Wirtschaftsausblick | Bulgarien
Bulgarische Konjunktur bleibt robust
Das bulgarische Wirtschaftswachstum bleibt 2026 stabil. Viel wird von der Reformpolitik der im Mai 2026 neu ins Amt gekommenen Regierung abhängen.
11.06.2026
Von Torsten Pauly | Berlin
Top-Thema: Neue Regierung will Investoren gewinnen
Im Mai 2026 hat Bulgariens neue Regierung ihre Arbeit aufgenommen. Neuer Premierminister ist Rumen Radew. Er war bereits zuvor zehn Jahre lang Präsident und damit Staatsoberhaupt des Landes. Seine Partei Progressives Bulgarien hatte in den Wahlen im April die absolute Mehrheit der Parlamentssitze errungen. Da keine Koalition gebildet werden muss, besteht Hoffnung auf ein Ende der politischen Instabilität der letzten Jahre. Das Land hatte seit 2021 sieben Wahlen und Regierungswechsel erlebt.
Das neue Kabinett legt einen starken Fokus auf die Wirtschaftspolitik, insbesondere auf die Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen. Auch die Forschung und Entwicklung will die Regierung mit öffentlichen Programmen ankurbeln. Ziel ist es, bulgarische Unternehmen stärker in internationale Wertschöpfungsketten einzubinden, mehr ausländische Investoren zu gewinnen und die Exporte zu erhöhen.
Ein weiterer Schwerpunkt der Regierung sind die Bekämpfung der Korruption und Reformen für mehr Rechtsstaatlichkeit. Die Transparenz öffentlicher Auftragsvergaben will das Kabinett mit Monitoringprogrammen mithilfe künstlicher Intelligenz verbessern. Nötig sind zudem Justizreformen. Auch im Gerichtswesen soll die Digitalisierung von Abläufen die Transparenz erhöhen. Bulgarien lag 2025 sowohl im Corruption Perception Index von Transparency International als auch beim Rechtsstaatlichkeitsindex der World Justice Foundation in der EU an vorletzter Stelle.
Wirtschaftsentwicklung: Export und Binnennachfrage steigen
Das bulgarische Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird 2026 preisbereinigt um 2,5 Prozent wachsen. Dies entspricht laut der Europäischen Kommission dem fünftstärksten Wert in der EU. Die Konjunktur bleibt robust, denn sowohl die Investitionstätigkeit als auch die Konsumnachfrage der Haushalte legen zu. Insgesamt erhöht sich die bulgarische Inlandsnachfrage 2026 laut Europäischer Kommission real um 2,4 Prozent.
Dies eröffnet deutschen Anbietern viele Geschäftschancen, denn auch Bulgariens Austausch mit dem Ausland legt merklich zu. Der Import von Waren und Dienstleistungen steigt 2026 real um voraussichtlich 2,6 Prozent, so die Europäische Kommission. Das entsprechende Exportwachstum fällt mit 2,8 Prozent etwas höher aus. Dennoch weist Bulgarien eine negative Leistungsbilanz auf.
Investitionsbedarf bleibt hoch
Bulgarien hat langfristig einen hohen Investitionsbedarf, da sowohl in der Infrastruktur als auch in vielen produzierenden Unternehmen ein Modernisierungsstau besteht. EU-Programme fördern öffentliche Investitionen in die Verkehrswege, die Umweltsysteme und in die digitale Infrastruktur. Die Europäische Kommission erwartet, dass sich die Bauinvestitionen 2026 in Bulgarien inflationsbereinigt um 2,5 Prozent ausweiten.
Schwächer fällt 2026 mit einem Plus von nur 1,1 Prozent der reale Anstieg bei den Ausrüstungsbeschaffungen aus. Dennoch investieren Unternehmen weiter. Das moderate Wachstum ist teilweise dem im Vorjahr erreichten hohen Ausgangsniveau geschuldet. Im letzten Jahr 2025 waren die Ausrüstungsinvestitionen real um 15,2 Prozent gestiegen.
