Der südliche Wasserstoff-Korridor (SoutH2 Corridor) soll 3.300 Kilometer umfassen und ab 2030 Nordafrika mit Italien, Österreich und Deutschland verbinden. Ende November 2023 wurde das Vorhaben in die Liste der Projekte von gemeinsamem Interesse (Projects of Common Interest, PCI) der EU aufgenommen. PCIs sind wichtige grenzüberschreitende Infrastrukturprojekte, die die Energiesysteme der EU-Länder miteinander verbinden. Am 21. Januar 2025 haben Italien, Österreich, Deutschland, Algerien und Tunesien eine gemeinsame Absichtserklärung zur Entwicklung des Wasserstoffkorridors unterzeichnet.
Deutsch-algerische Zusammenarbeit im Energiesektor
Die algerische Regierung arbeitet beim Ausbau der erneuerbaren Energien und der Wasserstoffwirtschaft eng mit Deutschland zusammen. Grundlage dafür ist die deutsch‑algerische Energiepartnerschaft im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWE), die 2015 mit der Unterzeichnung einer gemeinsamen Absichtserklärung ins Leben gerufen wurde. Sie bildet die zentrale Plattform für den institutionellen energiepolitischen Dialog zwischen beiden Ländern.
Beim Besuch des deutschen Wirtschaftsministers Robert Habeck in Algier im Februar 2024 wurde zudem eine bilaterale Wasserstoff‑Taskforce gegründet, die vom BMWE und dem algerischen Ministerium für Energie und erneuerbare Energien getragen wird. Über das Programm TaqatHy+, das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und der Europäischen Union finanziert wird, unterstützt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) algerische Akteure bei der Umsetzung der Energiewende.
Deutschland unterstützt Algerien auch finanziell beim Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft. So stellt die KfW Entwicklungsbank einen Zuschuss für ein Referenzprojekt zur Erzeugung von grünem Ammoniak mit Wasserstoff, der mittels erneuerbarer Energien durch Elektrolyse gewonnen wird, bereit. Als Standort wurde Arzew in der Region Oran, einem der wichtigsten petrochemischen Zentren des Landes, gewählt.
Ein grundsätzliches Problem bleibt jedoch bestehen – in Algerien ebenso wie in vielen anderen Ländern: Solange es keinen verlässlichen Abnehmer für den produzierten Wasserstoff gibt, wird die Regierung voraussichtlich zurückhaltend bleiben, das finanzielle Risiko solcher Projekte zu übernehmen.