Special | Arabische Golfstaaten | Krieg im Nahen Osten

Krieg schlägt auf die Wirtschaft der Golfstaaten durch

Der Krieg trifft am Golf nicht nur Öl und Gas. Unter Druck geraten vor allem jene Branchen, die den wirtschaftlichen Umbau der Region tragen.

Von Heena Nazir | Dubai

Seit Kriegsbeginn haben sich die Wirtschaftsaussichten für die Golfstaaten deutlich eingetrübt. Die Weltbank erwartet für die Staaten des Gulf Cooperation Council (GCC) im Jahr 2026 nur noch 1,3 Prozent Wachstum. Im Januar 2026 hatte sie noch 4,4 Prozent prognostiziert. Die weitere wirtschaftliche Entwicklung bleibt schwer einzuschätzen. Andere Institute hatten zuletzt teils robustere Szenarien unterstellt, betonen aber erhebliche Abwärtsrisiken. Wie stark die Wirtschaft am Golf tatsächlich gebremst wird, hängt maßgeblich von der Dauer des Konflikts sowie den Beeinträchtigungen für Luftverkehr, Logistik und Investitionen ab.

Der Krieg belastet am Golf längst nicht mehr nur den Energiesektor. Er trifft zunehmend jene Bereiche, mit denen die Staaten des Golf-Kooperationsrats ihre Wirtschaft breiter aufstellen wollen. Dazu zählen Handel, Luftfahrt, Tourismus, Messen, Immobilien, Technologie und Investitionen. Gerade diese Felder haben in den vergangenen Jahren deutlich an Gewicht gewonnen. In den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) erwirtschaftete die Nichtölwirtschaft im vergangenen Jahr mehr als drei Viertel des Bruttoinlandsprodukts. Im Emirat Dubai liegt der Beitrag des Ölsektors zur Wirtschaftsleistung bei weniger als 2 Prozent.

Allerdings verläuft die wirtschaftliche Diversifizierung innerhalb des GCC unterschiedlich. Wie weit sie fortgeschritten ist, zeigt sich auch in den mittelfristigen Wachstumsraten der Nichtölwirtschaft. Diese liegen in Kuwait und Katar bei 2 bis 3 Prozent, in Bahrain, Oman, Saudi-Arabien und den VAE dagegen bei 3,5 bis 4,5 Prozent. Das macht die Region widerstandsfähiger gegen reine Ölpreisschwankungen. Gleichzeitig verlagern sich die Risiken. Wenn Flugverbindungen ausfallen, Lieferketten stocken, Investoren vorsichtiger werden und Geschäftsreisen verschoben werden, geraten heute nicht mehr Randbereiche unter Druck, sondern zentrale Wachstumstreiber.

Messen und Tourismus unter Druck

In den ersten Kriegstagen wurden an sieben großen Flughäfen der Region mehr als 21.300 Flüge gestrichen. Gleichzeitig stiegen auf Routen zwischen Südasien und Europa die Luftfrachtraten zeitweise um bis zu 70 Prozent. Nach Angaben des auf die Golfregion spezialisierten Informationsanbieters EMIR lag die verfügbare Flugkapazität Anfang April bei etwa 60 bis 70 Prozent des Vorkriegsniveaus. Schon kurzfristige Störungen treffen damit zentrale Knoten des internationalen Personen- und Warenverkehrs.

Wie wichtig diese Drehscheiben sind, zeigen die Größenordnungen. Nach Angaben von Dubai Airports fertigte Dubai International 2025 rund 95,2 Millionen Passagiere ab. Der Hamad International Airport in Doha kam auf 54,3 Millionen Fluggäste. Abu Dhabi Airports meldete mehr als 33 Millionen Reisende sowie knapp 770.000 Tonnen Luftfracht. Für die VAE und Katar geht es daher nicht nur um Tourismus, sondern auch um ihre Rolle als globale Umsteige-, Logistik- und Geschäftszentren.

Entsprechend sensibel reagieren Reisende, Unternehmen und Veranstalter. Dubai zählte 2025 rund 19,6 Millionen internationale Übernachtungsgäste, Qatar Tourism meldete 5,1 Millionen Besucher. Yamina Sofo, Director of the Marketing and Sales Office des German National Tourist Office GCC der Deutschen Zentrale für Tourismus, betont die wachsende Vorsicht insbesondere bei geschäftlich geprägten und hochpreisigen Reisen: 

"Wir sehen derzeit keinen abrupten Einbruch der Nachfrage, wohl aber eine spürbar größere Zurückhaltung. Besonders Geschäftsreisen und hochpreisige Segmente reagieren sensibel auf veränderte Sicherheitswahrnehmungen, eingeschränkte Flugkapazitäten und geringere Planungssicherheit."