Reallohnanstiege fördern Konsum
Hinter dem Wachstum des Privatverbrauchs stehen kräftige Reallohnanstiege. Diesen prognostiziert die Europäische Kommission für 2026 auf 2,7 Prozent. Bereits 2024 und 2025 hatte es Zuwächse um 8,7 Prozent beziehungsweise 5,3 Prozent gegeben. Auch ein moderater Beschäftigungsanstieg von 0,3 Prozent fördert 2026 die Einkommen der Haushalte. Bulgarische Verbraucher kaufen auch zunehmend auf Kredit. Die Verschuldung mit Konsumdarlehen ist zwischen März 2024 und März 2025 um 13,2 Prozent auf 1.750 Euro pro Kopf gestiegen.
Als Reaktion auf die steigenden Preise der letzten Monate will die Regierung die Verbraucherschutzgesetzgebung verschärfen. Ab August 2026 sollen Einzelhändler mit einem Jahresumsatz von mindestens 5,1 Millionen Euro täglich ihre Preise elektronisch veröffentlichen. Zudem sollen sie bei Untersuchungen starke Preiserhöhungen durch entsprechend gestiegene eigene Kosten rechtfertigen.
Weltmarktenergiepreise erhöhen Importdefizit im Warenhandel
Bulgarien ist bei vielen Waren auf Importe angewiesen und hatte in den letzten Jahren eine negative Handelsbilanz. Das Defizit hat sich 2025 um 65 Prozent erhöht, vor allem wegen gestiegener Weltmarktpreise für Energieträger. Dies setzt sich in den ersten Monaten 2026 fort. Beim internationalen Austausch von Dienstleistungen erzielt Bulgarien dagegen Überschüsse. Diese resultieren insbesondere aus hohen Einnahmen im Fremdenverkehr und im Logistiksektor.
Deutschland ist Bulgariens größter Handelspartner, auf den 2025 etwa 11 Prozent der bulgarischen Warenein- und 14,3 Prozent der -ausfuhr entfielen. Zweitwichtigstes Lieferland war die Türkei mit einem Importanteil von 8,3 Prozent vor der Volksrepublik China mit 7,7 Prozent. Zweitgrößter bulgarischer Auslandsmarkt war 2025 Rumänien, das 10,6 Prozent des Exports abnahm. An dritter Stelle folgte die Türkei mit einem Ausfuhranteil von 7,2 Prozent.
Deutsche Perspektive: Viele Unternehmen rechnen mit Wachstum
Im Frühjahr 2026 blicken die Mitglieder der Deutsch-Bulgarischen Industrie- und Handelskammer überwiegend optimistisch in die Zukunft. In einer Umfrage erwarteten 41 Prozent der befragten Unternehmen eine bessere und nur 19 Prozent eine schlechtere Geschäftslage in den kommenden zwölf Monaten. Daher wollen 30 Prozent ihre Investition erhöhen und 33 Prozent ihre Beschäftigung ausweiten.
Bulgarien sieht Deutschland als einen strategischen Partner in der EU, darum hat Radew seine erste Auslandsreise nach Amtsantritt auch nach Berlin unternommen. Viele deutsche Unternehmen haben in den letzten Jahren in Bulgarien investiert. Dieser Trend hält an: Derzeit wendet Rheinmetall zusammen mit dem bulgarischen Rüstungshersteller VMZ 1 Milliarde Euro für eine neue Produktionsstätte auf und Liebherr erweitert seine Haushaltsgerätefertigung.
GTAI-Informationsangebote zu Bulgarien
Weitere Informationen zu Bulgarien bieten unter anderem die Publikationen Wirtschaftsstandort und Wirtschaftsdaten kompakt sowie die Reihe Branche kompakt. Ferner sind auf der GTAI-Länderseite Bulgarien zahlreiche weitere Berichte zum Wirtschaftsumfeld, zu Branchen sowie zu Zoll- und Rechtsthemen zu finden. Informationen zu aktuellen Projekten bieten die Rubriken "Ausschreibungen" und "Entwicklungsprojekte".