Wirtschaftsausblick | Bangladesch

Reformen als Schlüssel zu Stabilität und Wachstum in Bangladesch

Die Konjunkturaussichten sind nach den Wahlen verhalten optimistisch. Mit konsequenten Reformen kann die Regierung Vertrauen schaffen und Wachstumsperspektiven deutlich aufhellen.

Von Mareen Haring | Berlin

Top-Thema: Neue Regierung löst vorsichtigen Optimismus aus

Nachdem im Jahr 2024 gewaltsame Proteste Bangladesch erschütterten und die Regierung abgesetzt wurde, führte zunächst eine Übergangsregierung das Land. Im Februar 2026 fanden Wahlen statt und Tarique Rahman von der neuen Regierungspartei Bangladesh Nationalist Party (BNP) ist seitdem der neue Premierminister. Rahman steht vor den schwierigen Aufgaben, das Land zu einen, dringende Reformen auf den Weg zu bringen und den kriselnden Finanzsektor zu stabilisieren. Dafür muss er das Vertrauen der Bevölkerung und der Unternehmen in einen funktionierenden Staatsapparat wiederherstellen.

Bei Gesprächen mit Germany Trade and Invest zeigten sich Wirtschaftsvertreter in Bangladesch vorsichtig optimistisch – Rahman, der Sohn der ehemaligen Premierministerin Khaleda Zia, kenne seine Aufgaben gut und könne Strukturen verbessern. Allerdings befürchten sie, dass die vielen, komplexen Herausforderungen schnelle Reformschritte erschweren.

Bangladesch ist das bevölkerungsreichste der 44 am wenigsten entwickelten Länder der Welt, den sogenannten "Least Developed Countries" (LDC). Die jetzige Regierungspartei BNP hatte im Wahlkampf versprochen, die Wirtschaft wieder zu beleben. Sie möchte dafür sorgen, dass das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 2024 bis 2034 von rund 450 Milliarden auf 1.000 Milliarden US‑Dollar (US$) um mehr als das Doppelte zulegen werde. 

Nach der wirtschaftlichen Abschwächung seit der Krise 2024 erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF), dass das BIP in den kommenden Jahren aber nur moderat wächst. Der IWF prognostiziert im aktuellen Finanzjahr des Landes vom 1. Juli 2025 bis zum 30. Juni 2026 und im kommenden Finanzjahr 2026/2027 reale BIP-Wachstumsraten von 4,7 Prozent. 

Die hohe Inflation hält sich hartnäckig. Laut einer Prognose der Asian Development Bank soll die Teuerung im Finanzjahr 2026/2027 nur marginal auf 8,5 Prozent sinken. Auch die für Bangladesch extrem wichtige Textil- und Bekleidungsindustrie schwächelt noch. Eine Flaute weht auch in anderen Bereichen des verarbeitenden Gewerbes.

Krieg im Nahen Osten trifft Arbeitsmigranten 

Das Angebot an Arbeitskräften ist riesig und übersteigt die Nachfrage bei weitem, daher verlassen pro Jahr etwa 1 Million Bangladescher ihr Land, um vor allem in den Golfstaaten zu arbeiten. Von den rund 10 Millionen bangladeschischen Arbeitskräften im Ausland arbeitet der Großteil in den Golfstaaten. Der Krieg im Nahen Osten könnte ihre Lage verschlechtern. Sie transferieren bisher Teile ihrer Löhne in die Heimat und ihre Rücküberweisungen stützen die Devisenreserven des Landes. 

Wirtschaftsentwicklung: Wachstum, aber langsam

2,5 %

BNP-Ziel: Ausländische Investitionen sollen in fünf Jahren von 0,5 auf 2,5% des BIP steigen.

Bangladesch bleibt wegen des niedrigen Lohnniveaus und des enormen Binnenmarktes ein attraktiver Standort. Die neue politische Stabilität erhöht zudem das Vertrauen von Investoren. Die zunehmende Verstädterung und die heranwachsende Mittelschicht treiben beispielsweise Investitionen in den Wohnungsbau an. 

Auch Dienstleistungen legen zu. Innerhalb des Dienstleistungssektors dürften sich vor allem IT-Dienstleistungen, Logistik sowie der Immobiliensektor gut entwickeln. Allerdings beschränkt der Mangel an qualifiziertem Personal die Höhe des Wachstums in den jeweiligen Branchen. 

Der Klimawandel ist ein weiteres Risiko. Die zunehmende Wasserknappheit sowie die Versalzung von Böden verringern die landwirtschaftlichen Erträge. Der Agrarsektor ist für die Bevölkerung lebenswichtig, er beschäftigt rund 45 Prozent aller Arbeitskräfte.

Bangladesch bei Bekleidungsausfuhren Kopf an Kopf mit Vietnam

Die Bekleidungsindustrie ist der wichtigste Industriebereich und macht über 80 Prozent der gesamten Ausfuhren aus. Der Sektor spielt auch auf dem Weltmarkt eine große Rolle. Bangladesch ist der zweitwichtigste Exporteur von Bekleidung und exportierte 2024 Bekleidung im Wert von 51 Milliarden US$, China kam auf 127 Milliarden US$. Der Konkurrent Vietnam könnte Bangladesch in den kommenden Jahren allerdings überholen – 2024 lagen Vietnams Bekleidungsexporte bereits bei 41 Milliarden US$. 

Krise traf die AußenwirtschaftBangladesch Außenhandel; in Milliarden US$
 

2022

2023

2024

Importe 1

88,5

70,8

68,8

Exporte 2

68,6

58,2

60,9

Berechnungen anhand von Spiegelstatistiken; 1 Cost, Insurance, Freight (cif); 2 Free on Board (fob).Quelle: ITC Trade Map 2026

Weitere Daten zu Bangladesch finden Sie in unserer Reihe Wirtschaftsdaten kompakt.

Deutsche Perspektive: Importe steigen, Exporte sinken

Die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Krisen trafen auch den bilateralen Handel mit Deutschland. Die deutschen Exporte nach Bangladesch brachen 2024 ein und fielen 2025 nochmal um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Im Jahr 2024 war die Bundesrepublik knapp vor den USA der wichtigste Absatzmarkt für Ausfuhren aus Bangladesch. Die Importe aus Bangladesch legten 2025 mit 2,8 Prozent erneut leicht zu. Die Bundesrepublik kaufte wieder mehr Textilien und Bekleidung. Aber auch die Lieferungen von Nahrungsmitteln, Chemie und Fahrädern stiegen an, liegen aber noch nicht auf dem Niveau von 2022. 

Im Jahr 2026 dürften sich die stabilere politische Lage und die anvisierten Wirtschaftsreformen positiv auf den bilateralen Handel zwischen beiden Ländern auswirken. 

Freihandelsabkommen zwischen EU und Bangladesch möglich

Die EU ist für Bangladesch der wichtigste Handelspartner. Weil Bangladesch noch als LDC eingestuft ist, genießt das Entwicklungsland im Rahmen des Allgemeinen Präferenzsystems der EU zollfreien Zugang zum EU-Markt. Im November 2026 verliert Bangladesch voraussichtlich den LDC-Status und die Zollvergünstigungen sollen nach einer Übergangsfrist 2029 enden. 

Bangladesch und die EU paraphierten im April 2026 aber ein Partnerschafts- und Kooperationsabkommen, das den Rahmen für eine engere Zusammenarbeit schafft und den Weg für Verhandlungen über ein Freihandels- bzw. Investitionsschutzabkommen ebnet. Allerdings wird es vor 2030 wohl nicht zu einer Vertragsunterzeichnung kommen.