Auch das Messegeschäft ist wirtschaftlich bedeutsam. Nach Angaben des Dubai World Trade Centre erzeugten dessen 100 Großveranstaltungen 2024 eine Wirtschaftsleistung von umgerechnet 6,1 Milliarden US-Dollar (US$) und stützten mehr als 85.500 Arbeitsplätze. Fast die Hälfte der Teilnehmenden kam aus dem Ausland. Dalibor Palus, Director of Trade Fairs in der AHK VAE, weist darauf hin, dass viele Veranstaltungen derzeit eher verschoben als abgesagt werden. Damit schaffen Organisatoren mehr Sicherheit, mehr Flexibilität und bessere Planungssicherheit für Kunden, Partner, Mitarbeitende und internationale Teilnehmende.

Teurerer Transport belastet Handel

Auch der Warenverkehr reagiert früh. Jebel Ali, der wichtigste Containerhafen Dubais, ist zwar in Betrieb geblieben, verzeichnet seit Beginn der Kriegshandlungen jedoch geringeren eingehenden Schiffsverkehr. Der Hafen schlug 2025 rund 15,6 Millionen Standardcontainer um. Andere Standorte können einen Rückgang dort kaum ausgleichen. Das Emirat Fudschaira liegt zwar außerhalb der Meerenge von Hormus. Die dortigen Häfen Khorfakkan und Fudschaira verfügen jedoch über deutlich geringere Kapazitäten. Khorfakkan kommt auf rund 5 Millionen Standardcontainer, Fudschaira auf weniger als 1 Million. Für die Handelsdrehscheibe VAE ist das gravierend. Der Wert der Exporte und Importe summiert sich auf mehr als 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Hinzu kommt der operative Druck auf andere Routen. DHL meldete für Khorfakkan, Fudschaira und Sohar in Oman Ende März Verzögerungen von 10 bis 12 Tagen. Auf dem Landweg blieben die Grenzen zwar offen, doch Nachfrage und Kosten stiegen deutlich. Auf einzelnen Strecken lagen die Frachtraten mehr als doppelt so hoch wie zuvor. Für Unternehmen ist dabei nicht nur der Preisanstieg problematisch. Schwerer wiegt die sinkende Verlässlichkeit. Wenn Verbindungen ausfallen, Laufzeiten schwanken und Transporte kurzfristig umgeleitet werden müssen, geraten Beschaffung, Lagerhaltung, Projektplanung und Lieferzusagen zugleich unter Druck.

Investoren werden vorsichtiger

Wo Mobilität und Handel an Verlässlichkeit verlieren, reagiert meist auch das Kapital zurückhaltender. Für Dubai steht damit ein wichtiger Standortvorteil auf dem Prüfstand: das Bild eines sicheren Hafens für Unternehmen, Investoren und vermögende Privatpersonen. Noch ist daraus keine breite Kapitalflucht geworden. Gleichwohl deuten erste Indikatoren auf mehr Vorsicht hin. In den ersten zwölf Tagen des März sanken die Immobilientransaktionen in den VAE gegenüber dem Vorjahr um 37 Prozent und gegenüber Februar um 49 Prozent.

Das ist deshalb relevant, weil internationale Investitionen für den Umbau der Golfwirtschaft zentral sind. Die VAE zogen 2024 Direktinvestitionen von 45,6 Milliarden US$ an. Saudi-Arabien meldete im selben Jahr Zuflüsse von umgerechnet rund 15,7 Milliarden US$. Besonders gefragt waren dort das verarbeitende Gewerbe, der Handel und der Bausektor. Eine Umfrage des Informationsdienstleisters EMIR unter Führungskräften zeigt bereits Zurückhaltung: 12 Prozent der befragten Vorstandschefs hatten Ende März 2026 Investitionskürzungen bereits eingeleitet, weitere 54 Prozent erwogen entsprechende Schritte innerhalb von acht Wochen.

Das Volumen der Auftragsvergaben im GCC sank 2025 auf 213,2 Milliarden US$. In Saudi-Arabien halbierte sich der Wert gegenüber dem Vorjahr auf 84,5 Milliarden US$, in den VAE ging er auf 87,7 Milliarden US$ zurück. Der Krieg dürfte diesen Trend nicht zwangsläufig in einen Stillstand verwandeln, wohl aber die Prioritäten verschieben. Energie-, Wasser-, Logistik- und Sicherheitsprojekte sowie der Wiederaufbau kriegszerstörter Infrastruktur dürften eher Vorrang erhalten als weniger dringliche Vorhaben.

Wiederaufbaukosten lassen sich bislang nur grob abschätzen

Eine offizielle Gesamtschätzung der Wiederaufbaukosten für durch iranische Angriffe beschädigte Infrastruktur in den GCC-Staaten liegt bislang nicht vor. Öffentliche Angaben bleiben fragmentarisch. Am weitesten geht Katar, das die wirtschaftlichen Verluste nach dem Angriff auf Ras Laffan auf rund 100 Milliarden US$ über fünf Jahre beziffert. Reuters berichtete zudem unter Berufung auf Rystad Energy von mindestens 25 Milliarden US$ Reparaturkosten für beschädigte Energieinfrastruktur in der Region. (Stand: 3.4.2026)